Donaubeben

Die Saison in 40 Minuten

Von Joshua Wiedmann
 28.03.2010 |

Manchmal lassen sich zwischen einem einzigen Spiel und einer ganzen Saison wunderbar Parallelen ziehen. Es ist wie mit einem Film-Trailer: Man erfährt in einer knappen Zusammenfassung, um was es geht. Hätte man einem Unbeteiligten am gestrigen Abend den Trailer zur Ulmer Saison gezeigt – namentlich die Partie gegen die Baskets Paderborn –, so wäre ihm ein bemerkenswertes Exposé der Spielzeit 2009/10 offenbart worden. Vor den Augen der 2.900 Zuschauer in der Kuhberghalle spielten sich in 40 Minuten jedenfalls Freud und Leid, Höhen und Tiefen in einer gelungen Komposition ab: Es begann äußerst durchwachsen, mit vielen Unstimmigkeiten vorne und hinten. Im zweiten Viertel gab es dann die ersten Höhepunkte, die zumeist aber schnell wieder von einer Schwächephase überdeckt wurden. Zur Pause stand es 46:40; bei den hohen Erwartungen weder Fisch noch Fleisch. Nach dem Seitenwechsel – oder um die Analogie zur Saison zu wahren: zu Beginn der Rückrunde – ging es dann erfreulich los, die Ulmer Mannschaft wurde endlich ihrem Talent und Status gerecht und erhöhte den Vorsprung auf zwischenzeitlich 17 Punkte. Im Schlussabschnitt bauten die Ulmer dagegen wieder stark ab und brachten nur einen knappen Vorsprung über die Ziellinie. Auch hier ließe sich wieder der Vergleich zur ganzen Saison bemühen: Sieg ja, so richtig befriedigend endete das Ganze aber nicht.

Ähnlich wird es Fans wie Management auch ergehen, wenn in wenigen Wochen die reguläre Spielzeit passé sein wird. Das Minimalziel, der Klassenerhalt, wird erreicht werden, zu mehr hat es bei allem Talent nicht gereicht. Es stellt sich nunmehr die Frage: Woran lag’s? Rezensionen für jede Position sollen im Folgenden Abhilfe schaffen und ein Gesamtfazit erleichtern.

Aufbau – Per Günther/Kevin Kanaskie/Austen Rowland

Nationalspieler Per Günther (Foto) wurde vor der Saison als Starter auf der Eins angekündigt. Durchaus eine Überraschung, immerhin hatte der 22-Jährige auch im Crossover-Interview geäußert, erst im dritten Jahr in Ulm für den Starterposten vorgesehen gewesen zu sein. Trotzdem: Es war eine zur Philosophie von Coach Mike Taylor und Manager Thomas Stoll passende Entscheidung, den Jungspund ins Führerhäuschen zu hieven. Allerdings meinte es das Schicksal nicht gut mit dem ehemaligen Hagener: Bereits zwei Monate vor der Saison brach sich Günther in einem Länderspiel den Fuß und wurde damit nicht nur aus dem Nationalkader katapultiert, sondern auch in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Die Vorbereitung mit dem komplett neuen Team konnte er nicht absolvieren, stattdessen wurde er zu Saisonbeginn dann ins eiskalte Wasser geworfen und paddelte zunächst genauso hilflos wie das komplette Team. Backup Kevin Kanaskie kämpfte mit seinen eigenen Anpassungsschwierigkeiten und war dem jungen Deutschen kaum eine Hilfe.

Folgerichtig holten die Donaustädter Anfang Dezember mit Austen Rowland einen erfahrenen Aufbauspieler an Bord, der Günther entlasten sollte. Der US-Boy, der bereits in der Saison 2006/07 unter Mike Taylor gespielt hatte, brachte genau das, was von ihm erwartet wurde: Einen routinierten Spielaufbau, kreative Elemente im Angriff und ein gutes Auge im „Open Court“. Der kurzzeitige Aufschwung Anfang der Rückrunde ging zu Teilen auch auf Rowlands Kappe, hatte er mit seiner abgeklärten Spielweise doch Einfluss auf das zuvor oft zerfahrene Ulmer Angriffsspiel. Leider baute der 29-Jährige wie das komplette Team gen Saisonende wieder etwas ab.

