Basketball in Afrika

Deutsche Entwicklungshilfe für Namibia

In dem afrikanischen Land Namibia mit seinen knapp 2,2 Millionen Einwohnern war Basketball noch nie ein lukratives Geschäft. Zumindest sollen sich nun die nationalen Verhältnisse in strukureller und qualitativer Hinsicht verbessern. Dafür gibt es deutsche Unterstützung vor Ort.

Von Janine Engeleiter
 20.07.2011 |

Regen, Regen, Dauerregen. So stellt sich wohl niemand ein teils wüstes Savannenland vor. Überflutet wurden die ungeschützten Siedlungen vielleicht gerade deswegen in der sonst so kargen Landschaft Namibias während des regenreichen Sommers. In diesem Ausmaß war der Rekord der Tropfenfrequenz für die unvorbereiteten Menschen vor allem im Norden zur Grenze nach Angola nicht zu kompensieren.

Auch in der zentral gelegenen Hauptstadt Windhuk konnte das Wasser nicht gänzlich ablaufen. Enttäuschend, aber weitaus weniger bedrohlich, war das für die Kids der Basketball Artist School (BAS). Sie trainieren in einer längeren Einheit am Nachmittag auf dem asphaltierten Court mit dem rissigen Relief im Township der Stadt. Über eine Halle verfügt die BAS nicht - vor allem nicht in "Katutura" (ojiherero), in dem "Ort, an dem man nicht leben will".

Im Township lässt sich auch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit die Apartheid nicht leugnen. An den Türen oder an solchen Anbringungen, die die Eingänge der kleinen Hütten hinter den Drahtzäunen verschließen sollen, stehen bezeichnende Buchstaben: "D" für Damara, "H" für Herero, "N" für Nama oder "O" für Ovambo – Stämme Namibias. Mit den alten kolonialen Einstellungen brachten die Briten ihr Verständnis eines gemeinschaftlichen Miteinanders und damit den Gedanken der Rassentrennung nach Namibia. Die kilometerweit entfernte Ansiedlung zur Innenstadt genügte nicht. Die Stämme sollten sich nicht untereinander vermischen und somit erhielten sie ihre Areale im Areal der Aussortierten.

Frank Albin ist einer der vereinzelten nicht-touristischen Weißen, die dort ihren Alltag verbringen. Der basketballinteressierte Pädagoge wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und vom Deutschen Basketball Bund (DBB) mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes nach Namibia geschickt, um dort die administrative Basis aufzubauen. Er betreut zusätzlich die BAS ehrenamtlich mit der Hilfe des heimatlichen Vereins ISBINDI.

Der Aufbau beginnt von unten her

Während der Regenstürze von etwa Ende des letzten Jahres bis Mai "haben wir unter anderem Tänze und Gesänge für unsere Auftritte geprobt", erzählt der Freiburger. Für ihn bedeutet Sport nicht das gesamte Motto an der BAS: "Education first - Basketball second." Nach der Schule fördern die Volontäre die Jungen und Mädchen zuerst noch in mehreren Fächern. Dann verlagert sich das Geschehen auf den Court, zwischendurch auch mal in den kahlen Musizierraum.

Jährlich geht die lehrende Equipe mit Albin an die Schulen. Sie stellen den Kindern Aufgaben mit den mitgebrachten Bällen vor, die sie nachahmen sollen, und suchen daraufhin die Besten aus. Eine Art Casting für basketballtalentierte Grundschüler in und um Katutura. Nach vielen und wohl auch quälenden Übungen an der BAS treten die Kids mit den einstudierten Dribbel-Kunststückchen vor einem Publikum auf. Für sie ist es eine der größten Freuden, wenn das ihnen zujubelnde Publikum wegen ihrer akrobatischen Einlagen ausrastet. "Der Ausdruck in ihren Gesichtern sagt mehr als hundert Worte", beschreibt der stolze Trainer.

