Vier-Nationen Cup

Das Amsterdam-System

Dirk Bauermann (Foto) erklärt vor dem Vier-Nationen Cup in Münster, welche Talente bereits bei der Europameisterschaft in Polen auflaufen könnten, weshalb Tim Ohlbrecht nicht an die NBA denken sollte und wie wir von den Niederländern lernen können.

Von Björn Lehmkühler, Florian Lindemann
 23.06.2009 |

Dirk Bauermann wirkte trotz seiner Rückenprobleme und der Ungewissheit um Dirk Nowitzkis EM-Teilnahme relativ entspannt, als wir ihn im Münsteraner Schloss zum Gespräch trafen. Grund dazu bestand allerdings genug, schließlich hatte die von ihm mit betreute A2-Nationalmannschaft am Tag zuvor einen souveränen 78:58-Sieg gegen die erste Auswahl des Iran eingefahren.

Die deutsche Perspektivmannschaft bereitet sich zurzeit auf die Universiade vor, die vom 1. bis 12. Juli in Belgrad stattfinden wird. Das Herzstück der Vorbereitung auf diese „Studierenden-Olympiade“ bildet dabei der Vier-Nationen Cup, den der Hochschulsport Münster – in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Basketball Bund, der Stadt Münster und dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband – vom 24. bis 26. Juni zum vierten Mal austragen wird.

Die Zuschauer können sich unter anderem auf den Auftritt dreier deutscher Top-Talente freuen, die aller Voraussicht nach bereits dieses Jahr zum erweiterten Kader der A-Nationalmannschaft zählen werden: Per Günther (Foto; Ulm), Johannes Lischka (Gießen / Lich) und Lucca Staiger (Iowa State). Alle drei gelten als Hoffnungsträger für die kommenden Jahre.

Derweil sollen auch Dominik Bahiense de Mello (Frankfurt / Langen) und Nicolai Simon (Ehingen) die Chance erhalten, sich für den Auftaktlehrgang des A-Teams zu empfehlen und sogar der erst 19-jährige Maik Zirbes (Trier) könnte sich durch ansprechende Leistungen ins Gespräch bringen. Den 13-köpfigen Kader komplettieren Oskar Faßler (Berlin), Jannik Freese (Gießen / Lich), Oliver Komarek (Heidelberg), David McCray (Ludwigsburg/ Kirchheim), Tom Spöler (Düsseldorf / Leverkusen), Flavio Stückemann (Artland) und Karsten Tadda (Bamberg / Breitengüßbach).

Die Gegner: Ukraine, Israel und Brasilien

Am Mittwoch wird die deutsche Auswahl um 20 Uhr auf die Ukraine treffen. Der offizielle Kader enthält dabei einige sehr interessante Namen: Andriy Agafonov (207cm, Jahrgang 1986) war im Jahr 2008 Top-Scorer der A-Nationalmannschaft, Roman Gumenyuk (221, 1987) galt dank seiner Größe einst als potentieller Lottery-Pick und Vyatcheslav Kravtsov (212, 1987) sowie Sergiy Gladyr (196, 1988) können sich am Donnerstag realistische Chancen auf einen Platz in der zweiten Draft-Runde ausrechnen.

Der zweite Gegner Israel (Do, 20 Uhr) hielt die Organisatoren derweil bereits im Vorfeld des Turniers besonders auf Trab. So mussten Hotel und Spielstätte eingehend auf ihre Sicherheit geprüft werden. Auf dem Parkett soll der junge Point Guard Gal Mekel (188, 1988) für selbige sorgen. Mekel zog zuletzt für die Wichita State University und den israelischen Erstligisten Galil Gilboa die Fäden.

Bei Brasilien, dem dritten Gegner (Fr, 20 Uhr), fehlen leider die zahlreichen „Draft Prospects“ wie etwa Paulao Prestes oder Vitor Faverani. Stattdessen werden vorwiegend Akteure von brasilianischen Hochschulen und kleinen US-Colleges auflaufen. Dennoch hatte Dirk Bauermann für die Südamerikaner besonders viele lobende Worte übrig und beschrieb sie mehrfach als „sehr starkes Team“.

