Deutsche Nationalmannschaft
Weltspitze sieht anders aus
Weltspitze – um dort anzukommen bedarf es einer Reihe Faktoren, von denen die deutsche Nationalmannschaft zum heutigen Stand nur wenige besitzt bzw. diese nur eingeschränkt aktivieren kann.
Von Christian Gerne |
02.09.2010 | |
Es war nicht alles schlecht, das kann man sicher sagen. Gegen die Nationalmannschaften von Argentinien und Serbien zeigten die Bundesadler achtbare Leistungen, gegen Letztere sprang sogar ein Sieg heraus. Doch nach der Niederlage gegen Australien und Angola muss man anerkennen, dass Deutschland in der Weltspitze bei weitem noch nichts zu suchen hat.
Zugegeben, ich bin kein Trainer, abgesehen von einem Jahr als Jugendtrainer, lediglich Amateurspieler und seit Jahren Fan des orangefarbenen Leders. Vielleicht bleibt mir daher auch verschlossen, was Dirk Bauermann und unsere Nationalspieler da manchmal taten. Dennoch will ich einmal versuchen, aus Fansicht zu analysieren, woran es letztendlich gehapert hat.
Über die Nachwuchsförderung im deutschen Basketball will ich mich nicht groß auslassen, dies haben im vergangenen Jahr Dirk Bauermann und Dirk Nowitzki getan. Geändert hat sich seitdem nur wenig, aber man soll bekanntlich die Hoffnung nicht aufgeben. Ich kann nur immer wieder an die Vereine appellieren: „Als Fan will ich deutsche Identifikationsfiguren sehen!“ Und nicht drittklassige US-Amerikaner, die deutschen Talenten (die es definitiv gibt) die Spielzeit nehmen.
Vergleicht man die Auftritte mit denen der letzten Europameisterschaft, muss man meiner Meinung nach zugeben, dass unser Team sich sowohl individuell als auch kollektiv betrachtet nicht sehr viel weiter entwickelt hat. Dies schlägt sich für mich in einer kurzen Einzelkritik wie folgt nieder:
Jan Jagla: Für mich der klare Rückhalt und MVP des deutschen Teams. Ähnlich wie Dirk Nowitzki musste er streckenweise das Team alleine auf seinen Schultern tragen. Er kämpfte und punktete, die Belastung forderte aber auch ihren Tribut in Form von Flüchtigkeitsfehlern (z.B. gegen Angola). Hat leider manchmal zuviel diskutiert.
Demond Greene: Mit viel Licht, aber auch genauso viel Schatten. Der Oldie überzeugte nur phasenweise und konnte dem Team gegen Angola keine entscheidenden Impulse geben.
Tibor Pleiß: In den ersten beiden Spielen dachte ich mir, „gib dem Jungen noch ein paar mehr Muskeln und er könnte den Sprung in die NBA schaffen“. In den folgenden Spielen war mein Gedankengang eher, „gebt dem Jungen den Ball und bindet ihn ins Spiel ein“. Er litt in meinen Augen am meisten unter den Systemen, die den Ball im Low-Post irgendwie nicht vorsahen.
Steffen Hamann: Ein Spitzenmann als Point Guard ist er sicher nicht, den haben die Serben, Argentinier und Australier gehabt. Aber er ist wohl der Beste, den Deutschland aktuell besitzt. Erschreckend fand ich, dass er den Ball sehr oft kurz hinter der Mittellinie aufnahm und sich so jeder weiteren Möglichkeit beraubte, das Spiel aktiv zu gestalten.
Tim Ohlbrecht: In meinen Augen das ewige Talent. Hier mal paar Dreier, ein Block, ein unnötiges Foul. Das reicht für die Weltspitze einfach nicht. Bei ihm fehlt mir oftmals der Biss, den man benötigt, um vom Talent den Schritt in Richtung Führungsspieler zu machen.
