Basketball in Deutschland
Von Diktatoren und Demokraten
In einem Quader aus den quer verwobenen Eckpunkten Professionalisierung, Zeitgeist, subjektive Ziele und Individualität hat sich eine Trainermentalität im deutschen Basketballs entwickelt, die dort anknüpft, wo der Faden der Diskussion schon abgerissen war. Ein kleiner Einblick in die Quadratur des Kreises.
Von Janine Engeleiter |
19.10.2011 | |
Wir brauchen deutsche Spieler, deutsche Gesichter für Identität in der Liga. Seit einigen Jahren schallt dieser Kanon in unterschiedlichen Tonlagen durch die öffentlichen Lautsprecher. Inzwischen ist die Botschaft angekommen und wird derweil erfolgsversprechend bearbeitet. Schleichend und ohne deutliches Lamenti veränderte sich nebenher eine weitere Position im Mannschaftgefüge, wie der heute Sportdirektor des FC Bayern München, Marko Pesic, im Lumani-Blog schon Ende 2009 erkannte: „Wir haben heute insgesamt 8 deutsche Trainer in der BBL!!! Ich glaube das ist die höchste Anzahl der deutschen Trainer in der BBL in den letzten 10 Jahren.“
Diese Saison finden wir elf deutsche Trainer und bis auf Muli Katzurin sind die anderen quasi eingedeutscht. Predrag Krunic, Igor Perovic und die Amerikaner sind dem Land, in dem sie teils spielten, treu geblieben. Das ermöglicht ihnen Vorteile. Sie haben sich mit dem Basketball hierzulande entwickeln können, haben das Potential und die Arbeitsmoral, sogar die Sprache kennengelernt. Anders als bei „Gastarbeitern“ eröffnet ihnen der Arbeitsmarkt kontinuierliche und feste Projekte. Kurzum, sie sind Teil unserer stetig wuchernden Gemeinde. Henrik Rödl, Coach der TBB Trier, sieht darin eine „schöne Entwicklung, die durchaus ihren Wert hat“.
An einer Stelle ist dieser Wert von besonderer Art: Alle Trainer versuchen mit ihrem Team das atmosphärische Band zum Publikum zu spannen. „Ich möchte möglichst viel Identifikation erreichen“, erklärt Ulms Trainer Thorsten Leibenath und bestätigt damit, was auch Gordon Herbert und Muli Katzurin oder Chris Fleming (Foto) predigen. Ein großes Wort, das fast schon inflationär benutzt wird. Identität mit dem Sport, mit der Liga, mit dem Team und letztlich mit dem Verein in zwei Dimensionen, denn neben den Zuschauern sollen sich auch die Spieler und die Trainer mit all den Attributen des professionellen Betriebs beruflich und menschlich verbinden.
Zweiter Frühling des deutschen Basketballs
Es ist der zweite Frühling des Basketballs nach der Wiedervereinigung, denn es gelten eben nicht nur die Siege eines Teams. Anfang der Neunziger schwappte mit den Erfolgen des Dream Teams bei Olympia 1992 und der deutschen Nationalmannschaft bei der EM ein Jahr später sowie dem aufregenden Hype der NBA die erste infizierende Welle nach Gesamtdeutschland. Aus dieser professionell organisierten Generation schlüpfen die Spieler aus ihren Shorts und Trikots in Zweireiher und bringen nun ihre Identität stiftende Popularität und Verve abseits des sichtbaren Spielgeschehens ins System.
In vielen Vereinen kann vor allem wegen dieser ambitionierten Ehemaligen die Jugend verstärkt gefördert werden. Sie leben vor, wofür die Jugendlichen arbeiten. In Göttingen, in Trier, in Ludwigsburg, in Hagen oder in Bremerhaven – sie alle schaffen den aufstrebenden Talenten Möglichkeiten in den Erstliga-Teams. Dem gegenüber stehen die erfolgsorientierten Vereine, die ihre Ziele in den Playoffs oder der Meisterschaft verorten, die sich Entwicklungsbedürftige nicht erlauben können. „Alle müssen erfolgreich sein. Egal in welchem Verein sie tätig sind“, verhindert Rödl eine konsequente Scherenbetrachtung, differenziert aber, dass sich beispielsweise Trier eine Nische gewählt habe, die andere Pläne verfolge als beispielsweise die Konkurrenz in Berlin.
