U18-Europameisterschaft
Serbien siegt, Kanter dominiert
Bei der U18-Europameisterschaft im französischen Metz schlug die serbische Auswahl den Gastgeber aus Frankreich und feierte somit den Titel. Überragender Akteur und MVP des Turniers war aber der türkische Center Enes Kanter (Foto). Ein Rückblick über die Halbfinal- und Finalspiele.
Von Mario Kyriasoglou |
04.08.2009 | |
Im malerischen Metz im französischen Lothringen hatte sich vom 23. Juli bis 2. August 2009 die Elite des europäischen Jugendbasketballs versammelt, um den Europameister der Männermannschaften unter 18 Jahren zu küren. Konkret bedeutet dies, dass die besten Basketballer des Kontinents in den Jahrgängen 1991 und 1992 um den Titel kämpften. Nachdem der Turnierverlauf ein paar moderate Überraschungen bot (Griechenlands Ausscheiden in der Vorrunde, Deutschland nicht in Abstiegsgefahr, Spanien scheidet im Viertelfinale klar gegen die Türkei aus), qualifizierten sich letztlich die besten vier Teams für das Halbfinale. Die Türkei trat im ersten Semifinale gegen Serbien, das vor zwei Jahren mit demselben Jahrgang in der U16 den Europameistertitel geholt hatte, an. Den zweiten Finalplatz spielte Gastgeber Frankreich gegen Litauen aus.
1. Halbfinale: Türkei gegen Serbien 61:66 (35:32)
Das erste Halbfinale stand klar im Zeichen des Duells der beiden wohl größten europäischen Talente auf den großen Positionen: Serbiens arrivierter 2,13-Meter-Hüne Dejan Musli – der schon beim Nike Junior International Tournament vor drei Monaten sein Potential gezeigt hatte – duellierte sich mit dem türkischen Supertalent Enes Kanter. Die Türkei legte vor etwa 1.000 Zuschauern gut los und brachte den Ball massiv in den Post zu Kanter, der im Eins-gegen-eins weder von Musli noch von irgendeinem anderen Serben gestoppt werden konnte. Zur Halbzeit führten die Türken knapp mit 35:32, Serbien hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein einziges Mal in Führung gelegen. Kanter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Punkte und zehn Rebounds gesammelt – Statistiken, auf die viele andere Spieler nach 40 Minuten stolz wären. Unauffällig agierte hingegen Musli in der Offensive. Der agile Center punktete wenig, machte jedoch in der Defensive einen guten Job und zwang Kanter zu einigen schlechten Würfen.
In der zweiten Halbzeit blieben die Serben auf Tuchfühlung und glichen zum Ende des dritten Viertels erstmals aus. Schlüsselfigur war auch hier Musli, der in die Zone immer wieder absank und allein im dritten Abschnitt am Brett vier Blocks sammelte. Im letzten Viertel gingen die Serben dann in Führung, als sie Kanter für fünf Minuten fast gänzlich ausschalten konnten und sich dabei einen 62:55-Vorsprung erarbeiteten. Musli markierte in dieser Phase sechs Punkte und sorgte dafür, dass Serbien knapp, aber verdient, gewann. Der 18-Jährige beendete die Partie mit 14 Punkten, elf Rebounds und sechs geblockten Würfen. Kanters Statistiken lesen sich wie aus einem Videospiel: 32 Zähler und 25 Rebounds sammelte der 17-jährige Power Forward. Entscheidend für den Sieg der Serben war die ausgeglichene Leistung ihrer Guards im Vergleich zur inkonstanten Vorstellung des türkischen Backcourts, bei denen besonders Safak Edge enttäuschte und teilweise schlechte Entscheidungen traf.
Spieler des Spiels: Dejan Musli. Der serbische Center lieferte nicht derart starken Zahlen wie Kanter ab, hatte aber in der Crunchtime in allen wichtigen Situationen eine Hand am Ball – ob beim Punkten, Rebounden oder Blocken. Muslis souveräne Ruhe rettete den teilweise wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen auflaufenden Serben die Finalteilnahme.
2. Halbfinale: Litauen gegen Frankreich 63:68 (31:35)
Im zweiten Halbfinale hatte sich der Litauer Jonas Valanciunas offensichtlich angeschickt, die Diskussion um die zwei großen Big Men zwischen Kanter und Musli um einen dritten Namen zu erweitern. Valanciunas begann wie die Feuerwehr und spielte wie entfesselt auf. Als das Spiel vorbei war, hatte der blonde Hüne 37 Punkte, 19 Rebounds und vier Blocks gesammelt – und trotzdem verloren. Zu einseitig war das Spiel der Litauer, zu wenig konnten die Außenspieler ihren brillanten Center entlasten. Insbesondere der Drei-Punkte-Wurf, traditionell eine litauische Spezialität, wollte vor den frenetischen französischen Fans gar nicht fallen. Am Ende der Partie standen bei den Grün-Gelben den zwei Treffern von „Downtown“ 18 Fehlwürfe gegenüber. Nach dem ersten Viertel war der Korb von außen wie vernagelt.
