ratiopharm Ulm
Hoffnung auf Besserung
Die Basketballer von ratiopharm Ulm sind so schlecht in die Saison gestartet, wie noch nie seit dem Wiederaufstieg. Die Fangemeinde des Bundesligisten bricht bereits den Stab über der neuen Mannschaft, die Verantwortlichen mahnen derweil zur Geduld. Was aber läuft derzeit falsch? Und: Wie geht es weiter?
Von Joshua Wiedmann |
26.10.2009 | |
Spektakulär ist es nicht selten, was die neu zusammengestellte Truppe von ratiopharm Ulm in der noch jungen Beko-BBL-Saison abliefert. Ganz offensichtlich wird das auch gegen die Frankfurt Skyliners, die am vergangenen Freitag in der Kuhberghalle gastierten. Zu Beginn der zweiten Hälfte sind die Hausherren in Ballbesitz: Der Spalding geht zu Big Man Coleman Collins, der auf Höhe der Dreipunktelinie von Frankfurts Greg Jenkins gedeckt wird. Zugleich stielt sich auf dem Flügel Rocky Trice im Rücken seines Verteidigers davon, Collins erkennt die Lücke und setzt den 1,88-Meter-Floh in Sekundenbruchteilen mit einem perfekten Backdoor-Pass in Szene - Tomahawk-Dunk, die Kuhberghalle steht Kopf!
Es ist einer dieser Momente, in denen dem Ulmer Team das Talent zu den Ohren herauszuquillen scheint: Ein athletischer Flügelspieler mit dem Instinkt für die Situation, der - einmal in Bewegung - legal kaum noch zu stoppen ist. Ein 2,06-Meter-Hüne, der mit seinen Passqualitäten Bill Walton ein seliges Lächeln auf die Lippen zaubern würde. Trice und Collins sind nur zwei Akteure in einer talentüberladenen Mannschaft, in der quasi jeder über außergewöhnliche Begabungen verfügt. Umso überraschender mag es anmuten, dass sich diese Truppe heuer nicht nur dem Tabellenkeller der Beko BBL, sondern auch dem Unmut vieler Ulmer Fans erwehren muss. Sechs Spieltage sind aus Ulmer Sicht absolviert, nach der neuen Punktemethodik stehen beim ratiopharm-Team sieben Zähler zu Buche. Konkret heißt das: Nur eine dieser sechs Partien wurde gewonnen. Wo liegen also die Gründe für diese momentan ungenügende Punkteausbeute?
Jung, neu und mit wenig Zeit
Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass die Erwartungen an die völlig umgekrempelte Mannschaft (sechs von neun Rotationsspieler sind neu) vor der Saison definitiv zu aufgebläht waren. Nach einer überragenden Spielzeit 2008/09 ist es dem aktuellen Team gewissermaßen unmöglich, ein ähnliches starkes Jahr zu spielen, auch wenn einige insgeheim doch darauf gehofft haben mögen. Zwar war der Etat im Sommer leicht gehoben worden, dennoch konnten längst etablierte Kräfte - allen voran Jeff Gibbs - nicht zu einem Verbleib an der Donau bewegt werden.
Die Mannschaft steckt aktuell noch voll im Findungsprozess - und das nicht von ungefähr. Die Vorbereitung, die als wichtigste Zeit zur Zusammenführung und Integration gilt, glich in Ulm oft mehr einem kleinen Sommer-Camp, wie man es aus den US-amerikanischen Ligen kennt: Man kennt sich und die Spielideen der Coaches kaum, einige Akteure sind nach kurzer Zeit wieder weg, andere kommen, wieder andere trainieren nur dann und wann mit. Ähnlich sah es oft auch in der Ulmer Kuhberghalle aus: In den ersten Trainingswochen fehlten der angeschlagene Sebastian Betz sowie die Nationalspieler Benzing und Günther; Letzterer war bald wieder da, musste dann aber neben Backup-Center John Bryant und Chris Burns die Verletztenbank drücken - kurzzeitig gesellte sich auch Lee Humphrey ins Lazarett. Da selbst die Youngsters im Team immer wieder durch Abwesenheit glänzten und Robin Benzing erst spät von der EM zurückkam, konnte Coach Mike Taylor des Öfteren nur mit einigen wenigen Spielern intensiv trainieren. Kurzum: Die Vorbereitung ähnelte einer Spieler-Lotterie. Für eine Mannschaft, die wohl eines der umfangreichsten Playbooks der Bundesliga verinnerlichen darf, alles andere als optimale Verhältnisse.
Hinten ...
Das momentan größte Problem der Ulmer: die Verteidigung. Es reichen einige Blicke in den Statistikwald der Beko BBL, um auszumachen, wo der Hund begraben ist. Durchschnittlich 22,2 Fouls - die sechstmeisten in der Liga. 22,3 Defensiv-Rebounds - nur fünf Teams sind schlechter. Knapp 85 gegnerische Punkte pro Partie - kein Klub erlaubt mehr!
Insbesondere der oft ungeordnete und schlicht durchsichtige Ulmer "Verteidigungs-Riegel" - egal, in welcher Formation - müsste den Verantwortlichen eigentlich schlaflose Nächte bereiten. Dennoch sagt Mike Taylor: "Unsere junge Mannschaft lernt ungemein schnell dazu." Der Ulmer Coach sieht sowohl die Jugend seiner Truppe als auch die ungünstigen Gegebenheiten während der Vorbereitung als Gründe für die Schwierigkeiten in der eigenen Hälfte. "Wir müssen den Jungs jetzt einfach versuchen zu helfen, so viel Positives wie möglich aus jedem Spiel und jeder Situation zu ziehen", meint der US-Amerikaner.
