Nachwuchsspieler

Wolfsbrüder

Enosch und Julius Wolf sind das erfolgreichste Brüderpaar, das derzeit in der deutschen Basketballszene zu finden ist. Während Enosch in seinem ersten Jahr prompt den NCAA-Titel mit den Connecticut Huskies einheimste, feierte der jüngere Wolf, Julius, mit der berühmten Urspringschule einen Erfolg nach dem anderen. CROSSOVER hat sich mit den beiden Vollblutbasketballern über Triumphe, Pläne und Geschwisterliebe unterhalten.

Von Peter Bieg
 09.06.2011 |

4,16 Meter messen Enosch und Julius Wolf gemeinsam und ähnlich beeindruckend, wie ihre Körperlänge, sind auch die Titel, die die Söhne basketballbegeisterter Eltern in diesem Jahr sammeln konnten: Julius (geboren am 26.01.1993, 2,01 Meter, Power Forward) gewann mit dem Team ALBA Urspring die Meisterschaft der NBBL und steuerte dazu mit 15,10 Punkten und 10,80 Rebounds im Schnitt einen Löwenanteil bei. Außerdem durfte er sich über den Aufstieg des Senioren-Teams aus Urspring/Ehingen freuen: als Meister der ProB setzte man sich auch in der anschließenden Relegation durch und geht somit in der kommenden Spielzeit in der zweithöchsten deutschen Spielklasse, der ProA, an den Start. Dort erhofft sich dann auch der 18-jährige Junioren-Nationalspieler Einsatzzeit, um mit einer Mischung aus erstaunlicher Abgeklärtheit, Rebound-Stärke und einem variablen Offensivspiel Akzente setzen zu dürfen.

Bruder Enosch (geboren am 18.10.1990, 2,15 Meter, Center) wird im Herbst in sein zweites Jahr an der renommierten University of Connecticut (UConn) starten, um dort mit den Huskies die Mission Titelverteidigung anzugehen. In seiner ersten Saison in den Staaten kam der Zwanzigjährige zwar nach einer verspäteten Saisonvorbereitung noch nicht recht in Tritt (3,7 Minuten Einsatzzeit pro Partie), ist deshalb aber umso motivierter, als „Sophomore“ die Rotation zu knacken und auch in den USA auf sich aufmerksam zu machen. Der technisch versierte Linkshänder muss vor allem in den Bereichen Athletik, Kraft und Schnelligkeit zulegen, um mit seiner Größe und einem soliden Schuss Akzente setzen zu können. Im Gegensatz zu seinem Bruder Julius flog Enosch Wolf in Deutschland bisher eher unter dem Radar.

Im Gespräch mit CROSSOVER berichten die Söhne des ehemaligen deutschen Nationalspielers Horst Wolf (Center) von ihren Anfängen, den vergangenen Spielzeiten und ihren Zielen für die Zukunft.

Fragen an Julius und Enosch Wolf:

CROSSOVER: Wann und wieso habt ihr mit Basketball angefangen und wie groß war der Einfluss Eurer Eltern (auch die Mutter der beiden „Wolfsbrüder“ spielte in der Bundesliga Basketball, Anm. d. Red.)darauf? Habt Ihr auch andere Sportarten ausprobiert oder direkt ausschließlich Basketball gespielt?

Julius: 1998 habe ich angefangen Basketball zu spielen. Wir waren grade nach Göttingen gezogen und unser Vater nahm Enosch und mich mit in die Halle, wo wir beim Training von Gleichaltrigen zugucken sollten. Horst fragte uns dann, ob wir nicht auch mittrainieren wollen, aber wir wollten unbedingt, dass er unser Trainer wird. Kurze Zeit darauf war Horst dann unser Trainer. Dadurch dass uns unser Vater ja trainiert hat und unsere Mutter auch selber Basketball spielte, hatten die beiden also einen sehr großen Einfluss.

Anfangs habe ich nur Basketball gespielt. Nach ein paar Jahren hat mich mal ein Freund mit zum Fußballtraining genommen und von da an habe ich ein paar Jahre Fußball und Basketball gespielt, bis ich mich dann wieder vom Fußball getrennt habe. Aber ich habe nie aufgehört Basketball zu spielen.

