Europameisterschaft
EM-Blog 8: "Please rise for the national anthems!"
In den letzten Tagen ist viel passiert. EM-Blogger Sebastian Finis plauderte u.a. mit Robin Benzing, traf Milos Teodosic, posierte mit Dirk Nowitzki und erlebte Vilnius hautnah.
Von Sebastian Finis |
12.09.2011 | |

Vilnius, Donnerstag, 8. September 2011. Mit meinen Medienkollegen Gerit und Matthias von der Agentur dapd bin ich zum Mannschaftshotel der Deutschen gefahren. Die Bauermann-Truppe ist im 20 Kilometer nördlich gelegenen Ressort "Le Méridien" untergebracht - ein abgelegenes Luxusdomizil mit einer 18-Loch-Golfanlage. Ich habe zunächst ein Interview mit Robin Benzing geführt. Das Resultat seht ihr hier:
Auf der Pressekonferenz waren Sven Schultze und Chris Kaman. Man hätte es erwarten können: Wenn der Kaman spricht, gibt's mit Sicherheit etwas zu lachen. Dieses Mal scherzte er über die Essgewohnheiten von Center-Kollege Tibor Pleiß: "Tibor frisst wie ein Pferd. Man kann sich mit ihm überhaupt nicht richtig unterhalten, weil er immer den Mund voll hat." Danach traf ich Milos Teodosic in der Lobby. Mit dem besten Einser außerhalb der NBA ließ ich mir einen Schnappschuss nicht nehmen.

Das "Highlight" aus der Arena gab es vor dem Spiel Finnland gegen Russland als es hieß: "Please rise for the national anthems of Finnland and Russia". Während die finnische Nationalhymne zunächst korrekt abgespielt wurde, haben die Jungs von der FIBA die falsche russische Hymne gespielt.

David Blatt, der Trainer der Russen, konnte es nicht fassen, beharrte darauf die richtige Hymne zu hören. Mehrere Minuten passierte erst mal gar nichts, die Spieler hielten sich im Korblegerkreisel warm, bis dann ein zweiter Versuch gestartet wurde. Dieses Mal war die Nationalhymne Russlands richtig, aber die finnische falsch! Oh, wie peinlich … Finnlands Headcoach Henrik Dettmann war jetzt außer Rand und Band. Jedes Mal mussten sich die Zuschauer in Anbetracht der anstehenden Nationalhymnen von ihren Plätzen erheben. Als nächstes gab es eine Gedenkminute für den tragischen Flugzeugabsturz über Russland, bei dem auch der deutsche Eishockeynationalspieler Robert Dietrich ums Leben kam. Also alle wieder aufstehen … und hinsetzen. Pause, Warten, was als nächstes kommt. Dann ein erneuter Versuch, die finnische Nationalhymne zu spielen. Alle wieder aufstehen. Und es tönte tatsächlich die richtige Hymne aus den Lautsprecherboxen, die mit einem hämischen Klatschen der Zuschauer endete. Insgesamt fünf Mal mussten alle Halleninsassen aufstehen. Mit zwölf Minuten Verspätung begann die Partie, die im Gegensatz zum Vorspiel wenig Unterhaltungswert hatte.

Am Abend bin ich mit meiner Couchsurfing-Gastgeberin Zydre in der Altstadt etwas trinken gegangen. Sie bezeichnet den Donnerstag übrigens als "Small Friday", in Anspielung darauf, dass es ja fast schon Wochenende ist und dies somit das Weggehen rechtfertigt. Auf dem Weg zu einer der vielen Bars haben wir einen Freund von ihr eingesackt: Andryus, ein Mann Mitte 30, geboren und aufgewachsen in Vilnius, von Beruf Wirtschafts-Redakteur bei einer Tageszeitung. Wir saßen in einer Minibrauerei, in der im Keller hauseigenes Bier hergestellt wird. Neben leckerer Hopfenkaltschale gab es abgefahrene Gerichte zu essen. Zum Beispiel ein ganzes, unzerkleinertes Schweineohr. Und damit meine ich nicht das vom Bäcker.

