Sebastian Machowksi

Mit dem Ball in der Tasche durch Europa

Es ist seine dritte Saison als Head Coach an der Seitenlinie der New Yorker Phantoms Braunschweig. Zum zweiten Mal in Folge ist er mit seiner Mannschaft auf dem Weg ins Final Four um den Deutschen Pokal. Im Gespräch mit Crossover erzählt Sebastian Machowski über die Erfahrung, in europäischen Wettbewerben ganz oben zu stehen, über die Kaffeespezialitäten der südeuropäischen Länder und den plötzlichen Rollenwechsel vom Spieler zum Trainer.

Von Verena Mayer
 04.02.2012 |

Crossover: Herr Machowski, Sie haben sich mit Braunschweig erneut für die Pokalrunde qualifiziert. An wie viele Pokalteilnahmen in Ihrer Karriere können Sie sich denn erinnern?

Sebastian Machowski: Als Spieler habe ich im Deutschen Pokal leider nie an einer Endrunde teilnehmen dürfen. Im Europapokal hingegen habe ich zweimal teilgenommen und auch zweimal gewonnen: 1995 mit Alba Berlin den Korac Cup und 2004 mit dem Mitteldeutschen BC den FIBA Cup. Das waren dann eigentlich auch schon alle meine Titel als Spieler.

Als Trainer habe ich 2009 in Polen den Pokal gewonnen mit meiner Mannschaft Kotwica Kolobrzeg. Und im vergangenen Jahr habe ich ja mit den New Yorker Phantoms im Top Four gestanden, in Bamberg, als wir im Finale auch leider gegen Bamberg verloren haben. Das war sehr knapp.

Auch wenn ich als Spieler nicht so oft diese Erfahrung machen durfte, ganz oben zu stehen, freue ich mich trotzdem darauf, jetzt als Trainer wieder am Viertelfinale teilzunehmen.

In diesem Jahr steht ein Auswärtsspiel in Berlin an, wie sind die Chancen?

Dieses Jahr haben wir wirklich ein schweres Los bekommen. Wir müssen in Berlin antreten und das ist natürlich nicht leicht, insbesondere wenn die o2 World wieder so gut besucht sein sollte. Dort vor 10.000 oder sogar 14.000 Berliner Fans spielen zu müssen, ist natürlich schon etwas ganz Anderes. Ich denke, es wird eine tolle Kulisse sein. Für uns kommt das Spiel gerade ein bisschen ungelegen, nicht nur, weil es ein schwerer Gegner ist, sondern leider auch, weil wir momentan einige verletzte und kranke Spieler haben. Ich hoffe, dass wir den ein oder anderen noch zurückholen können, sodass wir dort stark antreten können. Aber so oder so ist es ein schweres Los.

Der neue Modus schließt eine vermeintlich einfache erste Runde ja nahezu aus. Führt das zu einem Gewinn oder einem Verlust der Attraktivität des Wettbewerbs?

Ich denke, heute ist es ein spannenderer Wettbewerb. Früher waren es noch die unterklassigen Teams, gegen die man sich erst einmal durchsetzen musste. Jetzt ist es ein reiner Liga-Pokal, an dem sogar nur die besten sechs Teams teilnehmen dürfen. Insofern ist es für uns natürlich ein Achtungserfolg, dass wir zum zweiten Mal in Folge zur Saisonhälfte qualifiziert sind. Beim Top Four gibt es jetzt das K.o.-System, das wir sonst gar nicht kennen. Wir spielen eine lange Saison, dann spielen wir noch viel längere Playoffs und hier kommt es wirklich nur auf ein Spiel an: Wenn man verliert, fährt man nach Hause. Also insofern ein spannender Modus.

Am 15. März 1995 war der Modus sicherlich ein anderer. Was war das für ein Tag für Sie?

Das war der Tag des Korac-Cup-Gewinns mit Alba, richtig?

Ja, genau.

