BBL-Tagebuch

Der richtige Weg

Philipp Schwethelm von den Eisbären Bremerhaven erzählt in seinem zweiten Tagebuch auf Crossover vom Geschäft als Profisportler. Er gewährt Einblicke in seine Gedankenwelt und philosophiert über die Zukunft und den richtigen Weg.

Von Philipp Schwethelm
 15.12.2009 |

Bevor mein Tagebucheintrag online gehen kann, mache ich mir natürlich Gedanken, welche Themen die Leser besonders interessieren könnten oder wie man diese sprachlich geschickt verpackt. Das letzte Mal, als ich etwas geschrieben habe, bei dem es auf Rechtschreibung und Satzbau ankam (mal abgesehen von der ersten Tagebuchausgabe), war im Mai 2008 beim Abitur. Meine anderen schriftlichen Ergüsse beschränkten sich auf diverse Online-Netzwerke mit konsequenter Kleinschreibung und abgekürzten Worten.

Ich habe mich in dieser Ausgabe für ein eher emotionales Thema entschieden, weil es einen tieferen Einblick in meine Gedankenwelt gibt. Wer unsere Spiele verfolgt, wird vielleicht wissen, dass es für mich persönlich momentan nicht ganz so rund läuft. Wie ich als Spieler mit solchen Situationen umgehe und dass wir eben nicht nur abgezockte Profis sind, denen alles egal ist, werdet ihr diesmal erfahren. Meine Gedanken sind in manchen Punkten sicher auch übertragbar auf andere Spieler in der Beko BBL.

Wer wünscht es sich nicht, sein Hobby zum Beruf zu machen? Ich habe dieses Glück und darf das, was mir Spaß macht, teils zweimal am Tag ausführen. Die Highlights sind natürlich die Spiele für mich. Spiele sind die Momente, bei denen man zeigen kann, was man über Tage, Wochen und Monate hinter verschlossenen Türen trainiert hat. Es ist einfach ein tolles Gefühl, vor einer tobenden Kulisse aufs Parkett zu laufen, gemeinsam mit den Teamkollegen Siege zu feiern und sich mit den Fans zu freuen.

Ich bin ein Spieler, der vor einem Spiel ganz bestimmte Abläufe braucht. Ich bin relativ kopfgesteuert und glaube, dass meine Leistung durch eine optimale Vorbereitung, wie zum Beispiel genügend Schlaf oder eine ausgewogene Ernährung, am besten ist. Ich nehme zudem vor jedem Spiel eine kalte Dusche, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Und ich bin immer einer der ersten in der Halle, um mich einzuwerfen.

Dann endlich beginnt das Spiel. Für mich als Spieler, der von der Bank kommt, fängt nun die Zeit des Wartens an. Ich muss versuchen, meine Anspannung aufrecht zu erhalten, damit ich jederzeit bereit bin, meine Rolle zu erfüllen. Ich schaue mir natürlich sehr genau an, was die Gegenspieler auf meinen Positionen zeigen. Außerdem versuche ich zu erkennen, welche Taktik der gegnerische Coach gewählt hat. Attackiert der Gegner eher unsere großen Spieler oder sieht er bei den kleinen Spielern Vorteile? Ich weiß nie genau, wann ich auf das Parkett komme. Aber wenn es soweit ist, möchte ich sofort bei der Sache sein. Die Zeit auf dem Parkett ist die Zeit, für die ich hart trainiere. Und es ist auch die Zeit, in der sich der weitere Verlauf meiner Karriere entscheiden kann.

Es gibt dabei Spiele, in denen es einfach gut läuft. Direkt fällt der erste Dreier. Ich habe meinen Gegenspieler im Griff, die Bälle springen so vom Ring weg, dass sie für mich beim Rebound erreichbar sind. Das Spiel macht dann einfach Spaß. Meist darf ich dann auch für längere Zeit aktiv am Spielgeschehen teilnehmen. Es gibt aber die Tage, an denen jeder Ball komplett entgegen meiner Laufrichtung von Ring abprallt. Oder ich habe zwei schnelle Fouls auf dem Konto. Schnelle Fouls degradieren mich zurück auf die Bank. Ob die Würfe fallen oder nicht, ist ebenso ein Kriterium für viel oder wenig Spielzeit. Beim Wurf habe ich zum Glück nicht so viel Zeit zum Nachdenken. Aber wenn er dann drin ist, fällt viel Anspannung von meinen Schultern. Eine Spielgarantie ist das natürlich trotzdem noch nicht. Es kommt auch vor, dass ich ein gutes Gefühl auf dem Parkett habe und trotzdem nicht viel spiele. Klar fange ich dann das Grübeln an und frage mich, was ich hätte anders machen sollen. Das ist eine ganz normale Reaktion. Wir sind zwölf Spieler und jeder möchte spielen, will den entscheidenden Wurf nehmen und Verantwortung tragen. Im Zweifelsfall ist das den älteren Spielern vorbehalten. Das ist völlig normal, aber ich versuche natürlich, das zu ändern.

