Jul
07
1. Amorbacher Basketball Challenge
12:00 Uhr Parzival Sporthalle, Amorbach




Thorsten Leibenath

Voreilig verurteilt

Anfang der Woche versetzte ratiopharm Ulm die hiesige Basketball-Fangemeinde in Aufregung: Der vakante Coaching-Posten, bis vor Kurzem noch in Besitz von Mike Taylor, wurde mit Thorsten Leibenath ausgefüllt. Eine krasse Fehlentscheidung, monieren viele - eine realistische und wegweisende Lösung, sagt CROSSOVER-Redakteur Joshua Wiedmann.

Von Joshua Wiedmann
 12.05.2011 |

Wann gab es das zuletzt? Da wird ein junger deutscher Trainer zum Coach eines aufstrebenden Bundesliga-Klubs ernannt, und durch die Fangemeinde geht ein kollektiver Aufschrei der Bestürzung. So geschehen in dieser Woche, als ratiopharm Ulm den 36-jährigen Thorsten Leibenath als neuen Übungsleiter vorstellte. Die Anhängerschaft des orangefarbenen Leders formierte sich in Sekundeschnelle zur Rebellion gegen die Verpflichtung Leibenaths: Einen notorischen Verlierer, einen Coach mit haltlosem Konzept oder - wie es ein Nutzer der Plattform schoenen-dunk.de ausdrückte - die „Trainerlusche in Deutschland“ habe sich Ulm da geangelt.

Dass derartige Abneigungen gegen eine Person nicht grundlos entstehen, sondern gewisse Ursachen haben müssen, versteht sich von selbst. Wie konnte es also dazu kommen, dass gerade im beschaulichen Schwabenland eine Personalentscheidung so viel Unmut hervorruft? Und: Inwiefern ist die Kritik an Thorsten Leibenath gerechtfertigt?

Nachbeben des Taylor-Tsunamis

Um die großflächige Kritik an der Ulmer Trainerverpflichtung richtig einordnen zu können, muss man einen Schritt zurückgehen - und zwar zur Entlassung Mike Taylors Mitte April. Die Freistellung des US-amerikanischen Coaches hatte nicht nur in Ulm für eine Welle des Unverständnisses gesorgt: Taylor hatte Ulm erst in die BBL geführt, und dann dort erfolgreich etabliert - allen Widerständen (wie den finanziellen Fesseln) zum Trotz. Dass der Basketball-Enthusiast Taylor, der acht Jahre Leidenschaft und Herz für den Korbsport an der Donau vorgelebt hatte, so plötzlich entlassen wurde, blieb für viele Fans zunächst unverständlich - trotz den offensichtlichen Schwächen, die er in den letzten Jahren als Coach offenbart hatte. So lautete die unterschwellige Schlussfolgerung in Ulm nur: ‚Wer Mike Taylor in die Wüste schickt, muss einen hochkarätigen Nachfolger in petto haben‘.

So wurde innerhalb der Anhängerschaft in den vergangenen Wochen mit allerlei Namen jongliert, die für die potenzielle Nachfolge in Frage kommen könnten; viele davon zweifellos völlig illusorisch, obgleich der anstehenden Etatsteigerung auf die vermeintlichen drei Millionen Euro. Als schließlich Thorsten Leibenath konkreter wurde, entlud sich der Rest aufgestauter Entrüstung: keine Erfahrung, kein Erfolg - ein ProA-Laie, so der Tenor. Dabei ist die Laufbahn des 36-Jährigen unbedingt differenziert zu betrachten.

Der Mythos vom Taugenichts

Es sind vor allem die zwei genannten Aspekte, die an Leibenath bemängelt werden: keine Erfahrung und noch weniger Talent. Der gebürtige Leverkusener kann allerdings eine solch vollgepackte Basketball-Vita vorweisen wie nur die wenigsten Trainer in seinem Alter: Schon im Alter von 23 Jahren fungierte Leibenath als Assistent beim Zweitligisten Lich, mit 25 begann er bei BBL-Urgestein Gießen in selbiger Funktion. Insgesamt kann der neue Ulmer Coach acht Jahre Erfahrung als Co-Trainer und fünf Jahre als Head Coach vorweisen, die meisten davon in ersten Ligen (Bundesliga und britische Liga). „Ich muss sagen, dass ich mich nicht [..] als unerfahrenen Trainer sehe“, äußerte Leibenath selbst schon 2009 in einem Interview mit der „Five“. „Dass man erfolgreich arbeiten kann, hat zudem ja nur bedingt etwas mit Erfahrung zu tun, immerhin ist man ja auch erfahren, wenn man 30 Jahre schlecht arbeitet.“

Auch die eingangs erwähnte Bezeichnung als „Taugenichts“ ist nicht nur eine emotionale Überreaktion, sondern darf wohl auch ins Reich der Fabeln verwiesen werden. Dass die Artland Dragons 2008 den damals 33-Jährigen als „jungen, hungrigen und ideenreichen Trainer“ (Dragons-Geschäftsführer Marko Beens) nach Quakenbrück holten, sagt viel über das Renommee Leibenaths. Empfohlen wurde er den Dragons damals unter anderem von Stefan Koch, der große Stücke auf seinen einstigen Assistenten hält: Als einen „hochtalentierten jungen Coach mit großer Perspektive“ bezeichnete die deutsche Trainer-Koryphäe Leibenath, der zwischen 2004 und 2006 an Kochs Seite arbeitete. In Quakenbrück lief zwar nicht alles nach Plan - zweimal in Folge wurden die Playoffs verpasst -, doch Leibenath sieht die Zeit bei den Dragons dennoch in einem positiven Licht: „Es war eine wichtige und lehrreiche Erfahrung“, erklärt er.

