Basketball in Deutschland
EM ade
Deutschland, Frankreich, Italien und Kroatien haben ihre gemeinsame Bewerbung für die Europameisterschaft 2015 überraschend zurückgezogen. Was steckt dahinter? Ein Blick hinter die Kulissen bringt dubiose Machenschaften seitens des europäischen Verbandes FIBA Europe ans Licht, dass der einzig verbleibende Kandidat Ukraine durch staatliches Sponsoring den Zuschlag bekommt. Dabei hätte alles so gut verlaufen können für den deutschen Basketball.
Von Thomas Käckenmeister |
16.12.2011 | |
Bevor Dirk Nowitzki sich seinen Traum vom NBA-Titel erfüllte, stand er zusammen mit dem französischen Superstar Tony Parker vor der Kamera. Im Frühjahr 2011 nahmen die beiden Basketball-Stars in Dallas ein Video auf, um die Bewerbung für die EM 2015 weiter voranzutreiben.
Vor der Europameisterschaft 2011 in Litauen erhielt der deutsche Basketball durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff zusätzliche Unterstützung von politischer Seite, um das Kontinentalturnier in vier Jahren nach Deutschland zu bringen.
Nach der EM und zurück im Liga-Alltag nahm sich auch Nationalspieler Heiko Schaffartzik (Foto) Zeit, um über den Dächern Berlins die Werbetrommel für die EM im eigenen Land zu rühren.
Deutschland wollte das ehrgeizige Projekt Europameisterschaft 2015 gemeinsam mit den Basketballverbänden Frankreichs, Italiens und Kroatiens umsetzen. Die vier Vorrundengruppen sollten in Berlin, Straßburg, Mailand und Zagreb ausgetragen werden. Für die Zwischenrunde waren Köln oder Düsseldorf sowie Lyon oder Dünkirchen angedacht. Die Endrunde sollte in einer neu gebauten Arena in Paris-Bercy stattfinden.
Inmitten der vorweihnachtlichen Harmonie platzte dann aber die Bombe: Am Mittwoch, den 14. Dezember 2011, trat der Deutsche Basketball Bund (DBB) an die Öffentlichkeit und zog die Gemeinschafts¬bewerbung überraschend zurück.
Professionelles Portfolio gegen verspätete Visitenkarte
Die Entscheidung, Weltstar Dirk Nowitzki und der deutschen Basketballgemeinde eine Heim-EM zu verwehren, fiel „schweren Herzens“, wie DBB-Generalsekretär Wolfgang Brenscheidt betonte. Das Bewerberquartett hatte aussichtsreiche Chancen auf den Zuschlag am 18. Dezember 2011 in München.
Im Vergleich zum Konkurrenten Ukraine, der als einziger Kandidat noch im Rennen ist, war das Vier-Nationen-Anliegen ein sorgfältig ausgearbeitetes, professionelles Portfolio, um sich 18 Jahre nach Deutschlands EM-Triumph 1993 wieder für ein Großturnier auf deutschem Boden – zumindest teilweise – zu bewerben. 122 Seiten umfasste das sogenannte „Bid Dossier“, das der DBB und Co. fristgemäß am 1. August 2011 bei der FIBA Europe eingereicht hatten. Aufgrund dieser Bewerbungsmappe sollte eine Entscheidung über die Vergabe getroffen werden. Dafür gab es einen deutlich definierten und detaillierten Anforderungskatalog der FIBA Europe. Das „Bid Dossier“ der Vier-Länder-Bewerbung enthielt Informationen zu Infrastruktur, Spielhallen, Trainingshallen, Transport und Hotels.
Beinahe stümperhaft hingegen erscheinen da die Bewerbungsunterlagen der Ukraine; lediglich 14 Seiten sollen die Osteuropäer eingereicht haben. Darüber hinaus hatte die Ukraine ihr Dossier nicht fristgemäß, sondern deutlich später abgegeben. „Diese Entwicklung haben wir mitbekommen, auch intern kritisiert, aber zunächst nicht weiter verfolgt“, erklärte DBB-Pressesprecherin Elisabeth Kozlowski gegenüber CROSSOVER.
Bereits bei der EM 2011 in Litauen war trotz der basketballverliebten Litauer in vielen Arenen nicht die Euphorie zu spüren gewesen, von der im Vorfeld im Drei-Millionen-Staat die Rede gewesen war. Spiele wie Deutschland gegen Frankreich in der Vorrunde waren nicht ausverkauft, trotz hochkarätiger Stars wie Nowitzki, Parker, Nicolas Batum oder Joakim Noah. Stattdessen waren etwa 1.000 Zuschauer auf den Rängen, davon rund 500 betrunkene Litauer, die wohl einfach nur einen Sitzplatz zum Ausnüchtern benötigten. Ob es an überhöhten Ticketpreisen oder etwas anderem lag, kann keiner zu 100 Prozent beantworten. Einer Organisation aber muss der Schwarze Peter zugeschoben werden: der FIBA Europe.