Enosch: Wir haben beide 1998 angefangen, als wir nach Göttingen gezogen sind und unser Vater sich bereit erklärt hat, unsere Mannschaft zu coachen. Aktiv gab es eigentlich nie eine Beeinflussung im Sinne von das wir in die Richtung Basketball gedrängt wurden oder unsere Eltern unbedingt wollten, das wir Basketball spielen. Aber wir sind beide mit Basketball aufgewachsen und ich für meinen Teil habe meine ersten Schritte in der Ludwigsburger Rundsporthalle gemacht und mein erstes Wort war „Ball“. Es war einfach klar, dass wir Basketball spielen werden, man ist einfach damit aufgewachsen. Ich habe mal eine Pause gemacht mit Basketball, als ich circa 14 war und habe Fußball und Handball ausprobiert. Im Handball galt ich sogar auch als sehr talentiert.

Versteht Ihr Euch eher als Rivalen um den Titel „Bester Basketballer der Familie“ oder unterstützt Ihr euch gegenseitig? Wie ist Euer Verhältnis abseits von Basketball?

J: Ich würde sagen, dass dieser Titel noch immer meinem Dad gehört. Ich denke mal unter Geschwistern ist es üblich, dass man sich gegenseitig unterstützt.

E: Als wir jünger waren gab es sicherlich Rivalität, aber ich denke, das war alles im gesunden Rahmen unter aufwachsenden Brüdern. Jeder, der einen Bruder hat, weiß bestimmt wovon ich rede. Aber es ging nie wirklich darum, wer der bessere Basketballer ist. Wir unterstützen uns gegenseitig so viel wir können, was ein wenig schwierig ist, aufgrund der Distanz zwischen uns. Aber wir reden über Basketball und wichtige Entscheidungen so viel es geht und schätzen beide den Rat des anderen. Unser Verhältnis abseits vom Basketball ist auch super! Es ist ein wenig schade, dass sich unsere Wege so früh getrennt haben, durch Julius‘ Entscheidung, nach Urspring zu gehen. Da wir grade in die Phase kamen, wo wir richtig viel miteinander unternehmen konnten. Aber ich denke wir machen das Beste aus der Situation und sind immer füreinander da.

Bitte beschreibt Euch gegenseitig als Basketballspieler, aber auch als Charakter!

J: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander, was zwar durch die mehreren 1000km manchmal ein bisschen schwer ist, aber wir skypen ab und zu oder schreiben bei Facebook.

Enoschs Vorteile im Basketball sind natürlich seine Größe, aber auch die Gabe Linkshänder zu sein macht ihn stärker. Außerdem ist er ein sehr intelligenter Spieler, der das Spiel versteht und auch mal gerne den Ball weiter passt. Als Mensch ist Enosch ein cleverer, humorvoller junger Mann, der sich eigentlich immer mit allen gut versteht. Er versteht es mit dem minimalsten Aufwand das Maximale zu erreichen.

E: Ich sage immer, dass Julius ein Kevin Love in ein wenig kürzer ist. Er ist ein außergewöhnlicher Basketballspieler, der manchmal gar nicht weiß, wie gut er eigentlich ist oder sein kann. Außerdem ist er durch seine Einstellung und die Art und Weise, wie er die Dinge angeht, ein Vorbild und Führungsspieler in den Teams, in denen er spielt! Neben dem Basketball ist Julius eher der ruhigere, nach innen gekehrte Typ. Er hat eine sehr gute Einstellung und großen Ehrgeiz, nimmt sich Zeit, um seine Entscheidungen zu treffen und macht sein Ding! Ich könnte mir keinen besseren kleinen Bruder vorstellen!

Was sind Eure Ziele als Basketballer in den nächsten zwei bis drei Jahren?

J: Auf jeden Fall möchte ich im nächsten Jahr ein gutes Abitur hinlegen und in der ProA Erfahrungen sammeln. Mit der NBBL-Mannschaft müssen wir den Titel verteidigen und den Threepeat holen. Danach ist es noch offen, was ich mache.

E: Ich möchte nächste Saison fester Bestandteil der Rotation werden und mich im Team nach vorne arbeiten. Allgemein erhoffe ich mir für meine letzten drei Collegejahre einen Riesenfortschritt zu machen, um am Ende Basketball auf höchstem Niveau spielen zu können. Ein weiterer Collegetitel wäre natürlich auch sehr schön.
Wer berät Euch in sportlichen Belangen? Euer Vater?

J: In Sachen Basketball berät mich eigentlich meine ganze Familie, also Vater, Mutter und Bruder, aber auch meine Coaches in Urspring sagen mir, was möglich ist und wo sie meine Zukunft sehen.

E: Ja, definitiv unser Vater. Es gibt noch den ein oder anderen Freund, mit dem ich über wichtige basketballerische Entscheidungen rede, aber hauptsächlich ist es unser Vater.

