Jul
07
1. Amorbacher Basketball Challenge
12:00 Uhr Parzival Sporthalle, Amorbach




Fernando Martín

Der Pionier

Fernando Martín Espina wurde 1985 von den New Jersey Nets in der zweiten Runde des Drafts ausgewählt und wechselte schließlich 1986 als zweiter Europäer überhaupt nach dem Bulgaren Georgi Glouchkov in die beste Basketballliga der Welt. Anfang Dezember 2009 jährte sich der Todestag dieser spanischen Legende zum 20. Mal. Marcos Garcia beschäftigt sich mit seinen Erinnerungen an die Kultfigur von Real Madrid.

Von Marcos Garcia
 29.12.2009 |

3. Dezember 1989, ein gewöhnlicher Sonntagnachmittag Ende der achtziger Jahre. Ich war gerade mal elf Jahre alt. Etwa gegen 16 Uhr bereiteten mein Vater und ich uns wie fast jeden Sonntag auf einen langen Radionachmittag vor, um die Fußballspiele der spanischen Liga zu verfolgen. Heute, nach Einführung von Satellitenschüsseln und digitalen TV-Plattformen, scheint es fast unglaublich, dass man vor zwanzig Jahren die Primera División außerhalb Spaniens nur über den Transistor verfolgen konnte. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Ich war sehr nervös, da mein Lieblingsverein, Celta de Vigo, in einer argen Krise steckte und hoffte endlich auf einen Sieg, der uns aus dem Tabellenkeller rausholen sollte.

Die Moderatoren im Studio in Madrid gaben das Wort an die Kommentatoren von Stadion zu Stadion, welche die Aufstellungen und alle weiteren Informationen zum jeweiligen Spiel bekanntgaben, als die Sendung plötzlich unterbrochen wurde: Meine Damen und Herren, wir unterbrechen die Sendung, um Ihnen eine fatale Nachricht für den spanischen Sport zu übermitteln. Vor wenigen Minuten ist Fernando Martín, Basketballer von Real Madrid, im Alter von nur 27 Jahren bei einem Autounfall auf der M-30 (Anm.: Autobahnumfahrungsring der spanischen Hauptstadt) ums Leben gekommen, als er auf dem Weg nach Saragossa war, um dort einem Spiel seiner Mannschaft als Zuschauer beizuwohnen

Mein Vater und ich erstarrten in totaler Ruhe. Obwohl mein Vater nie ein großer Verfolger des Basketballsports gewesen war, so war auch ihm das Ausmaß der Nachricht bewusst. Spanien verfiel in eine tiefe Trauer. Meine Leidenschaft für diesen Sport befand sich noch in den Kinderschuhen, trotzdem traf mich diese Kunde wie ein Blitz. Mein Interesse für Basketball wurde im Sommer 1986 entfacht, als ich während der Sommerferien in meiner galizischen Heimat weilte, während in Spanien die Basketball-WM ausgetragen wurde. Für mich, der in der Schweiz aufgewachsen ist und nichts anderes als Fußball, Eishockey und Ski kannte, war diese Sportart etwas völlig Neues, aber alle meine Freunde im heimischen Dorf taten nichts anderes als den ganzen Tag einen orangefarbenen, großen Ball in einen Korb zu werfen, den sie aus alten Holzlatten und einer alten Autofelge gefertigt hatten. So kam ich zu meinen ersten Gehversuchen als Basketballer und verbrachte den halben Sommer mit meinen Kumpels vor dem schwarz-weißen TV-Gerät, um der vergötterten spanischen Nationalmannschaft um Epi, Villacampa, Martín und Co., die 1984 Olympisches Silber in Los Angeles geholt hatte, die Daumen zu drücken.

