Basketball in Deutschland
"Egal ob Deutsch oder Mesopotamisch"
Im Interview sprechen Nationalspieler und Schirmherr Patrick Femerling, Manager Jens Zander und Pressesprecher Andreas Steffen über die Ambitionen der Berlin Baskets.
Von Thomas Käckenmeister |
12.07.2007 | |
Crossover: Die Nachwuchsarbeit in Deutschland steckt nach wie vor im wahrsten Sinne des Wortes in den Kinderschuhen. Wie ist die Idee der Berlin Baskets entstanden?
Andreas Steffen: Wir drei sind schon lange Jahre beim Basketball. Aktiv, wie Patrick Femerling, oder als ehemalige Spieler nun hinter den Kulissen, wie Jens Zander und ich. Deshalb sind wir auch mit Herz und Seele dabei, die Berlin Baskets zu einem echten Großverein aufzubauen. Neben den Marzahner Basketbären und dem BBC Berlin, die als Berlin Baskets fusionieren, kommt auch der Verein Basketball in Berlin e.V. hinzu, den Jens Zander zusammen mit Patrick Femerling gegründet hatte. Unter einem gemeinsamen Dach haben diese Vereine nun die Chance, eine professionelle Organisation aufzubauen, die jeder der einzelnen Vereine so nicht gehabt hat. Und mit Patrick Femerling haben wir natürlich eine im wahrsten Sinne herausragende Figur des deutschen Basketballsports als Schirmherren gewinnen können.
Patrick Femerling: Mich hat die Vorstellung begeistert, in Berlin etwas Derartiges auf die Beine stellen zu können. Basketball mit sozialen Aspekten zu verbinden, halte ich für ebenso sinnvoll wie heutzutage auch erforderlich. Und mit meinen Kontakten werde ich selbst versuchen, die eine oder andere Tür für den Verein zu öffnen. Aber persönlich werde ich natürlich auch selbst bei Turnieren oder Camps anwesend sein.
Jens Zander: Genau diese Turniere und Camps, also die bereits etablierte 4on4-Basketball-Deutschlandtour und die sehr gut angenommenen BBall-Camps sind ein wichtiger Faktor, um für den Basketball Werbung zu machen und um den Kids den Sport näher zu bringen, wenn sie noch nicht im Verein spielen sollten.
Neben dem sportlichen Beitrag leisten die Berlin Baskets auch Arbeit im sozialen Bereich. Besonders in der multikulturellen Hauptstadt ist die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bedeutsam. Wie sehen Ihre Planungen diesbezüglich aus?
A.S.: Früher habe ich in Teams gespielt, in denen ich manchmal der einzige deutsche Spieler war. Basketball ist einfach international ? oder eben ?multikulturell?, wie es heute so schön heißt. Beim Sport, und speziell beim Basketball, sind nach meiner Erfahrung alle gleich, egal ob reich oder arm, mit deutscher, türkischer, arabischer, griechischer, kroatischer, usbekischer, mesopotamischer oder sonst einer Herkunft.
P.F.: Das sieht man ja auch bei uns in der Nationalmannschaft. Ademola Okulaja hat afrikanische Wurzeln, Mithat Demirels Eltern kommen aus der Türkei. Und es gibt viele weitere bei uns in der Auswahl, die ebenfalls einen sogenannten ?Migrationshintergrund? haben.
J.Z.: Mir war es wichtig, einmal mit dem Sport und vor allem mit der Sportart Basketball etwas Konkretes für die Gesellschaft und vor allem für die Jugend in Berlin zu tun. Genau aus diesem Grund haben wir das Projekt ?Berlin Baskids? ins Leben gerufen. Hier werden die Brücken zwischen Training und Wettkampf, zwischen Teamplay und Integration sowie zwischen Wertevermittlung und Lebenskunde geschlagen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, woher jemand kommt.
In den sozialen Brennpunkten US-amerikanischer Großstädte hilft der Basketballsport, Jugendliche von der Straße zu holen, um sie von Gewalt, Rassismus und Drogen zu fern zu halten. Sind diese Ansätze auch in Ihrem Sinne?
P.F.: Ganz genau. Zum Glück haben wir hier in Berlin keine Zustände wie in South Central L.A. ? aber wir müssen eben aufpassen, dass es auch gar nicht erst dazu kommt!
A.S.: Je mehr man durch den Sport lernt, dass persönlicher Einsatz und Engagement tatsächlich Erfolge bringen und Perspektiven eröffnen, umso mehr kann man das später auf ?das andere Leben? außerhalb des Sports übertragen. Ebenso hilfreich und sinnvoll ist es, wenn man dabei lernt mit Niederlagen und Rückschlägen umzugehen und danach wieder aufzustehen.

Das Projekt ?BasKids? soll sozialschwache Kinder und Jugendliche unterstützen. Wie genau kann man sich das vorstellen?
A.S.: Nicht jede Familie hat die Möglichkeit, ggf. mehrere ihrer Kinder in einen Sportverein zu schicken. Dabei gehen dem Basketball ? ganz simpel aus Sicht des Leistungssports geschaut ? immer wieder unglaubliche Talente verloren.
J.Z.: Und genau hier knüpfen wir an. Wir sprechen gerade mit potentiellen Sponsoren, die z.B. eine Art ?Stipendium? für die Jugendlichen initiieren sollen. D.h. ein Berliner Unternehmen übernimmt den Mitgliedsbeitrag für einen Spieler, der sich diesen sonst nicht leisten könnte.