Das war das Endspiel in der Deutschlandhalle. Es gab damals Hin- und Rückspiel, das Hinspiel war in Mailand. Da haben wir unentschieden gespielt (Anm. d. Red.: 87:87) und das Rückspiel war dann in Berlin in der neuen Deutschlandhalle vor 10.000 Zuschauern. Zuhause, als gebürtiger Berliner, war das für mich natürlich ein tolles Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. Vor allem der Moment des Einlaufens ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war so ein großer bunter Diskowürfel unter der Decke angebracht, der angestrahlt wurde und das war schon eine spezielle Atmosphäre mit Gänsehaut.

Dass die Sömmeringhalle, in der Alba damals spielte, dem Anlass nicht ganz angemessen sein könnte, ahnte das Management. Die 10.000 Tickets für das Spiel in der Deutschlandhalle waren aber nach knapp 90 Minuten ausverkauft. Haben Sie damals als junger Spieler begriffen, was dieses eine Spiel bedeuten könnte?

Dass die Halle so schnell ausverkauft war, wusste ich gar nicht. Die Tragweite des Ereignisses war mir natürlich auch nicht ganz klar. Ich habe sicherlich schon mitbekommen und live erlebt, dass es eine tolle Sache war, sich gegen einige der besten europäischen Mannschaften durchzusetzen und in dieses Finale überhaupt erst einzudringen. Aber dass es der erste Titel eines deutschen Klubs europaweit wäre, gerade nach der Europameisterschaft 1993, sprich die Besonderheit des Spiels, die realisiert man wirklich erst im Nachhinein. Nichtsdestotrotz war es eine super Sache.

Marco Baldi resümierte zum 15-jährigen Jubiläum: „Im Verhältnis zu 1995 hat der deutsche Klubbasketball immens aufgeholt. Sportlich, wirtschaftlich, organisatorisch - praktisch in allen Dingen.“ Inwieweit würden Sie dieses Statement unterschreiben?

Ich denke, dass die Standards der deutschen Liga im internationalen Vergleich sehr weit vorne sind und sich durchaus sehen lassen können. Wenn ich richtig informiert bin, dann hat die Beko BBL europaweit im Schnitt die zweithöchste Zuschauerzahl. Was also die gesunden, wirtschaftlichen Fundamente der Vereine und die Zuschauerresonanz betrifft, bin ich der Meinung, dass die Liga da sehr gut da steht. Was die sportlichen Ergebnisse allerdings angeht, so wartet man weiterhin darauf, dass sich Mannschaften wie Bamberg oder Alba Berlin permanent in der Spitze festsetzen, jedes Jahr die Top 16 erreichen oder vielleicht sogar mal ins Final Four der Europaliga vordringen. Das wäre eben dann vielleicht der nächste logische Schritt. Was die deutsche Liga grundsätzlich angeht, ist sie äußerst ausgeglichen: 18 Mannschaften, von denen eigentlich jeder jeden schlagen kann und zwölf oder 14 Mannschaften kämpfen momentan um den Einzug in die Playoffs. So ist die Liga doch sehr sehenswert.

Das einzige, was vielleicht immer noch ein bisschen fehlt, ist da die Medien- oder Fernsehpräsenz. Ich hoffe, das kommt auch noch.

Die spanische Liga ist und bleibt die stärkste Liga, aber auch hier hat sich die deutsche Liga ein Beispiel genommen und die richtigen Schritte eingeleitet. Was die Standards angeht, haben wir damals, auch 1995, teilweise noch in Schulsporthallen gespielt, die dann am Samstag umgebaut wurden, damit dort ein paar hundert Leute Basketball schauen konnten. Heute spielen wir in Arenen, die bis zu 14.000 Zuschauer fassen. Der Standard liegt im Minimum bei 3.000 Zuschauern, in Spanien sind es mindestens 5.000. Diese Unterschiede gibt es immer noch, aber die deutsche Liga ist auf dem richtigen Weg.

