Rollstuhlbasketball

Basketball auf Rädern

Vom 23. August bis zum 02. September fanden in Wetzlar die Europameisterschaften der Rollstuhlfahrer statt. Crossover war für euch vor Ort, hat Eindrücke gesammelt und mit der Top-Werferin gesprochen.

Von Peter Bieg
 07.09.2007 |

Wetzlar. Auf den ersten Blick würde wohl niemand diese Stadt mit rund 52.000 Einwohnern als typische Stätte eines sportlichen Großereignisses einstufen. Hier fallen Zuschauern und Sportinteressierten auf Anhieb, national wie international, ganz andere und vor allem größere Kaliber ein. München, Berlin, Sydney, Osaka oder Los Angeles sind einige der Namen, die hier weit naheliegender erscheinen. Doch so wie diese kontinentalen Titelkämpfe etwas Besonderes darstellten, sind auch die Stadt und ihre Bevölkerung als durchaus außergewöhnlich einzustufen.

Die Idee, sich um die Ausrichtung der Europameisterschaften im Rollstuhlbasketball zu bewerben, entstand im Lahn-Dill-Kreis bereits gegen Ende des Jahres 2003. Aus diesem anfänglichen Wunsch wurde dank monatelanger Planung, Gesprächen mit Ministerien, Sponsoren, Funktionären und Verbänden ein nach und nach immer greifbarerer Plan: Schon im November 2004 konnte die Bewerbungsmappe beim Internationalen Rollstuhlbasketball Verband (IWBF) eingereicht werden.

Wetzlar? ? Mekka!

Ernst wurde es im April 2005, als auf einer Tagung des IWBF die Entscheidung zwischen den Bewerberstädten Birmingham und Wetzlar getroffen werden musste. Im Kampf David gegen Goliath (lies: britische Millionenstadt gegen hessische Kleinstadt) setzte sich David dank einer ebenso professionellen wie gefühlvollen Präsentation durch, und aus einem Traum wurde Realität. Die ?Eurobasketball 2007?, so der offizielle Name des Turniers, konnte in Wetzlar, dem selbst ernannten ?Mekka des Rollstuhlbasketballs? stattfinden. Nicht zuletzt ist dies auch Sportlern wie Fabian Hambüchen (Turnen), Nia Künzer (Fußball) oder Patrick Anderson (Handball) zu verdanken. Diese und andere prominente Söhne und Töchter der Stadt veredelten die Bewerbung mit Video-Grußbotschaften und gaben somit vielleicht den letzten Ausschlag zugunsten Wetzlars.

Dem eigenen, hohen Anspruch konnte das Publikum, das sich während der Saison an den Heimspielen des lokalen Clubs RSV Lahn-Dill (Rollstuhlbasketball-Bundesligist, Anm. d. Red.) erfreut, souverän gerecht werden. Die beiden städtischen Wettkampfstätten -August-Bebel- und Rittal-Arena - wurden von lautstarken Zuschauern zahlreich besucht, und besonders bei den Spielen der deutschen Basketballer herrschte eine Bombenstimmung. Nach der Eröffnung durch den Bundespräsidenten und Schirmherren Horst Köhler kämpften sechs Damen- und zwölf Herrennationalmannschaften um den Titel.

Regeln und kleine Unterschiede

Rollstuhlbasketball läuft prinzipiell nach den Regeln der ?Fußgänger? - so werden die klassischen Basketballer von den Rollstuhlfahrern bezeichnet - ab; einige signifikante Unterschiede gibt es aber dennoch:

So gibt es kein Doppeldribbling. Der Ball kann gehalten oder auf dem Schoß abgelegt werden, und ein Dribbling darf beliebig oft zum Anschieben unterbrochen werden. Einen Schrittfehler gibt es hingegen auch im Rollstuhlbasketball: Nach zwei Schüben an den großen Laufrädern muss der Spieler den Ball wieder dribbeln. Das Spiel beginnt mit einem Hochball; danach wird bei jeder Hochballentscheidung wechselseitig Ballbesitz gewährt. Die Einwurfrichtung wird durch einen roten Pfeil am Tisch des Kampfgerichts angezeigt, der nach jeder Hochballentscheidung gedreht wird (wie es auch im amerikanischen College-Basketball gehandhabt wird). Ansonsten verläuft alles wie gewohnt: Gespielt wird vier mal zehn Minuten; nach fünf persönlichen Fouls muss der Spieler das Feld verlassen; bei Gleichstand entscheidet eine fünfminütige Verlängerung; Korb und Spielfeld haben die allseits bekannten, standardisierten Abmessungen.

