Europameisterschaft
EM-Blog 1: Litauen, ein basketballverrücktes Land?
Sebastian Finis berichtet für CROSSOVER exklusiv aus Litauen. In seinem ersten Tagebucheintrag zur Eurobasket 2011 schreibt er über die Verbindung zwischen Lettland und Litauen, seine ersten Stunden im Baltikum und die Atmosphäre in der Halle.
Von Sebastian Finis |
01.09.2011 | |

30. August 2011: Reisetag
Um zwölf Uhr ging mein Flieger, eine alte Bombardier-Propeller-Maschine, von Berlin-Tegel gen Baltikum. Die lettische Hauptstadt Riga war mein Ziel. Nach zweieinhalb Stunden Aufenthalt sollte es von dort weiter mit dem Bus ins 150 Kilometer entfernte Siauliai gehen, wo die deutsche Basketballnationalmannschaft ihre Gruppenspiele austrägt.

Die Fahrt dorthin im öffentlichen Bus, der eigentlich ein Mini-Van war, war ein großes Abenteuer. Denn die Autobahn glich, bis zur litauischen Grenze, einer Ralley-Piste. Zwar bezeichnen die Litauer die Letten als ihre „Brüder“, aber in Sachen Infrastruktur scheinen sie nicht miteinander verwandt zu sein. Der Untergrund der Fahrbahn mit Sand und kleinen Kieselsteinen, bei dem ein Höchsttempo von 90 km/h erlaubt war, wäre für deutsche Straßenverhältnisse undenkbar. Ich hatte Angst, dass jeden Moment ein Reifen platzte. Unser Busfahrer unternahm zudem riskante Überholmanöver, bei denen mir jedes Mal der Atem stockte. Und das in der Abenddämmerung im Regen. Abrupte Bremsmanöver taten ihr Übriges. Die Gäste griffen verzweifelt nach ihren Gurten. Verkehrsregeln? Kennen die Balten offenbar nicht. Hier wird auch schon mal ein U-Turn an unerlaubter Stelle durchgeführt oder bei Rot die Ampel passiert.
In Litauen wurden die Straßen dann deutlich besser. Dennoch, Litauen ist aus deutscher Sicht sicher noch ein „Entwicklungsland“. Laut Reiseführer erhält ein Durchschnittsbürger hier 430 Euro pro Monat. Und das sei noch hoch gegriffen, wie ich später erfahren sollte.
Am Busbahnhof in Siauliai angekommen fuhr ich weiter mit dem Taxi zu meiner Unterkunft. Dem Taxifahrer mit Händen und Füßen verständlich zu machen, wo ich hin wollte und wie viel das kosten würde (hier spricht offenbar niemand Englisch), war kein leichtes Unterfangen. Die Taxifahrer machen hier während der EM übrigens das Geschäft ihres Lebens, verlangen doppelt so viel Geld wie zu normalen Zeiten.

Mein Ziel war die Straße „Architectu 38“, wo mich Edita Simkute mit ihrem Freund willkommen heißen würde und ich die nächsten sieben Tage übernachten kann. Via Couchsurfing habe ich die beiden kontaktiert. Wir haben uns weder zuvor gesehen noch gesprochen, sondern lediglich ein paar Mails hin und her geschrieben. Ich dachte mir, wenn schon Litauen, dann die ultimative kulturelle Erfahrung bei echten Einheimischen.
Der Taxifahrer schmiss mich also an angegebener Adresse vor einem Neubaublock raus, nur leider hatte der gesamte Block mit drei Hauseingängen die gleiche Nummer: nämlich 38. Wo wohnt jetzt Edita? Draußen an den Eingängen waren weder Namensschilder noch Klingeln.
Glücklicherweise kamen nach ein paar Minuten zwei Hausbewohner vorbei, die ich fragen konnte. Leider wussten die auch nicht, wo Edita wohnt. Weitere Minuten verstrichen, banges Warten, bis eine alte Frau mir endlich weiterhelfen konnte und mich in den richtigen Eingang lotste und zu Edita Simkute hochschickte. Für ordentlich Gesprächsstoff innerhalb der Hausgemeinde habe ich gesorgt. Da kann ich mir sicher sein, wie mir Edita später mitteilte. Nach einigen Stunden des Kennenlernens und einem leckeren litauischen Bier, fiel ich müde ins Bett. Schließlich war ich zehn Stunden von Tür zu Tür unterwegs.

31. August 2011: Der erste Spieltag, Deutschland vs. Israel
Meine Gastgeber waren schon auf Arbeit, als ich aufwachte. Ich machte mich zunächst mit dem Bus auf ins Stadtzentrum von Siauliai. Ich kann bislang noch nicht bestätigen, dass das basketballverrückte Litauen vollends vom EM-Fieber angesteckt ist. Edita und ihr Freund mögen Basketball nicht und auch in der 123.000-Einwohnerstadt hatte ich auch nicht das Gefühl, dass die Euphorie kurz vor dem Überschwappen ist. Nur ein paar Autos mit den üblichen, kleinen Fahnen an den Fenstern oder flaggenumhüllte Seitenspiegel verrieten, dass etwas Besonderes hier im Gange ist. Das Stadtinnere von Siauliai besteht aus einer Fußgängerzone. Ansonsten gibt es hier nicht viel Sehenswertes zu begutachten.

Um 12.45 Uhr veranstaltete der DBB nach dem Mittagessen eine inoffizielle Pressekonferenz im Mannschaftshotel der Spieler – ein 4-Sterne-Hotel direkt vor einer Tankstelle. Statt mir die PK anzutun, suchte ich das Einzelgespräch mit Heiko Schaffartzik, um ihn über die Gegebenheiten auszufragen: „Die Zimmer sind klein, aber sauber und das Essen ist solide“, sagte er mir. Begeisterung hört sich anders an.

Anschließend ging's in die „Siauliai Arena“ zu den anstehenden drei Spielen, die jeden Tag hier stattfinden werden. Den Auftakt machte Serbien gegen Italien, danach spielte Frankreich gegen Lettland. Mit den vielen NBA-Stars um Tony Parker & Co. war es zu Beginn schon sehr spannend. Die lettischen Fans waren ob des vermeintlichen „Heimvorteils“ klar in der Überzahl und bejubelten jeden Korb ihrer Schützlinge. Die Stimmung während des Lettland-Spiels war deutlich besser als in der Begegnung der Deutschen gegen Israel.

Leider waren die Hallen bei allen Spielen nur zur Hälfte gefüllt. Litauen, ich dachte du wärst ein basketballverrücktes Land?
Fotos: Nadine Fuhlrott




von Ana.Lyzer 01.09.11 um 23:29:13
Sehr schön geschrieben, mehr davon!
von EvgenyF 02.09.11 um 16:37:23
Die Meisten können sich bestimmt die Tickets nicht leisten. Wie teuer sind die Tickets den im Durchschnitt? Schade dass es mit der Basketballbegeisterung doch nicht so stimmt.