Europameisterschaft

EM-Blog 10: Lasst die Netze dran

In seinem letzten Eurobasket-Blog berichtet Sebastian Finis von der Endrunde und dem hochklassigen Finale zwischen Spanien und Frankreich. Außerdem blickt er auf das U18-Allstar-Game mit dem Deutschen Bogdan Radosavljevic zurück.

Von Sebastian Finis
 19.09.2011 |

Kaunas: Freitag, 16. September 2011. Bis zum alltäglichen Gang in die Halle spazierte ich durch Kaunas und war auf der Spur zum Ursprung der Stadt. Das ehemalige Handelszentrum zwischen Russland und Westeuropa entstand an dem Zusammenfluss der beiden Flüsse Neris und Nemunas. Durch die Wasserstraßen war Kaunas hervorragend für Händler erreichbar. Schon im 4. Jahrhundert gab es an der strategisch günstigen Stelle zwischen den beiden Flüssen die erste Siedlung. Von dort ließ ich mich flussaufwärts zur Kauno Arena treiben, wo Griechenland um Center Ioannis Bourousis (27 Punkte), Serbien auseinandernahm und sich so den letzten Platz für das Olympia-Qualifikationsturnier ergatterte. Anschließend ging es um Edelmetall zwischen den letzten vier verbliebenen Teams.

Vom Papier her war die erste Halbfinal-Begegnung zwischen Spanien und Mazedonien im Vorhinein eine klare Sache. Aber wer hätte gedacht, dass der Zwei-Millionen-Zwergstaat des ehemaligen Jugoslawiens drei Viertel lang ein gleichwertiger Gegner sein würde? Die Mazedonier schnupperten an einer weiteren Sensation, bis die Spanier schließlich das Spiel im vierten Viertel kontrollierten und ihr Zehnpunktepolster über die Zeit retteten. Scharfschütze Juan Carlos Navarro war nicht zu halten, hatte bereits 29 Punkte nach den ersten 30 Minuten (35 insg.). Dem mazedonischen Team um Pero Antic (17 P, 9 R) und Bo McCalebb (25 P) gebührt allergrößter Respekt. Es überhaupt ins Halbfinale geschafft zu haben, ist unglaublich und markiert den größten Erfolg in der Sportgeschichte des Landes.

Frankreich war das erste Team, welches Russland in einem packenden Duell, nach 10-0-Siegen eine Niederlage zufügen konnte (79:71). Ärgerlich für die Russen, dass diese ausgerechnet im Halbfinale passierte. So kommt es nun am Sonntag zur Revanche zwischen Frankreich und Spanien, die in der Zwischenrunde bereits aufeinander trafen. Die Iberer gewannen die Partie deutlich, weil Frankreich, bereits fürs Viertelfinale qualifiziert, seine beiden Stars Tony Parker und Joakim Noah schonte.

Zuhause quatschte ich vor dem Schlafengehen noch mit meinem Couchsurfing-Gastgeber Martynas. Im vergangenen Monat ist er von Litauen bis zum Mont Blanc in Frankreich getrampt, durch Litauen, Polen, Tschechien, Österreich, Italien und Frankreich. Das Trampen ist in Litauen üblich. An den Autobahnauffahrten sieht man häufiger Leute, die den Daumen raushalten. Am Mont Blanc angekommen hat Martynas mit einem Kumpel den höchsten Berg der Alpen bestiegen, untrainiert wie er sagte.

Sonnabend, 17. September 2011. Ich war ab 12 Uhr in der Halle, um mir das U18-Allstar-Game anzuschauen, welches u. a. von Svetislav Pesic organisiert wurde. Die besten 24 Talente Europas aus den Jahrgängen 1993 und 1994 spielten gegeneinander. Als einziger deutscher Vertreter war der 2,13-Meter-Center Bogdan Radosavljevic mit dabei, der in der kommenden Saison bei Bayern München spielen wird. Bogdan machte ein gutes Spiel (8 Punkte, 8 Rebounds). MVP des Spiels Weiß gegen Blau (80:81) war der Pole Przemyslaw Karnowski. In der Halbzeitpause gab es einen Slamdunk-Contest, den Aufbauspieler Sergey Karassev, der Sohn der russischen Pointguard-Legende Vassili Karassev (u.a. Alba Berlin) gewann. Anschließend sprach ich mit Bogdan und Svetislav Pesic. 

