Europameisterschaft

EM-Blog 9: Nowitzki, sprich: Know It's Key

In der vorletzten Ausgabe des Crossover-EM-Tagebuchs schreibt Sebastian Finis über seinen Besuch in einer Schnapsbrennerei, kuriose Wortspiele mit Basketball-Weltstar, die herbe Niederlage der Gastgeber und was der Korbsport für die litauischen Männer bedeutet.

Von Sebastian Finis
 16.09.2011 |

Vilnius: Montag, 12. September 2011. Nachdem ich am gestrigen Tag in der Siemens Arena großartige Spiele vor beeindruckender Kulisse sehen durfte, wollte ich meinen Ohren und Nerven am heutigen Tag etwas Ruhe gönnen, um der Reizüberflutung Einhalt zu gebieten. Um ehrlich zu sein, bleibt kaum Zeit, all die Reize, die auf einen einprasseln wie Hagelkörner, zu verarbeiten. Denn am nächsten Tag geht es direkt weiter, ein Hammerspiel folgt dem nächsten. Ich habe bislang schon mehr als 30 Spiele innerhalb von zwei Wochen gesehen. Unglaublich, aber wahr. Mindestens zehn Partien werden noch hinzukommen. Heute nahm ich mir einen Tag Pause, weil mich die Spiele in der Gruppe mit Finnland & Co. heute nicht so sehr reizten. Ich nutzte die freie Zeit, um mir in Ruhe noch ein paar Sehenswürdigkeiten in Vilnius anzuschauen.

Mittags aß ich in einer urigen Schenke, wie für mich fast schon üblich, litauische Spezialitäten: als Vorspeise wählte ich Rote-Beete-Suppe, gefolgt von zwei Zeppelinen (gefüllte Kartoffelklöße) und dazu trank ich "Kvas", ein Fermentgetränk aus Brot und Rosinen. Im Anschluss erklomm ich einen Hügel, auf dem sich das Burgschloss von Vilnius befindet, das Wahrzeichen der Stadt. Von dort oben hatte ich einen schönen Blick über die Altstadt.

Das Wetter kann sich in Litauen innerhalb von fünf Minuten schlagartig ändern. Am Nachmittag fing es plötzlich an, aus Eimern zu schütten, zu donnern und zu blitzen als sei dies der Weltuntergang. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder das "heimische" Dach überm Kopf. Im Innenhof schlug ein Blitz ein. Ich habe zwar noch nie einen Bombeneinschlag in unmittelbarer Nähe erlebt, aber genau so stelle ich ihn mir vor. In Litauen regnet es sehr oft. Übersetzt bedeutet "Lietuva" Land des Regens. Nachdem sich das Wetter wieder beruhigte, ging ich mit meiner Gastgeberin Zydre ein letztes Mal in eine Schenke, um ein Abschiedsbier zu trinken. Mein Journalistenkollege Haruka Gruber von spox.com begleitete uns. Es war ein netter Abend, an dem wir eine spannende Woche in Vilnius Revue passieren ließen.

Kaunas: Dienstag, 13. September 2011. Morgens verabschiedete ich mich von Zydre, die unglaublich gastfreundlich zu mir war. Ich konnte eine Woche lang umsonst bei ihr in der Wohnung in einem eigenen Zimmer auf der Couch schlafen, Wäsche waschen und alles nutzen, als wäre ich dort zuhause. Um 11 Uhr fuhr ich in einem Shuttle-Bus, der extra für Medienvertreter der Eurobasket organisiert wurde, nach Kaunas. Die Fahrt dauerte circa anderthalb bis zwei Stunden. Am Medienhotel angekommen, suchte ich nach meiner neuen Couch. Natürlich hatte ich vorher alles organisiert. Martynas, mein neuer Gastgeber, wohnte nur einen Kilometer entfernt, sodass ich locker zu Fuß mit meinem Gepäck die Strecke zurücklegen konnte. Es war zwar erst 14 Uhr, aber Martynas nahm sich ein Stündchen von der Arbeit Zeit, um mich in Empfang zu nehmen. Martynas ist 27 Jahre alt, Eigentümer eines Transportunternehmens und wohnt in einer Wohnung mit sehr moderner Ausstattung. Er ist die Lockerheit in Person und hat ein unglaubliches Sportwissen. Er ist großer Basketball-Fan und Dauerkarteninhaber von Zalgiris Kaunas, kennt sich aber auch in anderen Sportarten wie Fußball, Tennis und Formel 1 aus. Mit ihm kann man sich stundenlang über Sport unterhalten. Das ist großartig.

Meine Erfahrungen, die ich mit Edita in Siauliai und mit Zydre in Vilnius bereits gemacht hatte, waren eigentlich nicht mehr zu toppen. Doch Martynas gab für mich sogar sein eigenes Schlafzimmer auf und schlief selber auf der Couch im Wohnzimmer. Unglaublich!

