Albert-Schweitzer-Turnier
Der Windhund aus Zadar
Ob Tomislav Zubcic es in die NBA schaffen wird, steht in den Sternen. Dass er ein extremer Spieler ist, steht schon jetzt fest. Im Exklusiv-Interview spricht er über Helden, Einwürfe und Teamchemie.
Von Peter Bieg |
06.04.2008 | |
Als Tomislav Zubcic am Samstag, den 22. März 2008, das Spielfeld der Mannheimer MWS-Halle zum ersten Mal betritt, ist es vielleicht 13.30 Uhr. Die Mannschaften aus Argentinien und Kroatien beginnen mit dem Aufwärmen für ihren ersten Auftritt beim 24. Albert-Schweitzer-Turnier. Es geht um einen guten Start, Selbstvertrauen und darum, vielleicht erste individuelle Akzente setzen zu können.
Noch sind nicht viele Menschen in der modernen, hellen Halle am Herzogenriedpark. Das Spiel der deutschen Mannschaft am Abend und die davor stattfindende Eröffnungsfeier liegen noch in einiger zeitlicher Entfernung. Erste neugierige Mannheimer, treue mitgereiste Anhänger, zumeist Familienmitglieder, sind da. Ein Scout der Chigaco Bulls und auch die ersten Journalisten checken ein und machen sich mit den Gegebenheiten vertraut.
Tomislav Zubcic schafft es dennoch sofort, mich stutzig zu machen: Ist das wirklich dieser lange, dürre Kerl, der da unten die Dreier aus der Ecke in Serie einnetzt? Dieser blasse, dunkelblonde Junge kann so schnell und kontrolliert rennen? So gut kann dieser Typ, der noch eben desinteressiert und schläfrig wirkend aus der Kabine schlurfte, mit dem Ball umgehen?
Noch bevor ich den ersten Sprungball erlebe, bin ich hellwach. Diesen Spieler muss ich im Auge behalten, nie zuvor habe ich von ihm gehört. ?Mario Delas?, das war der einzige Name, der mir vertraut erschien, als ich mir den kroatischen Kader auf dem Papier vor mir sah.
Aber Tomislav Zubcic? Nie gehört. Als Geburtsjahr wird im offiziellen Programmheft 1990 angegeben. Sein Heimatverein scheint Cibona Zagreb zu sein. Wenigstens diesen Namen kennt man ja. 2,10 Meter Körpergröße? Ja, das könnte hinkommen. Seine Position ist ?Forward / Center?? Das wundert mich nicht, denn ein ?echter? Center ist dieser Hänfling trotz der Länge von Körper und Armen bestimmt nicht.
Aus einem Spiel, was eigentlich auch für mich als Journalisten nur als ?Warmup? gedacht war, wird eine Studie ? die Niederlage der Kroaten in einer spannenden Schlussphase wird zur Randnotiz. Denn die ersten 34:48 Minuten Tomislav Zubcic live haben mich fasziniert und sollten die Entscheidungen, welche Spiele und Hallen in den nächsten Tagen zu besuchen sind, von diesem Zeitpunkt an nachhaltig beeindrucken.
Am Ende stehen 21 Punkte, acht Rebounds, vier Assists und drei Blocks für Zubcic zu Buche - beeindruckend. Gepaart allerdings mit sieben Ballverlusten und nur sieben von 16 getroffenen Würfen aus dem Feld - suboptimal. Dennoch bin ich geschockt: Selten habe ich einen so großen Spieler solch koordinierte und geschliffene Bewegungen ausführen, Sprungwürfe treffen und über das Feld rennen gesehen.
Mein erster Eindruck sollte mich nicht täuschen: Von Spiel zu Spiel bestätigte Zubcic seine gezeigte Leistung und wurde am Ende in die erste Fünf des Turniers gewählt.
Durchschnittlich kam er auf 14,33 Punkte, 9,5 Rebounds, 4,5 Assists, 1 Steal, und 4,33 Turnover pro Spiel. Im Schnitt stand er 26:42 Minuten auf dem Feld und warf unterirdische 38 Prozent aus dem Feld. Damit war er der fünfzehnbeste Scorer, drittbester Rebounder und Vorlagenverteiler des gesamten Turniers.
Am faszinierendsten ist die Tatsache, dass der junge Kroate jede Position auf dem Feld spielen kann ? mit 2,10 Meter Körpergröße. In kritischen Phasen und unter Druck war es zumeist Zubcic, der den Ball für die Kroaten über die Mittellinie trug und dabei lautstark Kommandos gab, um seine Mitspieler in die richtigen Positionen zu bringen. Sein Ballhandling ist gut und durch seine überdurchschnittliche Schnelligkeit hat er auch gegen gleich große Gegenspieler wenig Probleme. Oft hatte es den Anschein, dass Zubcic nicht mehr punkten wollte und sich stattdessen auf das Austeilen präziser Vorlagen versteifte. Seine Fähigkeiten, gepaart mit dieser Körperlänge machen ihn zu einem Mismatch-Albtraum für jeden Verteidiger.
Über kleinere, schnellere Gegner kann er mit seinem bereits recht soliden Jumper hinwegschießen oder sie bequem aufposten. Gleichgroße Gegenspieler schafften es nur selten in der Verteidigung vor ihm zu bleiben, da er stets Vorteile in Sachen Geschwindigkeit und Ballbehandlung hatte. Auch Zubcic? erster Schritt ist gut, wobei er unter dem Korb zu selten per Dunking abzuschließen versuchte, dadurch allerdings bisweilen mit sehr eleganten Fingerrolls für Begeisterung sorgte.