Der eine Titel zu Karrierebeginn, der andere gegen Karriereende. Lassen Sie uns einen Blick auf das Jahr 2004 werfen: der Gewinn des FIBA Europe Cups mit dem Mitteldeutschen BC. Wie unterscheiden sich die beiden Titel voneinander?

1995 und 2004 waren im Hinblick auf die Erfolge deutscher Clubs in Europa eindeutig Ausnahmeereignisse. Beide sind jedoch nicht zu vergleichen, weil der FIBA Europe Cup doch etwas schwächer besetzt ist.

2004 war komplett anders. Ich habe als jüngerer Spieler bei Alba sicherlich noch nicht die Spielanteile gehabt, wie ich sie dann später beim MBC hatte. Aber was natürlich in diesem Jahr den tollen sportlichen Erfolg ein bisschen überschattet hat, war die Insolvenz des Vereins und auch die Reaktion seitens der Liga. Das Ganze hat so eine negative Note bekommen und konnte die Erfahrung, letztendlich mehr verloren, als gewonnen zu haben, eben in anderen Bereichen nicht ganz auffangen.

Damit sind Sie der einzige Spieler, der an den ersten beiden internationalen Titeln deutscher Vereinsmannschaften beteiligt war. Eigentlich könnte man Sie ja deshalb als historische Persönlichkeit sehen…

Ich sehe mich definitiv nicht als eine historische Persönlichkeit. Es ist vielleicht ein interessanter Fakt und kommt in einem Basketball Trivial Pursuit zur Geltung. Letzten Endes ist es aber etwas, was ich mitnehme aus meiner Karriere, und es war schön, diese Erlebnisse und Erfahrungen gemacht zu haben. Trotzdem sind die beiden Titel nichts, worauf man sich etwas einbilden kann. Und wie gesagt: Leider habe ich auch die deutschen Titel nicht gewonnen, die vielleicht zu einer historischen Persönlichkeit dazu gehören.

Nationale Titel blieben also immer verwehrt. Im Sommer 1996 kehrten Sie Berlin den Rücken und wechselten zum Aufsteiger nach Bonn. Alba gewann prompt Meisterschaft und Pokal. Stieg da eine gewisse Frustration in Ihnen auf?

Die Frustration gab es auf jeden Fall. Allerdings weniger ob der Tatsache, dass Alba jetzt den Titel gewonnen hatte, nachdem ich dort weggegangen war und die fünf Jahre zuvor in Berlin gespielt hatte. Wir haben damals drei Mal im Finale gestanden (Anm. d. Red. 1994, 1995, 1996), waren immer Leverkusen unterlegen. Die Frustration gab es dann vor allem deshalb, weil ich überraschend mit Bonn im Finale stand, gegen Alba. Wir haben leider in einer 3-1-Finalserie den Kürzeren gezogen und insofern war das vielmehr der Grund, warum ich mich geärgert habe. Wir haben gegen eine bessere, stärkere Alba-Mannschaft gespielt. Für mich war und bleibt der Schritt, nach Bonn zu wechseln der richtige.

Trotzdem ging es dann erst einmal auf Europareise…

Ich habe mich zuvor, durch den Schritt nach Bonn zu wechseln, vom talentierten Jugendspieler, hin zum Rollenspieler, schließlich zu einem Leistungsträger in der Bundesliga entwickelt, zum Allstar, zum Nationalspieler. Ich habe mir aufgrund der Statistiken die Möglichkeit erspielt, zum spanischen Vize-Meister (Tau Vitoria) zu wechseln und diese Chance habe ich dann 1998 ergriffen.

Was lernt man im Ausland, was man aus Ihrer damaligen Sicht in Deutschland nicht hätte lernen können?

