BBL-Tagebuch
Eiskalte Erinnerungen
Flavio Stückemann von den Artland Dragons schreibt in seinem zweiten Tagebuch-Eintrag über den Liga-Alltag mit seinem Team, seine Europa-Erlebnisse im frostigen Russland und die Erinnerungen mit der A2-Nationalmannschaft.
Von Flavio Stückemann |
04.12.2008 | |

So Sportsfreunde, endlich ist es wieder soweit.
Erstmal wollte ich mich für die coolen Kommentare und die guten Kritiken für meinen ersten Teil des Tagebuchs bedanken. Es freut mich wirklich sehr, dass es euch gefallen hat.
In zweiten Teil möchte ich euch etwas unseren Alltag schildern und meine Impressionen zu Spielen im europäischen Wettbewerb näher bringen.
Ich bin gerade in Trier. Nach einer sechsstündigen Fahrt sind wir so um 20:30 Uhr im Hotel angekommen. Mein Zimmer teile ich mit unserem Kapitän Darren Fenn. Heute Morgen haben wir noch im Drachen-Center (wie unsere Trainingsanlage genannt wird) trainiert und uns auf unseren morgigen Gegner TBB Trier vorbereitet. Das war eine Trainingseinheit, in der wir mit einer Videosession beginnen. Da werden dann die einzelnen Spieler begutachtet und die Spielsysteme analysiert. Wir Spieler bekommen dann einen "Scouting Report" von den Trainern. Dieser Bericht ist eine Mappe, in der alle Analysen und unsere Marschroute fürs Spiel niedergeschrieben sind. Nach der Session geht's dann in die Halle und alles theoretisch besprochene wird nochmal praktisch durchgeführt. Dieses Verfahren passiert so vor jedem Spiel und bei jedem Gegner.
Dieses Wochenende ist besonders interessant, weil wir morgen am Sonntag hier in Trier spielen und Dienstag schon in Belgrad. Nach dem Trier-Spiel werden wir mit dem Bus nach Frankfurt fahren und dort übernachten. Montagfrüh geht's dann mit dem Flieger nach Belgrad. Montagabend kommt dann wieder das Training mit der Videosession. Dienstag früh geht's nochmal in die Halle, um sich ein letztes Mal aufs Spiel einzustellen, ein paar Würfe zu nehmen und die Spielsysteme des Gegners nochmal zu verinnerlichen.
Nachdem dann hoffentlich der Sieg unser ist, geht es Mittwochmorgen um vier Uhr aus dem Bett und gegen sechs Uhr ins Flugzeug nach Hause. Dann haben dann wir wieder nur wenig Zeit haben, um uns auf Bamberg einzustellen, die dann am Samstag bei uns zu Besuch sind.
Wie ihr schon merkt, ist der Wochenplan gerade jetzt, da der Eurocup begonnen hat, sehr voll belegt. Viel Zeit wird auf Fahrten verbracht. Gut, dass die meisten Spieler eine PSP (tragbare Videospielkonsole) haben und wir uns so mit FIFA 09 die Zeit vertreiben können. (...ne Martin?!) :)
Naja, auf einer Fahrt wie heute von sechs Stunden Dauer nimmt man sich zur Abwechslung auch gern ein Buch mit oder spielt hinten im Bus mit ein paar Leuten Poker.
Nach dem bitteren und enttäuschendem Pokal-Aus gegen Braunschweig war der Einstiegssieg in den Eurocup gegen Bologna sehr wichtig für uns. Wir rechnen uns dort eine reelle Chance aus, die nächste Runde zu erreichen.
Mit Braunschweig habe ich von 2003 bis 2005 auch am europäischen Wettbewerb teilgenommen. Im ersten Jahr am Uleb-Cup und im zweiten Jahr dann im FIBA-Cup. Das war eine sehr wertvolle Zeit. Wenn ich mich gerade erinnere, habe ich wirklich eine Menge erlebt und kann sicher schon die eine oder andere lustige oder tragische Geschichte erzählen.
Das Spiel in Russland gegen Ural Great Perm kann ich euch nicht vorenthalten: Begonnen mit der Reise. Im Flieger von Hannover nach Frankfurt, von Frankfurt nach Moskau, von Moskau nach Perm.
Bis nach Moskau war es auch noch alles recht angenehm. Dort fingen aber die ersten Schwierigkeiten an. Wir durften nämlich in Moskau nicht von dem Flughafen abfliegen, auf dem wir gelandet waren. Wir mussten dazu draussen bei minus 18 Grad auf einen Linienbus warten, der zum anderen Flughafen fuhr. Nach 45 Minuten Warten wurden dann aber die Leute, die nach Italien wollten, aufgefordert zuerst einzusteigen, weil der Flieger schon wartete. Also nochmal 45 Minuten warten. Manche werden jetzt denken: Ja, warum denn nicht schön im Warmen warten? Naja, hätten wir gern getan, aber dann hätten wir uns in einer sehr langen Schlange wieder hinten anstellen dürfen.