Mangelnde Transparenz im Bewerbungsprozess
Eben jener Dachverband verdarb dem DBB und den drei Mitbewerbern auch den Appetit auf die EM 2015. „Seit dem 7. Dezember liegen uns neue Unterlagen vor, die sich in wesentlichen Punkten von den bisherigen Absprachen in Bezug auf Finanzierungsmodalitäten und Sponsoren unterscheiden“, sagte Kozlowski. „Zu den ohnehin für die Ausrichtung geforderten acht Millionen Euro sollten nun auch die Umsatzsteuer von 19 Prozent hinzukommen, sodass es nicht mehr acht Millionen, sondern über neun Millionen sind, die wir zu zahlen gehabt hätten. Zudem wurde ein Passus hinzugefügt, in der die FIBA Europe jederzeit Änderungen vornehmen kann und sich der Ausrichter daran zu halten hat.“
Eine Bewerbung für die EuroBasket 2015 beläuft sich auf ein geschätztes Gesamtbudget von 30 bis 40 Millionen Euro. Die angesprochenen acht Millionen Euro sollten laut Brenscheidt als „Garantiezahlung“ an den internationalen Verband gehen. Ein Rechtepaket würde vier Millionen Euro verschlingen, damit der Veranstalter einen Sponsoring-Partner an Land zieht. „Leider stand nirgends im Vertragswerk, was genau diese Rechte umfassen. Unsere Fragestellungen und etwaige Probleme wurden ignoriert“, sagte Brenscheidt (Foto).
In dem am 7. Dezember übermittelten Schreiben der FIBA erfolgte nun also der Hinweis, dass vorab ein solcher Sponsoring-Partner – der den Betrag in Höhe von vier Millionen Euro garantieren sollte – vorzuweisen wäre. Alternativ müsste der Verband, der damit jedoch mit seinem Budget von jährlich 5,5 Millionen Euro an der Grenze der Liquidität steht, selbst in die Bresche springen. „Wir sind davon ausgegangen, dass wir im Erfolgsfall die Rechte übertragen bekommen. Aus den am 7. Dezember vorgelegten Verträgen geht aber nun hervor, dass wir, falls wir keinen Partner vorweisen können, acht Millionen Euro garantieren müssen per Unterschrift“, erklärte Brenscheidt, „von den Rechten, wie noch im März schriftlich festgehalten, ist in den neuen Verträgen aber nicht mehr die Rede.“
Die FAZ berichtete, dass 750.000 Euro bis Anfang Januar gezahlt werden müssen, insgesamt rund 2,75 Millionen sind bis Ende 2012 fällig. "Wie soll ich den Sponsor präsentieren, wenn ich noch nicht einmal weiß, ob ich die EM überhaupt bekomme?", erzürnte sich auch Präsident Ingo Weiss.
Ukraine bleibt einziger EM-Bewerber
Die Ukraine ist jedoch im Gegenzug anscheinend bereit, die Auflagen zu erfüllen. Mit der halbstaatlichen Airline Aerosvit steht schon ein Partner in den Startlöchern, damit zum vierten Mal in Folge – nach Polen (2009), Litauen (2011) und Slowenien (2013) – eine EM in Osteuropa stattfinden kann.
Die Person, von der diese neue Situation auszugehen scheint, ist FIBA-Generalsekretär Nar Zanolin, der insgeheim die Ukraine als Austragungsort im Visier hatte. Aufgrund dieser dubiosen Machenschaften habe der DBB, der bereits rund 350.000 Euro investiert hatte, die „Notbremse gezogen“, wie Brenscheidt betont. „Wir hätten die EM nach Deutschland bekommen, wenn wir gesagt hätten: Nach uns die Sintflut.“ Doch dieser Preis für eine EM war zu hoch.
DBB-Präsident Ingo Weiss sprach kürzlich vom „i-Tüpfelchen“ für den deutschen Basketball, wenn die EM 2015 in Deutschland stattfindet. Nach dem Schock am vergangenen Mittwoch, bei dem „immense Zweifel ob des professionellen Bewerbungsverfahrens und mangelnde Transparenz des europäischen Verbandes“ offenbar wurden, wie es in einer offiziellen Stellungnahme heißt, sagte Weiss: "Schweren Herzens ziehen wir uns aus dem aussichtsreichen Bewerbungsprozess zurück. Unsere Philosophie basiert auf Verlässlichkeit, Vertrauen und Ehrlichkeit. Diese Werte sind für uns unumstößlich. Derzeit ist die Zusammenarbeit mit der FIBA Europe auf Grundlage dieser Werte allerdings nicht möglich.“ In der Süddeutschen Zeitung legte Brenscheidt nach: "Statt strategisch eine Sportart zu entwickeln, geht es offenbar nun darum, wer die meiste Kohle bezahlt. Da kannst du so ein Ding auch bei E-Bay einstellen."
Am Sonntag, den 18. Dezember, hoffen die vier zurückgetretenen Bewerbernationen im Rahmen der Sitzung des FIBA Europe Boards in München auf mehr Transparenz. Zudem wollen sie ihre Macht verdeutlichen, wenn es zur vermeintlichen „Abstimmung“ der 25 Mitgliederverbände kommt.