Das Spiel um den siebten Platz (Slowenien-Serbien 72:68) schenkte ich mir. Beim Spiel um den fünften Platz zwischen Litauen und Griechenland (73:69) war ich wieder am Start in der Kauno Arena. Ein letztes Mal saugte ich die grandiose Stimmung der litauischen Fans auf. Dazu war es ein spannendes Duell. Schön, dass die litauische Mannschaft sich mit einem Sieg verabschieden konnte. Trotzdem hielt sich die Freude nach der Begegnung bei den Spielern in Grenzen. Zu groß ist die Enttäuschung über eine verpasste Medaille.

Martynas wollte übrigens während der gesamten EM nüchtern bleiben. Er trank keinen Tropfen Alkohol, statt wie alle anderen Litauer fünf, sechs Biere pro Spiel. Seine Begründung: "Ich will nicht zum Alkoholiker werden." Martynas war heute übrigens auch in einer Reality-Show im Fernsehen zu sehen, in der er sich eine von mehreren Frauen aussuchen konnte, also so etwas wie Tila Tequila auf MTV nur umgekehrt. Seine Auserwählte datete er anschließend bis vor kurzem noch im wahren Leben.

Sonntag, 18. September 2011. Martynas hat mir heute ein paar interessante Dinge in Kaunas gezeigt. Zunächst waren wir auf dem Dach einer Kirche, um über die gesamte Stadt zu blicken. Anschließend hat er mir die "alte" Halle von Zalgiris Kaunas gezeigt, die in der abgelaufenen Saison noch in Betrieb war, jetzt aber nicht mehr den Standards der Euroleague entspricht. Von außen betrachtet würde man nicht meinen, dass dort bis vor kurzem noch Spiele im höchsten europäischen Vereinswettbewerb ausgetragen wurden. Um ehrlich zu sein, sieht die Halle ganz schön schäbig aus.

Zalgiris-Dauerkarten-Inhaber Martynas wird die Halle, wie jeder Fan, jedoch vermissen. Die Kauno Arena ist ein anderes Kaliber, wo fortan die Zalgiris-Spiele ausgetragen werden. Der Umzug von der Max-Schmeling-Halle in die o2-World wurde damals ähnlich kritisch von den Alba-Fans beäugt. Danach führte mich Martynas zum Haus von Arvydas Sabonis, welches recht groß aber unscheinbar ist. Das Haus befindet sich direkt an der Straße in einem "Villen-Viertel", ist also alles andere als abgeschottet. Davor parkte ein Range Rover. Von dort sind wir zur Sabonis-Basketball-Schule gegangen, eine große Turnhalle mit orangenem Anstrich. Leider konnten wir keinen Blick hineinwerfen. An der Fassade der Halle prangte eine Riesenplakat mit der Aufschrift: "Orange Virus".

Während die zwölf Spieler der litauischen Nationalmannschaft allesamt Stars im Land sind, ist Arvydas Sabonis ein Volksheld in Litauen. Wenn er wollte, könnte er ohne zu zögern für das Präsidentenamt kandidieren und jeder würde ihn wählen. Sabonis ist derzeit in verschiedenen Geschäften involviert. Er ist Eigentümer einer Firma, die Plastikfenster herstellt. Seine Frau leitet eine Reinigungsfirma für Kleidung. Sabonis war zudem Eigentümer von Zalgiris Kaunas, jetzt besitzt er nur noch Anteile von ca. zehn Prozent. An der Ostsee betreibt der mehrfache Familienvater ein Hotel und ein Restaurant. Außerdem besitzt er an der Küste mehrere Eigentumshäuser. Auch in der Modebranche wird der ehemalige Portland Trail Blazer jetzt aktiv. Demnächst wird Sabonis sein eigenes Label auf den Markt bringen: "2020" soll es heißen (in Anspielung auf seine Größe).

Am Nachmittag ging ich das letzte Mal in die Arena. Das kleine Finale, also das Spiel um Platz drei zwischen Mazedonien und Russland, durfte Robert Lottermoser pfeifen, sein zehntes Spiel bei diesem EM-Turnier. Der Beko BBL-Top-Schiedsrichter war der letzte verbliebene aktive deutsche Vertreter in der Endrunde in Kaunas. Nach dem Euroleague-Finale im Mai dieses Jahres war das Spiel um die Bronzemedaille ein weiterer Erfolg in seiner steilen Karriere. Das Spiel war sehr spannend, die Mazedonier, angeführt von Bo McCalebb (22 Punkte), bestätigten, dass sie zurecht so weit gekommen sind. Leider waren sie der Großmacht aus Russland knapp unterlegen (68:72).