Leibenaths mangelnder Erfolg bei den ambitionierten Dragons wird allzu oft als sein großes Versagen gebrandmarkt; zugleich wird aber ebenso gern unter den Tisch gekehrt, dass der 1,90-Meter-Mann schon zweimal unter schwierigen Bedingungen gute, wenn auch kaum beachtete Arbeit als Head Coach leistete: Mit den Scottish Rocks wurde Leibenath in einem schwierigen Umfeld - hohe Kosten für eine neue Halle begrenzten den Spieleretat stark - 2007 Vizemeister und -pokalsieger in Großbritannien und hinterließ dabei einen solch guten Eindruck, dass sich der Klub in den letzten Jahren mehrmals um eine Rückkehr des Deutschen bemühte. Im vergangenen Jahr hielt Leibenath schließlich die finanziell geschwächten GiroLive-Ballers aus Osnabrück lange im oberen Drittel der ProA, bis der Klub im März die Lizenz entzogen bekam.

Der Druck bleibt

Betrachtet man, worauf Leibenath als Coach Wert legt, wiederholen sich immer wieder zwei Begriffe: „Team“ und „Struktur“. Besonders das festere System des Coaches, das auch schon zu bei den Artland Dragons zu sehen war, dürfte ein entscheidendes Kriterium gewesen sein, weshalb sich das Ulmer Management für den 36-Jährigen entschied - und gegen Mike Taylor. Der US-Amerikaner war für seine oft lockere Art bekannt; zu seiner Identität als Trainer gehörte es, den Spielern viele Entscheidungen auf dem Feld zu überlassen, sie auch öfters durch schlechte Phasen hinweg spielen zu lassen, ihnen Freiraum zu geben. Das klappte solange, wie es herausragende Leitfiguren im System wie Jeff Gibbs, Dru Joyce oder Konrad Wysocki gab, die auf dem Feld das Geschehen ordneten. Freigeister wie Chris Burns, und generell schwierigere Charaktere, neigten aber dazu, unter Taylor teils entweder zu überdrehen oder sich manchmal gehen zu lassen.

Unter Leibenath (Foto links, zusammen mit Co-Trainer John Dieckelman) wird das künftige Ulmer Team zwar nicht in ein enges Korsett gepresst werden, denn „wir versuchen auch, den nötigen Spaß nicht ganz beiseite zu schieben“, aber eine striktere Marschroute darf dennoch erwartet werden. Die ist durchaus auch notwendig, wenn man einen Blick in den Statistikwald wirft: In den vergangenen drei Jahren war Ulm immer im oberen Ligadrittel in puncto Ballverluste angesiedelt. Unter dem neuen Übungsleiter dürfte die Spielweise etwas mehr auf Ballsicherheit und konsequenten Spielaufbau bedacht sein.

Solange die vorteilhaften Eigenheiten, die Leibenath dem Ulmer Spiel vermittelt, aber nur in der Theorie vorhanden sind, bleibt der Druck auf ihn und das ratiopharm-Management groß. Mit der Entscheidung, Mike Taylor abzusägen und einen Coach zu verpflichten, der in der Öffentlichkeit einige Kritiker hat, ist die Erwartungshaltung nicht kleiner geworden. Ohnehin sollen mit der Etat-Steigerung und der neuen, über 6.000 Zuschauer fassenden ratiopharm-Arena künftig keine kleinen Brötchen mehr gebacken werden. Leibenath ist sich dieser Situation bewusst: „Wir müssen es schaffen, Begeisterung zu entfachen“, sagt er mit Blick auf das harte Auftaktprogramm der Ulmer in der kommenden Saison (acht der ersten elf Begegnungen zu Saisonbeginn finden in des Gegners Halle statt).

Dass Thorsten Leibenath sich auf den durch all die Umstände steinigen Weg in Ulm begeben hat, spricht für den 36-Jährigen. Und trotzdem - oder gerade deswegen - gehört es sich eigentlich nicht, einen neuen Coach auf die Weise voreilig zu verurteilen, wie es in den vergangenen Tagen geschehen ist.

Foto: Basketball Ulm



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Kommentare

(1 Kommentar bisher)

von malva 14.05.11 um 06:03:16


Ich find das keine voruteile, ich bin Giessen Fan und errinere mich gut was er damals bei uns abgezogen hat. Asserdem hat er keine Erfolge vorzuweisen, in Deutschland hat er oft davon profitiert das er Co Trainer von einem dominanten Trainer wie Joe Welton oder Stefan Koch war.
Also liebe Ulmer ihr habt echt eine Sau schlechte Wahl getroffen.



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