Donaubeben

Kehren neue Besen gut?

Die sommerlichen Wechselspiele bei Basketball-Bundesligist ratiopharm Ulm sind abgeschlossen. Nach dem letztjährigen Experiment „Jung, athletisch, schnell“ haben die Donaustädter ihren neuen Kader auf altbewährte Weise zusammengestellt. Der Kern der Mannschaft wurde gehalten und mit ehrgeizigen Neulingen verstärkt.

Von Joshua Wiedmann
 17.08.2010 |

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, so lautet ein allseits bekanntes Sprichwort. Ihre Spatzen haben die Verantwortlichen von ratiopharm Ulm fest im Griff. Als einer der ersten Bundesligisten haben die Donaustädter ihre Kaderplanungen für die kommende Saison bereits abgeschlossen. Während die Mehrheit der BBL-Klubs noch auf die „Taube auf dem Dach“ spekuliert, ist man im Schwabenland die sichere und vor allem bezahlbare Schiene gefahren. Stellt sich nur die Frage: Was ist das neue Team tatsächlich zu leisten im Stande?

Talent vor Erfahrung

Schon im vergangenen Jahr präsentierte sich an der Donau eines der jüngsten Teams der Liga. Das geringe Alter (23,1 Jahre im Schnitt) und der daraus resultierende Mangel an Erfahrung schlugen sich gerade in der ersten Saisonhälfte bisweilen deutlich auf die Ulmer Ergebnisse nieder. Da überraschte es kaum, dass die Spatzen gelegentlich für große Ausrutscher gut waren, wie etwa bei der 60:88-Schlappe in eigener Halle gegen die Giants Düsseldorf (übrigens die höchste Heimniederlage seit dem Wiederaufstieg 2006).

Eine ähnliche Konstellation erwartet Fans und Verantwortliche in Ulm wohl auch in der kommenden Saison. Erneut ist der Ulmer Kader nicht gerade mit hochklassiger Erfahrung überflutet. Kein Wunder, immerhin rangieren die Korbsportler von der Donau in der BBL erneut am unteren Ende der Nahrungskette, was den finanziellen Spielraum angeht. Zuzüglich zum Minietat von 1,6 Millionen Euro müssen die Spatzen demnächst aber zwangsläufig noch weitere Abstriche machen. Vergütungen auf Grund von Spielzeit für deutsche U24-Spieler werden zukünftig anders verteilt. Im letzten Jahr noch flossen so knapp 52.000 Euro auf das Ulmer Konto. Eine weitere fünfstellige Summe fehlt den Verantwortlichen, weil Ausgleichszahlungen an die BBL getätigt werden müssen. Warum? Die Situation in der Ulmer Spielstätte, der Kuhberghalle, entspricht schon längst nicht mehr den Vorgaben der Liga. Sowohl die einstige Finanzspritze aus dem Ausbildungsfonds, als auch die „Strafzahlungen“ an die BBL haben die Kaderzusammenstellung beeinträchtigt, wie Andreas Oettel bekundet. „Das fehlt uns jetzt natürlich auch noch im Spieleretat“, sagt der Finanzchef der Ulmer Basketballer.

An manchen Stellen im Kader sind die Sparmaßnahmen deutlich zu sehen. So etwa auf der Position des Aufbauspielers. Nach College-Fehlgriff Kevin Kanaskie erwartete man in diesem Sommer wenn nicht einen hochklassigen, dann zumindest doch einen routinierten und erfahrenen Spielgestalter. Stattdessen dürfte die Besetzung auf der Eins auch bei den Verantwortlichen einmal mehr nervöses Nägelkauen hervorrufen: An die Seite von Jungnationalspieler Per Günther kam der 22-jährige Travis Walton. Heißt: Erneut viel Jugend und wenig Europaerfahrung, denn bis auf ein mehrwöchiges Engagement in der Schweiz kann Travis noch keine Profi-Referenzen vorweisen. Starten dürfte wie auch im vergangenen Jahr Per Günther. Auf den ebenfalls 22-Jährigen kommt erneut viel Verantwortung zu (mehr dazu später). Momentan weilt Günther noch bei der Nationalmannschaft, doch aus Ulmer Sicht würde ich mir ehrlicherweise wünschen, dass er Ende August schon beim Trainingsauftakt seines Klubs anwesend ist. Es wäre extrem wichtig für ihn, die komplette Vorbereitung mit der umgebauten Mannschaft zu absolvieren. Schon im letzten Jahr fehlte Günther in den Wochen vor Saisonbeginn mit einer Fußverletzung. Als Spieler, der eine große Last auf seinen jungen Schultern trägt, ist die Zeit der Vorbereitung Gold wert.