Fragen an Enosch Wolf:

Was studierst Du in Connecticut?

Momentan noch nichts Konkretes, in USA läuft das Studium ein wenig anders. Man muss zuerst ein paar allgemeine Kurse belegen, um seinen GPA, zu vergleichen mit dem deutschen NC, hoch zu bekommen und kann sich dann damit für die einzelnen Studiengänge einschreiben. Ich werde aber höchstwahrscheinlich meinen Abschluss in Psychologie anstreben.

Wie gefällt es Dir bisher in UConn und war es rückblickend die richtige Wahl, dorthin zu gehen?

Es gefällt mir super, ich genieße das Leben in den USA und all die Möglichkeiten, die mir geboten werden. Meine Wahl hätte nicht besser ausfallen können!

Was sind Deine Eindrücke vom Campus-Leben auf einem renommierten amerikanischen College?

Zum Großteil sind die Eindrücke positiv. Die Leute sind alle super nett, Campusleben macht sehr viel Spaß. Ich bin ein Mensch, der gerne neue Leute kennenlernt, das ist auf so einem Campus wie in Storrs gar kein Problem. Das einzige Manko ist das amerikanische Essen. Nach einiger Zeit wird es relativ einseitig und man vermisst schon den Döner oder Omas Jägerschnitzel(lacht).

Deine erste Saison war sportlich mit gemischten Gefühlen verbunden: Einerseits wurdest Du mit den Huskies College-Champion, was bisher nur wenigen Deutschen gelang. Andererseits bekamst Du als Freshman nur sporadische Einsatzzeiten und scheinst die Rotation noch nicht geknackt zu haben. Wie hast Du die erste Spielzeit erlebt?

Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden. Es steht außer Frage, dass ich gerne mehr gespielt hätte und auch spielerisch mehr Teil des Erfolges gewesen wäre. Aber es ist eben wie es ist, ich war Freshman, bin spät zum Team dazu gestoßen, musste erst mal annähernd in Form kommen, da ich die Saisonvorbereitung ja komplett nicht mitgemacht habe. Aber ich bin stolz, Teil dieses Teams gewesen zu sein und kann es nicht abwarten, nächste Saison richtig anzugreifen und auch meinen Teil zum großen Ganzen bei zu tragen.

Was glaubst Du, wie sich Deine Rolle als Sophomore entwickeln wird und woran arbeitest Du derzeit besonders intensiv?

Ich glaube, dass ich eine feste Rolle übernehmen werde, ich habe noch gute fünf Monate Zeit, bis die Saison wieder beginnt und kann mich ab Montag wieder perfekt in den USA darauf vorbereiten. Ich arbeite eigentlich an allem, am wichtigsten sind allerdings Krafttraining und Kondition. Auf meinen Wurf lege ich persönlich auch viel Wert und nehme da meine extra Würfe. Sonst sind es normale Big-Guy-Workouts, die Offense und Defense beinhalten.

Stimmt die Geschichte, dass Du Dich gezielt mit eigens produzierten Youtoube-Videos bei den US-Colleges beworben hast?

Ja, ich habe mit einem Freund Highlight-Tapes zusammengeschnitten, aus Videoaufnahmen der Saison und diese an verschiedene Unis geschickt (siehe Videobeispiel).

Wie viele Unis haben darauf reagiert?

Einige, am Anfang waren es kleinere Namen, bis dann UConn als erstes großes College kam. Danach kamen Georgetown, Penn State, Georgia Tech und einige andere.

Hat es Dich überrascht, dass mit UConn gleich ein so bekanntes College reagiert hat?

Ja, ich war sehr überrascht, besonders als sie meinten, dass sie nach Deutschland geflogen kommen wollen, um mich zu besuchen und spielen zu sehen.

Wie kam der Kontakt mit den Huskies zustande?

Eine Mail plus Video, dann gab es Telefongespräche bis man sich dann in Deutschland getroffen hat.

Gab es einen Plan B, wenn es mit dem College nicht geklappt hätte?

Nicht wirklich, mir war klar, dass ich so oder so in die USA an ein College gehen werde. Es kam nur drauf an, auf was für einem Niveau.

Wie soll es nach UConn weitergehen?

Die NBA wäre der Traum, aber man weiß nie, was passiert. Ich gebe mein Bestes, um nach den vier Jahren College zu sehen, wo ich stehe. Dann wird entschieden, wie es weiter gehen soll.