Um 15 Uhr begann eine für Medienleute organisierte Tour in eine Destillerie. Dafür hatten sich laut Zettel 30 Leute angemeldet. Wir waren aber nur zu fünft. Alle anderen sind einfach nicht erschienen. Mit einem großen Reisebus wurden wir fünf Hanseln mit einer eigenen Reiseleiterin in die Brennerei "Stumbras" chauffiert, die seit 1906 existiert und dessen Schnäpse schon mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurden. Nachdem uns die Geschichte der Destillerie erzählt wurde, bekamen wir aus hygienischen Gründen weiße Schutzkleidung übergezogen, bevor einen Rundgang durch die Produktionsräume machten, wo uns der Herstellungsprozess von einer älteren Dame mit großer Leidenschaft erklärt wurde. Als erstes sollten wir einen Kräuterextrakt mit 47-prozentigen Alkohol probieren. Und alle mussten ausnahmslos mitmachen. Gruppenzwang! Nach unserem Rundgang setzten wir uns alle an einen Tisch, wo für jeden bereits weitere fünf Gläser mit verschiedenen Sorten, von Wodka über Kräuterlikör bis Brandy, bereit standen. Daneben ein Zettel, auf dem wir unsere Noten abgeben konnten. Bewertet werden sollte die Klarheit, das Aroma und der Geschmack. Ich kam mir vor wie ein angeschwipster Experte von Stiftung Warentest. Die fünf Gläser mit den verschiedenen Alkoholsorten waren halb gefüllt und hatten jeweils 40 Prozent. Als wir nach der Kostprobe bestens gelaunt auf den Hof der Destillerie zurückkamen, schien auf einmal die Sonne. Vielleicht bildeten wir uns das aber auch nur ein.

Wir überredeten unsere Reiseleiterin noch zu einer kleinen Tour durch die Stadt, da sie bis zu ihrem nächsten Auftrag noch zwei Stunden Zeit hatte. Sie führte uns über die ellenlange Fußgängerzone und durch die Altstadt von Kaunas. An jeder Ecke sahen wir Werbung für die Basketball-EM, u. a. witzige Plakate auf denen die komplizierte Aussprache von einigen Nationalspielern auf Englisch erklärte wurde. Bei Kroatiens Popovic stand "Pope Oh Witch", bei Sarunas Jasikevicius "Yeah Seek A We Choose" und bei Nowitzki "Know It's Key". Nach der Stadttour ging ich mit dem Rest der fünfköpfigen Reisegruppe etwas essen, darunter der spanische Basketballjournalist Tico und ZDF.online-Reporter Marcel Friederich.

Um 21 Uhr war ich mit meinem neuen Couchsurfing-Gastgeber Martynas am Rathaus verabredet. Er brachte noch seinen besten Freund mit, mit dem er zusammen das Transportunternehmen führt, sowie dessen Freundin. Wir trafen uns, um zusammen in einer Bar Champions League zu schauen. Der FC Barcelona spielte gegen AC Mailand. Im Nachhinein betrachtet, war das ein absolutes Kuriosum: Fußball gucken, und zwar in Litauen, mit Litauern, während der Basketball-EM. Ein Erlebnis wie in einem falschen Film. Martynas interessiert sich halt für alles. Abgesehen davon finden die Viertelfinalspiele erst ab morgen statt. Dann heißt es wieder "LIE-TU-VA", mit 15.000 Verrückten in der brandneuen "Kauno Arena", die erst vor einem Monat eröffnet wurde.

Mittwoch, 14. September 2011. Um 15 Uhr folgte ich der Einladung einer Filmvorführung von "GINGER - More than a game". Dabei handelte es sich um eine Dokumentation über die Basketball-Legende Radivoj "Ginger" Korac, einer der besten europäischen Spieler aller Zeiten. Der Film wurde erstmals vor Publikum gezeigt und feierte sozusagen heute Weltpremiere. Neben Originalaufnahmen wurden viele Zeitzeugen interviewt sowie Szenen schauspielerisch nachgestellt. Zu Gast waren der Regisseur und Produzent, die beiden Hauptdarsteller sowie als Special Guests u.a. Dejan Bodiroga, Dusan Ivkovic und der FIBA-Präsident Olafur Raffnson. "GINGER" ist eine wirklich gelungene Story über einen der ganz besonderen Basketball-Pioniere.

Heute standen die ersten beiden Viertelfinalspiele auf dem Programm. In Spiel eins konnte Slowenien in der ersten Halbzeit gegen die favorisierten Spanier erstaunlich gut mithalten. In der zweiten Halbzeit zeigte der EM-Titelverteidiger schließlich seine Klasse, setzte sich uneinholbar ab. Navarro & Co. schossen die Slowenen aus der Halle.