P.F.: Damit hat man dann die Chance, sowohl die Kids von der Straße zu holen, damit sie dort keinen Unfug anstellen, als auch etwas für die Nachwuchsförderung im Basketball zu tun.
Besonders durch Streetball-Turniere (u.a. 4on4-Basketball) und Basketball-Camps rückt der Basketball in Deutschland in die Öffentlichkeit. Welche Ziele haben die Berlin Baskets? Welche Werte sollen den Jugendlichen durch den Sport vermittelt werden?
J.Z.: Bei unseren 4on4-Tournieren gibt es für die Siegermannschaft ?nur? ein limitiertes T-Shirt zu gewinnen. Wir wollten damit erreichen, dass die Teilnehmer ausschließlich wegen des Sports und des Wettbewerbs an sich mit Spaß an dem Event teilnehmen. Und das kann man den Teilnehmern in der Tat auch wirklich ansehen. Unser Ziel für die Zukunft ist, das 4on4-Basketball als Event-Reihe noch stärker in Deutschland zu etablieren, als es bislang ohnehin schon der Fall ist. Um darüber wiederum auch mediale Aufmerksamkeit für den Basketball insgesamt zu erzeugen.
P.F.: Das kann der Sport auch gut gebrauchen. Denn in den Medien ist leider immer noch viel zu wenig Basketball vertreten. Aber zurück zum ?Spaß am Spiel?: Auch in der Nationalmannschaft spielt keiner von uns des Geldes wegen. Denn zu verdienen gibt es da ohnehin kaum etwas. Wir alle sind dabei, weil wir den Sport lieben, weil es für uns eine Freude und Ehre ist, in einer Auswahl der besten Spieler unseres Landes zu stehen. Und genau so ist es auch bei den Spielern im Verein oder auf dem Freiplatz: ?Möge der Bessere gewinnen? ist zum Glück immer noch ein gültiges Motto.
Basketball bietet neben dem sportlichen Reiz auch kommunikative Elemente. Bei den Berlin Baskets stehen neben der körperlichen Ertüchtigung auch Mental- und Kommunikationstraing sowie das Aufzeigen von beruflichen Entwicklungschancen auf dem Programm. Welche Erwartungen haben Sie daran? Reicht der Sport nicht allein aus, um diese Werte zu vermitteln?
P.F.: Der Sport ? und speziell eine Mannschaftssportart wie Basketball ? kann hierbei sicher vieles aufzeigen und vermitteln. Aber man muss heutzutage eben doch mehr tun, denn nicht jeder kann später ein Profi-Basketballer werden. Oftmals lernen die Kinder und Jugendlichen nicht alles, was man zum Leben braucht, zuhause oder in der Schule. Und wenn wir hierbei helfen können, dann tun wir das auch.
A.S.: Mit dem Projekt ?Berlin Baskids? wollen wir ab 2008 über den reinen Basketball-Sport hinausgehen: Hier soll den Jugendlichen neben den sportlichen Aspekten noch mehr ermöglicht werden, so dass auch über den Sport hinaus Perspektiven aufgezeigt werden. Wie man Werte wie Teamplay, Ehrgeiz und Selbstvertrauen vom sportlichen in den beruflichen Alltag übertragen kann, wird den Jugendlichen nicht unbedingt in der Schule oder zuhause gezeigt. Daher sehen wir den Bedarf, mehr als nur Sport anzubieten, wenn man sich wirklich ernsthaft im Sinne der Jugend engagieren will.
Vor einigen Wochen bestimmte die unzureichende Bewegung der Deutschen die Schlagzeilen. Wie begeistern Sie Jugendliche vom Basketball? Welche Maßnahmen nutzen Sie, um Kinder von TV und Computer loszueisen und für den Sport zu begeistern?
A.S.: An sich sprechen die Dynamik und Eleganz des Basketballs schon für sich, um Jugendliche zu erreichen. Darüber hinaus gibt es eine Studie, zu der Berliner Kinder und Jugendliche befragt wurden, welche Freizeitmöglichkeiten ihnen am meisten fehlen ? und ganz oben stand Basketball, also ausreichend Freiplätze und andere Möglichkeiten zum Zocken und Spielen. Insofern rennen wir im Prinzip recht offene Türen ein. Aber natürlich gehen wir direkt in die Schulen, bieten Kindern und Jugendlichen von acht bis 18 dort mit dem Projekt Baskets@School Möglichkeiten an, nach dem Schulunterricht Basketball zu spielen.
J.Z.: Neben dem Projekt Baskets@School wird es in Zukunft weitere Projekte der Berlin Baskets geben. So findet am 28. Oktober unser erster ?4on4-Social-Cup? statt. Hier werden Mannschaften aller Jugendklubs eingeladen, Teams für das Turnier zu stellen und sich an diesem Tag sportlich zu messen. Teamplay, Fairness und das Umgehen mit Sieg und Niederlage stehen im Vordergrund. Zudem wird es in den Sommerferien (am 11. August) das erste durch uns organisierte Streetballturnier auf einem Freiplatz in Berlin-Weißensee geben. Diese Sommerturniere werden dann im nächsten Jahr drei bis fünf Mal auf verschiedenen Plätzen Berlins stattfinden.



von Crossover 30.05.2012 um 09:07:49
Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.