Ich verstand noch gar nichts über diesen Sport, aber vor dem Fernseher war ich immer wieder fasziniert von der Willenskraft und dem Herzblut, mit dem sich dieser großgewachsene Spanier mit der Nummer zehn durch die Zone kämpfte. Er spielte jedes Spiel so, als würde es sein letztes sein, und verwandelte das Parkett in ein Schlachtfeld. Meine Freunde erklärten mir, dass er ein Top-Star sei, der auf die nächste Saison hin als erster Spanier und Europäer ohne College-Erfahrung in die NBA wechseln würde. Mir sagte dies alles gewiss gar nichts, damals hatte ich noch keinen blassen Schimmer, was die NBA war, geschweige denn die Begriffe Center oder Playmaker, Pick-and-Roll oder Give-andGo. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass ich in jenem Sommer Geschichtsträchtiges erlebt hatte.

In den Folgejahren wuchs meine Basketballleidenschaft von Tag zu Tag; ich war der erste auf meiner Züricher Grundschule, der auf einem Korb zu spielen begann, der schon immer da gewesen war, aber von dem keiner wirklich eine Ahnung hatte, wozu er gut war. Schnell begaben sich Freunde dazu; speziell solche aus dem ehemaligen Jugoslawien, wo Basketball bereits zu den Nationalsportarten gehörte, um sich mit den Fußballern, die natürlich in der Mehrheit waren, um die Platzherrschaft zu duellieren.

Ende der 1980er war Basketball in den schweizerischen Medien nicht vorhanden. Deswegen konnte ich Fernando Martíns NBA-Abenteuer bei den Portland Trail Blazers nicht verfolgen. Der Madrilene wollte die Welt erobern, erlebte aber einen wahren Leidensweg in den Vereinigten Staaten, wo man noch nicht bereit war, einem Europäer eine wirkliche Chance zu geben. Es dauerte bis zu den Olympischen Spielen von Seoul 1988, bis ich endlich wieder Spitzenbasketball am TV verfolgen konnte. Allerdings war ich sehr überrascht, als ich unter den Mitgliedern einer alternden spanischen Nationalmannschaft den Namen von Fernando Martín nicht finden konnte. Dafür faszinierte mich ein junger, aufgehender Stern namens Arvydas Sabonis umso mehr.

Doch zurück zu Fernando und jenem traurigen Sonntagnachmittag von 1989. Alle meine Sorgen rund um das bevorstehende Spiel Celtas waren verflogen und verloren jegliche Bedeutung. Ich konnte es nicht fassen, dass ich diesen Spieler mit der Nummer zehn, der mich drei Jahre zuvor so beeindruckt hatte, nie mehr würde spielen sehen. Ich verspürte blitzartig eine beklemmende Leere und Erinnerungen an phantastische Duelle zwischen Fernando Martín und dem US-Center von Barcelona, Audie Norris, kamen auf sowie an die Hass-Liebe zwischen Martín und Drazen Petrovic, als sie zusammen für das weiße Basketballballett auf Korbjagd gingen. Und wie das Leben manchmal so spielt; nur vier Jahre später würde das Genie aus Sibenik dasselbe Schicksal erleiden.

Danach ging das Leben weiter, der Alltag stellte sich ein und die Erinnerung an diesen schwarzen Sonntag verblasste. Basketball wurde zu meiner großen Leidenschaft und durch Globalisierung und technischen Fortschritt erreichte Anfang der 1990er Jahre und mit dem Boom des Dream Teams von 1992 die NBA auch die Schweiz. Wie so viele Teenager meiner Generation schlug ich mir ganze Nächte um die Ohren, um den Herren Jordan, Magic, Bird und Co. auf Schritt und Tritt zu folgen. Gleichzeitig folgte eine Weiterentwicklung des europäischen Basketballs. Spieler wie Petrovic, Detlef Schrempf, Toni Kukoc oder Rik Smits machten sich in Nordamerika einen Namen, bis um die Jahrtausendwende die wahre Explosion des FIBA-Basketballs stattfand. Die NBA wurde mit Superstars aus allen Ecken des Planeten überflutet: Emanuel Ginobili, Dirk Nowitzki, Tony Parker, Predrag Stojakovic, Pau Gasol waren die Vorboten eines neues Paradigmas in US-Basketball. Auf einmal sind die Spieler aus Europa in aller Munde, werden nicht selten den Highschool- und College-Stars vorgezogen und diese wiederum, wie etwa Brandon Jennings, ziehen eine Ausbildung in Europa dem klassischen Hochschulweg vor.

