Deutsche Nationalmannschaft
Ohlbrecht strahlt in müdem DBB-Team
Mit einer 74:79-Niederlage gegen Finnland startete die DBB-Auswahl gestern in Hagen in die EM-Vorbereitung. Nach dem intensiven Trainingslager wirkte die Mannschaft von Dirk Bauermann müde. Einer wusste dennoch mit einer exzellenten Leistung zu überzeugen: Jubilar Tim Ohlbrecht.
Von Björn Lehmkühler |
06.08.2011 | |

Die Stimmung in der ausverkauften ENERVIE-Arena in Hagen war euphorisch, als das erste Herren-Länderspiel dieses Sommers angepfiffen wurde. Doch binnen weniger Minuten wich diese Vorfreude großer Ernüchterung, als die DBB-Korbjäger gegen die aggressiven Finnen früh in Rückstand gerieten. Dabei leisteten sie sich offensiv unnötige Ballverluste und offenbarten große Lücken in der Defensive. In der Folge verteidigten die Deutschen besser und kamen – angeführt vom starken Tim Ohlbrecht (siehe unten) – auch im Angriff besser ins Spiel, sodass sie mit einer knappen Führung (41:36) in die Pause gingen. Einen Klassenunterschied konnte man jedoch nicht ausmachen.
Vielmehr wechselten die Führungen und da aufgrund der erwartungsgemäß vielen Wechsel keine Fünf mehrere Minuten am Stück gemeinsam agierte, war auch das deutsche Spiel sehr unbeständig. So fanden die Adler über das gesamte Spiel keinen Wurfrhythmus (37,7% FG, 20,8% 3FG) und verbuchten deutlich mehr Ballverluste (20) als Steals (4), wobei die meisten dieser Turnover mehr als unnötig waren. Zwar waren Ohlbrecht und Co. unter dem Korb überlegen (39:31 Rebounds), doch das Guard-Duell ging an die Finnen Mikko Koivisto (16 Pkt) und Petteri Koponen (19). Insbesondere Koponen, dessen NBA-Rechte sich übrigens im Besitz der Dallas Mavericks befinden, stellte die deutschen Aufbauspieler vor große Probleme. Am Ende waren es dann auch die Finnen, die in der Schlussphase die besseren Nerven behielten und nach einer beherzten aber keinesfalls überragenden Leistung den Sieg davon trugen.
Coach Dirk Bauermann sprach bei der anschließenden Pressekonferenz trotz allem von einer „sehr ordentlichen Leistungen“ und lobte die in seinen Augen gute kämpferische Leistung seiner Spieler. Nach der anstrengenden zehntägigen Vorbereitung sei der Tank leer und die Körper kaputt gewesen, erklärte Bauermann den müden Auftritt. Diese Erklärung klingt zwar einleuchtend, schließlich hatten seine Spieler noch am Vortag eine harte Trainingseinheit und ein inoffizielles Freundschaftsspiel bestritten. Dennoch stellte Tim Ohlbrecht nach dem Spiel klar: „Wir hätten gewinnen müssen, Finnland ist eigentlich nicht unser Niveau.“ Damit lag der Ex-Bonner wohl näher an der Wahrheit als sein Coach, denn tatsächlich wäre trotz der müden Beine mehr drin gewesen. Nicht umsonst wirkte Bauermann 40 Minuten lang so, als stünde sein Kragen kurz vor dem Platzen.
Starkes Jubiläum
Für Tim Ohlbrecht (Foto oben) war das Spiel gegen Finnland trotz der unnötigen Niederlage in doppelter Hinsicht ein denkwürdiges. Nicht nur war es trotz seiner gerade einmal 22 Jahre bereits der 50. Auftritt im DBB-Dress – es könnte auch durchaus sein bester gewesen sein. Denn der gebürtige Wuppertaler spielte von Beginn an extrem aggressiv und erarbeitete sich somit immer wieder gute Wurfpositionen. So nahm er elf seiner zwölf Würfe im Zweipunktebereich, darunter mehrere krachende Dunks und Nahdistanzwürfe. Dank seiner aggressiven Bewegungen zum Korb zog Ohlbrecht, der durchgängig auf der Center-Position agierte, ganze sieben Fouls und stand zehnmal an der Linie (acht Treffer). Mehrmals traf er seine Korbleger trotz Foul, so auch einmal als der 2,10-Meter-Mann in der Ecke jenseits der Dreierlinie den Ball erhielt, seinen Gegner per Wurffinte fliegen ließ, über die Grundlinie zum Korb zog und den Ball trotz Foul in den Ring legte.
