Basketball-WM
Klare Verhältnisse
Die Rollen in der Gruppe B scheinen schon vor dem WM-Start verteilt zu sein: Kroatien, Brasilien, Slowenien und die USA machen den Gruppensieg unter sich aus. Für die Mannschaften aus dem Iran und Tunesien bleibt nur eine WM-Teilnahme unter dem zweifelhaften Siegel: „offizieller Sparringspartner auf internationaler Bühne“.
Von Peter Bieg |
22.08.2010 | |
Brasilien: Samba unter den Brettern
Der zweimalige Weltmeister und amtierende Südamerikameister aus Brasilien (1959 und 1963) geht hochmotiviert in das Turnier und muss als Geheimfavorit auf den Titelgewinn gesehen werden. Nach einer harten Zeit – der achte Platz bei der WM 2002 war die beste Platzierung der vergangenen 16 Jahre – soll unter dem neuen Head Coach Ruben Magnano, der Argentinien zum Olympiasieg 2004 führte, jetzt auch der brasilianische Basketball neu erblühen.
Auf dem Weg zurück zu alter Stärke kann sich Magnano aus einem tiefen Kader bedienen und auf eine starke Mischung zwischen NBA- und Europa-Legionären zurückgreifen, die auf allen Positionen Gefahr ausstrahlen. Besonders gut besetzt sind die Südamerikaner dabei unter dem Korb, wo mit dem Arbeitstier Anderson Varejao (Center, 27 Jahre, 2,11 Meter, Cleveland Cavaliers) und Tiago Splitter (Center/Forward, 25 Jahre, 2,11 Meter, in der kommenden Saison bei den San Antonio Spurs) in der Offensive wie in der Verteidigung sehr profilierte Akteure auflaufen werden. Nene Hilario wird verletzungsbedingt nicht dabei sein. Stattdessen rückt J.P. Batista nach. Vor allem auf Splitter, den amtierenden MVP der spanischen ACB, sollten die Fans ein Auge werfen. Der Brasilianer mit den deutschen Wurzeln wird sich bei der WM ebenso auszeichnen können wie bei seinem NBA-Debüt im Herbst dieses Jahres.
Leandro Barbosa (Shooting Guard, 27 Jahre, 1,91 Meter, Toronto Raptors) und Marcelinho Huertas (Point Guard, 27 Jahre, 1,91 Meter, Point Guard, GMAC Bologna) werden die treibenden Kräfte auf den kleinen Positionen sein. Der pfeilschnelle Barbosa ist seit Jahren der Anführer seines Nationalteams und ein gefährlicher Scorer aus nahezu allen Distanzen. Auch Huertas, der sein Geld in Italien verdient, punktet aus allen Lagen und ist ebenso abgezockt wie erfahren.
Komplettiert von NBA-erfahrenen Spielern wie Marcus Vinicius (Small Forward, 26 Jahre, 2,03 Meter, Montegranaro) werden die kampfstarken Brasilianer vielleicht ein Wörtchen im Kampf um den Gruppensieg mitreden können.
Kroatien: Zurück im Dunstkreis der Weltspitze
Noch immer erinnert man sich in Kroatien mit Wehmut zurück an die Zeiten, als mit Toni Kukoc und Drazen Petrovic gleich zwei unglaublich talentierte NBA-Stars für ihr Heimatland auf dem Feld für Furore sorgten. Bei den Olympischen Spielen 1992 holten die Männer von der Adria die Silbermedaille, bei der einzigen WM-Teilnahme 1994 reichte es für Bronze. Nach mehr oder minder mageren Jahren meldeten sich die Kroaten mit einem sechsten Platz bei Olympia 2008 in Peking sowie einem weiteren sechsten Platz bei der Europameisterschaft 2009 zurück in der erweiterten Weltspitze und wollen jetzt weiter angreifen.
Dabei treten die Kroaten den Weg in die Türkei ohne einen einzigen NBA-Spieler an, können allerdings vor allem auf der Aufbauposition und unter dem Korb dennoch mit exzellenten Akteuren ins Feld ziehen. Bei der Auswahl seines Spielmachers hat Head Coach Josip Vrankovic mit Roko Ukic (Point Guard, 25 Jahre, 1,96 Meter, Fenerbahce Istanbul), Zoran Planinic (PG, 27 Jahre, 2,00 Meter, CSKA Moskau) und Marko Popovic (PG, 28 Jahre, 1,86 Meter, Unics Kazan) gleich drei gefährliche Optionen. Vor allem die NBA-erfahrenen Ukic und Planinic sind beide für ihre Position sehr groß, mit guter Übersicht ausgestattet und auch ordentliche Korbjäger.
