Ettore Messina

"Ich kann von der NBA lernen"

Ettore Messina hat als Vereinstrainer vier Euroleague-Titel gewonnen. Sein Wort hat also Gewicht. Darum sprachen wir mit dem Italiener über die Globalisierung von Spielzügen und Teamkadern, den Erfolgsweg seiner Wahlheimat Spanien und die gute Seite an Dirk Nowitzkis WM-Absage.

Von Jens Möller
 27.08.2010 |

Signor Messina, was lieben Sie am Basketball?

Als ich jung war, war es die schönste Art, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Manche lieben Fußball, andere eben Musik. Warum es bei mir Basketball geworden ist? Es gibt keinen Grund. Ich liebe den Sport einfach.

Gibt es so etwas wie den perfekten Moment in dieser Liebe?

Wenn eine Mannschaft auf dem Feld steht und der Ball zwischen den Spielern wandert, als wäre es eine einzige fließende Bewegung. Das sind die besten Momente. Es gibt dann nur ein Ziel, einen kollektiven Willen. Wenn alle Spieler so zusammen spielen, ist das sogar wichtiger als die Frage, wer am Ende gewinnt.

Schauen Sie sich Spiele aus der NBA an?

Nur während der Playoffs.

Können Sie dort etwas lernen?

Sicher, viele Trainer haben sich interessiert das Finale zwischen den Los Angeles Lakers und den Boston Celtics angesehen. Die Celtics haben viele Dinge gezeigt, die man auch in Europa übernehmen kann. Boston hat gute Passer und viele Werfer, dagegen aber kaum Spieler, die Eins-gegen-Eins gehen. Das ist ganz ähnlich wie in Europa, wo ebenfalls viel auf Passen und Werfen gesetzt wird. Die ganzen Spielzüge, mit denen die Celtics ihre Schützen frei bekommen haben, mit ihrem Spacing, den Screens und Back-Screens, der Ballbewegung, das kann man sich abgucken und gut übernehmen.

Noch nie gab es in der NBA einen europäischen Head Coach. An Ihnen soll es aber mehrmals Interesse gegeben haben. Gab es ernsthafte Angebote?

Das kommt darauf an, was Sie unter "ernsthaft" verstehen.

"Ernsthaft" wäre zum Beispiel die Situation, wenn ein General Manager anriefe und Sie bitten würde, sein neuer Head Coach zu werden.

Es gab interessante Gespräche, aber ich habe nie ein konkretes Angebot bekommen.

Sie sind erst 50 Jahre alt und haben in Europa alles erreicht. Ist die NBA der große Zukunftstraum?

Ein Traum ist etwas, das ich mir erfüllen möchte und das ich selbst erreichen kann. Ich habe aber keinen Einfluss darauf, ob es einmal mit der NBA klappen wird. Wenn die Gelegenheit kommt, werde ich sie wahrscheinlich ergreifen, denn es wäre eine unglaubliche Herausforderung.

Ihre Aufgabe in Madrid ist auch nicht ohne. Real ist Spaniens Rekordmeister mit insgesamt 30 Titeln, aber im Moment dominieren die Teams aus Barcelona und Vitoria. Wie stark ist der Druck auf Sie?

Man kann Dinge schnell machen, oder man macht sie gut. In Madrid wollen sie von dir beides. Die Erwartung bei Real ist groß und die Geduld gering, aber das weiß man, wenn man dorthin geht. Damit muss ich umgehen können. Wir haben einen guten Kern von jungen Spielern und müssen hart im Training arbeiten. Es braucht auch ein wenig Glück, damit man gut in die Saison startet und den Schwung mitnehmen kann. In der abgelaufenen Saison haben uns Verletzungen oft aus dem Rhythmus gebracht.

Sie haben Spanien einmal als Ihren Wunscharbeitsplatz in Europa genannt. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Ja, die Mannschaften sind stark und die Liga gut organisiert. Es ist außerdem eine schöne Atmosphäre in Spanien. Man geht nicht zum Spiel, als wäre es ein Krieg. In Spanien kann man seine Familie mit in die Halle nehmen.

Sie haben zuvor in Russland bei ZSKA Moskau gearbeitet. Ging es da rauer zu?

Nein, die Spiele sind friedlich. Jeder respektiert dich, vor allem als Trainer. Da ist man eine unglaubliche Autoritätsperson. Das kannte ich nur aus meiner Kindheit. Russland ist in diesem Punkt wohl 30 Jahre hinter dem Rest Europas.

Es ist häufig von den beiden Gegenpolen „europäischem Basketball“ und „NBA-Basketball“ die Rede. Als Trainer, wo sehen Sie die Unterschiede?

Nun, zwischen dem europäischen Basketball und dem Basketball in der NBA gibt es grundlegende Unterschiede. Hier gilt: Team first, dort: Stars first. Das bewirken auch die Spielregeln. Die FIBA-Regeln, genauso wie die Regeln in der NCAA, fordern Teamplay. In der NBA ermöglichen Regeln wie zum Beispiel die "defensive three-seconds rule" (Ein Verteidiger darf sich ohne Gegenspieler nicht länger als drei Sekunden in der Zone aufhalten, Anm. d. Red.) viele Situationen Eins-gegen-Eins und Zwei-gegen-Zwei. In diesen Momenten können natürlich die großartigen Athleten, die Stars in der NBA, glänzen.

Vor zehn Jahren verkürzte die FIBA die Angriffszeit von 30 auf 24 Sekunden, was der Shotclock in der NBA entsprach. Nach der kommenden Weltmeisterschaft in der Türkei wird nun der Weltverband die Dreierlinie von 6,25 auf 6,75 Meter Korbentfernung verlegen, womit man sich ebenfalls auf die NBA-Standards (7,23) zu bewegt. Ist es gut, dass wir uns anpassen?

