Jul
07
1. Amorbacher Basketball Challenge
12:00 Uhr Parzival Sporthalle, Amorbach




Donaubeben

Kellerkampf um Austen Rowland

Von Joshua Wiedmann
 10.12.2009 |

Es ist schon eine Seltenheit, wenn im Profigeschäft mal wirklich die Sicherungen durchbrennen. Für gewöhnlich üben sich die Verantwortlichen zweier Klubs kurz vor einem Aufeinandertreffen ihrer Mannschaften eher in distanziertem, nüchterem Phrasen-Austausch. Ein Wort des Lobes hier, eine kleine Nettigkeit da – für den betagteren Fan sind solche Pressemitteilungen vor anstehenden Partien normalerweise kalter, weil wenig unterhaltsamer Kaffee. Was sich dagegen während des vergangenen Abends zwischen Ulm und Gießen in den offiziellen Ankündigungen abspielte, hatte schon fast den Charakter eines Rosenkrieges.

Das Objekt der Begierde – oder besser: der Grund für die Unstimmigkeiten zwischen den 46ers und den Spatzen – heißt Austen Rowland. Der unter der Woche bekannt gegebene Wechsel des Point Guards hatte zunächst wenig spektakulär angemutet und in der Tat auch außerhalb von Ulm und Gießen wenige wirklich interessiert. Gut, dass Rowland mit seinem neuen Verein, den Ulmern, bereits am nächsten Spieltage auf seinen vorigen Brötchengeber, die Gießener, treffen würde, ließ zumindest eine hitzige Diskussion zwischen den Fanlagern erahnen. Aber auf offizieller Ebene, also zwischen den beteiligten Klubs, bleiben die Nickligkeiten zumeist in der Schublade.

Nicht so im Falle Rowland. Die Ulmer Verantwortlichen überraschten am späten Donnerstagnachmittag mit einer Pressemitteilung und setzten die Öffentlichkeit davon in Kenntnis, dass Rowland am kommenden Samstag in Gießen wohl nicht eingesetzt werden könne. Der Grund sei, dass die 46ers dem 28-Jährigen noch keine Freigabe erteilt hätten, obwohl man von Ulmer Seite aus ganz korrekt mehrere Anträge bei den Verantwortlichen des Bundesliga-Dinos eingereicht hätte. Diese seien darauf allerdings nicht eingegangen. „Das Gießener Verhalten ist grob unsportlich“, polterte Ulms Manager Thomas Stoll. In Ulm wirft man den 46ers nun vor, auf Zeit zu spielen, um so einen Einsatz von Rowland am kommenden Wochenende nicht möglich zu machen. Denn laut Beko-BBL-Regularien hat ein Klub, der bisher einen Spieler vertraglich gebunden hat, sieben Tage Zeit, um auf das Angebot eines anderen Klubs an seinen Spieler einzugehen.

Stoll sieht das Verhalten Gießens als „völlig unverständlich“ an. Tatsächlich ist der Verlauf der Dinge in Anbetracht der jetzigen Situation wenig zufriedenstellend aus Ulmer Sicht. Die Verantwortlichen der ratiopharm-Truppe hatten sich bereits am vergangenen Freitag um eine Verpflichtung Rowlands bemüht. Gießen hatte der Ulmer Pressemitteilung zufolge anschließend um eine dreitägige Bedenkzeit gebeten, um zu entscheiden, ob man mit dem Ulmer Angebot an Rowland gleichziehen wolle, immerhin verfügten die Hessen über die Möglichkeit, den US-Amerikaner auf diese Art weiterhin an sich zu binden. Ulm kam der Bitte nach und ließ die 46ers, die Rowland schließlich ziehen ließen, bis zum vergangenen Montag gewähren.

Aus Spatzen-Sicht der Haken an der Sache: Rechtlich gesehen trudelte das Angebot der Donaustädter also erst an jenem Montag in Gießen ein. Die Mittelhessen und deren Geschäftsführer Christoph Syring sehen sich somit voll im Recht, den siebentägigen Puffer, bis die Vertragsauflösung in Gießen schlussendlich vollzogen werden muss, voll ausschöpfen zu dürfen: „Seit Erhalt des Ulmer Angebots geben uns die BBL-Regularien nun bis zu sieben Tage Zeit, den Spieler final freizugeben. Das erste offizielle und auch rechtsverbindliche Dokument - ein seitens Ulm unterschriebener Arbeitsvertrag für Austen Rowland - ist uns am Montag per E-Mail übermittelt worden“, erläuterte Syring in einer Pressemitteilung am Donnerstagabend. Die Zeit müsse genutzt voll werden, um alle möglichen Fragen zwischen den Klubs und Austen Rowland zu klären.