Unter den Körben werden mit den hochtalentierten Stanko Barac (Center, 24 Jahre, 2,17 Meter, ohne Verein) und Ante Tomic (Center, 23 Jahre, 2,18 Meter, Real Madrid) zwei absolute „Funktürme“ auf die Layup-Versuche gegnerischer Guards warten. Vor allem auf Tomic sollten Fans ein Auge werfen. Mit einer für seine Körpergröße schier unglaublichen Beweglichkeit wird der Kroate so manchen Verteidiger schlichtweg überfordern. Mit Marko Banic (Forward/Center, 26 Jahre, 2,05 Meter, Bilbao) und Kresimir Loncar (Center, 27 Jahre, 2,10 Meter, Unics Kazan) stehen weitere harte Arbeiter bereit, wobei Banic die Führungsrolle übernehmen wird. Komplettiert wird die kroatische Mannschaft von Punktemaschine Marko Tomas (Small Forward, 25 Jahre, 2,02 Meter, Real Madrid), Shooter Bojan Bogdanovic (Shooting Guard, 21 Jahre, 2,01 Meter, Cibona Zagreb) und weiteren Ergänzungsspielern. Tomas und Bogdanovic sind an guten Tagen jederzeit dazu in der Lage, ein Spiel aus der Distanz zu entscheiden und vor allem von Tomas‘ Form wird es abhängen, wie weit es sein Team schaffen kann.
Läuft alles glatt, dürfte für die Kroaten erneut eine Platzierung unter den besten acht Mannschaften herausspringen. Für den ganz großen Wurf fehlen etwas mehr Erfahrung unter dem Korb und der ein oder andere Superstar.
Iran: Der große Hamed und die sieben Zwerge
Hamed Haddadi kennen seit den Olympischen Spielen in Peking nicht nur absolute Basketball-Insider: Der 2,18 Meter große Center aus dem Iran schaffte es, als einziger Olympionike ein Double-Double im Schnitt (16,6 PpG, 11,2 RpG) aufzulegen, Spielern wie Dwight Howard oder Pau Gasol gelang dies nicht. Daraufhin wurde der Riese von den Memphis Grizzlies unter Vertrag genommen, wo er sich bisher allerdings nicht durchsetzen konnte und nur auf Kurzeinsätze kam. Dennoch ist der 25-jährige somit der erste Iraner in der NBA und noch nicht am Ende seines Weges angekommen.
Während Haddadi durch seinen Auftritt bei Olympia den Weg zu Ruhm, Ehre und Reichtum einschlagen konnte, lässt sich über seine Teamkollegen aus Kleinasien nahezu nichts in Erfahrung bringen. Im Kader des amtierenden Asienmeisters stehen – abgesehen von Haddadi – ausschließlich Spieler, die in ihrem Heimatland aktiv sind. Beim Vorbereitungsturnier „Istanbul Cup“ kamen die Iraner in jedem Fall unter die Räder und konnten keines ihrer drei Spiele gegen starke Gegner gewinnen: Gegen Serbien (68:96), die Türkei (95:53) und Neuseeland (68:69) sprang kein Sieg heraus und der frisch zum Team gestoßene Haddadi spielte noch nicht in Topform. Im Spiel gegen die Serben machte allerdings sein Teamkollege Samad Nikkah von sich reden und erzielte starke 24 Punkte. Bezeichnenderweise existiert von diesem Spieler auf der offiziellen Turnier-Homepage zur WM kein Spielerprofil und er taucht auch nicht auf der Kaderliste seines Heimatlandes auf.
Für viele Spieler ist diese WM somit die Chance, es Superstar Haddadi nachzumachen, und sich auf die Merkzettel internationaler Spielerbeobachter zu bringen. Die Mannschaft aus dem Iran darf mit Fug und Recht als Wundertüte bezeichnet werden, auf die man sich schon jetzt freuen darf. Noch mehr würde man sich im Iran über das Erreichen des Achtelfinales freuen. Dies wäre in dieser Gruppe allerdings ebenfalls ein Wunder.
Tunesien: Wundertüte Nr. 2
Mit einer Menge harter Arbeit und vor allem der Durchsetzungsfähigkeit von Head Coach Adel Tlatli schaffte es die Mannschaft aus Tunesien, sich bei den Afrikameisterschaften 2009 die Bronzemedaille zu erkämpfen und sich erstmals für die Teilnahme an einer Basketball-WM zu qualifizieren. Dank der Überzeugungskraft Tlatlis wird der Spielbetrieb in Tunesiens höchster Spielklasse alle sechs Wochen unterbrochen, um Mini-Camps mit (potenziellen) Nationalspielern abzuhalten. Mithilfe großzügiger Unterstützung des tunesischen Sportverbandes wurden im Vorfeld der WM in der Türkei außerdem eine große Menge an Freundschafts- und Vorbereitungsspielen auf die Beine gestellt.