Grundsätzlich ist es gut für den Sport, wenn sich die beiden Organisationen, FIBA und NBA, aufeinander zu bewegen. Vielleicht werden wir alle eines Tages mit denselben Regeln spielen, aber noch sind die Unterschiede groß, vor allem was die Regeln für die Verteidigung betrifft.

Wie könnten diese gemeinsamen Regeln aussehen, mehr in Richtung FIBA-Teamplay oder mehr Individualismus à la NBA?

In der Welt ist unser Stil weit verbreitet, darum glaube ich nicht, dass wir irgendwann alle nach NBA-Regeln spielen werden. Wir könnten die NBA auch nicht einfach kopieren, denn wir haben hier nicht diese Art von Spielern, denen man einfach den Ball geben kann, damit sie das Spiel machen.

Da fällt mir die italienische Nationalmannschaft ein, die Sie selbst von 1993 bis 1997 trainiert haben. Die „Nazionale“ zählte stets zu den stärksten Mannschaften Europas, aber jetzt hat die Auswahl die WM-Qualifikation verpasst. Dabei hat Italien so viele NBA-Profis wie noch nie, insgesamt drei mit Andrea Bargnani, Marco Belinelli (beide Toronto) und Danilo Gallinari (New York). Hat ihr Heimatland den falschen Weg eingeschlagen?

Also ein NBA-Spieler kann praktisch überall aufwachsen. Da spielt der Zufall eine große Rolle, ebenso die Frage, ob das Talent entdeckt und wie es individuell gefördert wird. Leider gab es aber in der italienischen Liga in den vergangenen sechs oder sieben Jahren eine schlechte Entwicklung, was die ganze Breite der Jugendförderung angeht. Bei den meisten Teams bekommen Ausländer die meiste Spielzeit. Italienische Profis spielen eine untergeordnete Rolle. Junge italienische Talente bekommen kaum Möglichkeiten, sich zu etablieren. Das bekommt natürlich am Ende auch die Nationalmannschaft zu spüren.

Hierzulande wurde über die so genannte Deutschenquote lange gestritten. Die Bundesligaklubs wehrten sich dagegen mit Händen und Füßen. Jetzt spielen junge Leute wie Robin Benzing (Ulm) und Tibor Pleiß (Bamberg) eine wichtige Rolle in der Liga und in der Nationalmannschaft. Geht Deutschland den richtigen Weg?

Wir sollten einsehen, dass Sport kein normaler Wirtschaftszweig ist, den man ohne Rücksicht globalisieren kann, wie es nach dem Bosman-Urteil geschah (Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs kippte 1995 die Ausländerbeschränkungen in europäischen Sportligen, d. Red.). Wenn man aus wirtschaftlichen Gründen jede Saison die Kader völlig neu besetzt, kann sich kein Fan mit der Mannschaft identifizieren. Ich habe nichts dagegen, dass man Grenzen öffnet, aber der Sport braucht Stabilität. Spanien, zum Beispiel, hat seine Identität verteidigt. Die Clubs setzen auf einheimische Spieler, wodurch die Motivation bei jungen Talenten sehr groß ist. Sie sehen eine realistische Chance, Profi zu werden und es ihren großen Vorbildern wie Pau Gasol, Rudy Fernandez und Ricky Rubio nachzumachen.

Zwar fehlt Pau Gasol bei der WM in der Türkei, aber Fernandez und Rubio sind dabei. Was erwarten Sie von der Auswahl ihrer Wahlheimat?

Spanien und die USA sind sicher die großen Favoriten. Ich wäre überrascht, wenn beide Mannschaften nicht am Ende im Finale aufeinander treffen. Ich bin auch gespannt auf die Türkei, die eine gute junge Mannschaft hat. Es wird interessant, wie sie mit dem Druck bei der WM in ihrem Heimatland umgehen werden.

Wie schätzen Sie die deutsche Nationalmannschaft ein?

Es ist nicht schlecht, dass Dirk Nowitzki fehlen wird. Deutschland hätte eh keine Chance, den Titel zu holen. Dass Nowitzki aussetzt, könnte der Entwicklung der jungen Spieler helfen. Ich mag Benzing und Pleiß. Wenn die jungen Spieler weiter Fortschritte machen, hat Deutschland im kommenden Jahr bei der Europameisterschaft in Litauen ein gutes Team und damit bessere Chancen auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012.

Bio: Ettore Messina

Der Sizilianer war lange Jahre Jugendtrainer, ehe er 1989 im Alter von 30 Jahren den Chefposten bei Virtus Bologna übernahm und den Club prompt zum Gewinn des Europapokals der Pokalsieger coachte. Es war der Beginn einer beeindruckenden Titelsammlung mit acht nationalen Meisterschaften, sieben Pokalsiegen, EM-Silber mit der italienischen Nationalmannschaft 1997 und vier Titeln in der Euroleague (je zwei mit Bologna und ZSKA Moskau). Dazu kommen viele persönliche Auszeichnungen, so wurde Messina 2008 als eine der 50 wichtigsten Personen in der Geschichte des Europapokals geehrt.

Stationen:
1989-1993: Virtus Bologna
1993-1997: Nationaltrainer Italiens
1997-2002: Virtus Bologna
2002-2005: Benetton Treviso
2005-2009: ZSKA Moskau
seit 2009: Real Madrid




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von xax 27.08.10 um 20:58:32


Schönes Ding dein Interview Jens.
Schönster Satz: "Man geht nicht zum Spiel, als wäre es ein Krieg."



von Matt-Effect 30.08.10 um 23:44:52


gute fragen und interessante antworten!
mehr davon! schön was zu lesen, von leuten die ahnung haben



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