Misan Nikagbatse
Der Rückkehrer
Ein Dunk über Yao Ming machte ihn weltberühmt. Misan Nikagbatse galt als NBA-Talent, spielte bei Olympiacos Piräus, holte WM-Bronze 2002 und EM-Silber 2005. Nach dem steilen Aufstieg folgte jedoch der tiefe Fall. Nun steht der gebürtige Berliner vor seinem Comeback in der deutschen Liga für die LTi Giessen 46ers.
Von Thomas Käckenmeister |
18.07.2011 | |
Mai 2011. Die brennende Sonne lässt den Asphalt auf Berlins Straßen schmelzen. In einer aufgeheizten Sporthalle nehmen einige Basketballer an einem Workout teil. Das Ziel: sich fit zu halten oder, wie im Falle eines tätowierten Talents früherer Tage, wieder zurückfinden zu alter Form.
Die Luft steht in der stickig-schwülen Halle. Schweißgeruch sticht in der Nase, Gummisohlen quietschen auf dem Parkett. Hier schuftet Eyinmisan Edward Ogharanemeye Nikagbatse, Sohn eines nigerianischen Vaters und einer finnischen Mutter und einst aufstrebender deutscher Basketballstar, unermüdlich für seine Rückkehr in die Basketball-Bundesliga. Während dieser Tage ist auch Coach Björn Harmsen anwesend und macht sich ein Bild. Zu diesem Zeitpunkt ist aber noch nicht abzusehen, dass beide künftig einen gemeinsamen Weg gehen werden.
Steiler Aufstieg eines Berliner Streetballers
Rückblick ins Jahr 2000. Nikagbatse punktet zweistellig im Schnitt und feiert mit TuS Lichterfelde den sportlichen Aufstieg in die BBL unter Coach Emir „Muki“ Mutapcic. Kurz darauf sorgt der 1,92 Meter große Shooting Guard mit gerade einmal 17 Jahren beim renommierten Albert-Schweitzer-Turnier für internationales Aufsehen. 27,8 Punkte im Schnitt und 46 Punkte gegen Griechenland sind sein Schlüssel für die Hallen Europas. Alba Berlin will den Youngster für fünf Jahre an sich binden, doch Nikagbatse kündigt vor seinem ersten Einsatz beim deutschen Serienmeister. Sein Versuch, in Italien bei Fortitudo PAF Bologna anzuheuern, bringt nicht den erhofften Erfolg. Auch mit Real Madrid klappt es nicht, weil den basketballvernarrten Berliner eine Knieverletzung aus der Bahn wirft. Schließlich zahlt das griechische Schwergewicht Olympiacos Piräus die von Alba geforderte Ablösesumme.
"Ich bin dabei, wieder dahin zu kommen, wo ich einmal war, und bin sicher, dass sich noch viele Leute über meine Leistung wundern werden“, sagt Nikagbatse während der Saison 2001/2002 in der Zeitung „Welt“. Damals wie heute untermauern diese Worte den Willen des Berliners Basketballtalents, nicht aufzugeben. Bereits zur damaligen Zeit verfolgen die deutschen und internationalen Medien den Weg Nikagbatses, der mit Streetball-Attitüde auf dem Parkett zu überzeugen weiß. Sein Markenzeichen auf dem Spielfeld ist neben einem gepflegten rotbräunlichen Afro ein markantes Stirnband mit der Aufschrift „B.T.B.4.L.“ – „Berlin-Town Ballers For Life“ –, eine Reminiszenz an seine Wurzeln in der Bundeshauptstadt, in der er in jungen Jahren die Liebe zum Spiel auf dem Freiplatz entdeckte. Für Alba Berlin wird Nikagbatse dennoch während der nächsten Jahre nicht auflaufen.
Zunächst sportliche Erfolge, dann gesundheitliche Probleme
Mit Piräus feiert Nikagbatse 2002 den Pokalsieg und die griechische Vizemeisterschaft. Danach geht es für die Saison 2002/2003 zu Snaidero Udine ins Land der Pizza und Pasta, anschließend zum Mitteldeutschen Basketballclub, mit dem Nikagbatse den FIBA Europe Cup 2004 gewinnt. Seine Hoffnungen auf den NBA Draft werden trotz starker Leistungen beim Euro Camp in Treviso und dem Pre Draft Camp in Chicago nicht erfüllt.