Die unglaubliche Tragödie folgte in Spiel zwei: Mazedonien besiegt die Hausherren aus Litauen. Vor einer Kulisse mit 15.000 kreischenden Verrückten, die vor dem Spiel ausnahmslos die Nationalhymne mitsingen, dass einem Gänsehaut kommt. Fans, die ihr Team das gesamte Spiel über bis zum Schluss lautstark anfeuern. Die Litauer haben für mich die besten Fans der Welt! Ein ganzes Volk trauert nun, keiner der 3,2 Millionen Einwohner hatte mit dem frühen Ausscheiden gerechnet, mich eingeschlossen. Der Traum einer Medaille ist geplatzt. "Mazedonien steht im EM-Halbfinale", das klingt wie "die Minnesota Timberwolves sind NBA-Champion". Niemand hat auch nur einen Pfifferling auf die "ehemalige jugoslawische Republik" gesetzt, außer die Mannschaft vielleicht selbst und ein paar Übergeschnappte der zwei Millionen Einwohner des Landes. Ausgerechnet Mazedonien schaffte den unerwarteten Sprung ins Halbfinale, das Team, welches in der EM-Vorbereitung zwei Mal gegen Deutschland verlor. An dieser Stelle könnte jetzt auch die deutsche Nationalmannschaft stehen.

Der Dreier von Mazedoniens Aufbauspieler Vlado Ilievski zur 66:65-Führung, 11 Sekunden vor Ende des Spiels, war der Dolchstoß in das grün-gelbe Herz der litauischen Mannschaft, in das Herz einer ganzen Nation. Nach dem Spiel sagte Ilievski: "Das war der beste Wurf in meiner Karriere, der beste Wurf meines Lebens!" Bester Akteur auf Seiten der Mazedonier war jedoch Bo McCalebb mit 23 Punkten, ein Amerikaner also, der so viel mit Mazedonien zu tun hat wie Oma Emmy mit Smartphones. Mein Couchsurfing-Gastgeber Martynas, der sich das Spiel in einer Bar in der Altstadt mit zehn weiteren Kumpels anschaute, sagte mir, das einige seiner Freunde nach dem Spiel geheult haben. Wenn's um Basketball geht, zeigen litauische Männer Emotionen, werden weich und zerfließen wie heiße Butter. Martynas selbst merkte man seine große Enttäuschung ebenfalls an, auch wenn er es sich nicht so recht eingestehen wollte. Nach dem Spiel ließ ich ihn deshalb alleine, um kein Öl ins Feuer zu gießen. Auf jeden Fall ist es sehr schade für die Stimmung in der Halle, dass die Litauer so früh aus dem Turnier ausgeschieden sind. Auch ich hätte ihnen einen Erfolg gegönnt. Zumindest können die grün-gelben morgen noch den Sprung unter die besten sechs schaffen, der für das Olympia-Qualifikationsturnier reicht.

Donnerstag, 15. September 2011. Mittags habe ich mir die Kathedrale von Kaunas angeschaut. Um die Kathedrale herum waren mehrere Streetball-Felder aufgebaut. Die FIBA hatte hier ein Turnier für Jugendliche organisiert. Die circa 15 Korbanlagen und die Spielfelder waren vom Allerfeinsten, die Bretter aus Glasfieber, mit Shotclock und rutschfestem Boden. Die Spiele wurden sogar von Schiedsrichtern geleitet. Es regnete in Strömen, trotzdem zockten die Jungs und Mädels als gebe es kein Morgen.

Da ich vor dem ersten Spiel noch ein wenig Zeit hatte, lief ich durch die riesige Shopping-Mall "Akropolis", welche sich direkt vor der "Kauno Arena" befindet. In einem Sportgeschäft sah ich ein paar mazedonische Nationalspieler. Point Guard Bo McCalebb, der am Vortag die Litauer aus dem Turnier schoss, war gerade dabei, neue Sneakers anzuprobieren. Als er fertig war, bat ich ihn um einen Schnappschuss und wünschte ihm fiel Erfolg gegen die Spanier.

Im Platzierungsspiel zwischen Litauen und Slowenien bestätigte sich die Basketballverrücktheit der litauischen Fans. Trotz des Misserfolgs am gestrigen Tag strömten 11.000 Anhänger in die Arena und gaben Vollgas - und das an einem Donnerstag um 15.30 Uhr. Mit dem 80:77 über Slowenien haben die Litauer Platz sechs nun sicher und sich so einen Platz im Olympia-Quali-Turnier erkämpft. Balsam auf deren geschundene Wunde. Im dritten Viertelfinalspiel setzten sich die Franzosen nach harter Defensivschlacht gegen die Griechen durch (64:56). Ähnlich spannend gestaltete sich das Duell Russland gegen Serbien (77:67). Die Russen bleiben das einzige ungeschlagene Team bei dieser EM (10 Siege, 0 Niederlagen).

Mein Gastgeber Martynas war heute übrigens auch in der Halle. Er hatte kurz vor Spielbeginn im Radio Karten gewonnen. Um die Karten zu gewinnen, musste er auf der Straße so viele litauische Fans wie möglich finden, die Stimmung machen. An einer Bushaltestelle hielt er mit seinem Auto an, wo er fünf auf den Bus wartende animieren konnte, ins Telefon zu kreischen als er im Radio "on air" war. So kam Martynas zu seinen Karten. Im Oberring der riesigen "Kauno Arena" schoss ich von ihm später ein Foto.



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Kommentare

(1 Kommentar bisher)

von justuskoch 17.09.11 um 10:23:41


sehr gut gelungen!!



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