BEKO-Supercup
Mit Geduld nach Litauen
Am Wochenende zeigte sich die deutsche Nationalmannschaft erstmals in kompletter Besetzung und deutete an, was sie leisten kann. Beim Supercup in Bamberg sicherte sich das DBB-Team mit Dirk Nowitzki und Chris Kaman (Foto) den zweiten Platz. Dennoch gibt es noch einige Baustellen auf dem Weg nach Litauen.
Von Janine Engeleiter |
23.08.2011 | |
Treffen sich der Sommer und sämtliche Zeichen der deutschen KfZ-Landschaft in Bamberg vor der Arena, dann, dann ist es wieder soweit: Zeit für den Supercup und darüber hinaus: endlich wieder Zeit für Dirk Nowitzki im nationalen Trikot.
Doch so glorreich die letzte Saison für den NBA-Meister gelaufen ist, so häufig sein Name in jedem Land auf dem Globus genannt wurde, so heißt es nun auch mal, den Fokus verstellen, auch mal auf die anderen Spieler zu schwenken. Denn dass die deutsche Nationalmannschaft nicht nur ein Gesicht mit Nowitzki hat, bewies sie in den letzten beiden Jahren bei der EM in Polen und bei der WM in der Türkei.
Seit dem 16. August absolvierten Dirkules und sein amerikanischer Kollege Chris Kaman (Foto) zwei Trainingseinheiten und drei Spiele mit den Männern um Bundestrainer Dirk Bauermann. Nach diesem personellen Eingriff muss sich das Team erst noch finden. „Wir hatten uns“, erklärte Steffen Hamann die positive Folge des intensiven Trainingslagers auf Gran Canaria. „Doch diese Woche ist es wieder etwas anderes“, schiebt er leicht wehmütig hinterher.
Genau das ist der Punkt. Während die junge Generation in den letzten Jahren ohne die Spieler aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten auskamen und sich nun im dritten Trainingslager gegenüber- und beieinanderstanden, kehrten zwei individuelle Spielertypen zurück, die die junge, die unerfahrene Garde hauptsächlich vom Diesseits des Atlantiks kannte.
Am ersten Tag in Bamberg düpierte die junge Mannschaft der Griechen ohne deren Hauptfiguren wie Dimitris Diamantidis (Panathinaikos Athen), Sofoklis Schortsianitis (Maccabi Tel Aviv) oder Vassilis Spanoulis (Olympiakos Piräus) die Türkei (62:38).
Doch erst als es um den großen blonden Hauptakteur ging, füllte sich die Halle. Mit ihren bunten Kameras drängten sich viele Zuschauer um das abgesperrte Parkett; sie warteten auf den Champion, während sich die Spieler aufwärmten. Dieser ließ sich aber vorerst nicht blicken. Einzelne Fotos schossen die Schaulustigen indes von den degradierten Randfiguren im Deutschlandtrikot. Erst als das Team nach einer kurzen Besprechung aus dem Katakomben ins Licht kam, schossen die Blitzlichter auf Nowitzki nieder. Abschließend nahm der sonst eher kamerascheue Profi die letzten Würfe auf dem leeren Feld, dann erst ging er zur Bank für die letzten Anweisungen vor dem Anpfiff – sein tägliches Ritual.
Alt vor jung – die jungen Wilden halten sich zurück
Der Auftakt des Spiels gegen Belgien (71:65) schien in der ersten Minute gelungen: Punkte von Tibor Pleiß, von Robing Benzing, von Dirk Nowitzki. Eine gute personelle Mischung, in der die langen Positionen aufgrund des stärker forcierten Innenspiels zur Geltung kamen. Im weiteren Verlauf wurde aber deutlich, dass die jüngeren Spieler offensiv weniger agierten und der Ansage Bauermanns folgten. Im Vorfeld zum Supercup sprach sich dieser für drei von vier Angriffen über die NBA-Spieler aus, aber die Big Man wirkten solide wie wankende Leuchttürme. Die gemeinsame Defense auf den Außenpositionen rotierte zudem nicht schnell genug, wie Jan Jagla nach dem Spiel zugeben musste - ein Problem, dass sich gegen die Griechen am zweiten Tag besonders, gegen die Türken am Sonntag geringer festigte. Es seien „viele Sachen, die ausbaufähig sind“, verantwortlich gewesen, ergänzte Jagla.
Bestrafung fanden diese Aspekte in der Niederlage gegen die Griechen (56:69), die, wie Dirk Bauermann es nannte, einen „fast perfekten, mannschaftlich geprägten Basketball“ gespielt hätten. Vor allem die Ballverluste, die vergebenen Würfe, die Absprachefehler konnte eine harmonierende Mannschaft mit individuellen Qualitäten wie die der Griechen mehr als ein belgisches Team für sich nutzen. Mit Kampfgeist versuchten die Deutschen dagegen zu halten, wobei Lucca Staiger aus dem Feld sprang, um in der kontaktlosen Flugphase den Ball souverän wieder ins Feld zu werfen - einer seiner speziellen Jobs.
Da die gute Form im deutschen Team erst noch gefunden werden muss, probierte Bauermann verschiedene Konstellationen auf dem Feld aus. Mal waren es die jungen Spieler, mal waren es beide NBA-Akteure, dann wieder zwei Point Guards (Heiko Schaffartzik, Per Günther), die das Spiel gestalteten. Somit testete der Bundestrainer seine variablen Möglichkeiten aus. Damit bewies er abermals, dass er dabei quer denkt. Er kombiniert den europäisch und amerikanisch geprägten Stil, um die individuellen Stärken zu fördern. Schließlich verfüge das Team über „zwei der besten Eins-gegen-Eins-Spieler der Welt“.
