NBA Europe Live Tour
Köln-Log: Notizen von Novizen
Wie Stöpsel den ersten Schultag erlebten zwei Redakteure von Crossover das erste Mal die NBA hautnah. Begleitet sie durch den Medienrummel in der Kölnarena.
Von Jens Möller |
17.10.2006 | |
Dienstag, 10. Oktober
14.25 Uhr
Die A1 nervt. Gefühlte 90 Prozent des Verkehrs bestehen aus LKWs. Der Rest sind Wohnwagen. Ständig staut sich der Verkehr. Die A1 ist im Grunde eine einzige Baustelle, an der scheinbar ewig repariert und gebaut wird. Der Kölner Dom der deutschen Autobahnen, sozusagen. Seine Türme umgeben auch ständig Baugerüste. Von oben sieht man auch das Ziel meiner Reise: die Kölnarena. Für zwei Tage beehrt die NBA Deutschland und macht Halt auf ihrer NBA Europe Live Tour. Und zwei Leute von Crossover sind mittendrin: Peter ist schon mit dem Zug aus Trier gekommen, während es für die anderen 50 Prozent des Teams weiter heißt: Bremsen, Anfahren, Bremsen, Anfahren, Leverkusen, Bremsen, Anfahren.
15.35 Uhr
Akkreditierungsausweise sind eine heiße Sache. Mit dem eingeschweißten Beweis der Wichtigkeit um den Hals bekommt man gleich eine breitere Brust. Zwei Securities spielen Wachhunde vor den Türen zu den Katakomben der Halle. Als sie unsere Ausweise sehen, gibt es sogar ein Lächeln gratis. Unten befindet sich der ?Media Working Room? (Foto). Hier gibt es genügend Tische, Anschlüsse für Laptops, einen abgetrennten Raum für die Pressekonferenzen nach dem Spiel und, ganz wichtig, die improvisierte Kantine.
Die NBA macht sich mehr Sorgen um das leibliche Wohl der Medienvertreter als meine Großmutter um das ihres Enkels: Softdrinks en
masse, Brownies, teuflisch süße Kekse, später Abendessen, alles von oben. Während wir große Augen machen, lässt es Sven Simon von der Five unbeeindruckt. ?Leute, das ist die NBA!?, lautet sein Kommentar, während er seine Ladung Kuchen vom Buffet wegträgt (Foto: Peter, links und Sven, rechts, beim Klönen und Kuchen essen). Wenn es sich eine Basketballorganisation leisten kann, den Journalisten sprichwörtlich den Hintern hinterher zu tragen, dann die Liga mit den drei großen Buchstaben.
15.50 Uhr
?Papaloukas, man! Los schnell. Dem drückst du deinen Crossover-Pulli in die Hand und machst ein Foto!? Peters Idee hat was. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich der Euroleague-MVP von CSKA Moskau meinen, von der Autofahrt müffelnden, Hoodie vergnügt vor die Brust drücken lässt. Ich lasse meinen Pulli also lieber an. Für ein Foto hat Theodoros Papaloukas trotzdem kurz Zeit (Foto v.l.: Peter, Theo, ich). Netter Kerl, wie man auch von anderen Journalisten hört.
Die Hostesse, der ich meine Kamera im ?Media Work Room? in die Hand gedrückt habe, um uns abzulichten, kann sich unsere Begeisterung nicht ganz erklären. ?Wer war denn das?? ?Theo Papaloukas? Sie nickt. Dann eine kurze Pause, dann die unvermeidliche Frage: ?Ist das ein Basketballspieler?? Und was für einer.
17.40 Uhr
Wir müssen noch herausfinden, wo unsere Sitzplätze während des Spiels sind. Eine Hostesse - von denen läuft hier eine ganze Armada rum - klebt eine Reihe von Zetteln an die Wand, auf denen die zugeteilten Plätze für die Vertreter der einzelnen Magazine, Sender und Zeitungen aufgeführt sind. Peter und ich sitzen in Reihe 12, die Jungs von der Five zwei Reihen vor, die Schreiber der Basket eine Reihe hinter uns.
