Interview
„Unser Job ist ein Luxus“
Oskar Faßler (22 Jahre) und Oliver Clay (23 Jahre) gehen seit einigen Wochen für TBB Trier in der Beko BBL auf die Jagd nach Körben und Siegen. Im ausführlichen Doppel-Interview erzählen sie von ihren Wegen zum Basketballprofi, sprechen über Zweifel, Verletzungen, Ziele und Erwartungen. Außerdem schwärmen sie von ihrem Headcoach Henrik Rödl und erzählen Geschichten aus ihrer Berliner Zeit.
Von Peter Bieg |
26.10.2010 | |
Oskar Faßler, genannt „Ossi“, und Oliver Clay, genannt „Oli“, überzeugen. Sie überzeugen auf dem Parkett der Beko BBL, wo sie sich bisher als absolut bundesligatauglich präsentieren, aber auch im exklusiven Interview mit CROSSOVER in der Arena Trier. In einer knappen Dreiviertelstunde präsentieren sich der 22-jährige Faßler und sein 23-jähriger Teamkollege Clay nicht nur als aufgeschlossene, freundliche Profis ohne Allüren, sondern demonstrieren eindrucksvoll, dass sie nicht nur auf dem Spielfeld harmonieren. Die beiden gebürtigen Berliner verstehen es zu scherzen, sind beide allerdings ebenso in der Lage wie willens, ernste Fragen mit gebührendem Nachdruck und Umfang zu beantworten.
Sowohl der 1,98 Meter große Shooting Guard Faßler, der auch als Point Guard und Small Forward eingesetzt werden kann, als auch der 2,06 Meter große Oliver Clay, der als Power Forward und Center spielt, kommen bisher von der Bank ins Spiel, um der ersten Garde von TBB Trier wichtige Verschnaufpausen zu garantieren und neue Energie in die Partie zu bringen. Für die mit zwei Siegen aus vier Spielen gestarteten Trierer kommt Faßler bisher auf Werte von 7,5 Punkte und 2,3 Rebounds pro Spiel bei einer Wurfquote von 50 Prozent aus dem Feld und rund 20 Minuten Spielzeit im Schnitt. Clay durfte bisher knapp sieben Minuten pro Partie ran und kommt auf durchschnittlich 3,3 Punkte und 2 Rebounds.
Beide Spieler sind definitiv noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen und ließen bei ihren bisherigen Auftritten viel Potential erahnen. Zusammen mit Philip Zwiener und Dragan Dojcin folgten die beiden Youngster dem Ruf Henrik Rödls und wechselten von der Spree an die Mosel (Oskar Faßler spielte zum Ende der vergangenen Saison für einige Wochen in Jena und Weißenfels und beendete die Saison 2009/2010 nicht in Berlin), um hier in neuen Rollen viel Spielzeit und Verantwortung übertragen zu bekommen.

CROSSOVER: Wie hat Eure Basketballkarriere begonnen?
Oliver Clay: Ich habe vorher schon andere Sportarten gemacht, aber mein zwei Jahre älterer Bruder hat damals schon gespielt. Mit acht, neun Jahren habe ich angefangen. Vorher hatte ich Judo und Fußball ausprobiert. Mein Bruder hat mich also mehr oder weniger zum Basketball gebracht.
Oskar Faßler: Bei mir hat es auch mit acht Jahren angefangen. Vorher habe ich ein halbes Jahr Fußball und Handball ausprobiert. Mein Vater hatte eine Schul-AG, weil er als Sportlehrer arbeitet. Da bin ich nach der Schule immer hingegangen, um mit den Jungs da Basketball zu spielen. Dann ging es recht schnell. Ich bin in einen Verein eingetreten und so dann zum Basketball gekommen.
Wie ging es dann weiter?
OC: Man hatte viele Freunde, die auch alle Basketball gespielt haben. Es war der ganze Freundeskreis, der Basketball gespielt hat. Wenn man so jung ist, spielt man ja nicht nur in der Halle, sondern auch in der restlichen Freizeit auf Freiplätzen und im Hinterhof. Man spielt rund um die Uhr. Es hat sich mehr und mehr entwickelt. Irgendwann wird man von Trainern angesprochen und ins Training eingeladen.