Endlich im Flugzeug angekommen, fiel mir auf dass es dort nicht bequemer wird. Ich musste drei Stunden stocksteif aufrecht sitzen, weil der Sitz kaputt war. Hätte ich mich angelehnt wäre der Sitz bei der Person hinter mir hart auf die Knie gestossen. Die Mitspieler, deren Sitze ebenfalls kaputt waren und die niemanden hinter sich sitzen hatten, konnten sich gemütlich hinlegen.
In Perm angekommen werde ich nie vergessenn, wie sich minus 28 Grad anfühlen - als würde man ein kaltes nasses Handtuch ins Gesicht geklatscht bekommen und tausend Nadelstiche noch dazu.
Als nächstes muss ich euch die Halle erklären: eine wirklich große Eissporthalle mit circa 12.000 Plätzen. Ja richtig gehört: eine Eissporthalle. Das Parkett wurde direkt auf dem Eis verlegt. Am Rand unter den Auswechselbänken wurde einfach ein Teppich verlegt. Um mich zu vergewissern, dass das stimmte, habe ich einfach den Teppich angehoben und es stimmte mit dem Eis.
In der Halle war es so kalt, dass auf der Bank für jeden Spieler eine Wolldecke und Daunenjacke bereit lag. Auch alle Zuschauer kamen vermummt und sehr warm eingepackt. Weshalb ich dieses Spiel wohl auch nicht vergessen werde ist, weil ich in diesem Spiel meine ersten Punkte im europäischen Wettbewerb per Buzzerbeater von der Mittellinie Ende des dritten Viertels gemacht habe, wonach wir dann mit fünf Punkten führten und das Spiel auch am Ende mit sieben Punkten gewannen. Das war ein Auswärtsspiel mit wirklich vielen verschiedenen Eindrücken ;-)
Durch die Sommer mit Nationalmannschaften und die Euro-Spiele mit Braunschweig habe ich schon in einigen Ländern spielen dürfen. In den Niederlanden, Belgien, Spanien, Portugal, Türkei, Russland, Israel, Bosnien und Thailand. Aus jedem Land habe ich verschiedene Eindrücke in Erinnerung. Am besten hat es mir in der Türkei gefallen. Es ist ein schönes, warmes, gastfreundliches Land. Thailand war auch was ganz besonderes. Dort haben wir mit der A2 Nationalmannschaft im Sommer 2007 die Universiade gespielt. Dort gab es ein riesiges olympisches Dorf mit 10.000 verschiedenen Sportlern. Die Eröffnungszeremonie war unbeschreiblich mit dem Einmarsch aller Athleten in ein Stadion in Bangkok.
Eines meiner persönlichen Ziele ist auch im kommenden Sommer ein Teil der A2-Nationalmannschaft zu sein, um an der Universiade nächstes Jahr in Bangkok teilnehmen zu können. Ich freue mich darauf, diese Europa-Erfahrungen auch mit den Dragons weiter auszubauen und was zu erleben.
Wenn wieder etwas Heftiges passiert, lass ich es euch hier bestimmt wissen.
Ich wünsche euch eine schöne Vorweihnachtszeit.
Mit flammenden Grüßen
Flavio Stückemann



von Äneas 04.12.08 um 11:52:06
Wolldecke und Daunenjacke...krass
von Treffnix 04.12.08 um 13:58:35
klingt nach unserer Trainingshalle*lol*....toller Beitrag, sehr amüsant und aufschlußreich...
von xax 04.12.08 um 16:55:04
ich mag seine artikel (Tagebuch).
Er ist kein hesse aber er schreibt mit Herz u. emotionen und die bringt er super rüber-->authentisch!
weiter so, immer weiter
von KingCrunch 04.12.08 um 16:55:41
Hehe, danke für die Eindrücke!!!
Aber ihr sollt nicht FIFA 09 zocken, sondern NBA ;) Spielend bilden nennt man das dann ;)
War das Spielfeld in Perm sehr rutschig? Deshalb wurde doch mal in irgend einer deutschen Multifunktionshalle ein Spiel nach dem Aufwärmen abgesagt glaub ich...
Und was hatte Perm für Spieler im Kader? Da bleibt doch kein Westeuropäer bzw. Ami freiwillig länger als ne Woche...
von RUN & GUN 04.12.08 um 21:41:16
diese tagebuch-einträge lassen sich einfach super lesen!
schön mal was vom liga-alltag und dem alltäglichen problemen eine bbl-spielers zu lesen. is mal was anderes als immer nur statistiken, interviews usw.
von jordan 05.12.08 um 19:33:55
Da kann ich "RUN & GUN" nur zustimmen!
von Buscher 08.12.08 um 16:25:53
Gratuliere, super geschrieben!