Das Spiel der Mannschaft wird dabei vor allem von zwei Männern geprägt: Head Coach Adel Tlatli und Shooting Guard Amine Rzig (Shooting Guard, 30 Jahre, 1,98 Meter, Stade Nabeulien). Tlatli bringt sein Team vor allem durch akribische Vorbereitung nach vorn und ist bei jedem größeren Basketball-Event auf dem Globus anzutreffen, um Gegner zu scouten und neue Erkenntnisse zu sammeln.
Seinen Guard Rzig hat der Trainer als „Herz der tunesischen Nationalmannschaft“ bezeichnet. Als tunesischer Topscorer bei den Asienmeisterschaften und Kapitän wird der vielseitige 30-Jährige der große Anführer seines Teams sein und eine Menge Verantwortung zu schultern haben.
Die Aufstellung der Tunesier ist selbst für hartgesottene Experten eine Wundertüte voller Unbekannter, wenngleich mit dem in Deutschland geborenen Ziyed Chennoufi (Small Forward, 21 Jahre, 2,02 Meter, EnBW Ludwigsburg) sogar ein Bundesligaspieler im Kader für die WM-Vorbereitung stand. Bis auf zwei weitere Ausnahmen spielen alle Akteure in der heimischen tunesischen Liga und können kaum beurteilt werden.
Sicher scheint zum jetzigen Zeitpunkt nur, dass allein die erstmalige WM-Qualifikation als großer Erfolg für Tunesien gewertet werden muss. In der leistungsstarken Gruppe B dürften den Nordafrikanern allerdings nur gegen die Mannschaft aus dem Iran realistische Siegchancen eingeräumt werden.
Slowenien: same procedure…
Bei den großen Turnieren der vergangenen Jahre war es stets die gleiche Leier: Gegner blickten mit großem Respekt auf die Mannschaftsaufstellung der Truppen aus Slowenien, doch auf dem Parkett konnten die hochtalentierten Teams nie die Erwartungen erfüllen.
Ob es auch bei der zweiten WM-Teilnahme wieder nichts mit der Erfüllung der eigenen, hohen Erwartungen wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Dass die Slowenen erneut ein ungemein tiefes und hoch veranlagtes Team an den Start schicken, steht bereits fest: Mit Center Primoz Brezec (30 Jahre, 2,13 Meter, Milwaukee Bucks), Point Guard Goran Dragic (24 Jahre, 1,90 Meter, Phoenix Suns) und Beno Udrih (Point Guard, 28 Jahre, 1,90 Meter, Sacramento Kings) stehen immerhin drei NBA-Spieler im Kader. Von Jaka Lakovic (Point Guard, 32 Jahre, 1,83 Meter, FC Barcelona), Mirza Begic (Center, 25 Jahre, 2,21 Meter, Zalgiris Kaunas) und den Routiniers Sani Becirovic (Shooting Guard, 29 Jahre, 1,95 Meter Olympija Ljubljana), Uros Slokar (Power Forward, 27 Jahre, 2,10 Meter, Montegranaro) und Bostjan Nachbar (Small Forward, 30 Jahre, 2,06 Meter, Efes Pilsen Istanbul) wird eine beeindruckende Rotation komplettiert. Vor allem die gute Mischung aus Europa- und NBA-erfahrenen Spielern macht die Slowenen gefährlich. Starke Außenschützen und Spieler mit Drang zum Korb sind ebenso vorhanden wie technisch gut ausgebildete, lange Center und sogar recht athletische Big Men.
Head Coach Memi Becirovic hat also die Qual der Wahl und vor allem bei der Besetzung der Spielmacherposition gab es bereits in der Vorbereitung die ersten Querelen: So gab es vor allem zwischen Sani Becirovic (dem Sohn des Cheftrainers), den NBA-Spielern Udrih und Dragic sowie dem europäischen Topspieler Lakovic immer wieder unterschiedliche Auffassungen über die optimale Ballverteilung im Backcourt. Trotz dieser Schwierigkeiten wurde vor einigen Wochen der „Stankovic Cup“ gewonnen, wo sich die Slowenen gegen Teams aus dem Iran, China und Australien durchsetzten.
Sollten es die Slowenen endlich schaffen, auch auf der größeren internationalen Bühne die Nerven zu bewahren und ihre Stärken zu nutzen, ist der erfahrenen und ausgeglichenen Mannschaft sogar der Sprung ins Halbfinale zuzutrauen. Versagen die Nerven erneut oder kommt es gar erneut zu teaminternen Querelen ist auch das Ausscheiden im Achtelfinale durchaus keine Überraschung.