In der Bewertung von Kontakten sind die zuständigen Schiedsrichter allerdings deutlich großzügiger, da es, allein durch die Ausmaße der Rollstühle, wesentlich häufiger ?kracht?. Auch spektakuläre Stürze sind keine Seltenheit, führen jedoch nicht zwangsläufig zu Foulpfiffen. Hier fällt vielmehr die erstaunliche Körper- und Gefährtsbeherrschung der Akteure auf, die in Sekundenschnelle und mit artistischen Bewegungen wieder auf dem Sitz und im Spielgeschehen zurück sind. Lediglich das ?Aufstehen? aus dem Rollstuhl ist untersagt. Hebt ein Spieler von der Sitzfläche ab, um einen Vorteil zu erlangen, wird dies mit einem technischen Foul geahndet.

Der Rollstuhl

Das Sportgerät der Rollstuhlbasketballer ist ebenfalls eine hochinteressante Sache. So wird der Rollstuhl speziell auf die Körpermaße des einzelnen Sportlers zugeschnitten und eingestellt. Der Rahmen der bis zu 5000 Euro teuren Geräte ist fest verschweißt und hält selbst härtesten Belastungen stand. Um eine besondere Wendigkeit zu erreichen, haben die Gefährte einen Achssturz (Neigung des Laufrades nach innen) von bis zu 21°. Eine maximale Sitzhöhe von 53cm darf nicht überschritten werden, wobei diese Höhe abhängig von der Behinderung und der Rolle des Spielers gewählt wird. Außerdem dürfen die Räder eine Größe von 28 Zoll nicht überschreiten, und die Rollstühle müssen aus Sicherheitsgründen mit einem sogenannten Rammbügel ausgestattet sein.

Klassifizierung

Im Rollstuhlbasketball kommen Behinderte und "Fußgänger" mit Minimalbehinderung zusammen ? zur Wahrung der Chancengleichheit werden die Spielerinnen und Spieler klassifiziert. Hierbei wird bewertet, über welche für den Basketball wichtigen Muskelfunktionen ein Akteur in welchem Maße verfügt. Die Skala reicht von 1,0, - zum Beispiel bei hochgradigen Querschnittslähmungen ? bis 4,5 für Minimalbehinderte. Die Summe der Klassifizierungspunkte der auf dem Feld befindlichen Spieler einer Mannschaft darf 14,0 nicht überschreiten. Verstöße gegen diese Regel werden mit einem technischen Foul gegen den Trainer bestraft.

Die Resultate

Während die Titelkämpfe bei den Herren bereits seit 1970 regelmäßig stattfinden, existiert der Leistungsvergleich bei den Damen seit dem Jahr 1987. Die deutschen Frauen gingen als großer Favorit ins Turnier, konnten sich die Titelverteidigerinnen doch zuletzt drei Titel in Folge sichern. Die Geschichte der Herrennationalmannschaften ist nicht ganz so ruhmreich. Der bisher größter Erfolg war der Gewinn der Silbermedaille bei der EM 1999 im niederländischen Roermond.

Mit dem Heimvorteil und einem tollen Publikum im Rücken mussten sich die deutschen Herren im Verlauf des Turniers in diesem Jahr nur Israel und Großbritannien geschlagen geben, so dass am Ende die Bronzemedaille sowie die direkte Qualifikation für die Paralympics im kommenden Jahr in Peking gefeiert werden konnten.

Die Damen konnten die hohen Erwartungen vollends erfüllen und marschierten ohne jeglichen Punktverlust ins Endspiel, um dort mit einem 62:42 Erfolg gegen die Niederlande den vierten Titel in Folge zu holen. Herausragende Spielerin in einer überlegenen deutschen Mannschaft war Marina Mohnen. Die Bitburgerin, die für den RSC Köln in der Bundesliga auf Korbjagd geht, erzielte in fünf Spielen bärenstarke 109 Punkte und wurde damit zur Topscorerin des Turniers.

Im Gespräch mit Crossover sprach Marina Mohnen (Nr.15, auf dem Foto mit ihrer Mitspielerin Nora Schratz) über weitere Fein- und Besonderheiten des Rollstuhlbasketballs:

Crossover: Wie bist Du zum Rollstuhlbasketball gekommen?

Marina Mohnen: Das hat nach neun Jahren Basketball ohne Rollstuhl angefangen. Damals spielte ich unter anderem auch mal beim PST Trier (außerdem spielte Marina Mohnen in der Juniorennationalmannschaft, errang einen Deutschen Meistertitel und war auch in der Bundesliga aktiv, Anm. d. Red.). Ich hatte einen Meniskus- und Kreuzbandriss hintereinander und stand vor der Wahl komplett mit Basketball aufzuhören oder zum Rollstuhlbasketball zu wechseln. Diesen Sport habe ich zufällig entdeckt; in Bitburg gab es eine neugegründete Mannschaft, und der habe ich mich dann einfach angeschlossen. So fing das damals an.

Wie alt warst Du zu diesem Zeitpunkt?

Damals war ich 21 Jahre alt.

Um Rollstuhlbasketball in Wettkämpfen spielen zu dürfen ist eine spezielle Bescheinigung notwendig. Wie ist das genau geregelt?