Nach drei weiteren Spielzeiten in Italien (bei Sedima Roseto, Vertical Vision Cantù und Premiata Montegranaro) kehrt Nikagbatse schließlich zurück in die BBL. Mit den Köln 99ers steht er in der Saison 2007/2008 für 15 Einsätze auf dem Parkett, erzielt 8,7 Punkte, 2,5 Rebounds und 2,5 Assists im Schnitt. Dann zwingen ihn die Insolvenz der 99ers und eine Sperre wegen THC-Konsums zu einer Rückkehr nach Italien zu Pallacanestro Varese (2008/2009). Der früher hell leuchtende Stern mit NBA-Perspektive war verblasst, und die Abwärtsspirale setzte sich fort.
Das Karriereende droht
Aus einer verschleppten Fußverletzung entwickelt sich eine Hüftverletzung. „Es ging los mit einem Problem im Fuß in der Saison 2008/2009“, blickt Nikagbatse zurück auf den Beginn einer schweren Leidenszeit. „Ich hatte eine Plantar Fasciitis (Entzündung des starken, faserartigen Bandgewebes auf der Unterseite des Fußes, das von der Ferse bis zur Unterseite der Zehen verläuft). Weil ich dann aber weiter gespielt habe, kam es zu einer Fehlbelastung. Dadurch habe ich mir einen Reiz in der Hüfte geholt und es hat sich mein Labrum (faserknorpeliger Ring auf dem Rand der Hüftgelenkpfanne) ausgefranst.“
Nikagbatse, weiterhin vom Basketballvirus bessen, wird dadurch widerwillig aus der Spur geschleudert. Fachärzte diagnostizieren keine Rückkehr zum Leistungssport. Das Karriereende droht, weil sich nach seiner Reha im Sommer 2009 eine Zyste im Hüftbereich gebildet hat. Doch der groß gewachsene Guard beißt auf die Zähne und besucht Dr. Müller-Wohlfarth in München. „Danach musste ich komplett bei null anfangen, weil ich zu diesem Zeitpunkt seit sechs, sieben Monaten nichts mehr gemacht hatte. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich wieder körperlich belastbar wurde“, erinnert sich Nikagbatse, der zwischenzeitlich in Kanada auf Korbjagd ging, um nicht komplett einzurosten.
Individualtraining und die Rückkehr in die BBL
Während dieser Zeit kümmert sich ein Personal Trainer, der früher selber aktiv professionell Basketball in Deutschland, Spanien und den USA gespielt hat, um ihn. Mit einem Trainingsprogramm werden schließlich die körperlichen Defizite abgebaut, „dass er wieder fit wird und Schritt für Schritt wieder an Basketball herangeführt wird und um seinem Potential entsprechend die Liga in Deutschland wieder aufzumischen“, erklärt Nikagbatse Fitness-Coach. „Wir haben Misans Körper nach seiner Hüftverletzung regeneriert. Er hat acht Kilo abgenommen und hatte noch nie so wenig Körperfett wie jetzt. Sein Körper muss schließlich auch den Belastungen einer ganzen Saison standhalten.“
Auftritte in der 2. Regionalliga für Charlottenburg bringen Nikagbatse die notwendige Spielpraxis, nach der er in über einem Jahr so stark dürstete. Dass er immer noch als gefährliche Waffe in der Offensive angesehen werden muss, unterstreichen zweistellige Punktausbeuten im Schnitt.
Anfang des Jahres 2011 platzt ein Tryout-Training in Braunschweig wegen eines Muskelfaserrisses. Der steinige Weg, an dessen Ende irgendwo „Comeback“ stehen soll, erweist sich als schwerer als erwartet. „So kam es, dass ich in der vergangenen Saison komplett nicht gespielt habe“, rekapituliert Nikagbatse. Leichte Enttäuschung macht sich in seiner Stimme breit. Die Spiele in der Regionalliga scheinen nicht den Reiz erfüllt zu haben, der einer Rückkehr aufs Profiparkett gleichkommt. „Jetzt bin ich wieder fit, jetzt bin ich wieder gesund und jetzt starte ich wieder durch!“, klingt schon eher wie ein Weckruf an den Rest der Liga, dass nun die angestaute Energie in basketballerische Begeisterung umgemünzt wird.
