Alba Berlin
„Ich halte die europäische Spitze für realistisch“
Seit zwei Jahrzehnten gehört Alba Berlin zu den Top-Clubs im deutschen Basketball – sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. CROSSOVER sprach mit Geschäftsführer Marco Baldi über Erfolgsrezepte, die Entwicklung des deutschen Basketballs und das Streben zur europäischen Spitze.
Von Björn Lehmkühler |
10.01.2012 | |
Marco Baldi hat guten Grund angespannt zu sein, als wir ihn in den Katakomben der o2 World zum Kurzinterview treffen. Schließlich wird in knapp einer halben Stunde der „Klassiker“ gegen die Telekom Baskets Bonn angepfiffen. Die 14.500 Zuschauer fassende Multifunktionshalle am Berliner Ostbahnhof ist zu diesem Zeitpunkt bereits gut gefüllt. Die 13.220 Besucher an diesem Abend bedeuten den zweitbesten Wert der bisherigen BBL-Saison, übertroffen lediglich vom ausverkauften Kracher gegen Titelverteidiger Brose Baskets Bamberg.
Als Marco Baldi 1990 den Job beim Berliner Erstligisten übernahm, sahen die Rahmenbedingungen noch etwas anders aus. In der Saison 1990/1991 firmierte der neu gegründete Club noch unter dem Namen BG Charlottenburg. Damals betrug der Zuschauerschnitt in der heimischen Sömmeringhalle nur läppische 300. Doch unter der Führung des einstigen Bundesliga-Point-Guards ging es schnell bergauf. Noch im selben Jahr konnte die ALBA AG, ein Berliner Recycling-Unternehmen, als Hauptsponsor gewonnen werden. Der junge Verein wurde in Alba Berlin umbenannt und die klammen Kassen füllten sich. Zwar war Bayer Leverkusen in der Bundesliga zunächst nicht von der Spitze zu verdrängen. 1991, 1992, 1995 und 1996 errang Alba Berlin jedoch bereits vier Vize-Meisterschaften sowie den Korac-Cup-Titel 1995.
Der Schritt zur deutschen Basketball-Dynastie folgte jedoch, wie sollte es anders sein, dem Umzug in die rund 8.800 Zuschauer fassende Max-Schmeling-Halle. Denn bereits im folgenden Sommer entthronte Alba Berlin den rheinischen Rivalen und gewann zwischen 1997 und 2003 sage und schreibe sieben Deutsche Meisterschaften in Folge. Seitdem konnten die Hauptstädter zwar nur noch einmal, 2008, den nationalen Titel feiern. Sportlich und vor allem wirtschaftlich gehört Alba Berlin jedoch weiterhin zu den Top-Adressen im deutschen Basketball. Dies soll nach Baldis Vorstellungen auch auf europäischer Ebene bald der Fall sein. Der Umzug in die neu gebaute o2 World im Sommer 2008 stellt dabei sicherlich einen Meilenstein dar. Dennoch erscheint der Schritt an die kontinentale Spitze momentan noch sehr groß.
CROSSOVER: Herr Baldi, Sie sind jetzt seit über 20 Jahren hier bei Alba Berlin und auch die ganze Zeit über sehr erfolgreich. Was ist der Schlüssel, um als Verein in einem so kurzlebigen Geschäft wie dem Profi-Basketball so lange so erfolgreich zu sein?
Marco Baldi: Vor allem darf man nie in der Intensität nachlassen, nie das Gefühl haben, man hat es bereits geschafft, sondern man muss schon ein Freund der Herausforderung sein. Sonst hat man im Leistungssport, im Spitzensport nichts verloren. Man muss die Liebe zu dem Sport haben – ohne die geht es nicht. Und man muss sich dann immer neue Ziele stecken, höhere Ziele stecken. Ich meine, wir sind von der Sömmeringhalle in die Max-Schmeling-Halle gezogen, jetzt in die o2 World. Wir haben viele Dinge erlebt, auch Rückschläge. Und im Sport geht es auch darum, dass man mit Rückschlägen umgeht, dass man sie als Motivation nimmt und nicht eben dazu den Kopf in den Sand zu stecken.
Wenn ich zehn Jahre zurückdenke, da waren Sie ganz klar der dominante Verein im deutschen Basketball. Jetzt sind da auch andere Vereine an der Spitze. Die Brose Baskets Bamberg waren in den letzen Jahren sehr erfolgreich. Bayern München kommt jetzt nach. Ist das für Sie ein Ansporn oder wünschen Sie sich manchmal zurück, dass Sie weiterhin an die Dominanz von damals anknüpfen könnten?