Auf jeden Fall, dass es nach oben noch eine Menge Luft gibt. Die spanische Liga war zum damaligen Zeitpunkt, genauso wie heute, die stärkste Liga in Europa und auch bei mir in der Mannschaft waren nur Nationalspieler oder sogar NBA-Spieler und das war einfach eine andere Erfahrung. Während in Deutschland Gießen gegen Bramsche spielt, steht man in Spanien mit Tau Vitoria dem FC Barcelona gegenüber. Das ist natürlich ein ganz anderer Level und das hat verdammt viel Spaß gemacht und war ein tolles Erlebnis.

Auch Ihre Sprachkenntnisse konnten Sie immens vertiefen…

Ja, das sagt man dann nachher so schön, weil ich wirklich versucht habe, vor Ort Spanisch zu lernen. Ich spreche jetzt nicht perfekt, aber im Urlaub reicht es schon, um den Kaffee zu bestellen. Um die Sprache zu perfektionieren, war die Zeit dann leider zu kurz – in Spanien genauso wie in Italien. Auf jeden Fall hat es für mich einfach dazu gehört, im Land die Sprache zu lernen, aber da liegt eben auch mein Interesse.

Wenn man von einem europäischen Club zum nächsten zieht, dann muss man flexibel sein und das Reisen lieben, richtig?

Ich hätte damals zum Beispiel auch in Bonn bleiben können, habe mich aber dazu entschieden, ins Ausland zu gehen, weil ich andere Länder, andere Sitten und auch andere Sprachen kennenlernen wollte. Ich konnte damals meinen Job sehr gut mit meinem Hobby beziehungsweise meinem Interesse verbinden. Und Flexibilität gehört sicherlich dazu, das habe ich in meinem ersten Jahr in Europa beweisen müssen.

Zwar konnte ich mich überall sehr schnell mit den Umständen anfreunden und habe mich auch überall ganz wohl gefühlt, aber ob ich jetzt noch einmal komplett mit Familie, oder sogar ohne Familie ins Ausland gehen würde, das weiß ich nicht.

Von Vitoria über Rom nach Fabriano und das alles in einem Jahr. Vermisst man nicht irgendwann ein richtiges „Zuhause“?

Das war auch eine neue Erfahrung für mich, dass man nicht mit den eigenen Möbeln von einem Ort zum anderen zieht, sondern letzten Endes nur mit zwei oder drei Taschen unterwegs ist und dann natürlich auch relativ leicht Verein, Stadt oder sogar Land wechseln kann.

Es gibt da bestimmt Unterschiede, das hängt auch von den Standards der jeweiligen Länder und Vereine ab, wie ihre Wohnungen ausgestattet sind, dass man sich dort wirklich zuhause fühlen kann. Aber vielmehr hängt es natürlich auch von den einzelnen Charakteren ab. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, in einem anderen Land oder in solch einer fremden Wohnung zu sein. Man versucht eben trotzdem, es sich dort so gemütlich wie möglich zu machen. Was ich aber sicherlich auch schon mal gemacht habe, war, dass ich 50€ oder auch 100€ bei Ikea für Dekoration, Blumen oder so etwas in der Art ausgegeben habe, um diese Dienstwohnungen ein Stück weit behaglicher zu machen.

Nachmittags habe ich mich dann oft in ein Café gesetzt in Italien und die Gazzetta dello Sport gelesen, einen Cappuccino getrunken, in Spanien dann eben einen café con leche, in Griechenland später ein Frappée und am Mittelmeer gesessen. Das ist einfach eine schöne Sache, dass man diese anderen Lebensumstände und Sitten kennenlernt. Da muss man sich dann aber auch drauf einlassen wollen. Der Preis dafür ist eben, dass man nicht in seinen eigenen vier Wänden mit den eigenen Möbeln in einer gemütlichen, behaglichen Wohnung sitzt.

Sie haben viel gesehen von Europa. Wo würden Sie sich am liebsten nach Ihrer Karriere zur Ruhe setzen?