OF: (nickt und lacht)
Was ist das Besondere an einem Job als Basketballprofi?
OF: Ich denke, dass es ein privilegiertes Leben ist. Man kann viele Sachen machen, die andere Leute so nicht machen können, allein weil man sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Es ist ein Luxus, den man hat, weil ich alles, was ich in Sachen Basketball mache, mit Spaß verbinde. Das ist ein wichtiger Punkt für mich, über den ich froh bin. Deshalb werde ich auch versuchen, das so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.
OC: Das sehe ich auch so. Es ist perfekt, mit seinem Hobby Geld zu verdienen. Ich habe großen Respekt vor den Leuten, die acht Stunden am Tag arbeiten müssen. Bei uns ist es zwar auch anstrengend, aber es sind oft nur zwei mal zwei Stunden. Außerdem ist es, wie Ossi schon gesagt hat, so dass wir es eben mit viel Spaß machen und das vielleicht der größte Unterschied ist.
Ihr seht also keine Einschränkungen oder Punkte, in denen es der Normalbürger besser hat als ein Profibasketballer?
OC: Als Basketballer musst Du sehr flexibel sein, Du hast viele Vorgaben. Du hast Auswärtsspiele, musst machen, was der Trainer von Dir verlangt. Manchmal musst Du daher zu Zeiten irgendwohin, wo der Normalbürger längst frei hätte und seinen Feierabend genießen könnte. Du hast dann aber Überstunden zu machen.
OF: Man lebt einfach einen anderen Alltag. Wir gehen nicht um 8 Uhr zur Arbeit und kommen um 16 Uhr zurück und sind dann zuhause im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Bei uns ist das alles verschoben: Du gehst um 21 oder 22 Uhr aus der Halle, hast trainiert, gehst etwas Essen, triffst Dich vielleicht noch mit ein paar Kumpels. Das wirkt sich eben auf Deinen Alltag aus. In Berlin hatten manche Freunde unter der Woche nie Zeit, wobei wir unter der Woche eher Zeit hatten und am Wochenende unsere Spiele. Das ist die einzige echte Einschränkung, würde ich sagen.
Wie habt ihr es bisher geschafft, Schule und Ausbildung mit Basketball zu kombinieren?
OC: Ich habe ganz normal die Schule besucht, aber kein Abitur gemacht. Danach habe ich einige Dinge ausprobiert. Ich war nicht von Anfang an Profibasketballer. Das war bei Oskar ein bisschen anders. Zum Glück habe ich durch meinen vorigen Verein eine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann angeboten bekommen und diese in den letzten Jahren absolviert. Das war sehr gut für mich, denn so konnte ich Basketball spielen und meinen Abschluss machen. Solche Angebote gibt es mittlerweile ziemlich häufig und für mich war das perfekt.
OF: Ich war auf dem Gymnasium, habe aber mein Abitur nicht gemacht. Dadurch dass ich schon recht früh einen Profivertrag mit Alba unterschrieben habe, damals mit 17 Jahren, war ich sehr in Basketball eingebunden. Wir sind auch unter der Woche viel verreist, haben in der Europaliga gespielt. Meine Fehlzeiten haben sich so gehäuft, dass ich einfach nicht mehr mit dem Stoff hinterherkam. Damals habe ich mich entschieden, nach der 12. Klasse abzugehen und hatte dann meine „Theoretische Fachhochschulreife“ erlangt und noch ein Praktikum drangehangen. Jetzt habe ich die Fachhochschulreife und kann damit später, wenn ich Lust und ein bisschen mehr Zeit habe, an der Fachhochschule studieren und bin ganz glücklich darüber, diese Lösung gefunden zu haben.
Wie haben Eure Freunde und Eure Familien bisher auf Eure Entscheidungen reagiert?