USA: Der schnellste Donut der Welt
Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking holten sich die Jungs aus den Vereinigten Staaten in beeindruckender Manier den Titel. Bei der WM in der Türkei wird diese Mission deutlich schwieriger zu erfüllen sein: Kein einziger Goldmedaillengewinner von Peking ist im Kader; das gesamte „Redeem Team“ nimmt sich eine Auszeit oder hat die internationale Karriere - wie beispielsweise Jason Kidd - bereits beendet. Außerdem bleibt festzuhalten, dass in den USA noch immer der NBA-Champion der wahre „World Champion“ im Basketball ist und eine „offizielle“ FIBA-WM hier noch immer den Status einer Pflichtaufgabe innehat. Seit 1994 (Toronto) haben es die USA daher nicht mehr geschafft, diesen Titel zu holen, was auch – aber auf keinen Fall nur – an dem im Vergleich zu den Olympischen Spielen wesentlich geringeren Stellenwert des Turniers für US-Amerikaner liegt.
So galt es für Head Coach Mike Krzyzewski mit neuen und teils deutlich jüngeren Spielern eine Mannschaft zusammenzustellen, die dem Rest der Basketballwelt dennoch das Fürchten lehren soll. Das größte Problem ist dabei die riesige Lücke unter dem Korb, die der Trainer der Duke University stopfen muss: Ohne Dwight Howard (Auszeit) und durch die Absagen von Amar’e Stoudemire, David Lee, Robin und Brook Lopez, die sich mit Verletzungen herumplagen oder keine Freigabe erhielten, ist die Center-Position die Achillesferse in einer von Stars gespickten Truppe.
Tyson Chandler (2,16 Meter, Mavericks) ist der einzig verbliebene Center, der gemeinsam mit Lamar Odom (2,08 Meter, Lakers) die Zone beackern soll. Chandler wird gegnerischen Centern das Leben in der Verteidigung zwar sehr schwer machen und eine Menge Rebounds pflücken, in der Offensive ist er allerdings arg limitiert. Odoms Stärken liegen dagegen klar in der Offensive, wo er mit seiner Vielseitigkeit und Übersicht Akzente setzen wird. Ihm fehlen klassische Post-Moves und die Masse, um Spieler wie Marc Gasol oder Fran Vasquez aus Spanien in Schach halten zu können. Auch Kevin Love (2,08 Meter, Timberwolves) wird wohl einige Minuten auf der Fünf sehen.
Das Prunkstück der Mannschaft sind die Spieler auf den Aufbau- und Flügelpositionen: Mit Kevin Durant, Chauncey Billups, Derrick Rose, Rajon Rondo, Andre Iguodala, Rudy Gay oder auch Danny Granger hat Krzyzewski hier die Qual der Wahl und eine extrem starke Rotation zur Verfügung. Während NBA-Topscorer Durant wohl auch bei der Weltmeisterschaft in der Offensive kaum zu stoppen sein wird, bleibt es abzuwarten, wie weit es die USA tatsächlich schaffen.
Gelingt es den Amerikanern, hart zu verteidigen und das Spiel extrem schnell zu machen, wird es für jeden Gegner ganz schwer, sie zu schlagen.
Crossover-Tipp: Die USA werden Gruppensieger vor Brasilien und Slowenien.



von RUN & GUN 23.08.10 um 10:55:00
hmmm. die usa gruppensieger? ich weiss nicht so recht... da tipp ich eher auf slowenien. dass die slowenen das potenzial haben, ist unumstritten und im angesicht der tatsache, dass die slowenenstars langsam aber sicher ihren zenit überschreiten, werden sie sich zusammenreissen und eine entsprechend gute teamchemie beim turnier haben.
von nicoquanz 24.08.10 um 03:55:47
usa lockerer gruppensieg die slovenen werden wenn sie die usa schlagen können das erst in den k o spielen machen.........genauwie die kroaten.........werden aber sicherlich alles gute spiele außer wenn das kanonenfutter aus tunesien und dem iran dabei ist.
von Bob!!! 24.08.10 um 11:04:43
Klarer Gruppensieg für USA. Nicht zuletzt hat mich das Spiel gegen Spanien überzeugt. Da waren noch einige Schwächen zu sehen, aber die USA hat gezeigt (und das vor 'feindlicher' Kulisse), dass sie jedes noch so erfahrene und top besetzte europäische Team schlagen können.
von peterbieg 24.08.10 um 11:22:05
Ich glaube nicht, dass es so einfach wird, für die USA. Das Spiel gegen Spanien dürfte Selbstbewusstsein gegeben haben, auch wenn es am Ende eine knappe Kiste war. Schaffen es ihre Gegner, das Tempo zu verschleppen und die US-Boys ins Halbfeld zu zwingen, wird es spannend.
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