Beko BBL
Sechs neue Gesichter
In den vergangenen Monaten verließen Akteure die BBL, aber auch viele neue sowie altbekannte Gesichter kamen in die Bundesliga. Eines ist schon vor dem Saisonstart sicher: Es wird die stärkste Beko BBL seit langem. Diese Aussage untermauern u.a. die sechs Neuzugänge Ben Hansbrough (Foto), Kyle Weaver, Tony Gaffney, Adnan Hodzic, Torin Francis und P.J. Tucker.
Von Daniel Wellmann |
01.10.2011 | |

Ben Hansbrough (FC Bayern München): Missionswandel
Der Kader des FC Bayern München besticht durch eine gute Kombination aus US-Stars und Nationalspielern. Da die beiden deutschen Superstars Steffen Hamann und Demond Greene ins Alter gekommen sind, wurde intensiv nach einem Combo-Guard gesucht, der beide Spielertypen vereint und notfalls ersetzen kann.
Während der Suche sind die Verantwortlichen auf Guard Ben Hansbrough, den jüngeren Bruder des NBA-Stars der Indiana Pacers Tyler Hansbrough, aufmerksam geworden. Der Absolvent der Notre Dame University wurde in der abgelaufenen College-Saison zum Big East Player of the Year gewählt. Durch diese Ehrung galt Hansbrough als sicherer Zweitrunden-Pick im Draft. Doch kein NBA-Team wählte ihn. Einerseits bedingt durch den Lockout in der NBA und anderseits durch das gutdotierte Angebot der Isarstädter wählte der College-Star den Weg in die BBL.
Ben Hansbrough gilt als sicherer Schütze; letzte Saison überzeugte er mit 44 Prozent von der Dreierlinie, 48 Prozent aus dem Feld und 81,5 Prozent von der Freiwurflinie. Außerdem zählen zu seinen Referenzen durchschnittlich 18,4 Punkte seiner letzten College-Saison. In der NCAA galt Hansbrough als einer der explosivsten und schnellsten Spieler, die er mit einer aggressiven Spielweise kombiniert. Diese Fähigkeiten soll der 23-jährige auch beim FC Bayern unter Beweis stellen.
Kyle Weaver (Alba Berlin): NBA-Flair für die BBL
3.017 Punkte, 466 Rebounds und 553 Vorlagen - das sind beachtliche Werte für einen BBL-Spieler. Fünf Jahre lang war Julius Jenkins das Aushängeschild für den Basketball in der Hauptstadt. Im Sommer 2011 wechselte JJ zum Ligakonkurrenten Brose Baskets Bamberg.
Um einen adäquaten Ersatz für den Star der Mannschaft zu finden, mussten die Berliner nicht lange suchen, kannten die Verantwortlichen doch das Anforderungsprofil.
Kyle Weaver war genau so ein Mann, der diesem Profil entsprach und kommt mit einer exzellenten Vorgeschichte nach Deutschland. An der Washington State war Weaver der Star der Mannschaft und der erste „All-Pac-10“-Spieler der Geschichte, der 1.000 Punkte, 500 Rebounds, 400 Vorlagen, 175 Steals und 75 Blocks ablieferte. Als Belohnung wurde er 2008 an 38. Stelle von den Charlotte Bobcats gedraftet. Aber die Bobcats tauschten Weaver gegen den zweiten Zweitrunden-Draftpick des Jahres 2009 der New Jersey Nets mit den Oklahoma City Thunder ein. Während seiner 68 Einsätze für das Team um Superstar Kevin Durant erzielte Weaver im Schnitt 4,2 Punkte bei einer Spielzeit von knapp 17 Minuten.
Noch ehe die Saison 2009/2010 richtig begann, fiel Weaver verletzt aus. Somit konnte er seine NBA-Karriere vorerst nicht fortführen. Im Sommer erhielt er ein Angebot von Maccabi Tel Aviv. Aber Weaver wollte sich vom Traum in der NBA nicht abbringen lassen und spielte in der D-League groß auf (bei 38 Einsätzen für drei unterschiedliche Mannschaften erzielte er durchschnittlich 16 Punkte) und wurde mit einem Kurzzeitvertrag im März 2011 bei den Utah Jazz belohnt. Im April 2011 wechselte er nach Belgien für seine erste europäische Station und feierte mit Charleroi die Belgische Meisterschaft.