In der einstigen Heimat Rödls kann dem nur beigepflichtet werden. Die Belastung, vor allem aber auch der Erwartungsdruck sei in Berlin enorm, erklärt Teammanager Mithat Demirel. Wichtig ist jeder Sieg, jeder erfolgreiche Abschluss. Das Team muss als solches in einem erfolgsorientierten System funktionieren. Deswegen ist der Führungsstil des Trainers, ob brachial oder mental, ob autokratisch oder motivierend, hintergründig relevant. „Alle drei Trainer [Luka Pavicevic, Muli Katzurin, Gordon Herbert] nutzen Hauptsätze, es gibt keine Diskussionen. Das Training ist hart, um das Maximale aus den Spielern herauszubekommen“, beschreibt Demirel die Szenerie und attestiert sogleich die ähnlichen Stile der Trainer der letzten zwölf Monate in Berlin.
Damit beginnt etwas, das die Trainer-Sparte entzweit. Vor einigen Jahren noch wurde größtenteils durch Leistung und Siege, durch Druck und Anheizen motiviert. Über diese eher aggressive Art, die im Eishockey ihre Zuspitzung findet, sind viele Trainer hinweg. Michael Koch (Foto), Andreas Wagner (ehemals Bayreuth), Doug Spradley oder Stefan Mienack versuchen es ähnlich wie Leibenath mit positiven Worten. Wagner gilt als Motivationskünstler, Mienack und Leibenath motivieren aus einem ausgewogenen Verhältnis aus positivem Zureden und direkter Kritik; der Sportpsychologe Gordon Herbert weiß genau, welche motivierenden Worte er für das aufzuwertende Selbstvertrauen der Spieler nutzen muss. Ein allgemein bekanntes Konzept sieht vor, dass Spieler erst für ihre Stärken gelobt und daraufhin ihre Schwächen angesprochen und angegangen werden. Zwischendurch ist immer wieder der Streichler erforderlich.
Zwischen Demokrat und Diktator
Wichtig sei auch die charakterliche Authentizität, mit der vermittelt würde, sagt Rödl. Er wäre nicht er selbst, würde er versuchen, wie der inspirierende Svetsilav Pesic lautstark und temperamentvoll anzuweisen. Dafür verantwortlich sind wohl auch die kulturellen oder sozialen Gegebenheiten, die einen Menschen von außen formen. Für ihren harten Stil sind die Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien, heute Serben, Bosnier, Kroaten usw., bekannt. Der Bosnier Krunic verortet sich selbst zwischen Demokrat und Diktator. Je nach Spielertyp passe er sich an, ist eben mal knapp und laut, mal einfühlsamer und kommunikativ.
Doch gewiss sei, „my way with the highway“ funktioniere nicht mehr, merkt Dirk Bauermann (Foto) an. Ein Trainer müsse über die inhaltliche und emotionale Ebene überzeugen, solle mit positiver Energie statt mit Gehorsam über Angst und den Befehl eine Mannschaft führen. Zugleich ist Bauermann kein Freund von „horizontalen Hierarchien“, da Spieler Regeln und Disziplin erwarten würden. Ähnlich wie Krunic sieht er das Rezept darin, eine Balance in einem autoritären System für sich zu finden.