Zydre, Andryus und ich plauderten auf Englisch mehrere Stunden in die Nacht hinein, bis die Wortfindungsstörung durch die Wirkung des Schwarzbiers zu groß wurde, um über komplexe politische Zusammenhänge zu philosophieren.
Ein paar Dinge konnte ich am Tag danach noch reflektieren, über die wir gesprochen haben. Zum Einen sagte Andryus, dass die Selbstmordrate in Litauen die höchste in ganz Europa sei. Nur Ungarn würde den Litauern diesbezüglich hin und wieder den Rang ablaufen. Ein Grund für die zahlreichen Suizide liege daran, dass viele Litauer an Depressionen leiden. Vielleicht liegt's am schlechten Wetter. Oft ist es draußen grau und kalt (sechs Monate im Jahr wird geheizt), was sich natürlich auch auf das Gemüt der Menschen niederschlägt. Laut Andryus komme die hohe Selbstmordrate aber auch aufgrund der "Faulheit" der Kriminologen zustande. Gibt es beispielsweise in Litauen einen Mordfall, dessen Aufklärung zu kompliziert ist, heißt die Todesursache offiziell "Selbstmord". Gleiches gelte nicht selten für Tote dessen Todesursache nicht rekonstruiert werden kann.

Ein weiteres Thema unserer Unterhaltung war "Nationalstolz". Andryus meint: Fragt man einen Litauer, ob er stolz auf sein Land ist, wird er sagen: "Ich bin sehr stolz". Trotzdem seien die meisten Litauern in Wirklichkeit ständig am meckern, was ihr Land betrifft. Fragt man einen Litauer "Warum bis du stolz auf dein Land?", nennt er an erster Stelle "Basketball", an zweiter die "Natur des Landes" und erst an dritter Stelle kommt "Geschichte". Mit letzterem meinen Litauer ihre Geschichte vor 500 Jahren. Bemerkenswert ist, dass Litauer nach außen hin, ihren Nationalstolz heraushängen lassen, aber die Gründe für ihren Stolz sind keine wirklich ernsthaften Dinge, die die Gegenwart betreffen, wie zum Beispiel Politik, Wirtschaft oder Soziales. Lernt man den wahren Litauer kennen, ist zu erkennen, dass er nicht so zufrieden mit seinem Land ist. Ihr proklamierter "Nationalstolz" ist oft nur Fassade, hinter der sich viele Probleme der litauischen Bevölkerung verstecken.
Zydre berichtet, dass für "Toleranz" Ähnliches gelte wie für "Nationalstolz". Litauer geben nur vor, tolerant zu sein. Beispiel: Homosexualität. Offiziell sagen Litauer, sie hätten überhaupt kein Problem mit schwulen Pärchen. Auf den Straßen von Vilnius sieht man trotz vermeintlicher Toleranz keine Homosexuellen händchenhaltend durch die Gassen schlendern. Der Grund: Schwule werden in Litauen in Wirklichkeit weder akzeptiert noch toleriert.
Das sollte an dieser Stelle erst einmal genug Einblick in das Seelenleben der Litauer sein. Ich habe keinen Grund mich zu beschweren, denn ich bin sehr zufrieden mit der Gastfreundschaft der Litauer. Zydre hat mir heute sogar angeboten, die ganze Woche bei ihr bleiben zu können. Ich hatte mir zwar zuvor eine weitere Übernachtungsmöglichkeit in Vilnius via Couchsurfing klargemacht, aber das Angebot möchte ich nicht ausschlagen. So muss ich mit meinem ganzen Zeug nicht noch einmal umziehen.

Freitag, 9. September 2011. In der Halle gab es heute großartige Duelle zu bestaunen. Die Spanier zerlegten die Serben. Deutschland lässt mit dem Sieg über die Türkei die Hoffnung auf ein Weiterkommen am Leben. Ein Kampf- und Krampfspiel, in dem sich Nowitzki durch seine vier Fouls in den letzten acht Spielminuten in der Defensive stark zurücknimmt, um es milde auszudrücken. Dirk, der scheinbar bei jedem Drive eines Türken zum Korb einen Schritt zurück geht, um nicht sein fünftes zu kassieren. Am Ende versenkt er trotzdem cool wie eh und je die entscheidende Freiwürfe zum Sieg. Er ist eben der beste "Closer", den es gibt, wie Bauermann so schön sagt. Und dann war da ja auch noch Philipp Schwethelm, der über sich hinauswuchs und mit seinen erfolgreichen Dreiern das Spiel in die richtige Richtung lenkte.
Die Stimmung im folgenden Match war aber kaum noch zu toppen. Litauen gegen Frankreich, eine ganze Arena im grün-gelben Farbenmeer. Ein Hexenkessel, bei dem jeder dankbar war, der Ohrenstöpsel dabei hatte. In der Halbzeit bekam ich die Möglichkeit ein Interview mit Jan Pommer zu führen. Mit ein Grund warum er hier ist, seien Gespräche mit Verantwortlichen des litauischen Verbandes. Laut Pommer strebe die Beko BBL eine Kooperation an und wolle so von den Erfahrungen in Sachen litauischer Nachwuchsförderung profitieren. Ein guter Schritt.
Sonnabend, 10. September 2011. Am Vormittag war ich auf der Pressekonferenz im Mannschaftshotel der Deutschen. Neben Dirk Bauermann standen Steffen Hamann und Philipp Schwethelm Rede und Antwort. Angesprochen auf die Grußbotschaft, die Bastian Schweinsteiger an die Bauermann-Truppe schickte, sagte Hamann er sei gut mit ihm befreundet und telefoniere fast täglich mit ihm. Philipp Schwethelm, der bislang mit Fußball eigentlich so gut wie gar nichts am Hut hatte, fängt jetzt sogar an, sich für Deutschlands Sportart Nummer eins zu interessieren, will öfter mal in die Allianz Arena zu Spielen gehen und sich das Sky-Bundesliga-Abo besorgen. Bayern München verpflichtet ;-) Nach der Pressekonferenz sah ich den Dirkster in der Lobby mit Hidayet Türkoglu quatschen. Ich dachte mir, ein Foto mit ihm wäre doch eine schöne Erinnerung an die EM. Die Dame rechts von ihm ist übrigens die Crossover-Fotografin Nadine.