Weaver bietet spielerisch hochwertige Qualitäten. So ist für die Alba-Verantwortlichen jetzt schon klar, dass seine gute Beinarbeit und effektive Leistung in der Verteidigung immens wichtig sein werden für den nationalen wie internationalen Erfolg. Zudem betont Trainer Gordon Herbert im Interview mit der Berliner Morgenpost: „Er verfügt über die Fähigkeiten, Würfe sowohl für seine Mitspieler als auch für sich zu kreieren.“ Auch seine Vielseitigkeit, auf unterschiedlichen Positionen einsetzbar zu sein, haben die Verantwortlichen bei der Verpflichtung im Blick gehabt. Weaver kann vom Aufbau bis zum großen Flügel jede Position bekleiden. Diese Flexibilität könnte wie so wertvoll wie einst seinen Vorgänger Julius Jenkins machen.
Tony Gaffney (Telekom Baskets Bonn): Europa hin und zurück
Tony Gaffney ist der neue Go-to-Guy der Bonner, der erstmals in der vergangenen Spielzeit auf der Liste der Bonner Verantwortlichen landete. „Ich habe den Kontakt zu Ronald (Dupree) gesucht, um mir von ihm zusätzlich wertvolle Informationen einzuholen“, berichtet Bonns Head Coach Michael Koch. „Die beiden haben viel Zeit miteinander verbracht, so dass wir viel über die charakterlichen Eigenschaften von Tony (Gaffney) erfahren konnten.“ Daraufhin blieb der Kontakt zu Tony Gaffney bestehen. Der US-Amerikaner ist ein Spieler, der sich einerseits in Europa auskennt, aber auch mal kurz in einem NBA-Kader stand.
Tony Gaffney begann seine Karriere an der Boston University und verbrachte dort die ersten zwei Jahre seines Studiums. Zur Saison 2006/2007 wechselte er die Hochschule und wurde Student der University of Massachusetts. Aufgrund der NCAA-Regeln musste Gaffney ein Jahr aussetzen. Dieses Jahr nutze der 2,06 Meter große Forward, um sich einerseits auf das Studium zu konzentrieren und andererseits um in der nächsten Spielzeit voll und ganz für die Mannschaft da zu sein. Durch seine intensive Arbeit entwickelte sich er zum Faktor für seine Mannschaft für die wichtigen Minuten. Dadurch landete er auf dem Bogen diverser NBA-Scouts.
In seinem Abschlussjahr brillierte er mit durchschnittlichen 11,5 Punkten und 10,2 Rebounds. Zu diesem lupenreinen Double-Double gesellten sich 2,0 Steals und 3,8 Blocks pro Spiel dazu.
Diese Leistungen machten Gaffney zum Zweitrunden-Pick, aber leider blieb der Forward ohne Zuschlag von einer der 30 Mannschaften. Dank seines Ehrgeizes erkämpfte Gaffney sich einen Platz im Summerleague-Team der Los Angeles Lakers. Danach nahm die Geschichte seinen Lauf und er wurde ins Trainings-Camp eingeladen. Dort wurde er als letzter Spieler vor der Saison aus dem Kader gestrichen.
Daraufhin heuerte Gaffney während der Spielzeit bei den Boston Celtics an. Dort wurde er als Sparring-Partner mit Handkuss angenommen. Er blieb der Franchise und seiner Heimatstadt bis zum NBA-Finale treu und traf genau auf die Mannschaft, die ihn am Anfang der Saison aus dem Aufgebot gestrichen hatte.
Nach dem verlorenen Finale trennten sich die Wege mit den Celtics und Gaffney landete nach erstmals in Europa bei Turk Telekom Ankara. Gaffney behielt weiterhin sein Ziel von der NBA im Auge und wechselte während der Saison in die D-League zu den Utah Flash. Dort entwickelte er sich als feste Größe unter dem Korb und legte 10,3 Punkte und 6,8 Rebounds pro Spiel auf.
Für Michael Koch gilt Gaffney als großes Talent. Zu seinem neuen Schützling kann er nur sagen, dass er sehr stark unter dem Korb für direkte Punkte gilt, gute Verteidigungsarbeit leistet und versucht, jeden Rebound zu bekommen.