Dabei hätte unter Umständen ein einziger weiterer Dreier gereicht, um das Spiel zugunsten der Balten zu wenden. 18 Sekunden vor Spielende hatte Ovidijus Varanauskas die Chance, die Litauer per Distanzwurf in Führung zu bringen – er vergab jedoch, wie alle Kollegen vor oder nach ihm, kläglich. Auch nachdem auf der Gegenseite Evan Fournier nur einen Freiwurf verwandelte, hatten die Litauer noch die Chance, auszugleichen. Doch der französische Teamkapitän Henri Kahudi sorgte per Steal und mustergültiger Vorarbeit auf Maël Lebrun zum Dunk für die Vorentscheidung. Letztlich siegte auch hier, ähnlich wie im anderen Halbfinale, das tiefere und ausgeglichenere Team gegen den überragenden Einzelspieler. Bei den Franzosen überzeugten besonders die Guards: Point Guard Leo Westermann leitete das Spiel souverän und umsichtig, Lebrun war im Zug zum Korb kaum zu stoppen und Fournier spielte von der Bank sehr stark. Dass dann auch noch der Edelreservist und Fanliebling, der 2,20 Meter große Vincent Pourchot, auf 13 Minuten und sechs Punkte kam, war ein Bonus, den die Franzosen gerne mitnahmen.
Spieler des Spiels: Jonas Valanciunas. Sensationell, wie sich der drahtige Center wieder und wieder über die Baseline zum Korb wuchtete. Eine unglaubliche Spritzigkeit und Agilität zeichnen den jungen Litauer aus, der von keinem der drei französischen Center auch nur annähernd zu stoppen war. Valanciunas wirkte ab dem zweiten Viertel müde und schien den Rest des Spiels nur noch auf Adrenalin und Siegeswillen zu laufen. Beinahe hätte der schnelle Center gar im Alleingang den Sieg eingefahren, ähnlich wie Kanter fehlte auch ihm letztlich die Unterstützung der Mitspieler.
Spiel um Platz drei: Litauen gegen Türkei 74:95 (33:44)
Selten war ein Publikum so interessiert an einem eigentlich bedeutungslosen Spiel um die Bronzemedaille, auch bekannt als „Goldene Ananas“. Die beiden dominanten Spieler des Turniers würden sich im direkten Duell nämlich gegenüberstehen: Jonas Valanciunas (19,3 PpG, 10,6 RpG, 2,6 BpG) und Enes Kanter (18,6 PpG, 16,4 RpG, 1,8 RpG). Leider machten die Schiedsrichter den Erwartungen der Zuschauer schnell einen Strich durch die Rechnung und belegten den Litauer bereits am Anfang des zweiten Viertels mit zwei mehr als zweifelhaften Offensivfouls, die ihn auf die Bank zwangen. Kanter (Foto), nun völlig ohne Gegenpol, konnte am Brett schalten und walten und verbuchte am Ende 35 Punkte und 19 Rebounds. Als die Defensive der Litauer sich dann stark auf die Zone konzentrierte, drehten ausgerechnet die am Vortag stark gescholtenen türkischen Guards auf. Firat Töz glänzte mit acht Assists und Can Mutaf streute 16 Punkte ein. Für die Highlights sorgte der kleinste Mann auf dem Feld: Safak Edge, mit 1,82 Metern sehr großzügig gemessen, kontrollierte das Tempo, traf sicher von außen und verschliss vier litauische Verteidiger in Serie, von denen keiner den Hauch einer Chance gegen den wieselflinken Point Guard hatte.
Die Litauer erholten sich in der zweiten Halbzeit nicht von ihrem Rückstand aus dem zweiten Viertel, in dem Valanciunas weitestgehend aussetzen musste. Im dritten Abschnitt hielt ein Dreier-Festival von Edge und Mutaf die Balten auf Abstand, während im letzten Viertel wieder Kanter dominierte. Die Türken holen verdient Bronze und müssen, wenn Kanter, Edge und Forward Burak Yüksel im nächsten Jahr weiterhin mitspielen, zu den Goldfavoriten für 2010 zählen.
Spieler des Spiels: Safak Edge. Der pfeilschnelle Linkshänder betrat das Spielfeld nach drei Minuten im ersten Viertel und spielte so gut, dass er den Rest der Partie nicht mehr auf der Bank Platz nehmen musste. Edge war überall, diktierte das Tempo im Fastbreak wie im Set-Play, traf hochprozentig von außen (4/6 3FG) und lieferte einige Pässe, bei denen vermutlich selbst ein Jason Williams mit der Zunge geschnalzt hätte. Am Ende hatte der 17-Jährige 20 Punkte auf seinem Konto.