Nachmittags hatte ich noch ein wenig Zeit durch die Stadt zu laufen. Die Spiele in der Arena waren heute nicht so spannend. Deshalb gönnte ich mir einen spielfreien Tag. Einzig, dass Robert Lottermoser das Griechenland-Spiel pfiff, war ein interessanter Aspekt. Schließlich wollte ein Mitglied der griechischen Delegation ihn vor ein paar Tagen "beeinflussen". In der Vorrundenpartie Griechenland-Montenegro hatte sich der Grieche versucht, Lottermoser zu nähern. Lottermoser hatte den Fall sofort der FIBA Europe gemeldet, was für die sehr hohe Professionalität und Unbestechlichkeit von Deutschlands bestem Schiri spricht.
Um 19 Uhr folgte ich der Einladung des DBB in die "Bunte Gans", einem deutschen Restaurant in Vilnius. Alle deutschen Medienvertreter waren eingeladen. Insgesamt waren wir mehr als 30 Leute, darunter auch Nowitzkis Vater Jörg, DBB-Präsident Ingo Weiss, Stephan Baeck, Sascha Bandermann und Frank Buschmann. Das Essen war lecker und es war sehr interessant, sich mit dem einen oder anderen Kollegen in lockerer Atmosphäre zu unterhalten. Gegen zwei Uhr war ich wieder "zuhause". Meine Couchsurfing-Gastgeberin Zydrone war immer noch wach und packte Sachen. Schließlich wird sie in einer Woche für mehrere Monate nach Südamerika gehen.

Sonntag, 11. September 2011. 9/11 ist jetzt schon zehn Jahre her und Nowitzki/Kaman, die Twin-Towers von Deutschland, wurden heute von Litauen zum Einsturz gebracht. Die Deutschen sind raus! Schade, dass ausgerechnet Nowitzki, bei seinem vermeintlich vorerst letzten Spiel im Nationaldress, seinen Rhythmus heute nicht finden konnte. Leider, aus deutscher Sicht, haben es zuvor die Türken in der letzten Sekunde verpeilt, einen Sieg über Serbien zu feiern. Schlechte Voraussetzungen für Deutschland, das dadurch mit elf Punkten Vorsprung gewinnen musste.
Als der Dirkster an der Freiwurflinie stand, erreichte der Lärmpegel 112 Dezibel. Rekord! Ein unvorstellbarer Geräuschpegel. Ohne Kopfhörer oder Ohropax hält man es keine fünf Minuten in diesem gelb-grünem Hexenkessel aus. Litauen hat es verdient, weiterzukommen. Ich hätte natürlich die Deutschen liebend gerne in Kaunas erlebt, aber wenigstens haben es die Gastgeber geschafft. Für Bombenstimmung ist also weiterhin gesorgt.
Am frühen Nachmittag organisierte der DBB noch eine Pressekonferenz an der Nowitzki teilnahm. Witzigste Aussage: "Beim Activity spielen war ich besonders bei der Pantomime richtig gut." Ich hatte heute auch die Möglichkeit, ein Interview mit Tibor Pleiß zu führen. Ich stellte ihm Fragen, die ihm User auf den Facebook-Seiten der BBL und der Brose Baskets stellen konnten. Leider waren die Hintergrundgeräusche im Hotel so laut, dass er im Video nur schwer verstanden wird. Tibor ist ein sehr netter Mann. Ich hoffe er hebt nicht ab, wenn es irgendwann einmal über den großen Teich gehen sollte. Außer zum Dunken, Rebounden und Blocken ...




von Crossover 30.05.2012 um 10:04:37
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