Die jungen europäischen Superstars wissen aber nur zu gut, dass sie ihren Erfolg einer Generation von Basketballern zu verdanken hat, die unsichtbare Mauern zu Fall gebracht hat und mit Mut für die Erfüllung ihrer Träume kämpfte. So zollte Rudy Fernández bei seiner Teilnahme am Slam Dunk-Contest 2009 Fernando Martín Tribut, als er seinen ersten Dunk im Trikot der ehemaligen Nummer zehn der Blazers einflog. Leider ist es wohl aufgrund seines frühzeitigen Todes etwas in Vergessenheit geraten, aber Fernando war das Flaggschiff einer Generation von Basketballern aus den Achtzigern, zusammen mit anderen Wegbereitern wie Drazen Petrovic oder Sarunas Marciulionis, die überzeugt waren, den NBA-Traum leben zu können auch ohne den Umweg über die NCAA.

Viele junge Basketballfans, die Martín nie spielen gesehen haben, sagen mir oft bei Ansicht seiner Statistiken in der NBA, dass er dort gar nichts erreicht habe und nur ein Statist war. Das amerikanische Abenteuer von Fernando war aus sportlicher Sicht natürlich enttäuschend und zwar in erster Linie für den Spieler selbst. Gute Freunde Martíns versichern, dass er, als er nach nur einem Jahr in Portland nach Madrid zurückkehrte, nicht mehr derselbe Mensch war. Er kehrte mit Verbitterung aufgrund einer Reihe von Verletzungen und ob mangelnder Chancen der NBA den Rücken zu. Man muss sich allerdings vor Augen führen, dass der Sprung über den großen Teich, heute etwas völlig Normales, damals im Jahre 1986 ein riesiger Schritt in die Ungewissheit war.

Es brauchte eine ungeheure Portion Mut, um Geld und Ruhm auf dem europäischen Kontinent gegen ein Niemandsdasein in den USA zu tauschen. Auch wenn Fernando Martín seinen Namen nicht in die Annalen der NBA eintragen konnte, so war er doch der Erste, der eine Tür öffnete und einen Weg beschritt, den zuvor niemand begangen hatte, den direkten Weg von der europäischen auf die NBA-Bühne. Dies erscheint umso lobenswerter, da Martín nicht durch großartiges Talent, sondern durch Wille, Einstellung und den Anspruch an sich selbst stets das Höchste zu erreichen, hervorstach.

Zu Beginn dieses Monats anlässlich des 20. Todestages von Fernando Martín erschienen verschiedene Huldigungen zu Ehren der Real-Legende, insbesondere in spanischen Zeitungen. Auf einmal, zwanzig Jahre danach, verspürte ich beim Lesen dieser Artikel dieselbe Leere, die mich damals als elfjähriger Junge eingenommen hatte. Nostalgie, Traurigkeit und sogar Wut kamen auf; Wut deshalb, weil ich gerne noch viel mehr von diesem Ausnahmespieler gesehen hätte, aber gleichzeitig empfand ich eine große Zufriedenheit, weil sein Leidensweg, den er als Pionier in Richtung Basketball-Olymp NBA gegangen ist, nun von folgenden Generationen erfolgreich erobert wurde. Die Entdeckung einer neuen Basketballwelt ohne Grenzen für nachfolgende Generationen europäischer Spieler, das ist die Hinterlassenschaft des Pioniers Fernando Martín. Und für mich persönlich wird meine erste Erinnerung in Zusammenhang mit Basketball auf ewig mit ihm verbunden sein. Gracias Fernando, RIP.




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Kommentare

(4 Kommentare bisher)

von king_handles 29.12.09 um 14:06:59


Groß !



von gerdi 29.12.09 um 21:59:40


Danke für die Erinnerungen



von wintermute19 30.12.09 um 16:47:53


Vielen Dank für den tollen Artikel!



von eurobasket1987 02.01.10 um 14:14:03


Dank dir, großartiger Rückblick auf einen Mega-Spieler..Fernando rockte unter den Körben..El Toro!



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