Mario, sehr talentiert, ehrgeizig, aber auch schüchtern, war das Patenkind von Pascal Roller. Plötzlich und ohne jede Erklärung blieb er absent. Besorgt machte sich Albin auf die Suche und fand den Jungen im Krankenhaus nach einem schweren Autounfall. Seit jenem Tag ist Mario schwerstbehindert, wird beatmet und ernährt, kann sich nicht mehr bewegen und ist somit gänzlich auf die ihn versorgenden Geräte angewiesen. Albin versucht den ehemaligen Schüler wöchentlich im Krankenhaus zu besuchen, ist parallel zudem in der beklemmenden Situation, "godfather" Roller ein neu aufgenommenes Kind zuzuteilen, da die BAS - wenn auch in einer tragischen Situation - dies vorsieht.

Familiäre Umstände hatten es dem Zwölfjährigen schon vorher nicht leicht gemacht. Der Vater ist nicht bei der Familie und die Mutter dem Alkohol verfallen. Das ist allerdings keine Ausnahme. Viele Eltern geben ihr Geld für Spiritus aus und lehnen die Zuneigung zu ihren Kindern ab. Mario war der erste, der ohne hinzusehen durch die Beine dribbeln konnte, dem die aus unterschiedlichen Schulen zusammengebrachte Gruppe applaudierte.

Deutscher Einfluss in Vergangenheit und Gegenwart

Die gegenwärtig noch spürbare Segregation im Land begann schon, bevor die südafrikanische Regierung das Land besetzte. Ab dem späten 19. Jahrhundert bis 1915 mussten die Einheimischen den deutschen Herren dienen: Eisenbahnstrecken bauen, deren Forschungsdrang unterstützen, sich als humane Bestien aus der exotischen Fremde in deutschen Zoos wie Hagenbeck in Hamburg bestaunen lassen. Was in Europa erst später vollbracht werden konnte, war im südlichen Afrika schon geklärt. Deutsche kapitulierten vor den britisch-südafrikanischen Truppen im ersten Weltkrieg.

Seit dem Oktober 2009 ist es wieder ein Deutscher, der sich einmischt, der ihnen erklärt, wie sinnvoll zu arbeiten ist. Doch die Namibier fragten in Deutschland nach Unterstützung und kooperieren nun freiwillig mit ihm. Sie hatten die Wahl und sind glücklich, dass ihr "expert", wie sie ihn nennen, da ist. In den 13 Regionen sowie in der Namibia Basketball Federation (NBF) wurde Führungspersonal gewählt, es wurden einige provisorische Basketball-Courts gebaut, Trainingsutensilien wie Bälle herbei geschafft und die Grundlagen für den Mini-Basketball vorbereitet. Mit einer Task Force, in der auch Albin saß, konnten die ausstehenden Operationen geklärt werden. Darunter fallen die Ausbildungen von Trainern, Schiedsrichtern, Funktionären und die zu fördernde Professionalisierung der NBF.

Schon 1988 reglementierte der Sportlehrer Wolfgang Kleine an der Deutschen Höheren Privatschule Windhuk (DHPS) die Sportart, setzte sich für den ersten, schulischen Ligabetrieb und die Gründung der NBF (1992), die seit 1997 Mitglied der FIBA ist, ein. Der "barsche Bayer", so beschreiben ihn seine ehemaligen deutsch-namibischen Schüler, war allerdings nicht besonders kommunikativ, eher verschwiegen und mied wohl absichtlich jede Mail und SMS.

Albin war es von Beginn an wichtig, dass er der NBF keine deutschen Strukturen auferlegt, sondern nach passenden Möglichkeiten, also einem Passe-partout sucht, das nach seiner Arbeit eigenständig von den Namibiern ausgefüllt werden soll. Der Blick in das international erfolgreiche Nachbarland Angola war dabei ein wenig hilfreich. Wie gewöhnlich liege es am Ende an den finanziellen Ressourcen, die in Angola durch Öl-, Diamanten- und Gold-Bestände zwar prinzipiell höher, aber eben auch gleichmäßiger verteilt seien als in Namibia, und an den eigenen Talenten, die dadurch besser gefördert werden könnten, erklärt der "expert".