Als neuer Backup fungiert der angesprochene Travis Walton. Durchschnittlich 5,1 Punkte am College und eine Entlassung bei Lugano wegen „nicht erfüllter Erwartungen in der Offensive“ - so der Wortlaut in der Pressemitteilung - sind sicherlich alles andere als gute Referenzen. Trotzdem glaube ich, dass Walton ein wertvoller Spieler sein kann, zumindest, wenn der Anspruch an ihn nicht allabendliche 20 Punkte sind. Bis 2009 spielte er unter Trainertitan Tom Izzo in der Ersten Fünf bei den Michigan State Spartans, die immerhin eines der besten Basketball-Programme der USA ihr Eigen nennen. Walton brach dort den Assist-Rekord eines gewissen Magic Johnson und wurde in seinem Abschlussjahr zum besten Verteidiger der renommierten Big-Ten-Conference ernannt. Mich erinnert Walton ein wenig an Göttingens Chester Frazier, nicht nur vom Äußerlichen. In einer Ulmer Mannschaft, die im Backcourt nicht gerade mit Defensivkönnern bestückt ist, könnte er noch sehr wichtig werden.

Robin - und Batman?

Vergleichsweise wenig tat sich im Sommer auf den beiden kleinen Flügelpositionen. Lediglich Rocky Trice konnte nicht zu einem Verbleib an der Donau bewegt werden. Für ihn kam ProA-Guard Walt Baxley, der im kommenden Jahr gemeinsam mit Lee Humphrey, Robin Benzing und Sebastian Betz die Rotation auf den Positionen Zwei und Drei bilden soll. Baxley war bei den Saar-Pfalz Braves einer der besten Punktesammler in der ProA. Einen Namen machte er sich vor allem mit wahnwitzigen 50 Zählern, die er Chemnitz in einem Ligaspiel einschenkte. „Walt ist ein Spieler mit Killerinstinkt“, sagt sein ehemaliger Coach Nenad Josipovic über den Shooting Guard - und hat damit Recht. Baxley konnte in der ProA scoren wie kaum ein anderer und dürfte auch in der BBL regelmäßig Punkte einstreuen. Für sein 50-Punkte-Spiel wurde Baxley von einem Braves-Fan mit dem folgenden zweifelhaften Werk geehrt.

Vielmehr stellt sich aber die Frage nach der Vielseitigkeit des 1,91-Meter-Manns, insbesondere im Vergleich zu Rocky Trice. Baxley galt in Kaiserslautern mitnichten als kompletter Guard. Einige Braves-Kenner bestätigten mir, dass Baxley als Verteidiger und Spielgestalter relativ durchschnittlich gewesen sei. Wie soll dann aber der Verlust von Trice aufgewiegelt werden, der im ratiopharm-Dress der beste Verteidiger und ein wichtiger Kreativspieler war?

Klar ist jedenfalls, dass in der kommenden Spielzeit eine Menge Verantwortung auf zwei deutschen Schultern ruhen wird. Per Günther und Robin Benzing müssen einen weiteren Schritt nach vorne machen, um den Mangel an kreativen Köpfen und Offensivvarianten nicht zu einem ernsthaften Problem werden zu lassen. Günther profitierte in der vergangenen Saison durchaus davon, dass ihm der selbstbewusste Trice im Spielaufbau beistand. In der kommenden Saison muss er selbst mehr für sich und andere kreieren, denn sein vermeintlicher Backcourt-Partner in der Ersten Fünf, Lee Humphrey, bleibt ein eindimensionaler Werfer. Benzing dagegen muss schlichtweg offensiv sehr konstant spielen und auch defensiv Verbesserungen im Vergleich zum letzten Jahr zeigen. In seiner ersten BBL-Spielzeit wurden ihm als Backup auch schlechte Tage verziehen, nun ist der 21-Jährige schon die vielleicht wichtigste, weil vielseitigste Offensivoption im ratiopharm-Kader. Ob der junge Benzing aber schon in der Lage ist, eine solch verlässliche Rolle auszufüllen, wird sich erst zeigen müssen.

Als Backup von Benzing fungiert Sebastian Betz. Der 25-Jährige soll nach einer Saison, in der er verletzungsbedingt nur 19 Partien absolvieren konnte, wieder zu alter Stärke zurückfinden. Heißt: Viel Energie ins Spiel bringen, engagiert verteidigen und vorne die offenen Dreier treffen. Ob das als Bankspieler in der Bundesliga aber reichen wird, darf durchaus angezweifelt werden. Auch wenn es von Seiten des Ulmer Managements immer wieder bestritten wurde, glaube ich, dass man sich auf der Small-Forward-Position die Option auf eine Nachverpflichtung noch offen hält.

Zurück zu den Wurzeln

Auf eines hat man sich in Ulm in diesem Sommer zurückbesonnen: “You can’t teach height!“ So alt und lumpig dieser Leitspruch inzwischen daher kommen mag, so wenig hat er scheinbar doch an Wahrheitsgehalt verloren. Nach den Erfahrungen des letzten Jahres, als man mit einer kleinen, aber schnellen Aufstellung für Furore sorgen wollte, wurde in diesem Sommer für die korbnahe Arbeit wieder eine größere Armada aufgestellt. Neben Robin Benzing (Bild unten), der mit seinen inzwischen 2,10 Meter schon einen gigantisch großen Small Forward abgibt, stehen mit John Bryant (2,11 Meter), Sean Sonderleiter (2,10 Meter) und Coleman Collins (2,06 Meter) weitere lange Kerls bereit.