Im Finale trafen sich mit Spanien und Frankreich die zwei stärksten Teams des Turniers. Das muss man neidlos anerkennen. Während die Franzosen in der Zwischenrunde das Duell gegen die Iberer noch kampflos abschenkten (69:96), weil Parker und Noah für die Endrunde geschont wurden, machten sie im Finale ernst. Allerdings hatten die Spanier fast das ganze Spiel unter Kontrolle, spätestens nach dem ersten Viertel. Ihren Vorsprung gaben sie nicht mehr her. Zwar waren viele Emotionen im Spiel und ein paar spektakuläre Szenen zu bewundern, jedoch hätten sich beide Teams das vierte Viertel schenken können. Die Spanier führten die Franzosen vor, in ihrer typisch arroganten Spielweise - mal ein No-Look-Pass hier, mal ein Alley-Oop-Versuch … Die Spanier haben es aufgrund ihrer Klasse eigentlich nicht nötig, ihre Gegner herabzuwürdigen, tun es aber trotzdem immer wieder.

Während des Spiels ertönten "LIE-TU-VA"-Rufe von den Rängen. Das grüne Herz lebte noch. Nach der Partie schnitten sich Rudy Fernandez und Sergio Llull beide Netzte ab, was von Pfiffen in der Kauno Arena begleitet wurde. Als wollten die Fans ihnen zurufen: "Lasst die Netze dran, das ist litauisches Eigentum!" Diebstahl!

Zum MVP des Turniers wurde Juan Carlos Navarro von den Journalisten gewählt. Der Shooting Guard hat die unglaublichsten Würfe im Seitwärtsfallen getroffen, doch von den Statistiken her, hätte es eigentlich Tony Parker werden müssen, der in allen wichtigen Kategorien (Punkte, Rebounds, Assists) besser war als Navarro. Ins All-Tournament-Team wurden Parker, Navarro, McCalebb, Andrei Kirilenko und Pau Gasol gewählt.

Mehr als 40 Spiele in 20 Tagen liegen jetzt hinter mir, ein echter Basketball-Marathon. Es war ein tolles Erlebnis, das ich nicht hätte missen wollen. In Slowenien in zwei Jahren werde ich bestimmt wieder am Start sein. Ich verabschiedete mich von meinem Couchsurfing-Gastgeber Martynas. Er hat mich die ganze Woche in seinem bequemen Bett schlafen lassen, während er auf die Couch im Wohnzimmer umgezogen ist. Dafür kann man eigentlich nicht dankbar genug sein. Auch meine anderen beiden Gastgeber, Edita und Vytautas in Siauliai sowie Zydre in Vilnius, waren ganz große Klasse. Ich hätte nicht gedacht, dass meine erste Couchsurfing-Erfahrung solch ein Erfolg werden würde. Ich bin begeistert.

Ab Morgen wird Martynas für eine ganze Woche kein warmes Wasser mehr haben, wie er an einem Aushang im Hausflur feststellen musste. Die Litauer sind Dinge wie diese gewohnt. Im Winter ist es auch keine Seltenheit, dass nicht richtig geheizt wird. Natürlich ärgert sich das bescheidene, sympathische Völkchen über so etwas, letztendlich wird es aber hingenommen. Die Deutschen wären bei Aussetzern wie diesen schon längst auf die Barrikaden gegangen.

Montag, 19. September 2011. Rückreise nach Berlin.



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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von xax 19.09.11 um 21:32:55


danke für die ganzen ebrichte, hat spass gemacht sie zu lesen, für meinen geschmack aber das nächste mal bitte weniger "drumherum".
aber insgesamt wirklich klasse. vieleicht sieht man sich ja in slowenien.



von king_handles 19.09.11 um 23:00:00


Vielen Dank für das viele drumherum!

Nur ein kleiner Schönheitsfehler: "Die Deutschen wären bei Aussetzern wie diesen schon längst auf die Barrikaden gegangen." Die Deutschen? Bevor hier jemand auf die Barrikaden geht, gibt es erstmal eine Analyse der Situation, ernsthafte Androhungen, eine Meinungsbild und dann die Entschädigung von 200Kronen.



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