Tibor Pleiß

Der Pleiß ist heiß

Tibor Pleiß spielt seit dieser Saison in Bamberg. Beim 20-jährigen Nationalspieler jagt ein Karriere-Highlight das nächste. Mit beeindruckenden Statistiken steht er kurz vor seinem Durchbruch in der Beko BBL.

Von Thomas Käckenmeister
 27.02.2010 |

Er sieht gelangweilt aus. Trostlos wirft der 17-jährige Schlaks mit dem schlabbrigen Trainingsanzug den Ball in den Korb. Die Colorline Arena in Hamburg füllt sich langsam, für Tibor Pleiß steht beim Pokalfinale 2007 zwischen Köln und Quakenbrück keine Einsatzzeit in Aussicht. Mit Marcin Gortat versperrt ihn ein polnischer Center-Rohdiamant den Weg in die Rotation. Auch die athletischen Forwards Ronnie Burrell oder Aleksandar Nadjfeji stehen den Nachwuchsjuwel im Wege, ganz zu schweigen von Nationalspieler Guido Grünheid oder dem Esten Janar Talts. Für Pleiß ist das Pokalwochenende in der Hansestadt eine seiner vielen Erfahrungstrips durch deutsche Turnhallen auf dem Weg zu einer Zukunft als Profibasketballer.

Am 2. November 1989 in Bergisch-Gladbach geboren, versucht Peiß im Alter von elf Jahren sein Glück als Verteidiger im Fußball. Heute gibt er zu, dass er vom Kicken nicht wirklich angetan war. Also meldete ihn seine Mutter vier Jahre später beim Basketball an. Von da an verlief der Aufstieg des 2,15-Meter-Riesen erst mühsam. Mit 15 Jahren schießt er dann aber kometenhaft in die Höhe. Ein Jahr später steht er in der Startformation der U18-Truppe von Rheinenergy Köln. Zur Saison 2006/07 rockt Pleiß in der neu gegründeten Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL), die die besten Spieler im Alter von unter 19 Jahren vereint. Der schmale Riese schenkt dem Gegner trotz seiner lediglich 95 Kilogramm gehörig ein. Im Schnitt legt er in sieben NBBL-Einsätzen 23,3 Punkte (67,3% FG), 13,3 Rebounds und 2,7 Blocks in die Waagschale.

Die Wahnsinnswerte sprechen sich herum. Auch die BBL-Verantwortlichen haben Wind vom Youngster bekommen. Bei einem Sommerfest am Energy Dome wird Dasko Prodanovic, damals Co-Trainer der Kölner, auf ihn aufmerksam und lädt ihn zum Bundesligatraining ein. Die Karriere vom Profibasketballer beginnt konkrete Formen anzunehmen. Gemeinsam mit Philip Schwethelm mimt Pleiß die Armada der deutschen Nachwuchstalente im Team.

2007/08 stehen ihm jedoch Milko Bjelica, Yassin Idbihi, Marko Keselj und 2,21-Meter-Mann Nedzad Sinanovic im Weg. Eine Saison später werden dem aufstrebenden Jugendjuwel in Köln mit Edin Bavcic, Julian Terrell, Stevan Milosevic und Björn Schoo gleich vier Big Men vor die Nase gesetzt. An Spielzeit ist dabei nicht zu denken, auch weil ihn ein Ermüdungsbruch am Schienbein außer Gefecht setzt. Nach seiner Genesung und als die Pleitegeier immer engere Kreise über der Domstadt ziehen, erhält Pleiß seine Chance. Die Minuten auf der Fünf nutzt er, um zu überzeugen.

Dass Pleiß das Zeug für eine große Zukunft im deutschen Basketball hat, wussten die Experten bereits damals. Bei der B-Europameisterschaft im Sommer 2008 rockte Pleiß in knapp 17 Minuten pro Spiel im Schnitt fast ein Double-Double (9,6 PpG, 8,8 PpG). Bereits 2007, als die U18-EM in Madrid stattfand, machte er mit 10,6 PpG und 9,2 RpG auf sich aufmerksam. Im Netz ist aus dieser Zeit sogar ein Scouting-Video zu finden, das Pleiß‘ Begabung anhand eines NBBL-Spiels skizziert.

CROSSOVER prognostizierte damals: „Aufgrund seiner Mischung aus Größe, Beweglichkeit und Spielverständnis hat Pleiß alle Möglichkeiten, um in einigen Jahren für die Nationalmannschaft aufzulaufen. Vorher muss der 18-Jährige jedoch weiter an seinen Bewegungen und seinem Wurf feilen und vor allem an Masse zulegen.“

Innerhalb von nur zwei Jahren hat Pleiß diese Auflagen erfüllt. Die Angaben seines Gewichts liegen zwischen 110 und 125 Kilogramm. Sein weicher Wurf reicht bis hinter die Dreipunktelinie und unterm Korb ist er nicht nur immer mehr ein Defensivanker, sondern trägt auch offensiv zum Erfolg seines Teams bei.