OF: Meine Familie hat mich immer in dem unterstützt, was ich gemacht habe. Natürlich ist man in einem bestimmten Alter aber auf die Schule angewiesen, das heißt, wenn ich in der Schule miese Noten bekommen habe, war meine Mutter die Erste, die gesagt hat: ‚Du kannst jetzt nicht ins Training gehen, Du musst lernen‘. Meine Eltern haben mir klar gemacht, dass ich einen bestimmten Abschluss brauche, um ein zweites Standbein zu haben. Das ist eine Sache, die ich verinnerlicht habe. Jeder weiß, dass Basketball eine wunderschöne Sache ist, aber durch Verletzungen und andere Sachen kann es auch ganz schnell vorbei sein. Deshalb war es wichtig für mich, einen Abschluss zu machen, auch weil ich mich jetzt voll auf Basketball konzentrieren kann.
OC: Da kann ich mich nur anschließen. Meine Mutter hat mir immer den Rücken gestärkt, aber mich auch nie zu Irgendetwas gezwungen, wie das vielleicht bei anderen, verrückten Müttern ist. Sie hat mir immer viele Freiheiten gelassen, auch wenn ich zum Beispiel mal keine Lust auf Training hatte. Die Einzige, die ich kenne, die immer sagt: ‚Pass auf mit Verletzungen und so‘, ist meine Oma, aber das ist eben auch nur meine Oma (lacht lauthals). Ansonsten finden meine Familie und meine Freunde es eher cool, dass sie einen haben, der in der ersten Liga spielt und stehen auf jeden Fall hinter mir.
Was sind abgesehen vom sportlichen Talent die wichtigsten Eigenschaften, um auf dem Weg zu bleiben und ein gewisses Niveau überhaupt zu erreichen?
OC: Ganz oben steht auf jeden Fall der Ehrgeiz. Ich habe schon viele Spieler gesehen, die wegen mangelndem Ehrgeiz auf der Strecke geblieben sind. Außerdem musst Du damit klar kommen, auch mal vom Trainer angeschrien zu werden. Es gibt aber zu viele Spieler, die denken: ‚Nein, das muss ich mir nicht geben‘, und gehen dann nach Hause. Aber so ist Basketball, der Trainer ist der Chef, und Du musst auch mal einstecken können. Spaß muss immer dabei sein, aber der Spaß kommt hoffentlich von alleine, denn sonst würde man kein Basketball spielen (lacht).
OF: Wenn man sich bestimmte Ziele setzt und hart genug dafür arbeitet, dann denke ich auch, dass man diese Ziele erreichen kann. Das kann ich jedem, der ambitioniert Basketball spielt, nur so sagen: Wer hart an sich arbeitet, wird seine Ziele auch umsetzen können.

Gab es bisher Punkte, an denen Ihr echte Zweifel hattet und vor dem Aufgeben wart?
OF: Ich persönlich hatte schon ein-, zweimal solche Punkte, wo ich ein bisschen gezweifelt habe. So etwas ist mit negativen Erfahrungen verbunden, die man gemacht hat, aber damit kommen wir auch zu meiner vorigen Antwort zurück. Ich dachte mir dann: ‚Ja, Du machst grad eine harte Phase durch, aber andererseits weißt Du, warum Du das machst und deshalb musst Du jetzt dranbleiben‘. Im Rückblick sind aber diese harten Phasen unheimlich wertvoll. Ich hatte eine Zeit, da musste ich wegen einer Knieverletzung vier Monate pausieren. Die Zeit vergeht, Du verletzt Dich im Mai, denkst: ‚Okay, im Juli kann ich wieder trainieren‘, dann bist Du im Juli komplett raus, die Saisonvorbereitung fängt an, und Du hast immer noch Schmerzen im Knie. Irgendwann fängst Du halt an zu hinterfragen, aber ich habe gelernt, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn man mal Rückschritte hinnehmen muss.