„Ein trauriger Tag für den deutschen Basketball“ (Dirk Bauermann)
Nach dem Bewerbungsrückzug war der Frust bei den Verantwortlichen groß. „Was wir getan haben, ist reine Notwehr“, begründete Brenscheidt die kurzfristige Absage. „Die Bestürzung, solch eine Entscheidung treffen zu müssen, ist sehr hoch. Wir haben die Bewerbung mit Herzblut geführt. Wir wären gerne mit unserer jungen Mannschaft und Dirk Nowitzki als Zugpferd in die EM 2015 gegangen.“
Dennoch siegt am Ende die Vernunft, wie auch Ingo Weiss hervorhebt. „Der Deutsche Basketball Bund steht in der Verantwortung, seriöse Entscheidungen zu treffen, da sie unter anderem öffentliche Mittel und Mitgliedsbeiträge betreffen.“
Mit dieser Situation müssen nun alle Betroffenen leben. Angefangen bei den DBB-Offiziellen, die leidenschaftlich für das Projekt gerackert haben, über Dirk Nowitzki, seinen Mentor Holger Geschwindner, der bei der DBB-Zentrale anrief und anerkennend „Gratulation!“ in den Hörer rief, bis hin zu den Spielern und Coaches.
Der ehemalige Bundestrainer Dirk Bauermann meinte: „Ich weiß, wie viel Herzblut viele Leute in diese Bewerbung gesteckt haben. Das ist ein trauriger Tag für den deutschen Basketball. Für die Entwicklung unseres Sports wäre eine EM im eigenen Land sehr wichtig gewesen.“
Auch BBL-Geschäftsführer Jan Pommer steht hinter der Entscheidung: „Man kann nicht einfach während des Spiels die Regeln ändern. Ich hoffe, dass diese Fairplay-Notwehr eine sehr kritische Revision der Vorgänge und eine Stoßlüftung bei der FIBA Europe auslöst.“ Und weiter: „Wir haben sehr großen Respekt vor der Entscheidung des DBB und der anderen drei Verbände. Sie dokumentieren damit, dass sie das Geschäftsgebaren von FIBA Europe ablehnen.“

Keine Heim-EM von Dirk Nowitzki
Eine EM im eigenen Land wäre für den Basketballsport von enormer Bedeutung. Nun herrscht Ernüchterung und ein Gefühls-Cocktail aus Fassungslosigkeit, Wut und Trauer, dass die EM 2015 nicht in Deutschland stattfinden wird. Dirk Nowitzki, der dann 37 Jahre alt sein wird, und der deutsche Basketball hätten ein solches Groß-Event verdient gehabt. Weil Nowitzki dann wohl in seinem Heimatland seine Karriere beendet hätte. Weil Schaffartzik in seiner Geburtsstadt Berlin aufgelaufen wäre. Weil die ehemaligen Kölner Korbjäger Philipp Schwethelm und Tibor Pleiß in der Domstadt für Begeisterung gesorgt hätten. Und weil es dem deutschen Basketball einfach verdammt gut getan hätte. Diese Visionen bleiben leider nur Wunschträume.
DBB-Präsident Weiss sieht einen winzigen Funken Hoffnung: „Es bleibt nach wie vor unser Ziel, ein Turnier in Deutschland auszurichten. Vielleicht orientieren wir uns zusammen mit Frankreich in Richtung WM 2018.“ Zugleich aber betont Brenscheidt: „Mit den jetzt handelnden Personen dort wird es keine Bewerbung mehr geben. Das Zeichen jetzt war wichtig!“



von rick the sniper 16.12.11 um 13:52:09
Ich hatte vor einigen Tagen bereits Kenntnis nehmen können, wie es zum Rückzug der "Austragungsgemeinschaft" kommen konnte.
Danke Crossover, dass ihr bewusst nochmal den Finger in die Wunde legt, um den offensichtlichen Sumpf aus Bestechung und Korruption anzusprechen.
Ich denke, dass das Problem der Bestechung von Verbandsfunktionären durch Oligarchen, welches aus finanzieller Sicht in der Vergabe der Fußball WM 2022 (Katar) gipfelte, einen weiteren Höhepunkt erreicht hat.
Die Vergabe der EM an die Ukraine ist unter diesen Bedingungen eine riesengroße Sauerei, da jeder, der sich mit politischen Prozessen in der Ukraine schon einmal intensiver beschäftigt hat, weiß, dass dieses Land im Korruptionswahrnehmungsindex ([transparency.org]) im europäischen Vergleich das Schlusslicht darstellt und dabei sogar Länder wie Pakistan oder Mauretanien hinter sich lässt.
Die FIBA Europe sollte demnach ihren Grundlagenkatalog einmal überdenken und sich fragen, ob das die angemessene Weise ist den europäischen Markt für Basketball zu repräsentieren.
von danny.bo 16.12.11 um 22:37:21
unglaublich scheisse