Während dies für die Ulmer fadenscheinige Argumente bleiben, konterte Syring in Richtung Donau. Das Verhalten der Ulmer, Rowland kurz dem wichtigen Spiel der Gießener gegen Tübingen am letzten Samstag und eine Woche vor der Partie gegen Ulm selbst anzusprechen, sei Unfairness. „Uhrzeit und Zeitpunkt dieses Vorstoßes können ja kaum zufällig gewählt worden sein“, ergänzte der Geschäftsführer der 46ers. Dass man der Gießener Führungsriege eine dreitägige Bedenkzeit eingeräumt hatte, nannte Syring zwar „eine romantische Vorstellung der Ulmer Klubführung“, die aber „faktisch nicht existent“ sei.

Die Verantwortlichen der Spatzen um Manager Thomas Stoll ließen bereits in ihrer offiziellen Äußerung verlauten, dass das BBL-Schiedsgericht in diesem Fall eingeschaltet worden sei. Die Ulmer, das scheint klar, wollen sich bei aller Rechtmäßigkeit nicht von den 46ers hinters Licht führen lassen. Dass die Spatzen mit ihrem Vorgehen noch Erfolg haben werden, ist unwahrscheinlich, nachdem das Schiedsgericht den ersten Antrag der Donaustädter bereits ablehnte. Auf jeden Fall wird das Thema wohl aber nicht so schnell vom Tisch kommen und könnte eine künftige Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien erschweren. Ob man allerdings in dieser Streitigkeit auf Recht oder Moral setzt, muss letztendlich jeder Beobachter und Fan für sich selbst entscheiden. Eine außergewöhnliche Geschichte bleibt der Fall Austen Rowland so oder so.



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Kommentare

(8 Kommentare bisher)

von BerlinAir 11.12.09 um 13:17:37


...und mal wieder Giessen. Wen wunderts? Aber keine Sorge, man sieht sich immer zweimal, besonders in der BBL, die ja ein Dorf ist. Wenn das naechste Mal darueber abgestimmt wird, wer denn ne Wildcard bekommt, wird Giessen sicher weniger Fuersprecher haben.



von Limitless 11.12.09 um 13:46:41


Lächerlich. Ulm haut populistische, inhaltlich teils falsche PMs raus und wundert sich dann noch, dass Gießen einen Konkurrenten vor dem direkten Duell nicht stärken will. Dabei ist Ulm doch selber gerne flexibel, wenn es um die Auslegung der Regeln geht - oder wie viele Spiele hat Konrad Wysocki damals in Belgien absolviert, als er aus Ehingen kam?



von BerlinAir 11.12.09 um 14:16:08


Okay, welcher teil ist denn inhaltlich falsch? Und was ist bitte "populistisch"???
Wenn Giessen von den Regeln her sieben Tage Zeit hat, um die Freigabe zu erteilen, duerfen sie sich diese auch nehmen, keine Frage. Wenn man aber wirklich um eine zusaetzliche Bedenkzeit gebeten hat, angeblich, um sich ernsthaft mit ner Verlaengerung von Rowland zu beschaeftigen, tatsaechlich das ganze aber nur ein Schachzug war, um Ulm ueber dieses Sieben-Tage-Limit zu heben, dann waere das in der Tat ein sehr unsportliches Ding, mit dem man auch viel Glaubwuerdigkeit und Kredit bei den anderen BBL-Teams verspielt haette.

