BBL-Saisonrückblick
Zwischen Freud und Leid
Im dritten Teil des BBL-Saisonrückblicks stehen die Teams im Fokus, die teils nur knapp die Playoffs verpassten. Während Tübingen und der MBC damit die Erwartungen übertrafen, hätte man sich in Ludwigsburg und Quakenbrück etwas mehr erhofft.
Von Johannes Beyer (jb), Thomas Käckenmeister (tk), Patrick Schweitzer (ps), Jens Möller (jm) |
15.06.2010 | |
Walter Tigers Tübingen: Gegen alle Erwartungen
(jb). Bei den Walter Tigers Tübingen war im vergangenen Sommer, aufgrund der finanziell angespannten Situation, Kontinuität ein Fremdwort. Neben dem damaligen Head Coach Tolga Öngören verließen auch Leistungsträger wie Rasko Katic, Michael Haynes oder A.J. Moye die Schwaben. Zudem erhielten die Tübinger lediglich eine Lizenz mit auflösender Bedingung. Für Perovic und Geschäftsführer Robert Wintermantel waren die Voraussetzungen demnach alles andere als einfach. Zwar gelang es dem engagierten Gespann, bekannte Namen wie Aleksander Nadjfeji, Romeo Travis oder Dane Watts an den Neckar zu lotsen, doch schienen diese zum damaligen Zeitpunkt nicht genug für große Taten zu sein.
Ein Jahr später, die Tigers beendeten soeben ihre zweitbeste Saison der Vereinsgeschichte, herrscht Aufbruchsstimmung im Schwabenland. Die Fans stehen so stark wie lange nicht mehr hinter ihrer Mannschaft, das Team begeisterte durch schnelles und überlegtes Teamplay und die finanzielle Situation hat sich wieder leicht entspannt. Perovic schaffte es, aus eine Gruppe Individualisten eine geschlossene Einheit zu formen, welche sich von Spiel zu Spiel steigerte und phasenweise weit über ihren vorhergesagten Fähigkeiten spielte. Einziges Manko der Tigers war die Auswärtsschwäche. Lediglich vier Siege schafften die Raubkatzen in fremder Halle, während sie in der heimischen Paul-Horn-Arena hingegen eine Macht waren. 12 Siege, darunter gegen Berlin, Bamberg, Artland und Oldenburg, feierten die Schwaben vor eigener Kulisse und hatten trotz fehlendem Center auch unter den Körben durchaus Präsenz.
Dennoch verlief der Saisonstart alles andere als einfach. Aus den ersten zehn Begegnungen schafften es die Tigers, lediglich dreimal als Sieger vom Platz zu gehen. Zwar stand ein zwischenzeitlicher Achtungserfolg gegen Alba Berlin zu Buche, doch zeigten gerade die deutlichen Niederlagen gegen Bremerhaven, Frankfurt und Göttingen, dass sich die junge Mannschaft noch finden musste. Bis zu diesem Zeitpunkt bestimmten vor allem Shootingguard Michael Jenkins (14 PpG, 1,9 SpG) und Forward Travis (14,4 PpG, 6,5 RpG) das Bild des Tübinger Angriffspiels. Der sprunggewaltige Guard überzeugt nicht nur durch einen starken Zug zum Korb, sondern zeigte auch von jenseits der Dreipunktelinie nur selten Nerven. Während Jenkins von außen für Gefahr sorgte, überzeugte Travis durch unbändigen Willen unter den Brettern. Zum weiteren Findungsprozess trug nun auch der nachverpflichtete Steven Wright (5,5 PpG) bei. Der Combo-Guard ersetzte nach dem achten Spieltag Darryl Hudson, welcher nach glücklosen Auftritten freiwillig das Feld räumte. Und Wright brachte die erhoffte Entlastung auf der Aufbauposition. Nutzen zog daraus vor allem Branislav Ratkovica (10,7 PpG, 5,7 ApG). Wirkte der junge Serbe zu Beginn der Saison des Öfteren überfordert und unkonzentriert, wandelte sich er sich in der Folgezeit zu einem absoluten Leistungsträger.