Nein, wir haben heute völlig veränderte Vorgaben. Wir waren jahrelang die Lokomotive, so wie es vielleicht Anfang der 1990er Leverkusen war. Wir haben, glaub ich, auch viel geholfen, damit sich die Liga weiter entwickelt. Damit die Liga nicht nur hohe Ambitionen definiert, sondern diese letztlich auch durchsetzt. Mein Lieblingsbeispiel sind immer die Ulmer, die sich eigentlich immer ein bisschen dagegen gewehrt haben. Und jetzt erleben sie die ganze Euphorie mit und das freut mich. Die haben toll gearbeitet. Die haben jetzt eine große Halle. Die haben jetzt Möglichkeiten. Und sie werden sich darüber weiterentwickeln. Und wir sind eben jetzt in einer anderen Situation als noch vor zehn Jahren: Wir haben andere Ausländer-Regelungen, wir haben viele ambitionierte Clubs. So muss das sein, wir leben nicht alleine, sondern wir leben auch von den anderen. Und je stärker die Liga wird und je stärker der Markt als solcher wird, desto besser wird es uns auch gehen. Insofern sehen wir die neue Situation gelassen. Auch wenn sie härter ist, gar keine Frage.
Ich bin jetzt das erste Mal hier in der Halle und die kann locker mit einigen NBA-Hallen mithalten, die ich bisher gesehen habe – und in Europa ist sie absolute Spitze. Was fehlt Alba Berlin denn noch, um auch sportlich zur europäischen Spitze aufzuschließen?
Wir müssen vor allem an unserem Budget arbeiten, das ist gar keine Frage. Zu den ersten Acht in Europa ist es noch ein riesiger Schritt. Ich glaube aber, dass sich das mittlerweile etwas auslevelt. Die von ganz oben kommen runter, das sind praktisch alles Clubs, außer Maccabi Tel Aviv, die zum größten Teil von Mäzenen leben. In Deutschland leben die Clubs zum allergrößten Teil von dem, was sie selbst auf dem Markt erwirtschaften. Das ist sehr gesund, aber damit macht man natürlich kleinere Schrittchen. Wir haben hier mit der o2 World fantastische Voraussetzungen für uns geschaffen, um auch über die kommenden Jahre wirtschaftlich zu wachsen. Das wird nicht in riesigen Schritten gehen, aber in kleineren Schritten wird es gehen. Und damit werden wir auch weiter kommen. Eine solche Halle ist sicherlich eine Voraussetzung, die man braucht, um in Europa vorne mit dabei zu sein.
Haben Sie sich denn in Sachen europäische Spitze ein zeitliches Ziel gesetzt, dem Sie folgen?
Wir hatten uns mal eines gesetzt. Dann kam die große Wirtschaftskrise. Daraus habe ich gelernt, dass solche Vorgaben nicht viel bringen. Stattdessen ist es für uns wichtig, dass wir insgesamt eine Entwicklung nach vorne haben. Dass die Berliner und das Umland uns annehmen. Dass Basketball insgesamt in Deutschland wächst. Das sind die wichtigen Kriterien, die wichtigen Punkte für uns, davon werden wir auch profitieren. Wie sich das dann zahlenmäßig ausdrückt, wird sich zeigen. Da wird es sicherlich Schwankungen geben, genau wie bei einer Mannschaft. Wichtig ist, dass wenn man eine Gerade durch diese Schwankungen zieht, diese Gerade nach oben zeigt.
Jan Pommer, der Geschäftsführer der Beko BBL, hat kürzlich ein sehr zuversichtliches Ziel vorgegeben: Bis 2020 soll die Beko BBL eine Spitzenliga in Europa sein. Halten Sie das für realistisch, auch angesichts der fehlenden TV-Gelder, was ja hierzulande ein großes Problem darstellt?
Das halte ich für realistisch – ambitiös, aber so muss es sein. Ambitiös, klar umrissen und gut messbar. Man kann nämlich nicht einfach Ziele vorgeben und formulieren, sondern muss sich auch überprüfen lassen. Deshalb werden die Ziele an harten Kriterien, an harten Fakten festgemacht. Und ich denke, dass das der richtige Weg ist. Mit Zielsetzen alleine geht es natürlich nicht – es muss auch hart gearbeitet werden.
Ich denke, wir haben fantastische Voraussetzungen in Deutschland, was die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anbelangt, was die Infrastruktur anbelangt und auch was die Hallen anbelangt – fast alle Clubs haben jetzt eine wirklich gute Halle. Die meisten Clubs, wie gesagt, sind sehr solide aufgestellt. Viel solider als Clubs, die jetzt in Europa noch vor uns stehen, aber die im Prinzip von einem Mäzen abhängig sind. Von daher glaube ich, wir haben gute Voraussetzungen, um dieses sehr ehrgeizige Ziel zu erreichen. Da werden wir uns strecken müssen, aber ich halte es für möglich.



von Crossover 17.05.2012 um 08:45:21
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