Michael Jordan, Superstar
Von Christian Neumann |
25.10.2006 | |
Mittlerweile dürfte es hierzulande wohl wirklich jeder wissen: Michael Jordan war in Deutschland; in Berlin und Hamburg. Der Michael Jordan hier, in unserer Nation; in echt, live und in Farbe. Und passend zu diesem Großereignis, das in Basketballkreisen sogar noch den Besuch des Papstes toppen dürfte, werden sie wieder hervorgeholt: die Geschichten über "MJ" aka "His Airness" aka "the greatest player of all time" in Vergangenheit und Gegenwart; ja, für manche sogar gleich noch für die Zukunft: Denn selbst wenn die Erde noch Millionen von Jahren existiere; einen wie ihn werde es nie wieder geben, zumal er ohnehin kaum noch als Mensch zu betrachten sei, denn in Wahrheit sei Michael Jordan "Gott in Basketballschuhen".
Dieselben Jugendlichen, die im Zeitalter zunehmender Religionsverdrossenheit über den Inhalt der Bibel spotten, erheben Jordan zum übernatürlichen Wesen, für das der Basketballsport eigentlich nur erfunden worden sei. Die Liga habe Jahrzehnte auf ihn gewartet und sich die Zeit mit Platzhaltern wie Oscar Robertson und Julius Erving vertrieben, ehe endlich Sein Zeitalter gekommen war: "Euch ist der Meister nah; euch ist er da." Auch Sein Auftritt in good ol' Germany sei nur ein Schritt Seiner religiösen Mission, Seinen Sport unters Volk zu bringen. Jordan, der Messias. Nicht der Glücksspieler und Womanizer, und nicht einmal "nur" der bisher vielleicht beste Basketballer aller Zeiten, sondern Jordan, der Unantastbare. Alle, die seitdem einen Basketball in die Hand genommen haben, seien dazu verdammt, an Seinen Leistungen gemessen zu werden und wie von Gott befohlen daran zu scheitern.
Ich bin seit einem Jahrzehnt Basketballfan und habe in der Zeit viel gesehen; nicht zuletzt Michael Jordan auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wie er heute nur noch als Legende, als Mythos existiert. Was ich sah, war ein nervenstarker, ausgesprochen ehrgeiziger Basketballer. Jemand, der eine beeindruckende Präzision beim Wurf besaß, immer wieder spektakulär spielte und seinem Team viele Siege bescherte. Jemand, der in Offensive und Defensive gleichermaßen glänzte, und den ich ohne zu zögern zu den fünf besten Basketballern aller Zeiten zählen würde.
Und doch war er ein Mensch, kein Gott: ein Mensch mit vielen Fehlern und Schwächen auf und neben dem Feld, um den allerdings ein beängstigender Heiligenkult aufgebaut wurde, der eines denkenden Menschen unwürdig ist. Und dieses Gefühl der Besorgnis überkam mich erneut, als Jordan neulich Deutschland besuchte: das Land, in dem vor noch nicht langer Zeit ein "von Gott Gesandter" unter den Menschen wandelte, die ihm jedes Wort von den Lippen ablasen, und der eine ungeheure Macht über sie hatte. Geschichte wiederholt sich also doch.




von Crossover 30.05.2012 um 09:17:41
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