Crossover Local
"Wir werden die Hallen rocken, Baby!!!"
Seit 15 Jahren findet in Stuttgart "Basketball um Mitternacht" statt. Das aus den USA übertragene Konzept ist ein voller Erfolg. Crossover sprach mit Hüseyin Tunc, dem Organisator der Veranstaltung, die große gesellschaftliche Bedeutung besitzt.
Von Christian Gerne |
07.11.2011 | |
Stuttgart Mitte. Es ist Freitagabend, 22 Uhr. Gewöhnlich lieg ich nach einer anstrengenden Woche um diese Zeit auf meinem Sofa, chille, zappe durchs mehr oder weniger ansprechende deutsche Fernsehprogramm oder bin schon fast am Eindösen. Nicht so heute!
Zu später Stunde ziehe ich mit meiner Sporttasche zwischen Stuttgarter Westen und Mitte in Richtung Tivoli-Halle. Vor der Halle stehen bereits einige Jugendliche in Baggy-Hosen, College-Jacken und mit Base-Caps, die sie tief ins Gesicht gezogen haben. Aus der Halle höre ich schon wenige Meter vor dem Eingang die ersten HipHop-Beats.
Es ist BUM-Time!
BUM steht für "Basketball um Mitternacht" und hat seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort wurden in den 1980er Jahren zahlreiche BUM-Projekte ins Leben gerufen, die Jugendliche von den Straßen der Städte in die Sporthallen holen sollten. Die Projekte waren äußerst erfolgreich und schon bald folgten tausende junger Menschen dem Ruf des orangenen Leders.
Die Idee hinter dem BUM ist recht einfach: Mittels Basketball wird versucht, sozialen Problemen von Jugendlichen wie Kriminalität, Armut, Drogenabhängigkeit und Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Natürlich kann der Sport allein die Probleme nicht lösen, aber er kann einen Beitrag zur gesellschaftlichen (Re-)Integration des Einzelnen leisten.
Der Sport bietet hierfür vielfältige Möglichkeiten. Er kann positiven Einfluss auf andere Lebensbereiche haben, hilft Aggressionen abzubauen, stärkt das Selbstvertrauen, schult Toleranz und Respekt gegenüber anderen und lehrt die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen.
1995 schwappte diese Welle auch nach Deutschland über. Die Fachbereichsleiterin für Jugend und Familie vom Bezirksamt Köln Kalk brachte die Idee des BUMs von einem Aufenthalt in den USA mit und wollte ein solches Projekt auch in Köln etablieren. Nach erfolgreichem Start in der Rheinmetropole folgte ein Jahr später Hamburg, das das Kölner Konzept ebenfalls erfolgreich kopierte.
Durch einen Fernsehbericht des WDR wurde der Stuttgarter Sportkreisvorsitzende Werner Schüle auf das Projekt aufmerksam und leitete wenig später die ersten Schritte zur Umsetzung ein. Mit Hilfe der Landeshauptstadt Stuttgart, der Polizei, die sich am Projekt im Rahmen der kommunalen Kriminalprävention beteiligt, und der Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit waren schnell Kooperationspartner für das Projekt gefunden.
Am 22. November 1996 um 22 Uhr startete das erste "Basketball um Mitternacht"-Turnier in Stuttgart. 1998 trat auch der Stuttgarter Jugendhaus e.V. als Unterstützer dem Projekt bei.
Heute, 15 Jahre später, hat das BUM nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im vierwöchigen Rhythmus treffen sich in den vier Stuttgarter Stadtbezirken Mitte, West, Zuffenhausen und Feuerbach Jugendliche und ältere Basketballbegeisterte zum gemeinsamen Basketball-Event.
Im Spielmodus 3-gegen-3 treten hier unter Streetballregeln Spieler unterschiedlicher Nationalitäten, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Spielstärke gegeneinander an. Vom Freizeitspieler bis zum Oberligisten, hier findet man sie alle.
Wer jetzt denkt, dass all dies eine explosive Mischung bildet, der täuscht sich. Obwohl Sportlehrer, Sportstudenten und auch ein Jugendsachbearbeiter der Polizei anwesend sind, regeln die Teams das eigentliche Spiel unter sich selbst. Einen Schiedsrichter gibt es nicht, lediglich einen Zeitnehmer, der auch die Punkte notiert. Den Rest machen die Spieler unter sich selbst aus. Ärger - ein Fremdwort -; beim BUM geht man respektvoll miteinander um und selbst nach heiß umkämpften Spielen gibt es danach ein freundliches Shake-Hands.
Auch ich als Basketball-Opa gehe immer noch gern aufs BUM, wenn es die Zeit zulässt. Was als Projekt für Jugendliche begann, ist längst zur generationenübergreifenden Veranstaltung geworden.
Einer, der diesen Wandel am eigenen Leib erlebt hat, ist Hüseyin Tunc. Während er in den Anfangsjahren noch selbst als Spieler am Turnier teilnahm, ist er mittlerweile Organisator der Turniere geworden. Crossover hatte die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen.
Crossover: 15 Jahre Basketball um Mitternacht in Stuttgart: Happy Birthday! Hättet ihr erwartet, dass das Projekt sich so etabliert?
Hüseyin Tunc: Das weiß man ja im Vorfeld nie so genau, aber wir haben versucht, der angesprochenen Zielgruppe ein interessantes Angebot zu machen, und wie es scheint, haben wir damit ins Schwarze getroffen. Vor 15 Jahren war ein solches Angebot um diese Uhrzeit in Stuttgart einzigartig und nur durch die Unterstützung der verschiedenen Partner, wie LHS Stuttgart, Sportkreis Stuttgart e.V., Polizei u.v.m. möglich.
