Europameisterschaft

EM-Blog 6: Auf nach Vilnius

In der sechsten Ausgabe des exklusiven EM-Blogs aus Litauen geht es um das letzte Gruppenspiel gegen Lettland, Witze von Dirk Bauermann, das Markenzeichen von Vilnius und die neue Unterkunft unseres Tagebuchschreibers Sebastian Finis.

Von Sebastian Finis
 07.09.2011 |

Der Medientreff im Spielerhotel fiel am Montag aus. Nach der Niederlage gegen Serbien war die Enttäuschung natürlich riesengroß. Wichtige Punkte für die Zwischenrunde blieben auf der Strecke.

Ich nutzte den freien Vormittag, um mir eine riesige Shopping-Mall, von denen es insgesamt vier allein in Siauliai gibt, anzuschauen. Aus den Schaufenstern prangten Fotos in Lebensgröße von litauischen Nationalspielern. Überall wurden die grünen Fan-Artikel der Mannschaft angepriesen. Am coolsten waren die grün-gelben Schuhe, mit denen das Team ausgestattet ist. In Bars liefen die Basketballspiele vom Vortag. In der Mall fühlte ich mich wie zuhause. Zuhauf wurden auch deutsche Produkte verkauft, seien es Schuhe von Deichmann oder Schöfferhofer-Hefeweizen. Letzteres nahm ich mit, damit meine Gastgeber mal ein echtes Hefe probieren können (mit einem Schuss Bananensaft dazu).

Beim ersten Spiel am Montag bekam ich meine erste Overtime bei dieser EM zu sehen. Ein Freiwurf markierte den Unterschied für den Sieg Israels gegen Italien.

In Spiel zwei, Deutschland-Lettland, ging es für Nowitzki & Co. darum, sich den Frust nach der Serbienniederlage von der Seele zu schießen. Vor dem Spiel hatte Bauermann schon geplant, Nowitzki und Kaman im vierten Viertel nicht spielen zu lassen. Stattdessen ließ er die jungen Garde ran, bei denen der erfahrene Heiko Schaffartzik die Zügel in der Hand hatte und zur ersten Option in der Offensive gehörte. Seine zwei frechen Dreier kurz vor Schluss waren der Hammer! Der Einpunkt-Erfolg über die Letten, welche die jüngste Mannschaft des Turniers stellten, sollte für die anstehende Partie gegen Spanien Selbstvertrauen geben.

Auf der anschließenden Pressekonferenz ließ es sich Bauermann nicht nehmen, einen Scherz zu reißen. Die Pressekonferenz leitete dieses Mal eine Frau und nicht der Mann vom Vortag, der peinlicherweise die Namen von Dusan Ivkovic und Dusko Ivanovic verwechselte. Bauermann: „Durch seinen Versprecher wurde der Mann gefeuert und mit dieser wunderschönen Frau ersetzt", sagte er einleitend vor versammelter Journalistengilde und laufenden Kameras, bevor er ein Loblied über Heiko Schaffartzik sang.

Spiel drei Frankreich vs. Serbien war das bislang beste dieser EM. Spannend bis zum Schluss kämpften die beiden bis dato ungeschlagenen Teams um den Gruppensieg. Ein Spiel, was eigentlich zwei Sieger verdiente hätte. Zwei Verlängerungen an einem Tag, auch nicht schlecht ...

Die erste Woche in Siauliai war großartig. Die Volunteers haben einen hervorragenden Job gemacht, standen immer für Fragen zur Verfügung und haben sich um alles gekümmert. Vor dem Zubettgehen, nahm ich Abschied von Edita und Vytautas, die die ganze Woche sehr gastfreundlich waren. Im nächsten Jahr werden sie mich in Berlin besuchen. Meine Couch wartet schon.

Am Tag darauf, Dienstag um 11 Uhr, fuhr ein Shuttle-Reisebus für die Medienleute nach Vilnius. Die deutsche Nationalmannschaft war bereits 10.30 Uhr aufgebrochen. Wir fuhren zunächst über ewig lange Baustellen – unzumutbare Straßenverhältnisse. Einen BMW oder Benz sollte man hier nicht fahren. Der Unterboden wäre nach einer Woche des Fahrens auf litauischen Straßen aufgekratzt wie ein gepflügtes Blumenbeet. Zum Glück wurde die Fahrbahn später besser. Die Fahrt dauerte ca. drei Stunden.

Als wir in die Hauptstadt Litauens hineinfuhren, hatte ich zunächst das Gefühl wieder in Siauliai oder Berlin-Marzahn zu sein. Neubaubetonklötze weit und breit. Je tiefer wir jedoch in Vilnius eindrangen, desto schöner wurde die Stadt. Nicht umsonst gehört die Altstadt seit 2009 zum Unesco-Weltkulturerbe. Kurz nach der Ankunft am Medienhotel gab es für die Journalisten und Fotografen eine geführte Tour zu Fuß durch die Altstadt. Wir waren zu fünft. Es regnete die ganze Zeit in Strömen. Der Schönheit der Altstadt tat das jedoch keinen Abbruch. Kirchen weit und breit. Es heißt hier: „Wenn du nicht alle fünf Minuten eine Kirche siehst, bist du nicht mehr in Vilnius.“ Dem kann ich zustimmen, zumindest was die Altstadt betrifft. Das Stadtbild ist geprägt durch Häuserfassaden, die noch vor dem 1. Weltkrieg gebaut wurden. Vilnius hatte Glück, blieb es von den Bomben des 2. Weltkrieges zum großen Teil verschont. Dazu gibt es enge Gassen kreuz und quer. Vilnius ist keine Stadt, die wie ein Gitternetz geplant wurde, sondern auf natürliche Weise entstand. Die Einwohner von Vilnius bestehen zu 66 Prozent aus Litauern, 18 Prozent Polen und 16 Prozent Russen.

Nach der Tour bin ich mit dem Bus zu meiner neuen Unterkunft gefahren. Dort wartete meine Couchsurfing-Gastgeberin Zydrone auf mich. Ihr Spitzname ist Zydre, was übersetzt „blau“ bedeutet. Zydre ist 1,55 Meter groß, 36 Jahre alt, wohnt an der Grenze zur Altstadt direkt gegenüber der einzigen Synagoge von Vilnius in einer Maisonette-Wohnung, arbeitet selbstständig, indem sie Trips nach Südamerika für Litauer organisiert und an diesen als Reiseleiterin teilnimmt. Sie lebt also im Wechsel ein paar Monate in Vilnius und dann ein paar Monate in Südamerika. Auch als Journalistin und im PR-Bereich war sie schon aktiv.

Nach dem Kennenlernen sind wir in eine urige Bar gegangen, wo es traditionelles litauisches Essen gab. Aus guter Vorerfahrung wählte ich wieder den „Zeppelin“ (Kartoffelkloß mit Fleischfüllung). Als Vorspeise probierte ich eine Suppe, die in einem ausgehöhltem Laib Brot serviert wurde. Dazu tranken wir Bier – typisch litauisch halt. Hier in Vilnius kommt schon viel eher das Gefühl auf, dass mit der EM etwas sehr Besonderes im Land im Gange ist.



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von Crossover 30.05.2012 um 10:04:31


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