Adnan Hodzic (Walter Tigers Tübingen): Entwicklungsstufe BBL
Binnen von 48 Stunden hatte Tübingen seine komplette Starting Five verloren. Die Verantwortlichen mussten reagieren, denn die Tigers hatten auch ihren effektivsten Spieler mit Dane Watts an den „Feind“ aus Ulm verloren. 15 Punkte und 6 Rebounds pro Spiel mussten kompensiert werden. Das waren riesige Fußstapfen, welche dieser Spieler ausfüllen muss.
Dieser Aufgabe gewachsen fühlt sich Adnan Hodzic, einer der talentiertesten Europäer, die letztes Jahr auf dem College spielten. Nach Angaben seines Agenten hatte sein Schützling ein paar Angebote aus der spanischen Top-Liga ACB vorliegen, doch der Bosnier entschied sich gegen das große Geld, um sein Talent nicht gleich im ersten Jahr in Europa zu vergeuden und entschied sich für Spielzeitgarantie im Ländle.
Seine Beliebtheit in Europa lässt sich daraus schließen, dass der Bosnier 2010 als erster Europäer den A-Sun Player of the Year Award gewonnen hatte. Zudem hatte er auf sich aufmerksam gemacht, als er sich zum NBA Draft 2010 angemeldet hatte, aber leider keine Mannschaft seine Rechte haben wollte. So blieb Hodzic ein weiteres Jahr am College, ehe er in Europa sein Glück versuchen wollte.
In seinem letzten Jahr auf dem College legte Hodzic 17,7 Punkte auf und griff sich 7,5 Rebounds ab. Auch gilt er auch als sicherer Freiwurfschütze (2010/11: 72.6%) für seine Größe. Mit dieser Leistung entsprach er genau den Anforderungsprofil der Tübinger.
Außerdem gilt Hodzic als ein enormes Kraftpaket. Aber seine größte Waffe wird seine dynamische Spielweise sein und sein unerbittlicher Kampfgeist. Über dieses Gesamtpaket kommt auch Coach Igor Perovic ins Schwärmen und resümiert: "Hodzic ist unter den großen Akteuren einer der besten Scorer aller NCAA-Spielklassen in den letzten drei Spielzeiten gewesen. Er ist ein außergewöhnlich aggressiver Basketballer, welcher in der Nähe des Korbes kaum zu stoppen ist.“
Torin Francis (Alba Berlin): Dicker Fisch für die Albatrosse
Immer wieder hat Marco Baldi ein glückliches Händchen, wenn es darum geht, einen neuen Spieler für seine Mannschaft zu finden. Vergangene Saison konnte er Miroslav Radulijca als Leihgabe aus der Türkei an die Spree locken. Diese Saison wurde der Franzose Torin Francis in die Hauptstadt geholt. Während der Duelle beim EuroCup gegen Panellinios (Griechenland) wurden die Berliner auf den Franzosen aufmerksam. Damals verbuchte Francis in den zwei Spielen gegen seinen neuen Arbeitgeber 28 Punkte und 14 Rebounds.
Der Franzose ist kein unbeschriebenes Blatt in Europa. Den Grund für seinen Wechsel nach Berlin nannte Francis im Interview mit der Berliner Zeitung: „Ich wollte immer zu einem Klub, der um die Meisterschaft spielt. Nach den schlechten Erfahrungen ist es auch eine Erleichterung, jetzt bei so einem professionellen Klub zu spielen. Ich will beweisen, dass ich das verdient habe.“ Unter schlechter Erfahrung meint Francis nicht die schlechte Spielweise der anderen Liga, sondern vielmehr die Zahlungsfähigkeit der Vereine. Auch konnte er noch keinen Titel gewinnen. Dieser Hunger auf Erfolg machte es so interessant für die Berliner Verantwortlichen.