Das muss bei einem speziellen Komitee beantragt werden. Hier werden dann sämtliche ärztlichen Unterlagen und Atteste geprüft, also beispielsweise die Ergebnisse einer Untersuchung per Kernspintomographie in meinem Fall. Um Rollstuhlbasketball im Wettkampf betreiben zu dürfen, muss ein sogenannter ?bleibender Schaden? vorliegen, zum Beispiel ein Knorpelschaden im Knie. Die Einschränkung muss so extrem sein, dass man eben keinen ?normalen? Basketball mehr spielen kann.

Wo liegen denn die bedeutendsten Unterschiede zum klassischen Basketball? Welche Umstellung war am schwierigsten?

Zunächst muss man natürlich lernen, mit dem Rollstuhl umzugehen, Ball und Rollstuhl gleichzeitig kontrollieren zu können. Außerdem werden die Arme weitaus stärker belastet. Im normalen Basketball wird viel Kraft aus den Beinen benötigt, auch beim Werfen; das ist bei uns ganz anders, und man benötigt sehr gut trainierte Arme.

Auch taktisch ist es ein anderes Spiel. Das ?Zurückhalten? (Spieler versuchen ihren Gegenspieler mit dem Rollstuhl so zu blockieren, dass diese/r nicht in der Lage ist, in die jeweilige Angriffs- bzw. Verteidigungssequenz einzugreifen, Anm. d. Red.) gibt es im normalen Basketball ja gar nicht. Es ist auch nicht möglich einfach die Zone zu durchkreuzen, um zu versuchen, einen Verteidiger abzuschütteln, denn dazu fehlt schlicht und einfach der Platz.

Das sind in Sachen Taktik zwei ganz verschiedene Paar Schuhe, aber Systeme und Spielzüge trainieren wir wie normale Basketballer auch.

Welche Position spielst Du?

In der Damennationalmannschaft spiele ich auf der Centerposition. Als Spielerin mit einer Kniebehinderung ist es mir erlaubt, sehr hoch zu sitzen, und das macht mich, zusammen mit meiner Größe, direkt unter dem Korb am effektivsten.

Wie lange hat es gedauert, den Rollstuhl so gut und sicher zu beherrschen?

(lacht) Ich lerne jeden Tag noch etwas dazu. Am Anfang geht gar nichts; Du hast keine Chance gegen die erfahrenen Spieler und Spielerinnen. Aber man steigert sich nach und nach.

Wo spielst Du außerhalb der Nationalmannschaft?

Beim RSC Köln in der Rollstuhl-Bundesliga. Da es nur eine Herren-Bundesliga gibt, spielen die besten Damen bei den Herren mit.

Wie groß ist dein Trainingsaufwand?

Mit meiner Vereinsmannschaft trainiere ich drei- bis viermal pro Woche; wenn ich mit der Nationalmannschaft trainiere, kommen natürlich noch Einheiten dazu.

Welche körperlichen Fähigkeiten sind denn am wichtigsten?

Lange Beine bringen dir natürlich gar nichts. (lacht) Aber ein langer Oberkörper mit langen Armen ist sehr vorteilhaft. In Verbindung mit einer hohen Sitzposition bist Du unter dem Korb ganz leicht anspielbar, und keiner kann dich mehr stoppen.

Wie steht es mit der Zuschauer- und Fanresonanz beim Rollstuhlbasketball?

Dieses Turnier ist der absolute Hammer. So viele Zuschauer hatten wir noch nie, was aber auch daran liegt, dass Damen- und Herrennationalmannschaft parallel spielen. Es könnten ruhig noch mehr Menschen kommen, aber in den Städten, in denen Rollstuhlbasketball Tradition hat, sind schon Stammgäste und eingefleischte Fans vorhanden.

Was tust Du, wenn Du gerade kein Basketball spielst?

Dann studiere ich Wirtschaftspädagogik in Köln.

Vielen Dank!




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Kommentare

(4 Kommentare bisher)

von Skateboard_P 07.09.07 um 12:11:12


Schöner Artikel zur schönsten und besten Sportart der Welt, nur leicht geändert. Ich finde es schön, das ihr darüber auch berichtet, wie viele Leute zwar eine große Einschränkung in ihrem Leben haben, aber dennoch ihren Lieblingssport betreiben können. :)
Echt klasse. Macht weiter so.



von Conroe 07.09.07 um 14:03:35


Schön das diese Seite des Sports auch mal beleuchtet wird. Finde ich gut.
Allerdings die Erklärung bezüglich der Sprungbälle und Einwurfpfeile,.... das gibts nicht nur in der Amerikanischen Collegeliga, dass ist in Deutschland im nicht professionellen Bereich auch Vorschrift.



von G-Star2410 07.09.07 um 14:59:27


Toller Bericht, finde es wichtig sich mit allen Aspekten und "Abwandelungen" unserer Sportart zu beschäftigen ! Weiter so !



von peterbieg 08.09.07 um 08:40:36


@Conroe

Richtig. Aber das ist in diesem Artikel auch nicht bestritten worden. ;)



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