Als Spieler gibt es einen entscheidenden Punkt, den ich beeinflussen kann: Meine Bereitschaft, im Training alles zu tun. Es ist egal, wie gut oder schlecht es gerade für mich läuft, ob ich gerade Lust habe oder unmotiviert bin. Ich versuche immer, der Erste in der Halle zu sein und mehr zu tun als die Anderen. Beim Mannschaftstraining ist es wichtig, immer 100 Prozent zu geben. Nur so kann ich mich verbessern und mir vielleicht den entscheidenden Vorteil gegenüber anderen verschaffen.

Ich habe ja schon geschrieben, dass ich ein Kopfmensch bin. Ich will hier auch nicht verschweigen, dass es bei mir Momente gab, in denen ich überlegt habe, ob ich das Richtige tue. Alle, mit denen ich Abi gemacht habe, haben jetzt entweder eine Ausbildungsstelle oder studieren. Ich habe aktuell vielleicht etwas mehr Geld auf dem Konto, bekomme mein Auto und die Wohnung bezahlt. Aber letztlich weiß ich nicht, wie lange dieser Zustand anhält. Ich führe mir dann immer vor Augen: Hey, du spielst in der BBL über zehn Minuten im Schnitt. Das können wirklich nicht viele Jungs in deinem Jahrgang von sich behaupten! Genau genommen sind es neben mir noch Tibor Pleiß, Robin Benzing und Malte Schwarz. Aber was ist in zehn Jahren? Bin ich dann vielleicht Leistungsträger einer Mannschaft und verdiene viel Geld, um für die Zukunft gesichert zu sein. Oder entwickele ich mich nicht mehr weiter und habe vielleicht sogar Verletzungspech. Ich habe im Laufe meiner fünf Jahre, die ich mit dem Profibasketball zu tun habe, einige Spieler kennen gelernt, die sich um ihre Zukunft Gedanken oder teils auch Sorgen machen. Dies waren nicht nur deutsche Spieler. Das waren auch Jungs aus anderen Nationen. Auch sie haben sich gefragt, ob sie den richtigen Weg gehen.

Ich möchte bald neben dem Basketball noch ein Fernstudium beginnen. Um neben dem Sport noch ein zweites Standbein zu haben. Durch das Studium erhoffe ich mir, dass der Druck ein wenig geringer wird.

Ich fühle mich bei den Eisbären wohl, auch wenn es für mich persönlich sicher noch besser laufen könnte. Mein Team ist nett und wir haben viel Spaß auf den Auswärtsfahrten (ich habe euch in der letzten Ausgabe davon erzählt), im Training und den Spielen. Außerdem durfte ich an vier Europameisterschaften teilnehmen und im letzten Jahr das deutsche U20-Team als Kapitän anführen. Das sind Erfahrungen, die andere Gleichaltrige nicht machen konnten. Im August durfte ich zudem erste Erfahrungen als A-Nationalspieler sammeln. Das war für mich eine große Ehre und hat mir einen Motivationsschub verliehen.

Ich hoffe, wir sehen uns bei den nächsten Spielen. Und ich würde mich freuen, wenn ihr mir durch tolle Stimmung auf der Tribüne wie immer zeigt, wie schön es ist, ein Basketballspieler zu sein.

Bis Bald,
Euer Phil




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Kommentare

(5 Kommentare bisher)

von Cabalios 15.12.09 um 13:50:39


Schöne Sache, dass das hier jetzt weitergeht. :-)



von Treffnix 15.12.09 um 14:15:50


Das mit dem Fernstudium kann ich nur empfehlen, unterschätze den Aufwand aber nicht ! :-)



von Ana.Lyzer 15.12.09 um 15:09:43


Sehr lesenswert!



von xax 16.12.09 um 01:29:48


super artikel, bitte weiterführen.

ich denke deine Zweifel kann jeder vesrstehen, auch nicht-profi-basketballer. Ich finde die idee mit dem fernstudium gut, immer gut einen fluchtweg zu haben :-) Man sieht ja an Joe Herber wie schnell es mit einer schweren Verletzung gehen kann... (auch wenn es noch versöhnlich endete)
aber ick denke du machst das richtig auf B-Ball nzu setzen, junge wieviel menschen haben diese Chance??

?Im Alter bereut man vor allem die Sünden, die man nicht begangen hat.?

William Somerset Maugham



von --diego10- 16.12.09 um 16:38:00


Moin Philipp

wollte nur mal sagen, dass man bei dir echt sieht, dass du immer 100% leistung gibst. Das ist bei anderen Spielern nicht deutlich zu erkennen. Klar hast du auch mal schlechtere Tage aber dann kommt immer wieder ein sehr gutes Spiel. Bin selbst oft im Eisbärenkäfig und sehe es mit Freude, dass wir neben Jan Lipke noch einen weiteren deutschen Leistungsträger im Team haben und nich deutsche Bankspieler. Freu mich schon auf den nächsten Beitrag.

Let's go Eisbären, Let's Go!



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