Presseblock 208 liegt in einer Ecke der Halle. Über uns wölbt sich die Decke der Kölnarena. Über dem Court ist sie 42 Meter hoch. Direkt darunter thront der Videowürfel. Fast 20.000 Leute finden in der Halle Platz, wenn jeder Stuhl und jeder Zentimeter ausgenutzt werden. Rund 150 Millionen Euro hat das 1998 eröffnete Kölner Prestigeobjekt verschlungen.
19.10 Uhr
Die Pausen und vielen Auszeiten während der zwei Tage sind eine Sache für sich. Cheerleader, Trampolin-Dunker, die ?NBA Fan-Patrol?: Alles, was Purzelbäume schlagen und winken kann, wird über das Parkett gejagt, um den geneigten Zuschauer bei Laune zu halten. Der wäre wohl auch einfach mit weniger Spielunterbrechungen und mehr Basketball zufrieden. Das Turnier wird nach NBA-Regeln gespielt - das gilt auch für die Werbeblöcke im Fernsehen.
20.50 Uhr
Nach dem Sieg von Moskau über Tel Aviv traben jetzt die NBA-Stars um Nash und Iverson über das Parkett und wärmen sich auf. Während es die Suns ruhig angehen lassen, ziehen die 76ers eine Show für die Fans ab, die sich dicht an das Parkett gescharrt haben. Der Rookie und spätere Held des Abends Rodney Carney
katapultiert sich zum Korb hoch, zieht den Ball durch die Beine und stopft ihn durch die Reuse. Großes Hallo im weiten Rund der Arena. Samuel Dalembert, über zehn Zentimeter größer als sein Teamkamerad, will mit dem gleichen Kunststück nachziehen. ?Sams? Versuch verhungert an der Ringkante. Das Leben ist trotzdem erstmal ungerecht. Dalembert spielt in der ersten Fünf, Carney darf seinen Hintern zunächst auf die überfüllte Sixers-Bank quetschen (Foto).
21.45 Uhr
Zum Tross der NBA gehören während der Europa-Tour auch eine Reihe Hall of Famer. Die Altstars werden in einer Auszeit im Spiel aufs Feld geschickt, um dort, ja, im Grund nur, um dort zu stehen und grenzdebil zu winken. Dabei steht ein Mann mit Klemmbrett und Headset am Rand des Spielfelds und gibt mit der Hand Befehle. ?Lauf! Dreh dich! Langsamer! Winke! Bleib! Komm zurück! Langsamer!? Heute Abend steht Kiki Vandeveghe, Star in den 80ern und ehemaliger General Manager der Denver Nuggets, im Mittelkreis. Wahrscheinlich wissen nicht einmal fünf Prozent der Zuschauer, wer da tapfer in die Runde winkt.
23.15 Uhr
Rodney Carneys Gesicht schmückt nach dem Spiel ein breites Grinsen. ?NBA is fun, right?? ? ?Yeah!?. Der Rookie der 76ers hat mit einem Dreier kurz vor Schluss Philadelphias Aufholjagd perfekt gemacht. Die Suns wurmt die Niederlage aber nicht sonderlich. Die meisten Journalisten wollen daher auch von Steve Nash wissen, wie denn der europäische Basketballspieler sich auf dem Feld so schlägt, was es mit seiner neuen Frisur und dem Dreitagebart auf sich hat und wie er die Fortschritte von Amaré Stoudemire einschätzt. ?Es fehlt ihm noch an Timing und Spielverständnis, aber man kann seine alte Athletik wieder aufblitzen sehen.? Leider waren das nur Funken im Vergleich zum alten Stoudemire aus der Saison 2004/05. Aber immerhin springt er mit seinem operierten Knie schon wieder höher als Chris Webber.