OC: Bei mir gab es eine prägende Situation, da war ich dreizehn oder vierzehn. Damals stand die erste Jugendsichtung für die Nationalmannschaft an und es waren richtig viele Berliner dabei. Von zwölf Spielern aus Berlin wurden dann neun oder zehn genommen, ich war allerdings einer von denen, die nicht genommen wurden und die Enttäuschung war einfach riesengroß. Danach dachte ich mir: ‚Okay, jetzt schmeiß ich alles hin. Was bringt das überhaupt noch? Ich hab keinen Bock mehr‘, und dann bin ich auch erst einmal kürzer getreten, habe nur noch zwei-, dreimal die Woche im Verein gespielt. Ich bin dann erst später zurück zum Leistungssport gekommen und hatte wirklich starke Zweifel daran, ob ich denn überhaupt gut genug bin. Das war eine Situation, in der ich viel nachgedacht und gezweifelt habe. Ich war damals eben auch noch eher der Bankwärmer, war noch nicht so groß und habe mich zum Glück noch stark weiterentwickelt…
OF: (unterbricht) Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen. (Beide lachen) Olli ist ja ein Jahr älter als ich, aber man kannte sich damals aus der Berliner Auswahl und so. Ich war damals auch noch klein und jung und wir waren zusammen beim Bundesjugendlager (Anm. d. Red.: Das Bundesjugendlager in Heidelberg gehört seit Jahren zu den wichtigsten Sichtungsmaßnahmen des Deutschen Basketball Bundes). Von uns Berlinern wurden wirklich fast alle ausgewählt, außer Oli. Der war damals aber noch echt klein. So 1,90 Meter oder so. (lautes Gelächter) Er spielte damals auf dem Flügel und ist danach eben wirklich kürzer getreten. Wir haben uns nicht mehr so oft gesehen und uns aus den Augen verloren. Ich hab ihn also ein, zwei Jahre nicht mehr gesehen. Eines Abends laufe ich durch Berlin, ich glaube, es war sogar wegen der Fußball-WM und ich hatte Oli ewig nicht mehr gesehen und plötzlich kommt mir halt so ein großer Schwarzer entgegen (beide lachen). Er war auch richtig breit und hatte nochmal einen krassen Wachstumsschub gehabt…
OC: …ja, da war ich 18 oder so. Das war schon richtig krass.
OF: Dann hat er hart weiter gearbeitet, kam zurück und es ist schön, dass es jetzt so gut geklappt hat.
| Teil 1: „Unser Job ist ein Luxus“ |
| Teil 2: Fassler und Clay über Berlin, das Trierer Konzept und Coach Rödl |



von KingCrunch 26.10.10 um 10:54:06
Wunderbares Interview, zwei Daumen und einen großen Zeh hoch für Fragensteller und die beiden Antwortenden (von einem, der von der BBL fast keinen Schimmer hat).
;)
von IdentityTheft 26.10.10 um 12:52:31
Klasse Interview.
von Bob!!! 26.10.10 um 13:40:26
diesem team, was mit zwiener, fassler, zirbes & clay so sehr auf junge deutsche setzt, kann man echt nur alles gute wünschen. hoffe sie haben eine erfolgreiche saison und müssen nicht gegen den abstieg kämpfen. echt 'ne sympathische truppe in einer sympathischen bball-stadt...
von dreiergott 26.10.10 um 15:45:14
ein richtig tolles interview !!!
ganz grosses tennis !!!
nur eine sache, die oskar fassler gesagt hat, stoert mich ein wenig ...
"In Trier kann man viele Sachen machen, die mich positiv überrascht haben, hier hat man zehntausendmal mehr Natur als in Berlin. In den zwei Monaten, in denen ich jetzt hier bin, habe ich mehr Grün gesehen, als in einem ganzen Jahr in Berlin."
... berlin ist die gruenste stadt europas, ich weiss also ehrlich gesagt nicht, wo sich herr fassler innerhalb berlins in den letzten jahren aufgehalten hat ;-)
aber ich kann mir schon denken, was er meint :-)
von Bob!!! 26.10.10 um 21:52:16
schade, wieder eine ganz knappe auswärtsniederlage nachdem man relativ hoch geführt hatte. clay & fassler gut gespielt.
tut mir leid aber nächsten mittwoch gibt's für trier bei uns in hagen wieder nichts zu holen ;)