Ausblick: Die Position des Point Guards ist die Wichtigste im Basketball – und das nicht ohne Grund. Gerade ein blutjunges Team wie das der Ulmer benötigt eine ordnende Hand auf der Aufbauposition. Weder Per Günther noch Austen Rowland konnten diese Rolle zufriedenstellend ausfüllen. Der US-Amerikaner ist ein Spielertyp, der sehr von seinem Spielwitz und seinem Rhythmus lebt, aber eben auch mal kaum in Erscheinung treten kann. Auf BBL-Niveau ist zudem seine Defensive unterdurchschnittlich. Sein junger Partner, Per Günther, konnte die ihn gesteckten Erwartungen nicht erfüllen und nahm sich dies gerade in den letzten Wochen sichtlich zu Herzen. Ich bin ein großer Per-Günther-Fan und glaube fest an seine Entwicklung, doch der Wechsel auf den Starterspot kam ein, eher sogar zwei Jahre zu früh. Man darf nicht vergessen: Er ist erst 22 Jahre jung und hatte im Laufe der Saison an den für dieses Alter normalen Auf und Abs zu knapsen. Mit einem etablierten Aufbauspieler an seiner Seite, der gerne auch die 30 Lenze überschritten haben darf, könnte sich „The Quick“ künftig wieder auf seine eigene Entwicklung konzentrieren, anstatt die Last eines ganzen Bundesliga-Klubs tragen zu müssen.

Flügel – Lee Humphrey/Rocky Trice/Sebastian Betz/Robin Benzing

Mit der Aufstellung von Lee Humphrey und Rocky Trice auf Shooting Guard und Small Forward machten die Verantwortlichen vor der Saison klar, welchen Weg das Ulmer Team einschlagen würde. Vor allem die Verpflichtung von Athletik-Freak Rocky Trice ließ einen schnellen Spielstil erwarten. Der Ex-Göttinger entwickelte sich von Beginn an zum wichtigsten Akteur der Mannschaft von Mike Taylor: Als eine Art zweiter Spielgestalter brachte Trice nur allzu oft den Ball, sorgte für Punkte und Assists, holte die zweitmeisten Rebounds (6,2 RpG), verteidigte den besten gegnerischen Flügelspieler, lauerte in den Passwegen und gab hinten wie vorne zu jeder Zeit alles. Es ist müßig, Überlegungen anzustellen, was wie hätte passieren können – doch wenn der 25-Jährige nicht gewesen wäre, stünden die Ulmer nun vielleicht im tiefsten Kerker der Liga. Trice war ohne Frage der konstanteste und beste ratiopharm-Akteur der Saison.

An seiner Seite erlebte College-Legende Lee Humphrey ein Jahr ohne Konstanz. Der Ex-Florida-Gator fand im umgekrempelten Ulmer Kader nie so gut ins Spiel wie noch im Vorjahr. Deutlich zeigte sich, wie Humphrey von der Präsenz eines Jeff Gibbs oder Romeo Travis profitiert hatte. Mit weniger Freiräumen an der Dreierlinie verkam der Scharfschütze teils zum absoluten Nullfaktor. Ähnlich erging es Sebastian Betz, den allerdings in schöner Regelmäßigkeit Verletzungen zurückwarfen – bis Saisonende wird er nicht mehr einsetzbar sein.

Die Entwicklung von Robin Benzing gehörte hingegen zu den mehr als nur positiven Aspekten der Saison. Der Jungspund legte einen absoluten Wahnsinnsritt hin, preschte von der ProA durch den Nationalkader und landete schließlich äußerst erfolgreich in der Bundesliga – Anpassungsschwierigkeiten waren da kaum zu sehen. Zwar fiel seine Wurfquote zu Saisonbeginn in den Keller (inzwischen 39,6 % FG), ansonsten lieferte Benzing jedoch eine lupenreine Erstklässler-Saison. Bei der Wahl zum Rookie des Jahres wird kein Weg an ihm vorbeiführen.

Ausblick: Sebastian Betz und Robin Benzing besitzen gültige Verträge für die kommende Saison, auch wenn bei Letzterem schon jetzt immer wieder über Kontakte in Richtung NBA gemutmaßt wird. Dem Management zufolge besitzt Ulm zudem eine Option zur Weiterverpflichtung von Rocky Trice. Sollte der Ulmer MVP tatsächlich zu einem Verbleib an der Donau bewegt werden können, stellt sich nur noch die Frage nach seinem Partner auf dem Flügel. Ich könnte mir den US-Amerikaner, trotz durchschnittlichen Distanzwurfs, gut auf der Position des Off-Guards vorstellen, während für den Small-Forward-Spot wieder ein längerer Akteur verpflichtet wird, der Trice auch in der Defensive mehr entlastet. Sollte obendrein Lee Humphrey weiterverpflichtet werden, wäre dieser als Scharfschütze von der Bank eine Überlegung wert. Benzing dagegen bleibt im optimalen Fall der Backup für die Positionen drei und vier.