Man müsse „mit der Zeit gehen“, sagt der ehemalige Trainer der Nationalmannschaft zudem. Leibenath verdeutlicht dies, indem er gesellschaftsgeschichtlich ausholt: „In der heutigen Zeit erreicht man mehr, wenn gewisse Dinge gut sind, wenn sie positiv sind.“
Wie jede Regel begleitet auch diese Ansicht eine Ausnahme: Erfolg. Erfolg ist Motivation. Darin sind sich auch die ehemaligen Kollegen Rödl und Demirel einig. Jedes gewonnene Spiel sei motivierend gewesen und umgekehrt „musste jedes Spiel gewonnen werden“, erklärt Demirel und pocht abermals auf den Druck, den erfolgreiche Mannschaften spürten. Dann ließe sich jeder Führungsstil akzeptieren, beschreibt der ehemalige Nationalspieler, auch einige Jahre später sei das so, wie er beobachten konnte. Dennoch sind viele Trainer dem Zeitstrom gefolgt – die jüngeren, aufstrebenden mehr denn die erfahrenen und gefestigten.
Leibenath (Foto) sei dankbar für jeden Input, der ihm helfe, die Ziele zu erreichen. Solch eine Quelle sucht er in der Wirtschaft oder sportartübergreifend im Fußball. Dort lerne man beispielsweise, wie gute Mannschaften gebildet werden. Schließlich könne niemand die zehn besten Spieler zusammen spielen lassen. Das gelinge nicht. Jeder bekäme eine Rolle und hätte diese zu akzeptieren. Charakter und Harmonie, absolutes Teamplay und Spielintelligenz erwarten die Coaches von ihren Spielern, um das eigene Konzept, die Philosophie oder, wie der Ulmer Coach es sagt, die „Idee von Basketball“ umzusetzen.
Während sich der Neuling Mienack als reinen Trainer betitelt, meint Leibenath, jeder moderne Trainer müsse sich als Manager begreifen. Tatsächlich leben zeitgemäße amerikanische Firmen einen kollegialen, fast familiären Zusammenhalt an der Oberfläche vor. Die Mitarbeiter, die sorgfältig vom Management ausgewählt wurden, erhalten ihr Recht auf individuelle Freiheit und Vertrauen. Sie sind dankbar und geben, was sie geben können.
Der Kreis schließt sich an dieser Stelle, lässt sich aber nicht von allen Betrieben und Mannschaften konsequent umsetzen. Es ist eben nur eine Idee von vielen, die sich in den letzten Dekaden durchsetzen konnte.
Die 18 Coaches der Beko BBL 2011/2012 im Überblick
Andreas Wagner wurde in Bayreuth durch Marco van den Berg ersetzt. Georg Kämpf übernimmt für ein Spiel die Funktion des Interimscoaches.
| Coach | Nationalität | Verein |
| Dirk Bauermann | D | München |
| Marco van den Berg | NED | Bayreuth |
| Chris Fleming | USA | Bamberg |
| Ingo Freyer | D | Hagen |
| Björn Harmsen | D | Gießen |
| Gordon Herbert | CAN | Berlin |
| Markus Jochum | D | Ludwigsburg |
| Muli Katzurin | ISR | Frankfurt |
| Michael Koch | D | Bonn |
| Stefan Koch | D | Quakenbrück |
| Predrag Krunic | BIH | Oldenburg |
| Thorsten Leibenath | D | Ulm |
| Sebastian Machowski | D | Braunschweig |
| Stefan Mienack | D | Göttingen |
| John Patrick | USA | Würzburg |
| Igor Perovic | SRB | Tübingen |
| Henrik Rödl | D | Trier |
| Doug Spradley | D/USA | Bremerhaven |



von bigboi9 19.10.11 um 15:51:36
Gordie ist aber Kanadier!!
von Michael_jo23 19.10.11 um 17:33:27
Wirklich ein gelungener Artikel über eine erfreuliche Entwicklung in Deutschland! sowohl stilistisch als auch inhaltlich thumbs up!
von Calle Coslowski 21.10.11 um 11:15:55
es heißt "my way or the highway"
von Äneas 26.10.11 um 21:41:42
Alle sollten so wie Muli spielen...