Das ist schwer zu sagen. Südeuropa hat natürlich den Vorteil des schönen Wetters. Wenn man sich jetzt bei diesem trostlosen, grauen Wetter, wie wir das hier haben, überlegt, dass die Spanier oder Griechen gerade im T-Shirt rumlaufen, ist das ein verführerischer Gedanke. Aber ich denke überall, wo ich gelebt, oder dementsprechend gespielt habe, gab es schöne Seiten des Lebens, die die wenigen schlechten überdecken konnten. Insofern, wenn ich es mir aussuchen könnte, was Wetter und Kultur angeht, fände ich Spanien ganz gut. So etwas wie Barcelona, eine etwas größere Stadt, könnte ich mir gut vorstellen. Als gebürtiger Berliner käme mir das entgegen.

Sie kamen dann zurück nach Deutschland, wobei ein Jahr zurück in der BBL ja auch nochmal von Turbulenzen geprägt war…

Ja, im zweiten Jahr beim MBC unter Coach Henrik Dettmann gab es die Insolvenz. Die kam ja glücklicherweise erst in der zweiten Saisonhälfte. So etwas überschattet dann natürlich auch ein tolles Erlebnis wie den Gewinn des Europapokals und hat gewisse weitere Auswirkungen. Wir hatten außer mir selbstverständlich noch andere erfahrene Spieler in der Mannschaft mit Stephen Arigbabu, Paul Burke oder Wendell Alexis. Alexis hat nach Bekanntgabe der Insolvenz sofort seine Koffer gepackt und wir haben den Europapokaltitel komplett ohne ihn gewinnen müssen. Das war sicherlich ein Achtungserfolg.

Unter anderem war die Konsequenz, dass ich das dritte Jahr meines Vertrages nicht erfüllen konnte, weil es einfach den Verein nicht mehr gab.

Zu Beginn der Saison 2004/2005 war ich dann ohne Verein, was mir in dem Moment ganz recht war, weil im September 2004 mein zweiter Sohn geboren wurde. Im Oktober habe ich beim ASV Berlin in der Regionalliga gespielt, um mich fit zu halten, habe im November dann in Jena ein Spiel in der zweiten Liga gemacht, weil Frank Menz, der damalige Trainer, mich gefragt hatte, ob ich dort aushelfen könne und einen Tag nach diesem Spiel in Jena kam der Anruf aus Köln. Jörg Lütcke hatte sich zum dritten Mal das Kreuzband gerissen und somit folgte ein einmonatiges Engagement in Köln. Im Januar bin ich nach Polen gewechselt zu Turów Zgorzelec, wo ich dann die nächsten eineinhalb Jahre geblieben bin.

Wollten Sie in Polen mal zur Ruhe kommen?

Nein, ich wollte einfach Basketball spielen. Zu dem Zeitpunkt gab es in der deutschen Liga keine Ausländerbeschränkung, das heißt, man hat teilweise sogar Teams gefunden, in denen gar kein Deutscher gespielt hat. Dadurch, dass ich natürlich auch gewisse finanzielle Ansprüche gestellt habe, bin ich lieber noch einmal ins Ausland gegangen, als in der deutschen Liga für ein Gehalt zu spielen, das unter Arbeitslosengeld-Niveau gelegen hätte.

Kam Ihnen der Gedanke des karriereendes zum Zeitpunkt der Unterschrift in Zgorzelec schon in den Sinn?

Ich habe eigentlich noch nicht daran gedacht, weil ich körperlich komplett fit war und auch noch einige Jahre hätte spielen können. Das sogenannte Karriereende kam bei mir dann relativ plötzlich, von einem Tag zum nächsten, als mein Verein Kotwica Kolobrzeg, mich fragte, ob ich nicht den Trainer ersetzen möchte, den sie gerade gefeuert hatten.

Wieso haben Sie in dem Moment eingewilligt?