Heiko Schaffarzik: Warf wild, traf wild und machte mich streckenweise wild, weil sein Spiel an manchen Stellen viel zu eindimensional war. Positiv muss man festhalten, er traute sich etwas. Auf dem Court im Duo mit Hamann stellte er zuweilen einen ganz soliden Backcourt dar. Er und Steffen Hamann in einem Körper, wären das Idealbild eines deutschen Point Guards.
Robin Benzing: Waren es die Probleme mit der Verdauung, die Buschmann gefühlte zehn Mal erwähnte oder etwas anderes? Benzing wirkte verkrampft und verängstigt. Ich habe jedes Spiel darauf gewartet, dass er aus sich herausgeht.
Elias Harris: Er hat mich nicht enttäuscht, auch wenn viele andere das anders sehen. Er hat in der Defensive solide verteidigt, in der Offensive war das Spiel der deutschen Mannschaft einfach nicht für einen Spieler wie ihn ausgelegt. Er wäre ein Mann für die deutschen Fastbreaks gewesen, die es leider so gut wie nicht gab.
Philipp Schwethelm: Für mich nicht nur im Angola-Spiel eine der positiven Überraschungen. Man konnte ihm den Siegeswillen förmlich ansehen. Für mich der absolute „Hustler“ auf dem Feld, der sich für nichts zu schade war und kämpfte.
Lucca Staiger: Zeigte ebenfalls phasenweise, was er zu leisten vermag. Traute sich oftmals zu wenig, ist in meinen Augen jedoch einer der Hoffnungsträger für die Zukunft.
Per Günther: Eigentlich wertungsfrei, mangels Einsatzzeit.
Christopher McNaughton: Wurde seiner Rolle als Backup gerecht, zeigte gute Ansätze.
Abgesehen von der Einzelkritik gab die Mannschaft auch im Gesamtbild streckenweise Grund zur Sorge. Auffällig war vor allem die mangelnde Athletik, die im Vergleich mit anderen Teams zu beobachten war. Ohne auf den Spuren Thilo Sarrazins wandeln zu wollen, frage ich mich jedoch: Liegt es an den deutschen Genen oder gehen deutsche BBL-Spieler zu wenig in den Kraftraum? Wo andere Teams mit bulligen Kraftpaketen aufliefen, fanden sich bei uns dürre Schlackse wieder, die zum Teil nicht in der Lage waren, ihre Gegner vom Korb wegzuhalten oder sich unter dem gegnerischen Korb durchzusetzen.
Einer meiner größten Kritikpunkte ist wohl der Einsatz der Systeme. Gegen Argentinien und Serbien, in den wohl beiden positivsten Partien dieser WM, profitierte das Team mehr von Einzelaktionen und individuellem Können, als von wirklich guten Spielzügen. Die Spielzüge waren zum Teil einfach zu eindimensional eingesetzt und zu berechenbar. Zahlreiche Ballgewinne der Australier und Angolaner bestätigten mich in dieser Meinung. Vielleicht lag es auch daran, dass sie einfach zu monoton und erzwungen durchgespielt wurden. Der nächste Pass war dem Gegner zumeist schon bekannt, bevor er überhaupt gespielt wurde. Platz für Kreativität und ein Ausbrechen aus dem System schienen im Plan nicht vorgesehen.
Klappte ein System nicht, folgte zumeist ein Ballverlust oder oftmals eine Verlegenheitsaktion, da innerhalb der 24 Sekunden ein Abschluss versucht werden musste. Die Mannschaft schien gedrillt darauf, ein System durchzuspielen, koste es was es wolle. Simpler Basketball in Form von Fastbreaks schien im Gesamtkonzept keinen Platz zu haben. Vor allem gegen Angola erschloss sich mir nicht, wie man konsequent den finalen Pass in die Zone verweigern konnte. Anstatt die Größenvorteile auszunutzen, begnügte man sich, den Ball um die Zone zu passen, einige Systeme ansatzweise durchzulaufen, um dann am Ende mit einem Sprungwurf abzuschließen.