Mittwoch, 11. Oktober
17 Uhr
Der Boss lädt ein. Am zweiten Tag steht eine Pressekonferenz mit David Stern auf dem
Programm. Als Dekoration neben ihm sitzen Jordi Bertomeu, Chef der Euroleague, und der Boss von EA-Sports, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, weil eigentlich niemand etwas von ihm wissen wollte. EA ist der Hauptsponsor der Tour. Das ?Live? im Tournamen ist ein klitzekleiner Hinweis auf die gleichnamige Serie der Spieleschmiede, die man überall in der Kölnarena an Promo-Ständen Probe spielen konnte. Stern (Foto links) gibt sich betont freundlich und locker. Bertomeu (Foto rechts) scheint sich erkältet zu haben. Er krächzt wie Don Corleone, der Pate. Die EA-Sports-Chef sitzt und lächelt.
Stern hat die Fähigkeit, unbequeme oder komplexe Fragen durch Floskeln und/oder lustige Anekdoten/ selbstironische Bemerkungen im Prinzip unbeantwortet zu lassen. Das ist natürlich nicht immer schlimm, denn einige Fragen der Journalisten (à la ?Was können NBA-Teams von europäischen Teams lernen??) lassen sich auch nicht richtig beantworten und laden ein zum munteren Worthülsendreschen.
Interessanter wird es, als André ?Dre? Voigt, Chefredakteur der Five, den Commissioner fragt, ob die NBA das Problem angehen will, dass man in Deutschland seit zwei Jahren kein Basketball mehr frei empfangen kann. Sterns Antwort: "In den USA ist der kostenpflichtige Fernsehempfang von Sport normal. Aber die Fernsehsender würden wachsen und mit ihnen auch ihr Kundenstamm. Wenn also immer mehr Menschen Bezahlfernsehen bestellen, dann werden auch immer mehr Menschen Basketball gucken."
Leuchtet nicht unbedingt ein. Der Basketball in Deutschland macht sich rar - als ob er sich dies leisten könnte. ?Ich hau bei jeder Gelegenheit auf diesen Punkt ein. Stern versteht es einfach nicht?, schimpft Dre nach der Konferenz. ?Seit zwei Jahren schrumpft der Basketballmarkt, egal ob bei den Fernsehzuschauern oder Sportklamotten.?
Man mag sich gar nicht ausmalen, wie die öffentliche Wahrnehmung des Sports in Deutschland aussieht, wenn Dirk einmal abtritt. Es ist schon eine seltsame Entwicklung. Die NBA wird immer internationaler. So viele ihrer Stars der Liga wie noch nie sind im Ausland geboren. Die Liga hat die Wachstumschancen erkannt und streckt ihre Fühler nach Asien und Europa aus. Und gerade in diesem Moment, in dem diese Miniwelle über den Globus schwappt, entwickelt sich die Situation in Deutschland zurück.
17.25 Uhr
Nachdem am ersten Tag die hauptberuflichen Berichterstatter nicht grade mit fantasievollen Fragen während der Pressekonferenzen glänzen, beschließe ich, selber mal eine Frage zu stellen. Das Mikro zu ergattern, ist gar nicht so schwer. Kurzer Fingerzeig und der rundliche Mann, der dirigentengleich von der Seite aus die Mikrofonträger anweist, nickt mir zu. Ruhig bleiben. Frage im Kopf vorformulieren. Jetzt bloß keinen Mist verzapfen, sonst geht die ?Credibility? im Journalistenpulk erstmal gewaltig flöten und Crossover sinkt auf Schulzeitungsniveau ab.
Mikro an, Showtime. Ich frage Stern nach dem neuen Spielball der NBA - sogar in einem halbwegs unfallfreien Englisch. Für ihn ist die Diskussion um die Synthetikkugel kein großes Thema. Wird sich alles legen. Nebenbei, Feuerprobe bestanden.