Die Rückkehr zu alter Stärke bei den LTi Giessen 46ers?
Der ganze Ballast der zurückliegenden anderthalb Jahre scheint im Sommer 2011 wie weggeblasen. Neben den gesundheitlichen Rückschlägen kamen familiäre Probleme hinzu. „Es war viel passiert. Es war keine einfache Zeit“, gewährt Nikagbatse einen blassen Einblick in sein Privatleben. Nachbohren scheint unangebracht, das Rackern für seinen Lieblingssport steht im Vordergrund. Auch in dieser Geschichte.
Zweifel, die Basketballschuhe an den Nagel zu hängen, kamen währenddessen bei ihm nicht auf. „Nie war ich am Zweifeln, dass ich mit Basketball aufhöre. Es war mir klar, dass ich wieder spielen werde. Es war nur eine Frage der Zeit. Zu dem Zeitpunkt war es alles ein bisschen viel, was da auf mich zugekommen ist. Im Nachhinein hat mir diese Auszeit ganz gut getan“, meint der 69-fache Nationalspieler, der in Indianapolis 2002 über Yao Ming stopfte (siehe Video) und 2005 in Belgrad die Silbermedaille bejubelte. „Was ich in den letzten anderthalb Jahren gelernt habe, ist, Geduld zu haben und einen Schritt nach dem anderen zu machen“, zieht Nikagbatse sein persönliches Fazit aus der schweren Leidenszeit.
Schritt für Schritt hat Nikagbatse sich zurückgekämpft, mit Nationalspielern trainiert und eine Leistungsdiagnostik in Heidelberg erfolgreich absolviert. „Ich bin wieder topfit. Mir fehlt noch die Spielpraxis“, bringt es der 29-Jährige auf den Punkt. Das klingt nach einem reiferen Misan Nikagbatse, der mit den LTi Giessen 46ers wieder angreifen will. „Ich bin sehr glücklich, dass ich nach einer harten Zeit endlich wieder in der Lage bin, das zu machen, was ich am meisten liebe: Basketball spielen. Gießen ist eine sehr wichtige, vielleicht die wichtigste Station in meiner Karriere. Ich brenne darauf, wieder auf dem Feld zu stehen und meinem Team zu einer erfolgreichen Saison verhelfen zu können“, blickt Nikagbatse seinem Comeback entgegen.
Die Mittelhessen haben mit dem neuen Head Coach Björn Harmsen einen Umbruch vollzogen und den gebürtiger Berliner mit einem Einjahresvertrag ausgestattet. „Er ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Spieler auf seiner Position“, freut sich Harmsen über den variablen Backcourt-Spieler. „Wir können ihn auf beiden Guard-Positionen einsetzen und nach dieser Flexibilität haben wir lange gesucht.“
Mit der Unterschrift bei den 46ers hat Nikagbatse den wichtigsten Punkt seines Plans abgehakt: „Mein erstes Ziel ist generell die Rückkehr!“ Was dann kommt, wird die Saison zeigen. In jedem Fall hat die Beko BBL den verlorenen Sohn Misan Nikagbatse zurück und die Saison 2011/2012 eine Attraktion mehr.



von eightch 18.07.11 um 09:25:22
was wäre wenn - ist so bisserl der deutsche mcgrady...
von Dave von BOOM 18.07.11 um 09:56:29
(Endlich) wieder ein Grund mehr, um nächste Saison die BBL im TV zu verfolgen. Viel Glück Misan!
von S!mon 18.07.11 um 12:33:43
Ich freue mich.
von TheGlide 18.07.11 um 12:34:32
In Yaos Face!
von Chef 18.07.11 um 13:23:23
Ich freu mich auch.Schade nur das er in niemals Pro B gegen Leverkusen gespielt hat....
von KB-24 18.07.11 um 14:42:20
sehr sehr geil.kanns immernoch nich glauben.wie kommt man v der 2.regio in berlin nach gießen??^^egal,premium!
von Mr4thQuarter 18.07.11 um 18:36:17
over yao !!!
von Kwio 21.07.11 um 13:56:44
Der arme Misan, er hat nie Fehler gemacht und ihm wurde das Leben so schwer gemacht. Über den Artikel muss ich doch ziemlich schmunzeln :D