An dieser Stelle komme ich dann auf den Trainer zurück. War Bauermann so überzeugt von seinen Systemen, dass er den Spielern nicht vermitteln konnte, dass der Weg über die großen Leute möglicherweise die bessere Option darstellt? Überhaupt, erreicht Dirk Bauermann das Team noch? Bei einigen Spielern (Benzing, Staiger) hatte ich den Eindruck, sie wirkten ängstlich und gehemmt, unfähig ihr Potenzial zu entfalten. Ist es nicht die Aufgabe eines Trainers, bei diesen Spielern das nötige Selbstvertrauen zu fördern? Andere wiederum wirkten verschlafen, lethargisch, als ob sie das Ganze nur bedingt etwas anginge. Hier fehlte in meinen Augen ein Weckruf.
Symptomatisch die Aussage eines Betreuers in der Halbzeitpause des Angola-Spiels auf die Frage, ob es in der Kabine laut geworden wäre. Die Antwort lautete „nein, es blieb ruhig und sachlich“. Wie sehr wünsche ich mir da, dass sich Bauermann ein wenig von einem Stan Van Gundy abschauen könnte, der wohl ein Musterbeispiel dafür ist, wie man einem Team Feuer unter dem Allerwertesten macht.
Die deutsche Mannschaft hatte die Chance, auch dank einer enormen medialen Aufmerksamkeit, den deutschen Basketball wieder ein Stück voranzubringen. Auch viele „Nichtbasketballer“ fanden dank der Übertragung durch Sport1 den Weg vor die Bildschirme. Gesehen haben sie, dass man in anderen Ländern guten Basketball spielt, in Deutschland ohne einen Dirk Nowitzki leider nur an manchen Tagen.
So bleiben für mich als deutscher Fan nur drei positive Dinge, an die ich mich in ein paar Wochen noch zurückerinnern werde: die knappe Niederlage gegen Argentinien, der Sieg gegen Serbien und Julia Scharf, die nette Moderatorin von Sport1, die neben ihrem Aussehen auch mit Sachverstand bei den Basketballfans punkten konnte.




von TNT 02.09.10 um 21:39:06
Schöne Analyse, nur der Aussage mit Julia Scharf kann ich nicht zustimmen, mich nerven die jungen Blondinenreporterinnen, die insbesondere auch beim Fußball immer mehr zunehmen ;)
Ansonsten würde ich noch mehr dem Mangel an Fast Breaks monieren, das rächt sich insbesondere immer dann, wenn es nicht läuft, denn über so ein paar einfach Punkte au dem Break lässt sich oft wieder ins Spiel finden. Und beim Thema Systembasketball bekomme ich das kotzen. Bei kaum einem Team wird die Uhr so lange runtergespielt, bevor irgendwas passiert und kein Team musste wohl soviele Notfreier nehmen. Und Für Benzing und Harris schien im System irgendwie keine Rolle vorgesehen, Penetrations waren wohl verboten. Wirklich Schade, meines Erachtens hat Bauermann jetzt ausgedient, jetzt muss ein Trainer her, der den Youngstern Selbstvertrauen gibt und sie laufen lässt, denn das können sie.
von Sevent 02.09.10 um 23:57:47
Treffende Analyse, Chris. Nur der Bewertung eines Spielers kann ich nicht zustimmen: Tim Ohlbrecht war in meinen Augen aus deutscher Sicht eine der positiven Figuren dieser WM: Er hat sich im Laufe des Turniers gesteigert, spielte besonnener und wirkte insgesamt ruhiger und routinierter. Sein Wurf ist gut und sein Rebounding ebenfalls in Ordnung. Außerdem sind die nervtötenden und ziemlich sinnfreien Aktionen in seinem Spiel - wie du sagtest: Fouls - rückläufig.
Ach, ehe ich's vergess: Julia Scharf hat mich auch überzeugt, und zwar in doppelter Hinsicht. ;)
von Treffnix 03.09.10 um 00:46:37
Die Analyse wurde um meinen Standpunkt klarzumachen VOR dem Jordanien Spiel geschrieben. Ohlbrecht mag sicher besser geworden sein, aber er ruft sein Talent und Potenzial einfach nicht genug ab.
