BBL-Saisonrückblick
Playoff-Teams im Rückblick (1)
Zwei der stärksten Defensivteams der Liga, Frankfurt und Bamberg, setzen den Crossover-Saisonrückblick fort. Außerdem wird die Saison der Überraschungsteams aus Göttingen und Ulm zusammengefasst.
Von Thomas Käckenmeister (tk), Dennis Klammer (dk), Martin Vogel (mv), Joshua Wiedmann (jw) |
27.06.2009 | |
MEG Göttingen: ein wandelndes Paradoxon
(2. Platz: 25 S, 9 N / Crossover-Prognose: 15. Platz)
(dk). Wenn der geneigte Sportjournalist von der violettfarbenen Basketballfraktion aus Göttingen schreibt, wird landläufig gern der Begriff „Guard Terror“ bemüht. Doch letztlich ist es genau das, was die Mannschaft von „Trainer des Jahres“ John Patrick ausmacht.
John Patrick hat sehr gute Arbeit geleistet. Daher erhielt er auch zu Recht die bereits erwähnte Auszeichnung. Doch was für ein glückliches Händchen der Erfolgs-Coach da gehabt hat, konnte am Anfang der Saison noch keiner erahnen. Mit seinem feinen Gespür für talentierte Spieler stöberte der US-Amerikaner in den unterklassigen Ligen Deutschlands herum, um seine Guard-Armada zu formen. Das beste Beispiel dafür ist Roderick Trice (Foto). Letzte Saison spielte der athletische Guard noch bei den Cuxhaven BasCats in der ProA. Mit einem tiefen Ritt im Pokal machte er damals neben Danny Gibson und Monta McGhee von sich Reden, ehe er vom Trainerstab aus Südniedersachsen verpflichtet wurde.
Ein weiterer Kandidat für eine Cinderella-Geschichte ist Jason Gregory Boone. Der Center spielte vor zwei Jahren noch in der Regionalliga beim SSV Lok Bernau. Diese Saison ist er zum startenden Center geworden und hat den Abgang von Michael Schröder, der nach Ulm gewechselt war, adäquat kompensieren können. Und so ließe sich die Liste weiter fortführen. Doch wie lautet das Erfolgsrezept, das es dem Chefkoch Patrick ermöglichte, diese Jungs hinter Alba Berlin zum Vizemeister der abgelaufenen Hauptrunde zu machen?
Grundlage für alles scheint die richtige Mischung zu sein: Siegeswille, Einsatzfreude und ein gewaltiges Maß an Kondition. Im Training wie im Spiel legt der Coach vor allem Wert auf Defense. Ihre Fitness erlaubt es ihnen, die kompletten vierzig Spielminuten Ganzfeld-Presse zu spielen - ein Albtraum für viele Aufbauspieler. Gerät der Ballvortragende unter Druck, passt er den Ball aus der Not heraus. Da liegt das Kalkül der Veilchen: Sie stibitzen den Ball und kommen so aus dem Fastbreak heraus zu einfachen Punkten. In der Kategorie Steals führen die Niedersachsen die Liga mit 9,8 geklauten Bällen an.
Ein weiterer Faktor in ihrem Spiel: Der Rebound am offensiven Brett. Paradoxerweise sind die Göttinger Spieler im Schnitt nur überschaubare 1,95 Meter „groß“, negativer Ligarekord. Hinzu kommt eine Wurfauswahl, die andere Trainer augenblicklich alle Auszeiten auf einmal nehmen ließe. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das einzige Team der Liga ohne Maskottchen die ligaweit schlechteste Feldwurfquote mit 40,9 Prozent besitzt. Doch all dies toleriert Coach „JP“. Grund dafür ist das Ackern um zweite Wurfchancen. Mit 13,5 Offensivrebounds liegen sie auch hier an der Spitze der Statistikbögen.
