Jul
07
1. Amorbacher Basketball Challenge
12:00 Uhr Parzival Sporthalle, Amorbach




Ed Nelson

Die Qual der Wahl

Eine Berliner Zeitung nannte ihn ?Football-Monster?, obwohl das gar nicht zu Ed Nelson passt. Der Center der Giessen 46ers ist abseits des Feldes ein lockerer Typ mit einer interessanten Geschichte.

Von Martin Vogel
 20.12.2007 |

Am 18. März 1982 erblickt Edward Richard Nelson das Licht der Welt. Wer im sonnigen Florida aufwächst, hat nicht viele Entschuldigungen, wenn Mama einen zum Spielen rausschickt. Von wegen ?Schlechtes Wetter? ist eben in Fort Lauterdale nicht. So ist der junge Ed immer unterwegs, bis er irgendwann am orangenen Leder hängen bleibt: ?Als ich groß wurde, hatte ich einfach mehr Spaß als die anderen? grinst Nelson. Mit 13 Jahren beginnt Nelson ernsthaft zu spielen und erweist sich als nicht untalentiert. ?Ich bin den Leuten aufgefallen, und als ich 14, 15 Jahre alt war, war Basketball mein Sport? erinnert sich der US-Amerikaner.

Im ersten Highschool-Jahr wird er Spieler des Jahres für seinen Bezirk, bekommt die ersten Anfragen von Colleges und wechselt auf eine Privatschule. Spätestens in der elften Klasse ist klar, dass Nelson für seine Universität nichts bezahlen würde: ?In meinem Junior-Jahr wollte mich eigentlich jedes College in den USA. Die Wahl stand dann zwischen Georgia Tech (GT) und Kentucky. Ich war damals den ganzen Sommer über unterwegs, habe für die US-Juniorennationalmannschaft trainiert und so Sachen, und als ich zu GT auf den Campus kam, gefiel mir alles, und ich hatte keine Lust mehr zu reisen, also hab? ich Kentucky abgesagt?. In seinem letzten Jahr an der Highschool räumt Nelson den Titel des USA Today Player of the Year für den Staat Florida ab und wird von Sports Illustrated an 21. Stelle der besten Highschooler des Landes geführt. Genug Gründe also, mit breiter Brust bei den Yellow Jackets aufzuschlagen. Mit 8,5 PpG und 6,9 RpG sichert ?Big Ed? sich 20 Jahre nach Michael Jordan den Titel des besten Freshman der Atlantic Coast Conference. Doch obwohl seine Nummern auch in der zweiten Saison stark bleiben, ist Nelson unsicher. ?Wir haben einfach nicht gewonnen?, denkt er an seine Zeit in Atlanta zurück. Trotz Spielern wie Chris Bosh, Jarrett Jack und BJ Elder sind die Yellow Jackets im März nur Zuschauer. Da flattert Nelson ein Angebot der University of Connecticut auf den Tisch. Der größte Teil seiner Familie lebt im eine Autostunde entfernten Boston, dazu ist UConn eine der Spitzenuniversitäten. Nach kurzer Überlegung entscheidet der Center sich für den Wechsel in den Nordosten.

Erstmals gibt es nun einen Rückschlag für Nelson. Während er als Redshirt zusehen muss, stürmen seine alten Teamkollegen von GT überraschend nicht nur in die March Madness, sondern bis ins Endspiel. Gegner dort: Sein neues Team von UConn. ?Es war verrückt, die alten Jungs auf einmal im Finale zu treffen. Aber zum Glück haben wir dann doch gewonnen?. Mit 82:73 besiegen die Huskies Georgia Tech und sichern sich zum zweiten Mal nach 1999 den Titel. Nach den Abgängen von Emeka Okafor und Ben Gordon in die NBA hofft Nelson, viele Minuten auf der Vier zu sehen. Stattdessen erlebt er mehr Minuten als ihm lieb ist von der Bank: ?Es war hart für mich, die neue Rolle zu akzeptieren. Leichter war es, weil wir gewonnen haben. Gewinnen ist das Wichtigste für mich.?. Sein letztes College-Spiel aber endet nicht mit ihm als strahlendem Sieger. 84:86 hieß es nach Verlängerung gegen George Mason, die damit ihre Cinderella-Story weiterführten und ins Final Four einzogen.