Fragen an Julius Wolf:

Julius, wie zufrieden bist Du persönlich mit einer für Urspring überragenden Saison?

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung in der NBBL. Leider konnte ich mich diese Saison nicht in unserem ProB-Kader etablieren, aber ich hoffe, dass ich es jetzt in der kommenden Saison schaffe.

Seit wann bist Du auf dem Internat? Wann und wie fiel die Entscheidung, dass Du auf die Urspringschule gehst?

Ich bin jetzt mein drittes Jahr hier in Urspring. Die Entscheidung fiel im Sommer vor drei Jahren. Meine schulischen Leistungen waren nicht so gut und ich habe es grade so in die 10. Klasse geschafft. Meine Mutter meinte daraufhin, da in dem Jahr dann auch die Nationalmannschaft dazu kam, dass ich mich für eine Sache mehr oder weniger entscheiden muss, da Basketball und Schule in Göttingen nicht so gut miteinander zu verbinden sind, und schlug mir vor, auf ein Internat zu wechseln. Dann haben wir uns mal umgehört und erkundigt und es gab zwei Möglichkeiten für mich: entweder Braunschweig oder Urspring. Ich habe dann mal Kontakt zu Felix Engel aufgenommen, gegen den ich in der Jugend öfters gespielt habe, und habe ihn gefragt, wie er es so in Urspring findet. Außerdem hatte ich damals schon viel von Urspring gehört und dachte mir, wenn ich schon gehe, dann dahin wo es am besten ist. Also machten wir einen Termin für ein paar Probetage in Urspring aus. Nach den Probetagen wusste ich, dass ich nach Urspring will und so kam es ja dann auch.

Was ist das besondere an der Urspringschule, ihren Spielern und Coaches?

Das besondere an Urspring ist, dass wir eine große Familie sind, nicht nur die Basketballer, sondern auch die anderen Schüler, was man beim diesjährigen Final Four wieder gesehen hat, wo sie uns unterstützt haben. Du wirst ab dem ersten Tag in Urspring sofort gut aufgenommen und integriert, du bist sofort Teil der Familie. Dieses Familiengefühl macht uns meiner Meinung nach auch auf dem Spielfeld so stark. Wir kennen uns alle untereinander und wissen über die Stärken des anderen Bescheid. Wir leben miteinander und vertrauen uns völlig. Mit unseren Coaches haben wir alle ein lockeres Verhältnis, sie sind sozusagen unsere Daddys im Internat. Aber sie wissen auch, wann es Zeit ist hart durch zu greifen. Außerdem verbringen wir Weihnachten und Silvester meistens nicht zu Hause, da wir da in den USA sind, um uns mit Turnieren auf die zweite Saisonhälfte vorzubereiten. Wir sind über Jahre hinweg immer zusammen. Auch die Leute, die mal auf dem Internat waren, kommen regelmäßig zurück " nach Hause ". Und ich denke, das alles in einem ist einfach das, was uns so besonders macht. Deswegen auch „U1L“ - Urspring One Love!

Womit beschäftigst Du Dich, wenn Du gerade keinen Basketball spielst?

Wenn mal kein Basketball- oder Krafttraining auf dem Plan steht, unternehme ich was mit meiner Freundin oder chille mit den Jungs.

Du bist ein gutes Stück jünger als Dein Bruder. Wie lange musst Du noch zur Schule und was kommt danach? Hast auch vor, an ein College zu gehen?

Wie schon gesagt mache ich nächstes Jahr hoffentlich mein Abitur. Was ich danach machen möchte, bin ich noch am überlegen. Das mache ich von meiner Entwicklung abhängig, wie gut das Jahr jetzt für mich läuft.

In Deiner noch jungen Karriere hast Du bereits viele Höhepunkte erlebt (die U17-WM in Deutschland, das Albert-Schweitzer-Turnier, internationale Turniere mit Urspring und der Nationalmannschaft, Anm. d. Red.). Was war bisher am imposantesten?

Das ist schwer zu sagen, welches Ereignis am beeindruckendsten war. Das AST, wo wir vor 2000 Zuschauern Bronze geholt haben oder ob es die WM im eigenen Land war, wo wir uns gut verkauft haben und den amtierenden Europameister Spanien mit 10 Punkten besiegt haben. Aber auch die jährlichen USA-Reisen mit Urspring über Weihnachten und Neujahr sind etwas ganz besonderes, da wir Sachen erleben dürfen, von denen Leute in unserem Alter meist nur träumen. Das ist einfach beeindruckend.




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von Crossover 30.05.2012 um 09:32:51


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