Europameisterschaft
EM-Blog 7: "LIE-TU-VA"
In Vilnius startete die Zwischenrunde und die Stimmung in der Siemens Arena war am Kochen, als Litauen die Serben in einem hochkarätigen Spiel besiegte. Unser Blogger Sebastian Finis hebt einen Mann aus dem Kollektiv besonders hervor: den erst 19-jährigen Jonas Valanciunas.
Von Sebastian Finis |
08.09.2011 | |

Mittwoch, 7. September 2011. Mittags laufe ich durch die attraktive Altstadt von Vilnius zum zwei Kilometer entfernten Medienhotel Nering, wo ein Shuttlebus die Journalisten und Fotografen abholt und in die Siemens Arena bringt.

In der 11.000-Zuschauer fassenden Arena trägt sonst der litauische Meister und Euroleague-Teilnehmer Lietuvos Rytas Vilnius seine Heimspiele aus. Seit heute findet hier die Zwischenrunde der EM mit den zwölf verbliebenen Teams statt.

Im Vergleich zu Siauliai ist der Medienandrang mehr als drei mal so hoch. Zwei komplette Tribünen sind bis auf den letzten Platz mit Journalisten aus aller Herren Länder besetzt. Ich schätze, es sind um die 500 Fernseh-, Print- und Online-Redakteure sowie Fotografen, die sich hier tummeln.

Die Spielfläche der Trainingshalle von Lietuvos Rytas wurde als "Media Working Room" umfunktioniert, um dem medialen Massenandrang gerecht zu werden. Dort entdecke ich auch eine Pappfigur von Ozzy Osbourne im Trikot der litauischen Nationalmannschaft. Stichwort Pappe: Im Einkaufszentrum neben der Arena hängen lebensgroße Pappfiguren der Nationalhelden von der Decke.

Während Deutschland knapp an der Sensation gegen Spanien vorbei schrammt, zieht Frankreich als erste Mannschaft ins Viertelfinale ein. Anschließend folgt das Highlight des Abends: Ich komme bei dieser EM das erste Mal in den Genuss, die Litauer vor heimischem Publikum spielen zu sehen. Schon als die Nationalhymne gespielt wird, habe ich Gänsehaut. 11.000 komplett in grün-gelb gekleidete Fans singen lautstark mit. Der Lärm in der ausverkauften Siemens Arena ist sprichwörtlich ohrenbetäubend, was noch untertrieben beschrieben ist. Jeder einzelne Spieler wird hier wie ein Held gefeiert. "LIE-TU-VA" brüllen die Fans bei den Angriffen ihrer Stars. Hingegen wird die Offensive Serbiens konsequent ausgepfiffen. Die Litauer setzen sich im dritten Viertel mit zehn Punkten ab. "La Ola" dreht ihre Kreise durch die Zuschauerränge. Ein pures Basketballvergnügen.
Ich würde gerne einen aus der geschlossenen Mannschaft herausgreifen, der mich heute besonders beeindruckt hat: der erst 19-jährige Center Jonas Valanciunas, der in diesem Jahr an Nummer fünf von den Toronto Raptors gedraftet wurde und hier in Vilnius seine Karriere begann. Doppelter Heimvorteil für das größte Talent Litauens! 18 Punkte (bei 89 Prozent aus dem Feld!), fünf Rebounds und zwei Blocks steuert Valanciunas in 20 Minuten Einsatzzeit zum überragenden 100:90-Triumpf der Grünen bei. Unglaublich für einen Mann seines Alters auf diesem Niveau.
Erinnerungen an das WM-Turnier in Istanbul werden bei mir wach, bei der die türkische Nationalmannschaft von den verrückten Fans vom Bosporus lautstark bis ins Finale getragen wurde. Während vor einem Jahr Rot die Farbe des Basketballsommers war, ist es dieses Jahr definitiv Grün. Grün, die Farbe der Hoffnung. Eine ganze Nation hofft auf die Erfüllung ihres größten Traumes, die Eroberung des EM-Gipfels. Der Mannschaft ist im eigenen Land alles zuzutrauen, auch wenn der Druck, der auf den Spielern lastet, immens ist.
Während des Spiels wird auf dem Videowürfel der Lärmpegel in der Arena gemessen: 107 Dezibel leuchtet es auf. Das entspricht dem Klatschen des Chinesen Zhang Quan, der das lauteste Klatschen eines einzelnen Menschen hat. 120 Dezibel ist übrigens die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs. Gehörschäden können schon bei kurzfristiger Einwirkung auftreten. Zum Vergleich: Die litauischen Fans (107 Dezibel) bewegen sich zwischen Presslufthammer/Diskothek (100 dB) und Kampfflugzeug (110-140 dB). Die Litauer sind beim Spiel gegen Serbien schon nah dran, mein Trommelfell zum Platzen zu bringen.

Danke für diesen unglaublich stimmungsvollen Basketballabend. Als neutraler Fan muss man einfach auf der Seite dieser sympathischen Mannschaft aus Litauen sein. Dieses kleine, bescheidene Volk hätte alleman einen Erfolg verdient.




von Crossover 30.05.2012 um 10:04:34
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