Jetzt darfst du mal erklaeren, was daran inhaltlich falsch ist. Bitte erspare mir aber Kommentare nach dem recht kindischen "aber duuu hast auch..." Schema. Hier gehts nicht darum, was irgendwer irgendwann gemacht hat, sondern genau um das oben umrissene Szenario, das so entweder richtig oder falsch dargestellt ist. Wenn falsch, dann wuesste ich von dir gerne, wie es wirklich war. Wenn richtig, kann man eigentlich gar nicht mehr darueber diskutieren, ob die Nummer unsportlich war oder nicht.



von Zarathustra 11.12.09 um 21:20:45


Inhaltlich falsch?
?Das Gießener Verhalten ist grob unsportlich und geht eindeutig zu Lasten des Spielers, der im Augenblick nicht einmal krankenversichert wäre, weil sein Vertrag erst mit der Freigabe Gültigkeit erlangt.? (Dr. Thomas Stoll)
Natürlich ist Rowland weiter bei den 46ers krankenversichert, bis die den Vertrag auflösen (und Dr. Stoll weiß das auch, sonst wäre er nicht Manager in der BBL).
Als populistisch empfinde ich die obige Aussage, da damit an die Ängste des Volks ("Keine Krankenversicherung? Oh je, der arme Kerl!") appelliert wird.
Ebenso empfinde ich es populistisch, wenn man das Schiedsgericht anruft, obwohl man weiß, dass man rechtlich gesehen absolut null Chancen hat. Reine Veranstaltung für die Fans und Verschwendung meiner Eintrittsgelder.

Dass ich es auf der anderen Seite auch völlig kindisch finde, diese Frist bis zum letzten Tag auszuschöpfen, möchte ich auch nicht verschweigen. Die Rückgabe eines Autos müßte man auch in Gießen innerhalb von drei Tagen regeln können ...



von #5 11.12.09 um 21:50:05


Ich denke, es ist klar, dass das Verhalten von den Verantwortlichen aus Gießen nicht sportlich fair war. Genauso unverantwortlich finde ich jedoch das Verhalten von Thomas Stoll. Solche Dinger kannt man zwar von ihm, aber gerade nach dem offensichtlich fragwürdigen Wechsel Konrad Wysockis über Belgien nach Ulm, sollten Letzere den Ball lieber flach halten.
Ansonsten einfach die Antwort auf dem Feld geben.



von TNT 11.12.09 um 23:42:58


Gießen hatte doch eine offizielle Matchingklausel im Vertrag von Rowland und dass über so eine Möglichkeit nicht innerhalb eines Tages entschieden ist, ist doch klar.



von BerlinAir 12.12.09 um 02:36:09


Wenn du dich nicht sofort entscheiden kannst/willst und deinen Verhandlungspartner um eine Bedenkzeit bittest, ist es aber eben extrem schlecht, andererseits auf deiner Siebentagefrist zu bestehen. Genauso hätte Ulm auf sofortiger Freigabe innerhalb von sieben Tagen bestehen können und dann hätte ein Auflaufen nicht verhindert werden können.

Ehrlich gesagt empfinde ich die Diskussion um die Krankenversicherung als einen plumpen Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken. Ich finds auch gut, daß das mal so an die Öffentlichkeit gelangt ist, wie man sich in Gießen offenbar die Partnerschaft mit den anderen BBL-Vereinen vorstellt. Nur um einen kleinen Vorteil nicht aus der Hand zu geben (so doll ist der doch eh nicht!), verspielt man das bißchen Bonus, das man noch hatte. Ob sich das gelohnt hat? Ich bin recht sicher, die gießener Verantwortlichen bereuen ihr Verhalten. Und ganz Basketball-Deutschland lacht sich einen ab, wenn Ulm jetzt Gießen weghaut. Glaubwürdigkeit weg, Spieler weg, Punkte weg - das ist es, was man für die Aktion verdient hat.



von mariofour 13.12.09 um 14:21:15


Naja, das kann man so oder so sehen. Ich teile da eher die Gießener Ansicht. Was da letztlich stimmt, ist für Außenstehende eh nicht nachvollziehbar. Wenn Ulm die Regeln aber bekannt sind und sie Rowland verpflichten, hätten sie sich ebenso einfach drei Tage früher um die Verpflichtung des Spielers kümmern können.
Dass man in Gießen nicht alles Menschenmögliche tut, um den Ulmern eine möglichst gute Lineup im Spiel gegen Gießen zu ermöglichen, sollte klr sein.

Ich bin der Meinung, dass Regeln da sind, um solche Fälle zu regulieren. Und wer sich daran hält, ist m.E. nicht unsportlich. Ulm hat es einfach verpeilt, die Sache dingfest zu machen und wollte nun mit dieser Krawallnummer von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenken. Glücklicherweise schiefgegangen, denn Gießen hat ja gewonnen.



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