Spielplan Basketball Nationen-Cup (Sporthalle Berg Fidel, Münster)

Mi., 24. Juni 2009, 18.00 Uhr: Brasilien - Israel
Mi., 24. Juni 2009, 20.00 Uhr: Deutschland - Ukraine
Do., 25. Juni 2009, 18.00 Uhr: Ukraine - Brasilien
Do., 25. Juni 2009, 20.00 Uhr: Deutschland - Israel
Fr., 26. Juni 2009, 18.00 Uhr: Israel - Ukraine
Fr., 26. Juni 2009, 20.00 Uhr: Deutschland - Brasilien

Fragen an Dirk Bauermann

Was haben sie momentan für einen Eindruck von der Mannschaft?


Es ist eine tolle Mannschaft! Es macht Riesenspaß, mit den Jungs zu spielen. Es sind wirklich ganz hoch talentierte Spieler dabei. Alle müssten unter Normalbedingungen in den nächsten zwei bis drei Jahren in der ersten Liga ankommen, sonst stimmt etwas mit dem System und den Regularien, die sich die BBL gibt, nicht. Alle sind eigentlich gut genug, um kurz- oder mittelfristig auf diesem Niveau anzukommen. Nur wir dürfen sie nicht ausschließen.

Wir werden bei dem Turnier mit Per Günther, Lucca Staiger und Johannes Lischka ein paar große Talente sehen. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Spieler auch in Polen bei der EM im Sommer spielen werden?

Zunächst werden wir vermutlich drei, maximal fünf dieser Spieler aus dem A2-Kader zum Auftaktlehrgang der A-Nationalmannschaft Ende Juni einladen. Da es ja einen Neuaufbau der Nationalmannschaft geben wird, haben diese Jungs auch realistische Chancen sich zu qualifizieren. Am Ende hängt es dann aber natürlich von ihnen selber ab. Es werden circa zwanzig Spieler zum Lehrgang eingeladen. Da müssen sie sich dann durchsetzen, da kann ihnen keiner helfen.

Ist der Mangel an großen Leuten der Grund, weshalb Maik Zirbes (Foto) derzeit bei der A2 und nicht bei der U20 mitspielt, oder schätzen Sie ihn eventuell höher ein als beispielsweise Tibor Pleiß?

Nein, das kann man daraus nicht ableiten. Der Grund liegt darin: Wir haben mit der A2 eine Generation, die auf den Außenpositionen sehr stark besetzt ist. Die U20 ist dort ebenfalls gut besetzt, aber besonders stark auf den Positionen 4 und 5. Wir fanden, dass Maik Zirbes dort vielleicht nicht die Minuten bekommen hätte, die er braucht, um sich in diesem Sommer optimal zu entwickeln.

Deshalb haben Henrik Rödl (U20-Nationaltrainer, Anm. d Red.) und ich gemeinsam entschieden, dass es für Maik besser ist, in der A2-Nationalmannschaft zu starten und viele Minuten zu spielen, anstatt vielleicht hinter Tibor Pleiß nur zehn Minuten zu spielen. Wir denken, dass sein Fehlen in der U20 durch Jonas Wohlfahrt-Bottermann oder Stefan Schmidt zu kompensieren ist. Aber Sie haben Recht, wir halten Tibor und die Jungs, die in der U20 spielen, für hoch interessant, aber wir halten Maik Zirbes sicher für mindestens genauso interessant.

Wie lautet Ihre konzeptionelle Planung im Bezug auf die DBB-Teams?