Crossover: Wie ist es mit der Unterstützung durch die Stadt oder Sponsoren? So eine Turnierreihe kostet ja sicher auch ein paar Euro?
Hüseyin Tunc: BUM ist nur durch die finanzielle Unterstützung der Landeshauptstadt Stuttgart und den Förderverein "Sicheres und Sauberes Stuttgart" möglich. McDonalds unterstützt uns mit Sachpreisen.
Crossover: Würdest Du Dir mehr Unterstützung wünschen, z.B. aus der Wirtschaft oder in Form eines Fördervereins?
Hüseyin Tunc: Es wäre natürlich schön, wenn BUM durch größere Basketballmarken Unterstützung erhalten würde, in Form von Preisen, wie z.B. T-Shirts oder so. Unser langjähriger Sponsor ist McDonalds, von dem wir Gutscheine bekommen. Kurzfristig gibt es ab und zu andere Sponsoren, die aber immer wieder abspringen. Wer also gerne ein Projekt fördern möchte, welches sich an Jugendliche richtet und eine sinnvolle Freizeitalternative darstellt, kann sich gerne an uns wenden!
Crossover: Wen findet ihr anstrengender, die Jugendlichen oder die etablierten (Vereins-) Spieler, die teilnehmen?
Hüseyin Tunc: Die jüngeren Teilnehmer sehen die Turniere eher lockerer, es macht ihnen einfach Spaß dabei zu sein und sie staunen auch oft über so manche Spieler, die zum Teil in höheren Ligen spielen. Die Vereinsspieler sind da schon manchmal sehr ehrgeizig und können sich auch schnell aufregen, wenn der Ball mal daneben geht oder die gegnerische Mannschaft nicht immer alle Regeln beherrscht.
Crossover: Das BUM richtet sich ja insbesondere auch an Jugendliche, die oftmals aus problematischeren sozialen Verhältnissen kommen. Ich kenne das noch selbst von früher, da gab es bei Events wie der NBA-Challenge immer wieder rein türkische, serbische, kroatische und deutsche Teams, die sich nicht grün waren und sich nach dem oder während des Turniers gegenseitig an die Kehle gegangen sind. Hattet ihr beim BUM auch schon Ärger und wie geht ihr damit um?
Hüseyin Tunc: Insgesamt hatten wir in den vergangenen 15 Jahren bisher nur einen ernsthaften Zwischenfall, welcher jedoch auch glimpflich ablief und dank der erfahrenen Betreuer letzten Endes friedlich geklärt werden konnte. Speziell in den letzten drei, vier Jahren lief eigentlich alles glatt. Zwei-, dreimal waren welche dabei, die sich etwas angespannt gegenüber standen. Aber bevor es zur Eskalation kommt, werden diese Teams disqualifiziert. Dazu kam es allerdings noch nie. Falls es Unstimmigkeiten gibt, sind wir, wie gesagt, als Organisatoren und Verantwortliche immer zur Stelle und versuchen diese dann zu klären. Insgesamt würden wir die BUM-Atmosphäre als locker und harmonisch bezeichnen. Darauf sind wir verdammt stolz!
Crossover: wenn Du etwas am Konzept ändern könntest/wolltest, was würdest Du mit dem Erfahrungsschatz von 15 Jahren heute anders machen?
Hüseyin Tunc: Ehrlich gesagt: nichts! Das Einzige, was mir gerade einfällt, wäre die Etablierung der Zusammenarbeit mit den Vereinen und Schulen.
Crossover: Was wird in 15 Jahren sein? Oder anders gefragt, wie sieht für Dich die Zukunft des BUMs aus?
Hüseyin Tunc: Solange es interessierte Basketballer gibt, wird es auch uns geben, und wir werden immer noch die Hallen rocken, Baby!!!
Es gab immer wieder Höhen und Tiefen bei BUM. Doch wir hoffen auf das Beste, vor allem hoffen wir auf eine gute Entwicklung des Basketballs in Deutschland und dazu tragen wir eben auch unseren Teil bei.
Crossover: Danke für das Interview und wir wünschen Euch natürlich eine erfolgreiche Saison 2011/2012!
CROSSOVER Local ist eine neue Rubrik bei uns! Wenn auch du über das Basketballgeschehen in deinem Ort berichten möchtest, dann schicke deinen Text an "write@crossover-online.de".



von Shoot Da freak 08.11.11 um 10:42:47
In Köln gab es sogar zwei Angebote für Mitternachtsbasketball. Einmal am Hansaring und einmal in Holweide. Das Angebot in Holweide wurde nach 15 Jahren sang und klanglos, im Zuge der Kürzunge vor zwei Jahren, einfach gestrichen. SCHADE für die Basketballcommunity.
von ca$hmoney 08.11.11 um 11:24:03
Interessant mal die Hintergründe von Mitternachtsbasketball kennen gelernt zu haben. Wünsche dem Projekt in Stuttgart weiterhin eine erfolgreiche Zukunft.
@Shoot Da freak: Hättest du nen Link für die noch stattfindenden Mitternachts-Angebote in Köln und könntest etwas Feedback geben. Hab den hier gefunden, stimmt der noch bzw. findet's noch statt?
[qype.com]
von Shoot Da freak 08.11.11 um 21:13:47
ja der findet noch statt. ist der am Hansaring, Sporthalle des Hansagymnasiums. gespielt wird leider nur auf dem Hauptfeld.
von RUN & GUN 09.02.12 um 18:41:38
gibt in nürnberg auch schon sehr lange!
guckst du hier:
[jugendamt.nuernberg.de]