Das gut auf sich eingespielte Team der neuen Generation bleibt dabei hinter den Schranken, die sich für die offensiven Optionen öffnen. „Die jungen Spieler kommen noch nicht damit zurecht“, machte Steffen Hamann verständlich. Aber auch die beiden Riesen müssten erst die Spiel- und Bewegungsweise der anderen kennenlernen und das ließe sich nicht in einigen Tagen ermöglichen. Dem pflichtete Bauermann nach dem Spiel gegen Griechenland bei. „Wir brauchen Zeit. Spannend wird es in zehn Tagen bei der EM“, wiederholte er im Verlauf des Viernationenturniers.
Luft nach oben statt nach unten
Einen leichten Trend konnten die 6.800 Zuschauer in der Arena und die Fernseh- bzw. Livestream-Nutzer im Spiel gegen die Türkei (64:52) beobachten. Der holprige Start mit Fehlwürfen von Kaman, einem erschöpften Nowitzki und einem überforderten Hamann, der in der dichten Zone nicht konsequent penetrierte und noch vergeblicher passte, konnte durch die eingewechselten Spieler kompensiert werden.
So bewies Heiko Schaffartzik beispielsweise, dass seine unorthodoxe Spielweise mit dem guten Auge für den freien Mann der Mannschaft besser half. Philipp Schwethelm konnte auf seine jugendliche Erfahrung als Aufbauspieler aufbauen. Dazu riet ihm Bauermann schon letztes Jahr und sprach die individuelle Förderung bei Doug Spradley in Bremerhaven an. Überraschend entschloss sich Bauermann am Sonntagvormittag in Absprache mit seinen Assistenztrainern Hansi Gnad und Stephan Baeck, Per Günther und Konrad Wysocki aus dem Kader zu streichen. Zu den finalen Entscheidungen erläuerte er, aufgrund der europäischen Konkurrenz sei einen größerer Point Guard in Schwethelm angemessen. Wysocki hätte die Konkurrenz innerhalb der Mannschaft nicht überwinden können.
Auf dem Spielfeld half der Rückkehrer Johannes Herber dem zwischenzeitlich dirigierenden neuen Bayern-Spieler Schwethelm wie auch schon beim Turnier in Izmir. Herber trat bisher nur wenig in Erscheinung. Auf dem Blatt sieht es aus, als würde er nichts tun. Im Spiel gegen Griechenland nahm er den ersten Wurf und traf für drei Punkte. Die beiden vergebenen Korbleger und der Airball gegen die Türkei wurmten ihn. Wer genau hinsieht, erkennt, wie er sprintet, harte Blöcke stellt, das Spiel liest und geduldig ist. Fertigkeiten, die der Bundestrainer schätzt. Schon nach der Bekanntgabe des großen Kaders vor einigen Wochen lobte er Herbers Spielintelligenz. Bei der EM 2007 war dieser noch ein entscheidender Faktor für die olympische Qualifikation.
Gegen Ömer Asik (Chicago Bulls), Hidayet Türkoglu (Orlando Magic) und dem türkischen Talent Enes Kanter (Utah Jazz) schränkte Tibor Pleiß seine physische Unterlegenheit wie gegen die Griechen (1/5 FG, 3) ein. Wenige Würfe (1/3 FG) und Rebounds (2), dafür waren zu langsame Schritte im Pick and Roll mit Schaffartzik von ihm zu sehen. Dass die Türken gegen Deutschland besonders motiviert und defensivstark waren, musste auch Nowitzki erfahren. Verschwitzt und völlig erschöpft nahm er nach etwa sieben gespielten Minuten das Handtuch von Teambetreuer Eicke Marx entgegen, um es sich wiederum von ihm über die Schultern legen zu lassen. Kaman spendierte dazu den Eisbeutel im Nacken. „Overheated“, beklagte der Kavalier der Clippers schon am ersten Tag die schwüle Hitze in der Halle.
Am Ende des Spiels brachte Sven Schultze nicht nur Energie, sondern auch 100 Prozent (4/4 FG) von der Bank ein. Das Publikum bejubelten den zuvor ausgebuhten Garanten für seine Leistung in einem knappen Spiel, das er mit elf Punkten drehte. „Der Coach weiß, was er an mir hat“, gab er nach dem Spiel an, um seinen Platz im Kader zu rechtfertigen.
Das weiß der Trainer auch von Tim Ohlbrecht, der seine fünf Krankheitstage noch nicht aufgeholt hatte, gegen die Türkei aber phasenweise demonstrierte, wozu er fähig ist (drei Rebounds, ein Block in acht Minuten). Ob ihn der trainingsintensive Sommer in den USA weitergebracht hat, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Er gehört zumindest zu den wenigen jungen Spielern, die sich nicht an Nowitzki gewöhnen müssen.
Jagla, der sich mit Antonis Fotsis beinahe einen hitzigen Kampf in der emotionalen Küche lieferte, muss wie die international unerfahrene Generation wieder hinter Nowitzki Platz nehmen. „Das, was die Jungs in 20 Minuten gemacht haben, müssen sie nun in vier machen“, erklärte Bauermann die Situation. Und dafür seien sie auch motiviert.
Sein Spruch des letzten Jahres dürfte abschließend nicht fehlen: „Das ist alles gar kein Beinbruch.“ Das Team könne immer einen dritten Punktelieferanten neben den NBA-Spielern hervorbringen – ob das nun Jagla, Schaffartzik oder Schultze sei. Zudem sollte Basketball-Deutschland nicht vergessen, dass das Team in einem Turnier reift. In diesem Jahr wohl mehr als zuvor.



von m-dubb 23.08.11 um 15:38:42
Ich hoffe, dass man bald mehr hier von dir lesen kann!
von bigboi9 23.08.11 um 17:19:32
Seh ich auch so! Schöner Artikel!