Der Angriff der Göttinger läuft oftmals nach dem gleichen System ab: gar keinem. Das Guard-Gespann ist sehr gut im Eins-gegen-eins, daher werden die Ballführenden isoliert und können sich einen eigenen Schuss kreieren. Die anderen Akteure versammeln sich derweil unterm Korb, um das Fallobst abzugreifen. Zwar werden auch Systeme gelaufen, doch oft lässt Patrick sein Mannen Narrenfreiheit. Vor allem Forward Clif Brown ist hier hervorzuheben, der eine Vielzahl seiner Punkte im Verwerten fremder Fehlwürfe einheimst.
Und so wirbelten die Göttinger die Liga auf; sie wurden Herbstmeister mit beeindruckenden Siegen über Bamberg, Frankfurt, Oldenburg und Bonn. Früh zeichnete sich ab, dass die Saison ein Erfolg werden sollte. Bereits im zweiten Jahr nach dem Aufstieg schien es ein Leichtes, die Playoffs zu erreichen. Auch wirtschaftlich lief es rund in der Studentenstadt. Mit der MEG AG konnte ein Namenssponsor gefunden werden, der die finanziellen Gegebenheiten zukünftig unterstützt.
Doch letztlich lief nicht alles optimal beim Überraschungsteam. Mit Anführer Kyle Bailey und Charles Lee verletzten sich im Vorfeld der Playoffs die beiden Topscorer der Mannschaft - eine wegweisende Nachricht im Hinblick auf die Runde der letzten Acht. Denn dort warteten die Brose Baskets aus Bamberg, die mit zuletzt acht Siegen aus neun Spielen einen fulminanten Endspurt hingelegt hatten, um in die Playoffs zu kommen. Zwar hatten die Göttinger Heimrecht und gewannen das erste Spiel mit 84:76, doch schon bald wurde ihr Höhenflug gestoppt. Die drei darauffolgenden Spiele konnte die Mannschaft von Trainer Chris Fleming für sich entscheiden. 32 Prozent Trefferquote in Spiel zwei und drei waren schließlich doch zu wenig, um die Bamberger um Flügel Predrag Suput Einhalt zu gebieten. Zu viele Ballverluste und schlechte Abschlüsse waren ein weiteres Problem und trugen ihren Teil zum Ausscheiden bei.
Dennoch kann die Saison als voller Erfolg gesehen werden. Unerwartete Ziele konnten erreicht werden und mit der Vertragsverlängerung von John Little und Ben Jacobson ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Der Distanzspezialist Jacobson erzielte in den Playoffs knappe 15 Punkte sowie 4,3 Rebounds und wird auch weiterhin ein Faktor bei den Göttingern bleiben. „Wir planen mit Ben weiterhin als Führungsspieler. Ich freue mich, dass er nächste Saison erneut für uns spielt", sagte Patrick. Auch der Verbleib von Verteidigungsass Little gibt Anlass zur Freude. "John Little ist auf der Guard-Position einer der besten Verteidiger in der gesamten Liga. Er ist ein großartiger Anführer mit einer echten Sieger-Mentalität. Es spielt keine Rolle, ob er fünf oder 30 Minuten spielt, er gibt stets 100 Prozent vollen Einsatz", weiß der „Trainer des Jahres“.
Leider konnte Verteidigungsfuchs Rocky Trice nicht gehalten werden. Er wechselte nach Ulm. Deshalb wird Patrick bestimmt schon sein Auge auf das ein oder andere Talent in den unteren Ligen Deutschlands und der Welt geworfen haben. Und was er aus Talenten zaubern kann, hat man ja gesehen.
Team-MVP: Rocky Trice (11,9 PpG, 5,6 RpG, 2,6 SpG)
| Teil 1: Playoff-Teams im Rückblick (1) |
| Teil 2: Brose Baskets Bamberg: Abziehbild mit anderen Farben |
| Teil 3: MEG Göttingen: ein wandelndes Paradoxon |
| Teil 4: ratiopharm Ulm: erfolgreich in den Umbruch |



von Crossover 17.05.2012 um 09:00:55
Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.