21.30 Uhr
Am zweiten Tag ist auf dem Parkett wesentlich weniger los als am Vortag. Alle Teams scheint die Saisonvorbereitung in den Knochen zu stecken. Das bestätigen auch alle vier Coaches auf den Pressekonferenzen. Verständlich, dass die Lethargie auch auf das Publikum übergreift. Laut wird es meistens nur, wenn wieder Sixers-Maskottchen ?Hip Hop?, der psychotische Hase, und die ?NBA-Fan-Patrol? T-Shirts in die Menge feuert. Auch eine andere Erwartung trifft nicht ein. Viele, inklusive mir und, um meinem Standpunkt mehr Respekt zu verleihen, auch Sven Simon, hatten erwartet, dass am zweiten Tag mehr Zuschauer kommen, da es in beiden Spielen zum Duell USA gegen Europa kommt. Respekt nach der verpatzten WM wiederherstellen, die Riesen erneut stürzen; es gäbe genügend Motivation für beide Seiten.
Doch das Gegenteil tritt ein. Die schöneren Spiele gibt es am Dienstag. Heute treffen (vor 13.300 anstatt 13.800 wie am Vortag) die beiden vermeintlich unterschiedlichen Basketballkulturen aufeinander. Doch den Hauptunterschied machen am heutigen Tage die müden Füße der Europäer.
23.15 Uhr
Auch im zweiten Spiel siegt das NBA-Team. Das große Kräftemessen ist leider ausgeblieben. Trotzdem sprechen alle von einer gelungenen NBA Europe Live Tour, die in irgendeiner Form in den nächsten Jahren fortgesetzt werden könnte (D?Antoni), soll (Stern) oder muss (meine Meinung und vielleicht auch die ein paar Anderer). Crossover ist wieder dabei. Hauptsache David Stern sponsert wieder eine Runde Kekse.



von mkay 18.10.06 um 08:45:11
Moinsen Jens!
sehr edler Artikel. Da war mal wieder der Wortspielkünstler am Werk :)!! gut gemacht!!
achja, Jan meinte, ich solle mir mal deinen Run'n'Gun-Artikel durchlesen, aber find den nirgends. kannste mir den mal schicken?
wäre sehr cool! oder du trägst ihn nächsten Fr. persönlich vor :D
wäre auch gut!
nja wir sehn uns, hau rin
von reignman23 18.10.06 um 10:28:08
artikel ok, weitermachen.
ich fand die präsentation leider auch etwas fade, man war zwar bemüht mit trampolinen und tshirt-schmeissern was zu zeigen aber irgendwie fehlte die atmo, wie man sie aus usa kennt.
gut, dass ich am dienstag da war.. :-)
he, sven, guck nich so skeptisch ;-)
von KingCrunch 18.10.06 um 20:05:51
Sehr cool Jungs, hab ein paar Mal gut gelacht. Ich glaub, ihr habt jetzt viele, viele Neider....
von KingCrunch 18.10.06 um 20:06:12
Natürlich mich mit eingeschlossen!!
von Buscher 18.10.06 um 22:06:37
Ich glaube ich darf solche Texte nicht mehr lesen.
neid! Neid! NEID!
Ich hatte aber auch zwei schöne Tage: Dragons - Bamberg am Ticker verfolgt *grr*
von Buscher 18.10.06 um 22:06:59
Mist! Die Wertung ist falsch
von mkay 18.10.06 um 23:07:20
oh man kann ja bewerten :D
von Kareem23 19.10.06 um 22:51:12
Kein Neid, war selbst noch dichter dabei, in welcher Funktion sag ich nicht und mir ist im gegensatz zu euch nicht entgangen, daß im Medienraum Regelzettel auslagen auf denen die NBA- Euroleague - Mischregeln beschrieben wurden. Alos keine NBA Regeln Jungs!!
Also demnächst weniger Kekse, die zugegeben echt geil waren......yummy, weniger softdrinks und mehr recherche!!
Trotzdem zauberhaft getextet Mädels!
Peace Kareem23
von Ballerbaron 20.10.06 um 14:55:09
Hab auch kein Neid,
dafür einen Iverson Schuh in Größe 53,5 von Chris Webber.
Sehr geil, stinkt auch nicht, der gute Chris hat die Einlagen rausgenommen bevor er ihn mir zugeschmissen hat.
Hat sich gelohnt mein altes Wizards Trikot anzuziehen...
von Dickson 20.10.06 um 15:15:44
dafür werd ich immer neidischer, wenn ich sowas lese...