Wie bereits angedeutet, kamen seine Fähigkeiten als Scorer ohnehin nicht voll zur Geltung, da er als Aufbauspieler eingesetzt wurde. Zubcic ist gut darin, den Ball aus dem Double-Team heraus zu passen und zu schützen. Die Erfahrungen aus dem Training mit den Profis von Cibona Zagreb zahlen sich hier aus. Bekommt Zubcic den Ball auf dem Flügel, so beugt er seinen Oberköper extrem weit vor, um den Ball unter seinem Oberkörper hin- und herschwingen zu können. Verteidiger haben es dadurch extrem schwer, an den Ball zu gelangen. Seine Ballverluste sind nahezu allesamt Resultat von unnötig schwierigen Pässen und schlechtem Timing, vor allem bei Einwürfen (siehe Interview).
Unter dem Brett räumt er dank langer Arme und - für einen Europäer - guter Sprungkraft sehr viele Rebounds ab, obwohl er mit Delas und Radosevic von zwei ebenfalls starken Reboundern unterstützt wurde. Seine Verteidigung gegen große, schwere Gegner im Post könnte besser sein, da sich hier vor allem seine leichte ?Hühnerbrust? negativ bemerkbar macht. Seine miese Feldwurfquote resultiert aus der großen Verantwortung in engen Situationen, die Zubcic zu tragen hatte: Lief die Wurfuhr herunter, bekam er den Ball. War das Spiel eng, bekam er den Ball. Zwar wird auch sein Sprungwurf noch besser und vor allem aus der Distanz noch arg konstanter werden können, aber auch als Werfer stellt ein solch großer Spieler immer eine spezielle Bedrohung dar.
Sehr positiv bleibt auch Zubcic? Auftreten in Erinnerung: Stets motivierte und unterstütze er seine Mitspieler, forderte Ball und Verantwortung, kommunizierte ruhig und freundlich mit den Unparteiischen. Für einen Teenager ist er bereits sehr abgebrüht und beherrscht, was nur von Vorteil sein kann. Als Leader seiner Mannschaft hatte er viel Last zu tragen und haderte teilweise mit sich selbst. Aber den Spaß an der Sache verlor er in keinem einzigen Spiel.
Besonders eine Szene bleibt in Erinnerung: Zum Abschluss der Vorrunde gewann Kroatien mühelos gegen Neuseeland und mit Robert Rikic (BC Dubrovnik) wurde ein Spieler eingewechselt, der zwar stattliche 2,15 Meter misst, allerdings auch erst vor neun Monaten mit dem Basketballspielen begonnen hat. Seine Mitspieler feierten bereits diese Einwechslung eine Minute vor Spielende mit Standing Ovations.
Doch das größte Geschenk machte dem jungen Rikic Tomislav Zubcic persönlich: Im ersten Angriff nach Rikics Einwechslung erhält Zubcic den Ball auf dem rechten Flügel, Rikic steht am linken Zonenrand unter dem Korb. Zubcic lässt beide Seiten räumen und sich die restlichen Spieler hinter der Dreipunkte-Linie verteilen. Dann zieht er mit voller Wucht zum Korb, zieht ein Double-Team und steckt auf den vollkommen freien Rikic durch. Ein Dunking begeistert die Zuschauer ? und Rikic erzielt seinen einzigen Korb während des gesamten Turniers. Zubcic gratuliert ihm und läuft mit einem Augenzwinkern in Richtung Coach in die Verteidigung zurück.
Während der Zwischenrunde hatten wir Gelegenheit, in einem entspannten Gespräch mit Tomislav über seinen Werdegang, seine Pläne und lästige Dinge wie Schule zu sprechen.



von carnage 06.04.08 um 10:16:45
Super Artikel
Eure Berichterstattung über dieses Turnier war grandios.
Sich dann auch noch die Zeit zu nehmen und ein großes Talent zu interviewen hat Klasse
von sasacrocop 06.04.08 um 20:42:45
Klasse Artikel, Sehr schön zu lesen
von u_s_man 06.04.08 um 21:35:26
komisch irgendwie musste ich bei dem artikel die ganze zeit an toni kukoc denken
von TFX 07.04.08 um 09:26:32
großes Lob auch von mir : tolle Berichterstattung über das ganze Turnier. Konnte trotz Abwesenheit dank der Berichte mit Leuten die dort waren fachsimpeln.......
von peterbieg 07.04.08 um 09:35:46
@u_s_man
So falsch sind diese Assoziationen nicht. Kukoc war einer der ersten Spieler, die mir für einen möglichen Vergleich einfielen. Aber soweit ist der gute noch nicht.
von tight 09.04.08 um 18:38:13
Der Jung sollte zusehen das er auf ein College kommt,ein paar Kilo Muskelmasse aufbauen und dann sehen wir ihn vielleicht 2010 im Draft.Oder irgendein NBA Team hat jetzt schon mal ein paar Millionen nach Zagreb überwiesen...für die Zukunft ,man weiss ja nie...Scheint ja sehr gute Vorraussetzungen zu haben der Tomislav.
von peterbieg 09.04.08 um 21:10:33
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gute ein College besuchen wird. Abgesehen davon, dass von diesem Weg (was die besten Europäer betrifft) immer mehr abgewichen wird, hat er in Sachen Grundausbildung nichts, was einen College-Besuch nahe legt. Viel wichtiger wird es sein, Muskeln aufzubauen und vor allem muss er lernen, dominieren zu wollen und sein Talent nicht nur durch Extra-Pässe zur Schau stellen.