Wir versuchen ein Amsterdam-System aufzubauen, also eines, welches sich an Ajax Amsterdam (niederländischer Fußball-Club, Anm. d. Red.) orientiert. Mit der U16 geht es los, allerdings wollen wir das System auch schon in die Landesverbände hineintragen. Von der U14 bis zur A-Nationalmannschaft sollen sich die Spieler konzeptionell ähnlich – natürlich aufbauend – in einer pyramidalen Struktur entwickeln. Dazu gehört eine geplant aufgebaute Athletik und inhaltliche Sachen wie Verteidigungskonzeptionen und Automatismen im Angriff. Das wird aber kein einengendes Korsett sein, sondern es sind Richtlinien, an denen sich die Trainer orientieren sollen. Damit wird sichergestellt, dass für die Spieler gewisse Dinge, die in der A-Nationalmannschaft verlangt werden, durch einigermaßen kontinuierliche Förderung nicht mehr neu sind.

Zum Thema BBL: Dort soll nächstes Jahr 8+4 gespielt werden, aber Sie haben verschiedene andere Regelungen ins Gespräch gebracht. Gibt es zurzeit konkrete Verhandlungen?

Zuerst einmal habe ich gesagt, dass idealerweise immer ein Deutscher auf dem Feld stehen muss. Eine Alternativmöglichkeit wäre 6+4. Denn für jeden BBL-Verein sechs Deutsche zu finden, die auch das Niveau haben, das funktioniert nicht. So viele gibt’s es einfach nicht. Dafür wurde vier Jahre oder länger zu wenig getan in der Ausbildung und der Talentfindung. Das sind die zwei Dinge, die auf dem Tisch liegen.

Am Ende kann es keine Verhandlungen geben, weil die Liga eigenständig darüber entscheidet. Da sitzen 18 Manager, dann kommt das Thema auf den Tisch: Wird die Quotierung verändert oder nicht? Dann gibt’s es wahrscheinlich drei Modelle, über die abgestimmt wird. Insofern kann es keine Verhandlungen geben, aber es gibt natürlich viele Gespräche. Wir versuchen zu überzeugen, dass es so wie es jetzt ist – oder auch mit einer 8+4-Regelung sein wird – nicht geht und dass es anders werden muss im Interesse der Liga und im Interesse des Basketballs und damit der Nationalmannschaft.

Hier in Münster gibt es eine starke Kooperation zwischen Uni und DBB. In den USA hat der Collegesport aber eine noch viel größere Bedeutung als in Deutschland. Inwieweit ist es für junge deutsche Spieler eine bessere Möglichkeit, auf einem US-College Bildung und Sport zu verbinden?

Das ist sicherlich eine Alternative. Insbesondere deshalb, weil viele unserer Talente in der BBL nicht genügend Einsatzzeit bekommen. Insofern ist es für viele Spieler eine absolut sinnvolle Alternative in die USA zu gehen. Auch deshalb weil man dort auf so gut funktionierende Weise sportliche und akademische Ausbildung verknüpfen kann.

Tim Ohlbrecht (Foto) hatte sich für den am Donnerstag stattfindenden NBA Draft angemeldet, zog dann aber frühzeitig wieder zurück. Nun steht er auch vor seinem Abschied aus Bamberg. Wie sehen sie seine Chancen, vielleicht 2010 in die NBA zu kommen?

Ich denke, das ist ganz weit weg im Moment. Ich glaube, dass er sich darauf konzentrieren muss, komplett gesund zu werden und eine Situation zu finden, in der er sich spielerisch wieder weiter entwickelt und in der er stabil auf dem Niveau spielt, wo er vor ein oder zwei Jahren war. Dann ist vielleicht auch wieder über die Draft nachzudenken. Aber er muss einen Schritt nach dem anderen machen. Der erste ist gesund werden und der zweite ist einfach stabil auf hohem Niveau gute Leistungen bringen. Das geht nur dadurch, dass er spielt. Im Augenblick ist der Draft aus meiner Sicht für ihn kein Thema. Er muss erstmal schauen, dass er wieder vernünftig Basketball spielt.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von Äneas 23.06.09 um 10:50:35


Super Interview!



von Cabalios 03.07.09 um 21:29:40


gute Sache :-)



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