BBL Playoffs
"Ein ganz enges Höschen"
Nachdem bereits die Titelanwärter Berlin, Bonn und Oldenburg ausgeschieden sind, ist auch für die favorisierten Göttinger der Ausflug in die Playoffs unerwartet früh zu Ende gegangen. Die „Veilchen“ verloren nach einem dramatischen 78:79 im Erstrunden-Endspiel die spannendste aller bisherigen Playoff-Serien mit 3-2 gegen die Eisbären Bremerhaven, die nun auf die Skyliners aus Frankfurt treffen.
Von Dennis Klammer |
22.05.2010 | |
„Du musst kämpfen, kratzen und beißen. (…) Wenn man gegen Göttingen gewinnen will, muss man härter spielen. Das ist nicht einfach, aber man muss es probieren“, bilanzierte Bremerhavens Head Coach Douglas Spradley noch kurz nach der ersten Partie gegen die Männer in violett. Er sah gerade mit an, wie seine Eisbären mit 91:73 in Kassel auseinander genommen worden sind. Der genesene Dwayne Anderson meldete sich mit 24 Punkten (4/6 3FG) eindrucksvoll zurück und verwandelte die ungewohnte Rothenbachhalle zu Kassel, in der Göttingen sein erstes Spiel aus Belegungsgründen austrug, zur weiß-violetten Festung.
Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl nur der eingefleischteste Eisbär daran gedacht, wie sinnbildlich Spradleys Worte für den weiteren Serienverlauf stehen sollten. Zu dominant war der Auftritt der Südniedersachsen, zu schüchtern die sonst so offensivstarken Bremerhavener. Doch bereits im zweiten Spiel wurden die Kritiker, Experten und Zuschauer eines besseren belehrt. Wie auch Göttingen gaben sich die Seestädter vor heimischem Publikum nicht die Blöße und lieferten eine ähnlich beeindruckende Partie ab. Dank eines starken vierten Viertels (30:15) glichen die Eisbären mit einem 92:73 die Serie zum 1-1 aus; Andrew Drevo und Spielmacher Louis Campbell führten die Punktesammler mit je 19 Zählern an. Jungnationalspieler Philipp Schwethelm, der in den sonstigen Partien eine gute Figur machte (9,8 PpG), verblasste angesichts solcher Zahlen (drei Punkte).
Ab der dritten Begegnung wurden die Spiele jedoch zusehends enger und intensiver. In Göttingen war es erneut Aufbau Taylor Rochestie (19 P), der die Geschicke der Veilchen in die richtigen (lies: erfolgreichen) Bahnen lenkte. Behielten zur Halbzeit noch die Gäste aus dem hohen Norden die Oberhand (45:40), zog Göttingen nach der Pause die defensiven Schrauben fester. In den finalen zehn Minuten kämpften sich die Hausherren zurück ins Geschehen und entschieden durch ein 24:14-Viertel das Spiel mit 83:78 für sich.
Wieder in Bremerhaven, nutzten die Veilchen ihren Matchball trotz eines überragenden Christopher McNaughton (27 P in 20 Min.) nicht aus. Nur vier von 28 Dreierversuchen konnten die Mannen von Coach John Patrick versenken, was letztlich den Ausschlag gab. Die Eisbären nutzten die gegnerische Ineffizienz und spielten mit einer Sieben-Mann-Rotation groß auf: Die Starting Five der Seestädter erreichte jeweils den zweistelligen Punktebereich. Vor allem Campbell (15 P, 8 R, 7 A) legte sich für seine Mannschaft mächtig ins Zeug. 90:83 hieß es letztlich für die Gastgeber, die Entscheidung musste also im letzten Spiel fallen. Patrick analysierte anschließend: „Es war das erwartet intensive Spiel. Der Schlüssel war letztlich die Anfangsphase des dritten Viertels. Hier haben wir den Kopf verloren und waren unkonzentriert.“
Der finale Showdown in der Lokhalle bot schließlich alles, was er im Vorfeld zu versprechen vermochte. Getragen von 3.700 Fans starteten beide Teams engagiert ins Spiel. Keine Mannschaft schaffte es, sich längerfristig abzusetzen. Einem punkterreichen Auftaktviertel (27:25) folgte ein defensivorientierter, zweiter Spielabschnitt, in dem Bremerhaven sich nicht abschütteln ließ. Erfolgreiche Dreier von Schwethelm und Torrell Martin hielten die Eisbären im Spiel. „Ein ganz enges Höschen“, stellte TV-Kommentator Michael Körner treffend fest.
Nach dem Seitenwechsel gelang es den Gastgebern erst spät, ihrer Favoritenrolle gerecht zu werden. John Little (14 P) und Dwayne Anderson (11 P) übernahmen das Ruder und sicherten mit wichtigen Offensiv-Rebounds wichtige, zweite Wurfversuche. Das Momentum, der Heimvorteil und auch der Vorsprung von zwölf Punkten - alles schien fünf Minuten vor Ende für Göttingen zu sprechen.
Doch dann schrieb der Basketball erneut seine eigene, fantastische Geschichte: die der Eisbären Bremerhaven und des Andrew D. Bremerhaven und Göttingen tauschten die Rollen. Durch intensivste Verteidigung kämpften sich die Norddeutschen noch einmal heran und verkürzten auf zwei Zähler. Plötzlich lag das Momentum auf Seiten der Gäste und die Veilchen zeigten an der Freiwurflinie Nerven. Mit vier verbleibenden Sekunden auf der Uhr startete Bremerhaven zum finalen Angriff, ehe der Ball ins Aus an der Grundlinie geschlagen wurde. Andrew Drevo fing den folgenden Einwurf 1,2 Sekunden vor Schluss. Nach einem Zug in die Zonenmitte brachte er einen Hakenwurf an und netzte zum 79:78-Endstand und somit zum Halbfinaleinzug ein.
„Das ist eine Qualität, die wir schon das ganze Jahr gezeigt haben. Wir geben niemals auf. Ich bin stolz auf dieses Team und bin stolz auf diese Fans“, jubelte Spradley nach dem glücklichen Ausgang. Seine Eingangsrede hat anscheinend Gehör gefunden.



von stef@n 22.05.10 um 23:11:38
hätte er sich noch eine Sekunde Zeit gelassen, wäre das als Buzzer-Beater-Gamewinner auf NBA.com gelandet :P
von sev da chef 22.05.10 um 23:28:57
"ein ganz enges Höschen" scheint wohl der neue Trendspruch zu werden. Ist ja aber auch nen schöner Spruch.
geiles Spiel, geile letzte Aktion.
Aber Göttingen hat die letzten 1,2sek auch verschenkt, da kann man mehr drauß machen.