Neben dem Bekanntheitsgrad innerhalb Europas kann der 28-Jährige auch mit Erfahrung glänzen. Seine Rolle in Berlin gilt als besonders interessant. Zwar gilt er bei Gordon Herbert und Marco Baldi als Ersatz von Radulijca. Aber sein deutscher Kollege auf der Bank, Yassin Idbihi, hatte eine starke Playoffs-Serie gegen Frankfurt und Bamberg gespielt und will bestimmt an diesen Leistungen anknüpfen. Somit könnte dem Franzosen eine ungewohnte Rolle als Bankspieler blühen, da er bei seinen bisherigen Stationen als fester Starter eingeplant war. Um wenigstens seiner Startplatzgarantie gerecht zu werden, will Francis rackern und kämpfen – das hat er sich und der Mannschaft versprochen.
Einen besonderen Blick werden die anderen Mannschaften auf die Kombination mit DaShaun Wood werfen, da beide bereits zusammen in der Spielzeit 2007/2008 in Cantú (Italien) erstklassigen Basketball gespielt haben. Francis sagte dazu im weiteren Verlauf des Interview mit der Berliner Zeitung: „Wir kennen unser Spiel und sollten noch besser geworden sein.“
Anthony Leon „P.J. “ Tucker (Brose Baskets): Kleiner Mann, große Verantwortung
Coach Chris Fleming wollte unbedingt einen Wunschspieler an die Regnitz locken. Aber speziell solche Spieler zu bekommen, ist für Manager Wolfgang Heyder ein langer und zäher Prozess.
Ein solcher Prozess war es auch, aber mit dem besseren Ende für den amtierenden deutschen Meister und Pokalsieger. Zwar hatte man bei der Abendzeitung Nürnberg recht früh den Wunschspieler namentlich genannt. Dennoch habe man sich selbst geringe Chancen eingeräumt, da es finanziell nicht zur Debatte stand. Aber hinter den medialen Kulissen wurde versucht, alle Hebel in Gang zu setzen, um diesen einen Mann zu bekommen. Es sollte der Verteidigungsspezialist und solider Werfer P.J. Tucker sein.
Manager Wolfgang Heyder umschrieb den Neuzugang im Fränkischen Tag wie folgt: „Er definiert sich über sein Gesamtpaket. P.J. (Tucker) ist ein guter Rebounder, guter Assistgeber, der für sich und andere kreieren kann. (…)“
Auch ist Tucker international kein Unbekannter. Seine Basketball-Laufbahn begann Tucker an der Texas University. Die College-Saison 2005/2006 war für ihn ein einziges Highlight. Mit insgesamt 594 Punkten legte er einen persönlichen Rekord auf. Die Krönung auf den Rekord folgte, als er die Auszeichnung Big 12 Player of the Year erhielt. Als Sahnehäubchen folgte die Wahl an 35. Stelle beim Draft durch die Toronto Raptors. Nicht wegen seines geringen Talents kam er nur zu 17 Einsätzen, sondern vielmehr wegen einer Überbesetzung auf seiner Position. Vor ihm standen Spieler wie der Italiener Andrea Bargnani, aber auch der überragene Spieler Chris Bosh in den Startreihen. Die Raptors schoben ihren Schützling damals in die D-League zu den Colorado 14ers ab.
Nachdem für ihn der Traum der NBA förmlich zerplatzte, suchte Tucker die Chancen in Europa. So nahm er die Chance wahr, in Hapoel Holon Fuß zu fassen. Mit seinen durchschnittlichen 15 Punkten und 7 Rebounds führte er das israelische Team zur Meisterschaft und beendete damit die Dominanz von Maccabi Tel Aviv. Neben der Meisterschaft wurde Tucker wertvollster Spieler der Saison. Dennoch verließ er den Verein und ging in Richtung Ukraine. Sein neuer Arbeitgeber hieß BC Donetsk. Bei den "Tigers" legte Tucker durchschnittlich 20 Punkte auf.
Kurz vor dem Ende der Saison verletzte sich Tucker am Knie, dennoch verlängerte Donetsk seinen Vertrag. Eine überraschende Zahlungsunfähigkeit des Vereins veranlasste Tucker, den Verein zu verlassen und er kehrte nach Israel zu Bnei Eshet Tours Hasharon zurück. In der Spielzeit war er 2010/2011 in Griechenland tätig für Aris Thessaloniki. Nach einer durchwachsenden Saison hat Tucker noch bis vor kurzem Spielpraxis in Italien und Puerto Rico gesammelt, ehe er von den Franken verpflichtet wurde.



von Crossover 17.05.2012 um 09:40:52
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