So standen am Ende 24 Punkte in 27 Minuten bei Wurfquoten von 8/12 FG und 8/10 FT zu Buche. Doch es war nicht nur der offensive Output – auch beim Rebound hatte Ohlbrecht fast immer seine Fingerspitzen am Ball und angelte sich sieben „Boards“, drei davon offensiv. Besonders in Erinnerung bleiben werden jedoch die vier Blocks, von denen er zwei innerhalb eines finnischen Angriffs austeilte. Bemerkenswert ist, dass Ohlbrecht trotz dieses defensiven Einsatzes (er holte auch zwei Steals) nur zwei Fouls kassierte und zudem nur einen Ballverlust verbuchte.
Dass der derzeit vertragslose Big Man wie ausgewechselt wirkte, dürfte dabei nicht zuletzt an dem zweieinhalb Monate langen Individualtraining in New Jersey gelegen haben. „Ich habe mich mental verändert, meine Spielweise verändert“, gab Ohlbrecht nach dem Spiel zu Protokoll und ergänzte selbstbewusst: „Mein Ziel ist es, so gut wie nie zuvor zu sein. Ich denke ich befinde mich da auf einem guten Weg.“ Dies ist zweifellos richtig. Zwar dürfte es schwierig werden, hinter Dirk Nowitzki, Chris Kaman, Tibor Pleiß und Jan Jagla viele Minuten zu erhalten. Sollte Ohlbrecht jedoch annähernd auf diesem Niveau weiterspielen, wird Bauermann um seine EM-Nominierung allerdings nicht herum kommen.
Die Einzelkritik
Per Günther: Durfte in seiner Heimatstadt unter großem Beifall von Beginn an aufs Parkett, konnte in der hektischen Anfangsphase jedoch keine Ordnung ins Spiel bringen. Bauermann sagte nach dem Spiel, er sei noch unsicher ob er mit zwei oder drei Point Guards nach Litauen fahren wird. Günther wird also in Izmir mächtig Gas geben müssen.
Steffen Hamann: Zog durch seine Drives immer wieder Fouls, in der Zone fehlte jedoch der letzte Kick. Mit fitteren Beinen sollte dies besser werden. Doch ob dies auf für sein wenig kreatives Aufbauspiel gilt?
Heiko Schaffartzik: Der Berliner nahm sich offensiv zurück und konzentrierte sich auf den Ballvortrag und die Spielorganisation. Dabei überzeugte er mehr als die beiden Aufbaukollegen. Wird in Litauen jedoch mehr scoren müssen als gegen Finnland (0/3 FG).
Johannes Herber: Stand in der Starting Five, brachte sich jedoch einige Male in brenzlige Situationen und strahlte wenig Gefahr aus. Es ist schön, Herber wieder im DBB-Trikot zu sehen – für einen Platz im 12er-Kader wird er jedoch einige Gänge hochschalten müssen.
Lucca Staiger: Traf früh einen Dreier und schöpfte daraus Motivation, leider auf Kosten seiner Wurfauswahl. Beendete das Spiel mit 1/7 aus dem Feld – nur Dreier! Immerhin sammelte der Guard vier Rebounds.
Philipp Schwethelm: Auch der Neu-Münchener griff sich vier Abpraller, allerdings vermochte er in 17 Minuten offensiv kaum Akzente zu setzen. Beendete das Spiel mit 0/3 aus dem Feld (nur Dreier) und null Punkten.
Philipp Zwiener: Dem Trierer schien die Spritzigkeit zu fehlen, schließlich wurde er bei vier Wurfversuchen in Korbnähe zweimal geblockt und vergab einen relativ offenen Korbleger. Die Einstellung stimmte jedoch, wie die drei Offensivrebounds zeigen.