Manche Punkte habe ich hier nicht erwähnt sonst wäre es für einen Blogeintrag zu ausführlich geworden. Daher vielleicht nur kurz hier im Kommentar:
Die Defense gegen Angola war eine Katastrophe.(gegen Jordanien waren auch Dinger dabei die dürfen nicht sein)
Ausboxen fand nicht statt. Mit halbwegs anständiger Verteidigung wäre das Angola Spiel, trotz Defiziten in der Offense machbar gewesen.
Zu den Turnovern habe ich ja schon was geschrieben, heute auch teilweise wieder haarsträubende Dinger.
von Sevent 03.09.10 um 01:07:09
Um es ganz simpel zu halten: Deutschland fehlt ein Point Guard von ordentlichem internationalem Niveau. Hamann ist der einfach nicht, selbst wenn Bauermann ihn in höchsten Tönen lobt, und Schaffartzik schon Recht nicht. Der Junge ist einfach mehr Shooting als Point Guard. Und ich sehe da auch keinen, der in naher Zukunft diese Lücke schließen könnte.
von nocke79 03.09.10 um 14:25:27
Danke für die treffende Analyse. Bin etwas enttäuscht weil keiner der jungen Spieler mich richtig begeistern konnte. Ob es nun am System lag oder nicht, körperlich müssen einige noch zulegen. Und wie schon so oft erwähnt wir haben einfach keinen guten PG. Hamann hat ja schon probleme den Ball nach vorne zu bringen. Da bringt auch Dirk und Kamann nicht viel.
Hoffentlich wird in den nächsten Jahren mehr für den Nachwuchs getan bzw. sie bekommen mehr Spielzeit.
von Mt.Mutombo 03.09.10 um 15:24:19
Gute Analyse die ich auch so über weite Phasen teilen würde. Ohlbrecht ist schon besser als dargestellt, ich wundere mich aber auch, warum der immer Dreier ballert. Ein wenig habe ich immer bei ihm und Jagla das Gefühl, dass sie vor dem Spiel noch einmal einen Scouting Report über Dirk Nowitzki anschauen. Ohlbrecht hätte gegen Angola m.M. nach viel mehr "Schaden am Brett" anrichten können, als ständig weiter draußen zu stehen.
Über die PG Situation wurde genug geschrieben und alle gehen in eine Richtung: Hahmann, bei allem Respekt vor seiner langen Karriere in der Nationalmannschaft, ist leider schon vor 6 Jahren nicht der Weisheit letzter Knall gewesen und Schaffartzik wirklich ein "poor Mans Iverson", der allerings mehr ballert statt zum Brett zu gehen.
Am meisten bin ich persönlich von Harris und Benzing enttäuscht, wobei ich mich hier eher frage, ob für die beiden nicht mehr drin gewesen wäre, wenn sie mehr möglichkeiten gehabt hätten. Aber gerade Benzing muss man aufbauen, aufbauen und nochmals aufbauen. Der Junge ist ein riesen Talent und kann in 3-4 Jahren DER Go-To-Guy sein.
von Treffnix 03.09.10 um 15:56:14
Ich glaube auch an Benzing und Harris, wie gesagt, bei Harris war es z.T. das System was ihn hinderte bei Benzing weiss ich es leider nicht, was los war. Aber wenn beide hart an sich arbeiten sollte ihrer Karriere nichts im Wege stehen. Für Harris hoffe ich, dass er den Sprung in die NBA schafft und in ein Team kommt, wo er a) hart rangenommen wird und b) sich somit noch weiter entwickelt. Ohlbrecht hat auch noch alle Chancen vom Status "Talent" wegzukommen, aber dazu muß er mehr wollen.
Allein auf der PG Position habe ich keinen im Auge der dort in absehbarer Zeit eine passende Lösung darstellt. Hamann ist und bleibt halt Hamann und Schaffartzik ist eben auch eher ein SG mit besserem Ballhandling aber kein echter PG.