Zone – Chris Burns/Coleman Collins/Kevin Martin/John Bryant

Auf den beiden großen Positionen fand im vergangenen Sommer der größte Umbruch überhaupt statt. Insbesondere der Verlust von Jeff Gibbs riss ein großes Loch in die Ulmer Basketball-Gemeinde, die fast untrennbar mit seinem Konterfei verbunden gewesen war. Das schwere Erbe der Ulmer Legende trat Gibbs‘ Landsmann Christian Burns an. Auch auf dem Center-Spot wurden zwei neue Namen ins Land geholt – Coleman Collins und John Bryant.

Eben jene gehörten in den ersten Saisonwochen – neben der Besetzung des Aufbaupostens – zum Gesprächsthema Nummer eins an der Donau. Mit den beiden Neuen, besonders dem Ex-Ludwigsburger Collins (Foto), sollte der vorgesehene Fastbreak-Stil vorangetrieben werden. Stattdessen wurde schnell Kritik an dem ungleichen Duo laut: Während Collins dank seiner Athletik in der Offensive einige große Auftritte feierte, aber defensiv reihenweise Passierscheine ausstellte, packte Bryant zwar am Korb eigenen Korb beherzt zu, verkam im Angriff aber zur reinen Passstation. Vor allen Dingen Collins konnte die in ihn gesteckten Hoffnungen nur allzu selten rechtfertigen. Erst, als Ende Januar Center Kevin Martin ins Schwabenland wechselte, fand sich der schlaksige US-Boy besser zurecht: An der Seite des 130-Kilo-Koloss‘ lief „CC“ öfter als Power Forward auf, was ihm auf Grund seiner Physis äußerst gelegen kam. Kevin Martin dagegen steigerte sich im Laufe seiner Zeit an der Donau und punktete, trotz bescheidener Einsatzzeiten, zuletzt sogar dreimal zweistellig.

Chris Burns lieferte über die ganze Saison hinweg gute Zahlen und war dennoch der vielleicht diskutabelste Spieler der Ulmer Mannschaft. Kaum ein anderer Akteur spaltete die Fan-Gemeinde so sehr wie der 24-Jährige. Dabei war Burns auf dem Papier einer der besten Power Forwards der Liga – 15,1 Punkte und 6,3 Rebounds pro Partie sprechen eine deutliche Sprache. Der 2,03-Meter-Mann stellte gegnerische Akteure quasi jeden Spieltag mit seiner Mischung aus Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit vor große Probleme. Geteilte Meinungen gab es allerdings, wenn es um seine Wurfauswahl oder Defensivqualitäten ging

Ausblick: Nirgendwo im Ulmer Kader ist die Ungewissheit größer als auf den Positionen des Centers und Power Forwards. Während es mehr als fraglich scheint, ob Chris Burns in Ulm zu halten ist, stellt sich auch die Frage, ob Taylor & Co. weitere Verwendung für Martin, Bryant und Collins haben. Ich jedenfalls könnte mir zumindest eine Weiterverpflichtung von Burns gut vorstellen, auch wenn dessen Spielweise Vor- und Nachteile mit sich bringt. Aber nur soviel: Solch einen talentierten Forward wie den US-Amerikaner werden die Verantwortlichen kaum wieder finden, zumal „Mr. Burns“ erst 24 Lenze jung ist. Sein Defensivverhalten hat sich im Laufe der Saison schon gebessert, offensiv braucht er noch einiges an Feinschliff. Wo aber sollte er den eher bekommen als unter Mike Taylor?

Fazit:

Die Saison 2009/10 war eine Übergangsspielzeit für den Ulmer Basketball. Mit den begrenzten Mitteln wurde eine junge Mannschaft zusammengestellt, die Talent für zwei Teams hat. Für größere Schritte als den Klassenerhalt bzw. das Niemandsland dort drüber passten einige Schräubchen allerdings nicht ganz so gut, wie erhofft. Besonders auf der Aufbau- und Center-Position ging die Rechnung nicht auf; die nachverpflichteten Spieler brachten zwar die nötigen Elemente, konnten das Ruder aber auch nicht herumreißen.

Bleibt nur die Frage, was aus der nun zu Ende gehenden Saison mitgenommen werden kann. Auf Grund der vielen Einzelteile, die nicht immer gut passten, ist es wahrscheinlich, dass an mehreren Stellen im Kader Veränderungen stattfinden werden. Was aber letztendlich passieren wird, sei den Verantwortlichen überlassen – denn auch die haben nun so gut wie den kompletten Film gesehen.



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von Crossover 11.02.2012 um 13:37:41


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