Vernachlässigt wurde in der letzten Saison oft besonders die harte, ehrliche Arbeit unter den Körben. Das soll sich mit dem 23-jährigen Bryant nun ändern: Der US-Amerikaner ist mit rund 135 Kilogramm ein Schwergewicht im wahrsten Sinne des Wortes. Bryant soll in der Bundesliga dominieren, wie Ulms Coach Mike Taylor hofft. Am College sammelte Bryant Rekorde und Auszeichnungen wie andere Leute Panini-Bilder: Unter anderem ist er Santa Claras bester Rebounder und Shotblocker aller Zeiten. Gute Werte in der NBA D-League im letzten Jahr (13,2 PpG, 9,5 RpG) vervollständigen das positive Bild des Centers, der als wahre Bestie am Korb gilt. Ein solcher Spieler ist auch dringend nötig, denn Power Forward Coleman Collins ist eher der Typ Samariter, zumindest was den Zonenpogo angeht. Als startender Center war der 24-Jährige in der vergangenen Spielzeit bisweilen überfordert, wenn es darum ging, den schweren Brocken der Liga Paroli zu bieten. Collins passt eher ins Muster des filigranen Technikers: Mit seiner Athletik und dem soliden Halbdistanzwurf soll er die Räume nutzen, die durch Bryants Präsenz in der Zone entstehen. Schon gegen Ende der Saison 2009/10 wirkte Collins als Power Forward neben dem damaligen Center Kevin Martin gut aufgehoben.

Als Backup auf beiden großen Positionen soll mit Sean Sonderleiter der dritte Lange im Bunde zum Einsatz kommen. Sonderleiter verfügt nicht nur über einen exquisiten Namen, sondern ist tatsächlich gewissermaßen ein Exot im Basketball-Sport. Nach seiner College-Zeit in Iowa verschlug es den Mann mit der langen Haarpracht zunächst in die zweite australische Liga, ehe er wieder in den USA aufkreuzte. Als „D-League-Opa“ machte der 29-Jährige unter all den Jungspunden zuletzt bei den Fort Wayne Mad Ants von sich reden. Sonderleiter gilt als cleverer Akteur mit schnellen Füßen und einem guten Wurf aus der Mitteldistanz. In seinen Bewegungen erinnert er ein wenig an einen Center im Small-Forward-Körper.

Als erfahrener Allrounder dürfte Sonderleiter wohl gut in einen sonst jungen Frontcourt passen: Die Mischung aus ihm, dem kantigen Bryant und dem athletischen Collins sieht vielversprechend aus. Coach Mike Taylor kann mit diesen Dreien (und auch Robin Benzing) verschiedene Varianten ausprobieren und auch auf gegnerische Aufstellungen passend reagieren. Vor allem aber dürften das Rebound-Verhalten und die Verteidigung in Korbnähe mit dem umgebauten Frontcourt besser sein als noch im letzten Jahr.

Einmal mehr: Klassenerhalt lautet das Ziel!

Die kommende Saison stellt ein weiteres Übergangsjahr im Ulmer Basketball dar. Hingearbeitet wird im Management auf die Spielzeit 2010/11, wenn endlich die neue ratiopharm-Arena stehen und damit der Etat allmählich steigen soll. Mit dem aktuellen Kader kann es daher erneut nur darum gehen, möglichst frühzeitig den Verbleib in der Beko BBL sicherzustellen. Sollte der Kader in dieser Zusammenstellung bleiben, dürfte das aber kein Zuckerschlecken werden: Auf manchen Positionen - etwa auf dem Flügel und im Spielaufbau - muss es der Ulmer Trainerstab schaffen, dass mangelnde Erfahrung und auch teils fehlende Klasse nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Spieler wie Baxley und Walton, die bisher nur in niederen Spielklassen aktiv war, müssen sich auch in der Bundesliga durchsetzen, die deutschen Jungspunde Benzing und Günther sich fortentwickeln. Insgesamt gibt es so einige Konjunktive und Unsicherheitsfaktoren im Hinblick auf den Ulmer Kader, weshalb ein solider Mittelfeldplatz wohl eine Utopie wäre.

Mein Tipp: Ulm erreicht eine Platzierung zwischen Rang 13 und 15. Vom reinen (offensiven) Potenzial her war die letztjährige Mannschaft talentierter, dafür scheint das aktuelle Team aber in puncto Defensivverhalten und Spielintelligenz besser aufgestellt zu sein. Außerdem dürfte die Kaderumstellung keine solch drastische Eingewöhnungsphase nach sich ziehen wie zuletzt, da mit Günther, Humphrey, Benzing und Collins einige Stützen aus dem Vorjahr an der Donau gehalten werden konnten. Trotzdem: Auf Grund diverser Fragezeichen ist Ulm ein großer Sprung nach vorn kaum zuzutrauen.



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von Crossover 30.05.2012 um 13:18:55


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