Doch schon nach einigen Tagen machte Nelson seinen Kopf frei und konzentrierte sich auf das, was nun kam. Und wohl selten hatte jemand eine solche Auswahl: ?Ich dachte zuerst, ich würde Tennisprofi werden. Dann hab ich Baseball probiert und war ziemlich gut. Dann Fußball und zum Schluss dann American Football. Coach Calhoun hat uns Seniors nach der Saison in sein Büro gerufen und mir vier Nummern von NBA-Agenten gegeben ? und danach zehn von NFL-Agenten.? Nelson entscheidet sich für das Spiel auf dem Rasen und unterschreibt bei Joe Linta, einem der bekanntesten NFL-Agenten. Schnell werden Workouts organisiert, eine ESPN-Reportage gedreht und der Name Ed Nelson in der Szene bekannt gemacht. ?Dabei habe ich nie ernsthaft Football gespielt? lacht Nelson anderthalb Jahre später als Profibasketballer. Am Morgen der NFL-Draft weiß er, dass die New England Patriots, Kansas City Chiefs und Saint Louis Rams an ihm interessiert sind. Zusammen mit Freunden und Familie sitzt Nelson in einem Restaurant vor dem Fernseher und guckt die Live-Übertragung. ?Ich hatte immer gedacht, ich würde mal im NBA-Draft sein, plötzlich war ich in der NFL-Draft. Das war verrückt?. In der siebten Runde ruft Linta ihn an, erklärt ihm, dass die Teams einen Deal geschlossen haben und dass er nun ein St. Louis Ram wäre. Eine Minute nach dem Draft wird er als Free Agent unter Vertrag genommen. Aus Ed Nelson, dem College-Basketballer, wird Ed Nelson, der Profi-Footballspieler.

Die zwei Wochen bis zum Flug nach St. Louis sind zwei Wochen zusätzliches Football-Training. Zwischendurch wird noch schnell der Abschluss gefeiert, dann ab ins Flugzeug und plötzlich ist Ed Nelson das Kind im Süßwarenladen. ?Da war mein Name auf einem Locker, mein Trikot mit meinem Namen, mein Helm? und die Leute, denen ich früher im TV zugeguckt hatte, waren meine Mitspieler?, gibt Nelson seine Gefühle wieder. Doch nach zwei Wochen hat die Herrlichkeit ein Ende. Sein Coach stellt ihn vor die Wahl: entweder ein Engagement in der NFL Europe bei Rhein Fire Düsseldorf oder das Ende aller Football-Träume. Nelson entscheidet sich gegen alle, die ihm raten, bei dem Spiel mit dem Ei zu bleiben und folgt seinem Herzen. Nach fünf Wochen als Profi-Footballer unterschreibt Nelson bei einem Basketball-Agenten und fliegt zu einem Camp nach Italien. ?Wir hatten die Wahl. Entweder ich gehe wo hin, wo ich viel spiele und dominiere, oder? naja, eigentlich hatte ich keine Wahl.? Der ehemalige Rollenspieler geht nach Finnland und fühlt sich wieder wie an der Highschool. 22,3 PpG und 11,3 RpG zieht Nelson im kalten Schnee ab. ?Es war kalt, es hat geschneit, um neun Uhr abends war alles zu. Ich kam mir vor wie ein Grizzly?. Nach der Saison in Finnland jettet Nelson nach Las Vegas, um sich potentiellen neuen Coaches zu präsentieren. Schon fast in Schweden unter Vertrag, meldet sich Thorsten Leibenath, Head Coach der Giessen 46ers. Der Name ist Nelson ein Begriff, haben doch mit BJ Elder und Souleymane Wane zwei Absolventen seiner jeweiligen Unis bereits an der Lahn gespielt. Das Konzept Leibenaths gefällt dem Center, und so wird ein paar Tage später der Vertrag unterzeichnet.

Nach der Vorbereitung (?So viele Spiele in so wenig Zeit ? das war schon hart, aber ich denke, es hat uns einiges gebracht?) ist Nelsons Saison bis jetzt ein Auf und Ab. Spiele wie die 23 Punkte und sieben Rebounds gegen Paderborn wechseln sich mit ?Drei-Punkte-drei-Rebounds?- Szenarien wie gegen Frankfurt ab. Dennoch kann Nelson mit 9,9 PpG und 5,6 RpG in über 24 MpG durchaus überzeugen.

Auch abseits des Feldes gefällt es Nelson gut in Gießen: ?Am Anfang kam mir die Stadt riesig vor, aber inzwischen kenne ich mich aus. Mich haben einfach viele Leute kennen gelernt, weil ich anhalten und nach dem Weg fragen musste. Letztens haben mich dann Leute nach dem Weg gefragt. Natürlich hab ich ihnen weitergeholfen; ich weiß ja, wie das ist?, grinst der sympathische Riese. Gefragt, wie er sich den Rest der Saison vorstellt, stutzt Nelson kurz, bevor er antwortet: ?Februar, März, das wird interessant. Zu Hause sind wir mit den Fans schwer zu schlagen. Aber ich will nichts überstürzen. Ein Spiel nach dem anderen?. Aber über kurz oder lang will das Football-Monster auch in den Albträumen seiner Gegner auf dem Parkett erscheinen.




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Kommentare

(1 Kommentar bisher)

von Melomaster 23.12.07 um 16:47:07


Sehr geiler Artikel!
Woher habt ihr die ganzen Informationen und Zitate?



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