Robin Benzing: Der Ulmer attackierte vielfach die Zone. Im Optimalfall zog er ein Foul und ging an die Linie (7/8 FT), allzu häufig schmiss er die Pille jedoch unüberlegt in die Hände der Finnen (4 TO). War mit zehn Punkten der drittbeste DBB-Scorer, allerdings muss bis zur EM die Fehlpassquote minimiert werden.
Konrad Wysocki: Der Forward war nach Ohlbrecht ganz klar der zweitbeste DBB-Akteur des Abends. In der Defense und beim Rebound war er aggressiv, im Angriff umsichtig und treffsicher (3/3 2er, 2/3 3er). Am Ende standen 14 Punkte, fünf Rebounds und vier Assists zu Buche. Als Wackelkandidat für den 12er-Kader konnte er Pluspunkte sammeln.
Sven Schultze: Blieb offensiv ohne Punkt (0/3 aus dem Feld, alles Dreier) und verlor zweimal den Ball. Sportlich gesehen sicher ein Streichkandidat, doch der Brian-Cardinal-Faktor (harte Fouls; Autorität in der Kabine; Kumpel von Dirk) sollte nicht unterschätzt werden.
Jan-Hendrik Jagla: Der Power Forward erwischte keinen guten Tag und traf seine Sprungwürfe mit wenig Erfolg (1/7 FG). Stattdessen fiel er eher durch andauerndes Hadern mit den Schiedsrichtern und sein hartes Duell mit dem Finnen Tuukka Kotti auf, welches in einer Backpfeife für Jagla seinen unrühmlichen Höhepunkt fand.
Tim Ohlbrecht: Siehe oben.
Christopher McNaughton: Unauffällig, aber insgesamt eine der positiven Erscheinungen des Spiels. Verwandelte in knapp zehn Minuten alle drei Wurfversuche, einen davon mit Foul, und griff sich vier Rebounds. Bleibt dennoch ein Wackelkandidat, vor allem mit einem Ohlbrecht in Top-Form.
Tibor Pleiß: Der Bamberger wärmte sich trotz Knieverletzung (Bluterguss) vom Vorabend mit den anderen auf und hätte gerne gespielt. Letztendlich entschied sich Bauermann jedoch dazu, sein Center-Talent zu schonen.
Wie geht es weiter?
Wie Bauermann nach dem Spiel zu Protokoll gab, haben seine Schützlinge nun erst einmal drei Tage Heimat-Urlaub um sich von der strapaziösen Vorbereitung zu erholen und neue Kraft zu tanken. Dann geht es allerdings vom Münchener Flughafen direkt weiter ins türkische Izmir, wo vom 9. bis 14. August der Efes Pilsen Cup stattfinden wird – „sofern die Fluglotesen mitspielen“, so Bauermann schmunzelnd.
Die Gegner in Izmir heißen Türkei, Ukraine und Serbien. Nach diesen drei Spielen soll dann auf feststehen, welche zehn Spieler mit Dirk Nowitzki und Chris Kaman beim BEKO Super Cup in Bamberg und später bei der EM auflaufen werden. Durch diese frühe Festlegung wolle man vermeiden, so Bauermann, dass die Integration von Nowitzki und Kaman durch offene Personalentscheidungen behindert wird. Bisher haben jedoch „alle 14 Spieler eine realistische Chance“.
Wenn Bauermann aus Hagen eine Einsicht mitnehmen kann, dann, dass noch viel Arbeit zu verrichten ist. Denn auch wenn er mit den beiden NBA-Stars noch „zwei Ochsen, ein zweiköpfiges Monster, zwei Männer wie Berge“ (O-Ton Bauermann) in der Hinterhand weiß, wird ohne einen schlagkräftigen „Supporting Cast“ eine Top-Platzierung illusorisch bleiben.






von mouthman 06.08.11 um 20:46:59
er strahlt? na dann macht er ja nicht mehr lange... :(