Finale: Frankreich gegen Serbien 72:78 (35:40)
Zum Leidwesen der mittlerweile gut 3.000 Zuschauer in Les Arenes in Metz fand der märchenhafte Lauf der Franzosen vor eigenem Publikum im Finale ein Ende. Hatten sie das Vorrundenspiel gegen die Serben noch gewinnen können, so spielten die Serben im Finale einfach zu souverän, zu abgeklärt und zu routiniert. Der französische Coach Philippe Ory setzte wieder alle Spieler ein und hatte nach dem ersten Spielabschnitt schon alle zwölf Akteure auf das Feld geschickt. Die Serben spielten dagegen mit einer Sieben-Spieler-Rotation, die jedoch von der Bank große Entlastung brachte. Die beiden Bankspieler Danilo Andjusic (22 Zähler) und Branislav Djekic (16) avancierten gar zu den Topscorern beim neuen Europameister.
Serbien spielte sich zu Beginn des letzten Viertels langsam aber sicher einen Zwölf-Punkte-Vorsprung heraus. Die Franzosen kamen insbesondere in Person von Maël Lebrun (17 Punkte, sechs Steals) und Evan Fournier (16) wieder ins Spiel zurück, doch die Serben hatten immer eine Antwort parat. Dejan Musli (14 Punkte, 14 Rebounds) holte insgesamt acht Offensiv-Rebounds und verschaffte seinem Team so wichtige zweite Wurfchancen. Der ansonsten unauffällige Forward Lazar Radosavljevic brach den Franzosen, die eine starke Aufholjagd ablieferten, per Dreier zum 73:68 etwa eine Minute vor Schluss das Genick. Die Serben gaben sich am Ende an der Freiwurflinie keine Blöße mehr und gewannen verdient den Europameistertitel.
Spieler des Spiels: Danilo Andjusic. Der Guard kam erneut von der Bank und fiel vor allem dadurch auf, dass er die Lücken, die die enge Deckung der Franzosen gegen Musli außen schuf, nutzen konnte. Andjusic versenkte fünf Drei-Punkte-Würfe und glänzte mit 22 Zählern in 27 Minuten. Auch an der Freiwurflinie gab er sich keine Blöße und war der X-Faktor im Spiel der Serben. Dass Andjusic die Wahl in die Starting Five des Turniers verweigert wurde, ist angesichts seiner Spitzenleistungen ab dem Viertelfinale (19,0 PpG, 12/22 3FG) eine Farce – umso mehr, da ihm mit Toni Prostran (Kroatien) ein Spieler vorgezogen wurde, der seine Statistiken in relativ bedeutungslosen Spielen aufpolieren konnte.
Spieler des Turniers: Enes Kanter. Die Statistiken des unangefochtenen MVP des Turniers, der beim letztjährigen Albert-Schweitzer-Turnier schon mit dem Burkhard-Wildermuth-Preis für den Spieler mit dem meisten Entwicklungspotential ausgezeichnet worden war, sehen imposant aus. Doch Kanters durchschnittlich 18,6 Punkte und 16,4 Rebounds verdeutlichen nicht einmal annähernd den tatsächlichen Wert des Centers für sein Team. Kanters Statistiken sind durch Kurzeinsätze bei einigen klaren Vorrundensiegen stark verwässert.
Um die wirkliche Dominanz des Enes Kanter bei dieser Europameisterschaft darzustellen, sollte man sich seine Statistiken ab dem Viertelfinale vergegenwärtigen: Kanter markierte in den Spielen gegen die absoluten Top-Teams aus Spanien, Serbien und Litauen im Schnitt 29,3 Zähler, 20,7 Rebounds und 3,3 Blocks. Jedes weitere Wort über derart unglaubliche Statistiken wäre überflüssig. Nur soviel vielleicht noch: Man kann die Leistung Kanters, der sein Team zum Sieg gegen den hohen Favoriten Spanien im Viertelfinale und den Fast-Sieg gegen den späteren Europameister Serbien führte, gar nicht zu hoch bewerten. Kanter hat großartiges erreicht und der Türkei eine vorher nie für möglich gehaltene Medaille verschafft.



von TNT 04.08.09 um 14:40:40
Gibt es bzgl. Kanter eigentlich auch Gerüchte um sein wahres Alter?
von Vince 04.08.09 um 14:53:03
Bei Türkischen Supertalenten wird es die wohl seit Ersan Ilyasova immer solche Gerüchte geben.
Da Kanter allerdings in Zürich geboren ist, kann man schon davon ausgehen, dass der 20.05.1992 schon sein richtiger Geburtstag ist.