Trotzdem ist das Bild des Kraken, wie er in Fan-Kreisen genannt wird, eher das einer Fahnenstange im Vergleich zu gestandenen Big Man europäischer Klasse. Bei der Europameisterschaft in Polen beispielsweise verglich TV-Kommentar Frank Buschmann eine Aktion zwischen Griechenlands Sofoklis Schortianitis und Pleiß mit einem Kühlschrank und einer Straßenlaterne. Im Nahkampf mit den hochgewachsenen Größen des Kontinents durfte Pleiß mit seinen damals noch 19 Jahren insgesamt nur zwölf Minuten Turnierluft schnuppern (Ausbeute: vier Punkte und drei Rebounds). „Es war eine Ehre, dabei zu sein“, blickt Pleiß auf die erfahrungsreichen Tage in Polen zurück, auch wenn er sich insgeheim mehr Spielzeit erhofft hatte. Mit der Rückkehr von Rekordnationalspieler Patrick Femerling bekam Pleiß einen Routinier vor die Nase gesetzt, von dem der Youngster eine Menge gelernt hat.

Damals noch gemeinsam im Team, dürften für Pleiß bei der Weltmeisterschaft 2010 in der Türkei auf der Center-Position womöglich etwas mehr Minuten anfallen, auch wenn Chris Kaman vermutlich den Bundesadler auf der Brust tragen wird. „Ich will auf jeden Fall dabei sein“, hofft Pleiß, der in der bisherigen Spielzeit 2009/10 eine mehr als nur akzeptable Visitenkarte abliefert.

Sein Wechsel von Köln nach Bamberg zahlt sich nicht nur für die Brose Baskets aus, sondern fördert auch die Entwicklung des legitimen Femerling-Erbens. Kurz vor Saisonbeginn 2009/10 fragte das fränkische Basketball-Magazin Court-Vision.de Head Coach Chris Fleming nach Pleiß aus. Die Antwort scheint wie aus der Glaskugel abgelesen: „Tibor ist extrem talentiert und sehr gewillt. Bei ihm wird es darauf ankommen, dass er Fehler wegstecken kann und unbeirrt weitermacht. Er erhält Unterstützung innerhalb des Teams und ist selbst sehr motiviert. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass wir am Saisonende keinen jungen, sondern einen starken Tibor Pleiß sehen werden.“

Coach Fleming lag richtig mit seiner Einschätzung. Tibor Pleiß ist eine der Überraschungen dieser Saison. Mit durchschnittlich 7,4 Punkten, 5,2 Rebounds und 1,5 geblockten Würfen pro Partie sieht es so aus, als würde der 20-Jährige stets zwei oder mehr Stufen auf einmal auf der Entwicklungsleiter überspringen. Gegen Gießen riss er ein Double-Doube (11 P, 12 R), gegen die Artland Dragons kratzte der Center sogar an einem Triple-Double (8 P, 9 R, 7 B), ehe er gegen Phoenix Hagen zum ersten Mal in dieser Saison den Topscorer seines Teams mimte. Gegen die Feuervögel erzielte er 26 Zähler (7/10 FG, 11/15 FT).

Abgesehen von seinen verbesserten statistischen Werten ist Pleiß in Bamberg in einer ähnlichen Rolle wie in seinem letzten Jahr bei den Köln 99ers, wird jedoch zunehmend mehr ins Team integriert. Während Pleiß bei den 99ers nur in circa sieben Prozent der Kölner Korbangriffe abschließen durfte, sind es zur Saisonhalbzeit bei den Franken schon fast acht Prozent (4,3 Würfe pro Spiel für Pleiß, 56 Würfe pro Spiel der Bamberger).

Auch in Sachen Effektivität befindet sich die Nummer 21 der Brösels auf dem aufsteigenden Ast: Nicht nur seine Effektivität pro Spiel ist deutlich angestiegen (08/09: 5,7; 09/10: 10,3), sondern auch seine Effektivität, hochgerechnet auf 40 Minuten, ist nahezu explodiert. Im Kölner Dress wies Pleiß 2008/09 in dieser Kategorie einen Wert von 19,0 auf, in der Hinrunde reichte es für den Neu-Bamberger zum zweitbesten Wert der Liga (23,0) hinter Bonns Chris Ensminger (24,9).