Und nicht nur Ratkovica fand zu seiner Form. Auch „Sasa“ Nadjfeji (12,9 Ppg) fand sich nun in seiner neuen Rolle als rechte Hand von Perovic zurecht. Der Routinier nahm immer häufiger das Heft in die Hand und war vor allem in den entscheidenden Situationen ein enorm wichtiger Faktor. Mit seiner unverwechselbaren Spielweise war Nadjfeji zudem nur schwer für die gegnerischen Spieler auszurechnen. Die Tigers präsentierten sich fortan als geschlossene Einheit. Von den nächsten elf Begegnungen gewannen die Raubkatzen acht Partien. Erst die deutliche 99:83-Niederlage beendete die Tübinger Serie von sechs gewonnen Spielen in Folge. Plötzlich standen die vor der Saison von vielen als „erster Abstiegskandidat“ gehandelten Neckarstädter auf dem neunten Tabellenplatz und hatten realistische Chancen auf die Playoffs.
Doch unglückliche Niederlagen gegen Göttingen, Braunschweig und Gießen ließen auch die Hoffnungen der Fans zerplatzen. Dennoch war am Ende der Saison keiner enttäuscht. Mit 16 Siegen gewannen die Tigers die zweitmeisten Spiele seit ihrer Bundesligaangehörigkeit. Zudem präsentierte sich eine Mannschaft, welche nie den Glauben an sich selbst verlor und bis zum Ende kämpfte. Spieler wie Kenny Williams (9,6 PpG) und Watts (10,2 PpG, 5,4 RpG) überzeugten trotz ihrer geringen Größe unter den Körben und spielten sich in die Herzen der Fans. Am Ende einer überaus zufriedenstellenden Saison waren vielleicht die Kleinigkeiten ausschlaggebend. Manchmal fehlte in der jungen Truppe noch eine gewisse Abgezocktheit, enge Spiele für sich zu entscheiden. Vier mal verloren die Raubkatzen mit der Schlusssirene. Zwar gibt es im Sport keinen Konjunktiv, doch hätten die Tigers diese vier Spiele für sich entschieden, stünden sie jetzt in den Playoffs.
Für die kommende Saison will Wintermantel auf Kontinuität setzen. „Ziel ist es, den Kern der Mannschaft zusammenzuhalten“, erklärte der Geschäftsführer nach Saisonende. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde bereits der Vertrag von Head Coach Perovic bis 2012 verlängert. Zudem stehen bereits Kapitän Jay Thomas, Kenny Williams und Dane Watts aus dem letztjährigen Kader zur Verfügung. Und auch beim Thema Deutschquote können die Tigers auf einen prominenten Namen setzen. Zwar wechselte Nationalspieler Johannes Herber bereits vor Ende der letztjährigen Wechselfrist an den Neckar, wurde aber im Saisonverlauf nicht eingesetzt. Dies soll sich kommende Spielzeit ändern und in Tübingen freut man sich auf einen deutschen Spieler, welcher viel Spielzeit sehen wird. Die Unistadt verlassen werden hingegen Jenkins und Wright. Jenkins möchte sich bei einem großen Verein versuchen und Wright konnte nur selten richtig überzeugen. Während Herber wohl die Rolle von Wright einnehmen wird, ist auch für den zweitbesten Tübinger Punktesammler Ersatz gefunden. Mit Radovan Markovic wechselt ein Spieler an den Neckar, der sehr gute Offensivanlagen besitzt und vor allem aus der Distanz für Gefahr sorgen wird.
Tübingen kann auf eine überaus positive Saison zurückblicken und zeigte attraktiven Basketball, der nicht nur den eigenen Fans Freude bereitet hat.Sollten es die Verantwortlichen schaffen, zumindest zwei der drei Topspieler Nadjfeji, Ratkovica oder Travis zu halten, kann Tübingen bereits im nächsten Jahr einen großen Schritt nach vorne machen.
| Teil 1: Zwischen Freud und Leid |
| Teil 2: EnBW Ludwigsburg: Angekommen im Niemandsland |
| Teil 3: Artland Dragons: Das Trainerorakel von der Hase |
| Teil 4: MBC Weißenfels: Bärenstarke Wölfe |



von Crossover 17.05.2012 um 09:01:34
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