Fokussiert man sich weiter auf die Defensive der Spatzen, wird eine weitere Problematik ersichtlich: Die Ulmer Innenspieler kommen schlecht mit dem körperbetonten Spiel in der Bundesliga zurecht. "Es war schwierig für unser junges Team, mit der physischen Spielweise klarzukommen", räumt Taylor nach der Pleite gegen Berlin ein. Insbesondere Coleman Collins (Foto rechts, mit Chris Burns) scheint aktuell noch damit überfordert zu sein, als Ulmer Center die Riesen dieser Bundesliga-Welt unter Kontrolle zu halten. Mit seinen 23 Jahren fehlt dem US-Amerikaner nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Masse (108 Kilogramm), um sich im Zoneninneren wirklich mit den Schwergewichten der Liga balgen zu können - ein Umstand, den schon Ludwigsburger Fans bei der Verpflichtung Collins' anprangerten. Auch in diesem Fall helfen Statistiken: Bonns Center Chris Ensminger schenkte Ulm 18 Punkte ein, Bambergs Elton Brown markierte 20 Zähler und zehn Rebounds, Berlins Blagota Sekulic kam auf dergleichen 17 und neun. Selbst durchschnittliche BBL-Center wie Hagens Bernd Kruel (neun Punkte, zehn Bretter) oder Frankfurts Greg Jenkins (15 Punkte) bereiten dem schlaksigen Collins ernsthafte Probleme. Dass auch dessen Zonenkollege Chris Burns bezüglich der Defensivarbeit noch relativ grün hinter den Ohren ist, stärkt die Ulmer Verteidigung nicht gerade.
... wie vorne mit Nachholbedarf
Während besonders die Verteidigung der springende Punkt ist, ist gleichzeitig auch im offensiven Bereich noch längst nicht alles im Lot. Die neue Ulmer Mannschaft ist freilich offensivorientiert, dennoch stimmen viele Laufwege und Spielsysteme noch nicht überein. Einmal mehr lassen sich Statistiken heranziehen, um das zu dokumentieren: Zwar befindet sich Ulm bezüglich der erzielten Punkte im gesicherten Mittelfeld (75,7 PpG, 11. Platz), doch weder die Team-Assists (12,0 ApG) noch die Feldwurfquote (41,9% FG, 16. Rang) werfen ein gutes Licht auf den Angriff der ratiopharm-Auswahl.
Im Fadenkreuz der Kritik stehen dabei besonders die Ulmer Aufbauspieler, denen für gewöhnlich die Organisation des Angriffs zukommt. Weder Per Günther (6,2 PpG, 2,3 ApG) noch Kevin Kanaskie (2,7 PpG, 2,5 ApG) können die Ulmer Offensive derzeit effizient leiten. Die beiden 21- und 22-Jährigen scheinen gerade im Duell mit routinierteren Aufbauspielern gnadenlos unterlegen zu sein. "Momentan stecken unsere Guards in einem Leistungsloch", beschreibt es Manager Thomas Stoll. Ob und wie schnell die beiden Spielgestalter aus jenem herausfinden, könnte richtungsweisend sein. Besonders im Falle des Backup-Point-Guards Kanaskie, der frisch vom College an die Donau gewechselt war, stellt sich jedoch die Frage, ob die Position nicht besser mit einem erfahrenen Akteur hätte besetzt werden sollen, der dem jungen Günther weiterhin den Rücken frei hält. Dass Shooting Guard Lee Humphrey, der als Kapitän mehr Verantwortung tragen soll, dazu (momentan) nicht in der Liga ist, hat sich nach den ersten Spieltagen bestätigt.
Nur eine Sache der Zeit?
Die Verantwortlichen stehen derweil voll hinter der Mannschaft. "Es geht um Verbesserung, Wachstum und Entwicklung. Die Jungs stellen sich dieser Herausforderung", sagt Coach Mike Taylor. Thomas Stoll glaubt auf Lees-Corner.de weiterhin, dass "die Mannschaft genug Spiele gewinnen wird, um am Ende im Zielkorridor von Platz zwölf bis Platz 14 einzulaufen."
Wer die basketballerische Einstellung der beiden Ulmer Macher kennt, wird wissen, dass vorschnelle Personalentscheidungen eh nicht ihre Sache sind. Sowieso wird an der Donau kaum Geld für frühe Nachverpflichtungen, die dem Team an manchen Stellen durchaus gut zu Gesicht stünden, da sein. "Im Sport gibt es nicht viel Geduld", sagt Coach Taylor. "Was wir versuchen, ist unsere Spieler zu unterstützen, ihnen beim Lernen und Wachsen zu helfen." Es bleibt nur zu hoffen, dass es sich schlussendlich auch auszahlt.



von Äneas 27.10.09 um 10:49:14
Na okay, das mit dem fetten Playbook macht Sinn.Ansonsten sollte sich das Team eigentlich zusammengefunden haben.
Nur eins: Die Kanaskie-Bestellung sollte storniert werden. Gibt's da kein Rückgaberecht?
Zu Günther: Seine Verletzung behindert ihn noch ein wenig.
von SamSemiLia 29.10.09 um 15:33:49
Kann dem Artikel nur zustimmen. Fand die Ulmer in Berlin erschreckend schwach und in der Form nicht BuLi-tauglich. Vor allem Burns finde ich schrecklich. In Berlin 18 Würfe und gespielt wie ein schwarzes Loch. Hat glaube im 3. Viertel das erste Mal den Ball wieder rausgepasst aus dem Post. Ansonsten immer weitergeballert...18 Würfe oder so?
Lichtblick ist Robin Benzing, hoffentlich behält er die Freiheiten in der Offensive, dass er schiessen und ziehen kann wie er will.