Tieferes Verständnis für eine engagierte Zukunft

Blickt man in die Halle, wird Folgendes geboten: Kein Eintritt, ein kurzes Warm-up bestehend aus Lay-ups von links, von rechts, Sprints und Pässen. Nach den lauten homogenen Rufen der Teams - "One, two, three. Titans" vor der einen Bank und vor der nächsten "Tomahawk" - beginnt auch schon das Spiel. Angeblich haben die Spiele der einzigen Liga einst mehr Zuschauer angelockt, heute sind die Ränge fast leer.

Von den vielleicht 70 Anwesenden auf der Tribüne ist währenddessen ein quierliges Gemisch aus Englisch, Afrikaans und einigen Klicklauten zu vernehmen. Ständig wechseln die Sprachen von einem zum nächsten Satz oder schon innerhalb eines Satzes. Sie verschmelzen zu der multikulturellen Einheit, die zugleich Spiegel der Generationen ist. Oberliga-Qualität macht sich indes auf dem Spielfeld bemerkbar. Zu wenig oder zu viel NBA haben die Männer wohl gesehen, denn behäbig versuchen sie im Eins-gegen-Eins mit wilden Aktionen zum Korb zu penetrieren. Hier und da mal ein Pick-and-Roll, aber eben doch mehr Fehler als Punkte. Und spätestens in der Halle der UNAM, der Uni Namibias, wird deutlich, dass die Einzelkämpfer Namibias ein tieferes Verständnis benötigen.

DBB-Präsident Ingo Weiss verdeutlichte kürzlich, wie wichtig deswegen die Unterstützung von Deutschland sei - für die Menschen und für den Basketball. Anfang Mai gastierte er mit seiner Frau Bettina bei Albin und erfreute sich des Fortschritts.

Dass sich die Sportart entwickelt hat, ist offenkundig. Längst ist Basketball kein Spiel der weißen Schüler mehr. Ein Grund für die zwischenzeitliche Verve? Vielleicht. Anders ist es im Rugby (ähnlich wie in Neuseeland oder Australien und Südafrika). Doch Fußball (Black Stars) und Basketball bildeten sich seit der von der radikalen Südwestafrikanischen Volksorganisation (SWAPO) erkämpften Unabhängigkeit 1990 zu den Sportarten der schwarzen Bevölkerung heraus.

Für die Zukunft des Basketballs in Namibia reckt der engagierte Albin mit einem zufriedenen Lächeln den Daumen nach oben. Auch wenn er noch viel Arbeit vor sich hat, hat er zumindest die Unterstützung im Rücken, denn das Projekt wurde gerade erst um ein Jahr verlängert (bis Oktober 2012). "Basketball hat in Namibia das Potential, die Nummer eins hinter Fußball zu werden. Nach Fußball ist keine andere Sportart geeignet, die Massen anzusprechen und mit relativ geringem Aufwand durchgeführt zu werden", prognostiziert der Globetrotter.

Er selbst bereut keine Minute im Land auf der südlichen Erdhalbkugel, wo die Sonne ihre Gnadenlosigkeit demonstriert, und bekräftigt deswegen seine Anwesenheit: "Selbst wenn hier nicht alles so rund läuft, wie ich es mir wünsche, ist es ein Privileg in Namibia zu arbeiten."




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Kommentare

(1 Kommentar bisher)

von ca$hmoney 21.07.11 um 18:28:11


Guter Artikel. Bball lässt die Kids und Jugendlichen solcher Projekte vl. ihre Probleme und Lebensumstände vergessen solang sie zocken, im besten Fall erlernen Sie Teamfähigkeit und an sich zu glauben. Hut ab und ein dickes Lob an Leute wie Herr Albin, die Bball Strukturen fördern und vor allem pädagogischen Input mitgeben.



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