Als Spieler wusste ich natürlich ziemlich genau, woran es uns als Mannschaft mangelte. Der alte Trainer, und alt hier in doppelter Bedeutung, hatte keinen Zugang zur Mannschaft. Er konnte nicht richtig mit den Amerikanern kommunizieren, es gab keine Regeln, was die Verteidigung anging und wir haben uns absolut unter unseren Möglichkeiten verkauft. Wir hatten NBA-Spieler, wir hatten den MVP der polnischen Liga, wir hatten polnische Nationalspieler, deutsche Ex-Nationalspieler und waren nur Elfter von 14 Mannschaften. In diesem Fall fand ich den Schritt richtig, den Trainer zu beurlauben und als der Verein mich fragte, ob ich den Job machen möchte, habe ich mich dazu bereit erklärt. Wir haben unter meiner Regie sogar noch die Playoffs geschafft und sind aber leider im Viertelfinale ausgeschieden.

Ihre Flexibilität war also wieder gefordert. Wie groß war der Umbruch wirklich?

Es war schon eine schwierige Situation, weil es nicht leicht ist, die Gratwanderung zwischen ehemaligem Mitspieler und Chef zu meistern und in der Rolle sein zu müssen, Vorgaben zu machen, die dann sofort von den anderen umgesetzt werden sollen. Wir haben das aber ganz gut hinbekommen. Wir haben sofort angefangen Spiele zu gewinnen, wichtige Siege eingefahren, auch gegen sehr viel besser platzierte Mannschaften. Meine Mannschaft hat gesehen, dass es so funktioniert und ist sehr schnell auf diese richtige und gute Lösung eingegangen.

Mir persönlich war aber in dem Moment noch nicht klar, dass ich an dem Tag der Zusage meine Schuhe an den Nagel gehangen hatte und dass es das dann war mit der Spielerkarriere.

In Braunschweig lösten Sie als Jung-Trainer jemanden ab, mit dem Sie als ziemlich junger Spieler schon bei Alba zusammen im Kader standen. Welche Fußstapfen hatten Sie auszufüllen?

Mit Muki (Anm. d. Red.: Emir Mutapcic) habe ich zu Beginn meiner Karriere zwei Jahre lang zusammen in Berlin gespielt. Als Trainer wieder begegnet bin ich ihm dann während meines zweiten Jahres in Kolobrzeg. In dieser Saison haben wir in Braunschweig ein Testspiel gemacht. Wir haben hier in der Tunikahalle gegen Mukis Mannschaft gespielt, da kann ich mich noch gut dran erinnern.

Letzten Endes habe ich es nie so gesehen, als dass ich seine Fußstapfen ausfüllen müsste. Er hat diesen Job vor mir gemacht und sicherlich auch Erfolge erzielen können. Es hat mich aber nie wirklich tangiert, wer da vor mir diesen Job ausgefüllt hat, weil wir dann unter meiner Regie eine fast komplett neue Mannschaft geformt haben.

Wo spürt man den größeren Druck und die größere Verantwortung? Als Spieler im Korac-Cup Finale 1995 oder als Headcoach der Braunschweiger auf dem Weg zum Pokal?

Die Verantwortung ist sicherlich als Trainer höher. Beim Thema Druck weiß ich das gar nicht. Der Respekt vor der Aufgabe sollte sowieso bei allen da sein, bei Trainern wie auch bei Spielern: Lampenfieber und Aufregung gibt es sicherlich in allen Positionen. Die Frage ist eben, wie man damit umgeht. Die Problematik daran, nur noch an der Seitenlinie stehen zu dürfen, ist bekanntlich der Umstand, dass man nicht aktiv am Geschehen teilnimmt, dass man sich nicht abreagieren kann, dass man nicht mitrennen oder selber auf den Korb werfen kann, sondern zuschauen muss, wie andere das tun. Das ist keine Drucksituation, aber dennoch schwierig zu handhaben, wenn man zum Zuschauen verurteilt ist. Manchmal muss man dann einfach loslassen und den Druck, der sich doch aufstaut, auch mal rauslassen, mal lauter werden und sich Luft machen.




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von Crossover 30.05.2012 um 08:37:26


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