Sein Einfluss auf den Erfolg der Truppe aus Freak City ist schon jetzt von großer Bedeutung. In ersten 24 Saisonspielen ging Bamberg 14 Mal als Gewinner vom Parkett. Auffallend dabei: Bei zehn dieser Siege stand Pleiß in der Startformation. Steht das Pivot-Talent nicht in der ersten Fünf, lautet die Bilanz: vier Siege, sechs Niederlagen. Steht Pleiß also zu Beginn einer Partie auf dem Feld, sieht es sowohl bei Heim- (5 Siege, eine Niederlage) als auch Auswärtsspielen (5 S, 3 N) recht gut für die Franken aus. Woran liegt das? Pleiß Statistiken als Starter sind wesentlich besser im Vergleich zum Spielbeginn auf der Bank. Coach Fleming lässt ihn durchschnittlich gut vier Minuten länger auf dem Feld, wenn Pleiß startet. Das schlägt sich auch in seiner Effektivität nieder, die im Schnitt um knapp 2,5 Einheiten besser ist.

Unterm Strich ist festzuhalten, dass Pleiß mit Riesenschritten in seiner Entwicklung voranschreitet. Während derweil Robin Benzing und Elias Harris als die nächsten Deutschen in der NBA gehandelt werden, braucht sich auch Pleiß vor diesem Vorhaben nicht zu verstecken. In den Mock Drafts für 2011 ist er bereits gelistet. Bei ESPN ist er in der Liste der 100 besten Nachwuchskräfte zwar (noch) im letzten Viertel aufgeführt, aber immerhin schon auf dem Radar. Dafür sorgten auch seine starken Auftritte im EuroCup (7,5 PpG, 5,0 RpG, 1,0 BpG).

Tibor Pleiß ist derjenige, der laut Bundestrainer Dirk Bauermann „in die Fußstapfen von Patrick Femerling treten wird“. Im Basketballmagazin FIVE stellte der Nationaltrainer eine hoffnungsvolle Prognose: „Er hat fest ‚Europaliga‘ auf der Stirn stehen und ‚NBA‘ bereits ganz klein hinter dem Ohr. Bis dahin ist es natürlich ein langer Weg, aber die Chance dazu hat er.“ Pleiß selbst hat bereits ähnliche Pläne. Zwar besitzt er in Bamberg einen Vertrag bis Sommer 2012, strebt aber irgendwann an, nach Spanien und anschließend in die NBA zu wechseln. Wenn Pleiß sich so weiter entwickelt wie bisher, ist dieses Ziel durchaus zu erreichen.

Zunächst aber gilt es, die Saison in der Beko BBL erfolgreich abzuschließen. Bamberg ist auf dem besten Wege in die Playoffs und nimmt erstmals seit 2006 wieder an einem Turnier um den deutschen Basketballpokal teil. Wenn Pleiß dann, am 10. April in Frankfurt, erneut in einem BBL TopFour steht, wird er feststellen, dass sich seit 2007 eine Menge geändert hat. Der Platz auf der Bank gehört nun den Nachwuchsspielern Erik Land und Philipp Neumann. Für Pleiß ist wird es dann, anders als vor drei Jahren, die Chance sein, entscheidend beim Gewinn eines Titels seiner Mannschaft mitzuwirken. Daran besteht kein Zweifel.




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Kommentare

(6 Kommentare bisher)

von Le-Roi-Diaw 27.02.10 um 15:38:57


ist das der gleiche Artikel der neulich in der Five war ?



von bene luxxx 27.02.10 um 16:06:27


Wohl eher Philipp Neumann oder?



von justuskoch 27.02.10 um 17:57:45


auf dem foto sieht das trikot total aufgemalt aus wie bei southpark oder so ;-)



von oliver95 28.02.10 um 15:19:00


danke f+r den artikel. beobachte seine stats und hin und wieder auf dsf ihn genau. er braucht noch etwas mehr masse, aber bei der jetzigen entwicklung kann er tatächlich mit etwas glück im draft in die nba kommen. talentierte big-men stehen dort immer oben auf der liste.



von dragonstyle 28.02.10 um 17:56:20


Auf jeden Fall sind es die Zitate aus der FIVE und keine eigenen. Und der Aufbau scheint auch fast der gleiche zu sein. Von daher hält sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen. Schon ein bisschen frech ...



von Treffnix 02.03.10 um 18:14:42


Ich kenne zwar den Artikel aus der Five nicht, aber unsere Redakteure schreiben ja auch gelegentlich für andere (Print-)Magazine in Deutschland. Daher könnte es schon sein, dass sich die Artikel ähnlich sind, falls es einer unserer Redakteure war.(wie gesagt ich kenn den Artikel nicht) Außerdem wird ja hier im Artikel auch darauf verwiesen, dass die Aussage auf der FIVE stammt.

Zitat:
Im Basketballmagazin FIVE stellte der Nationaltrainer eine hoffnungsvolle Prognose: „Er hat fest ‚Europaliga‘ auf der Stirn stehen und ‚NBA‘ bereits ganz klein hinter dem Ohr.



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